Nach sechs Tagen Regen dachten wir, die zweite Etappe würde leichter werden. Die Sonne kam tatsächlich zurück. Dafür entdeckten wir eine neue Herausforderung: norwegische Sumpflandschaften.
Zwischen Evje und Seljord waten wir durch Moore, freuen uns wie kleine Kinder über Müllcontainer, sehen unseren ersten Elch, verlieben uns in DNT-Hütten und stellen fest, dass eine Dose Pfirsiche nach einem langen Wandertag ein erstaunlich großes Glück sein kann. Kurz gesagt: Die zweite Etappe hatte alles, was eine Fernwanderung ausmacht – nur deutlich mehr Sumpf als erwartet.


Tag 7 – 22. Mai 2026 (4 km)
Heute ist Ruhetag, das heißt: Heute wird nur gegessen, geschlafen, ausgeruht und eingekauft für die nächste Etappe. Gestern haben wir noch am Lagerfeuer mit anderen Campingplatzbewohnenden den Abend ausklingen lassen und sind für unsere Verhältnisse zu spät ins Bett gekommen – 22:45 Uhr ist einfach nicht (mehr) unsere Zeit. Dementsprechend bin ich heute morgen nicht richtig erholt.
Wir frühstücken entsprechend spät. Es gibt Brötchen mit Käse. Toll, wieder etwas Festeres zum Kauen zu haben, als Brei, Eintöpfe, Suppen und eingeweichte Nudelgerichte. Wir starten also sehr gemütlich in unseren Ruhetag. Zum Glück habe ich schon gestern die Wäsche gewaschen und hab das nicht mehr heute auf der To-Do Liste.
Der Vormittag vergeht schnell, wir sind am Rumräumen in der Hütte und gehen die nächste Etappe gedanklich durch. Es steht jetzt endlich die erste DNT Hütte auf dem Plan. Noch zweimal wildzelten, und dann endlich in diese schönen gemütlichen Hütten des norwegischen Wandervereins (bei dem wir Mitglied sind und auch einen Schlüssel besitzen, um die Hütten zu öffnen). Wir freuen uns schon sehr darauf.
Nachdem wir den Mittag auf der sonnigen Veranda unseres 9qm Domizils mit Kaffee und duftenden Zimtschnecken verbracht haben und alle paar halbe Stunde die Wäsche umdrehen, machen wir uns mit leerem Rucksack auf Richtung Supermarkt. Da wir in Fennefoss Camping untergekommen sind, laufen wir 1,5 Kilometer zum nächsten Supermarkt. Nicht ganz ideal für einen Ruhetag. Das müssen wir nächstes Mal besser planen, am besten neben dem Supermarkt wohnen.
Im Supermarkt rasten wir mal wieder etwas aus. Die Rechnung ist entsprechend hoch – das müssen wir nächstes Mal auch besser machen 😄. Aber am Ruhetag will man gerne einfach den Geschmacksgelüsten nachgehen, wie sie kommen. Also erstmal halb so wild.
Mit viel zu schwerem Rucksack geht es zurück zum Campingplatz. Ich frage mich insgeheim, wie wir das alles in die Rucksäcke und hoch in die Wildnis schleppen wollen. Der erste Tag von Etappe 2 wird sicherlich schlimm. Aber das ist das Problem von Zukunftselster.
Zurück in der Cabin geht es dann ans Sortieren. Ich packe unsere Essensrationen ab für jeden Tag der kommenden Tour und verpacke alles luftdicht. Morgen ist wieder Regen angesagt. Aber ab übermorgen soll das Wetter beständig sonniger und auch wärmer werden. Daumen sind gedrückt!
Nachdem ich uns noch ein leckeres Abendessen mit viel Vitaminen gezaubert habe, der Fuchs abwaschen war, und wir noch etwas Yoga auf dem Balkon machen, lassen wir den Ruhetag in guter Manier zu Ruhe kommen und liegen im kurz nach acht im Bett.

Tag 8 – 23. Mai 2026 (22,7 Kilometer)
Heute geht es wieder los! Gestärkt vom Pausentag hüpfen wir aus dem Bett, frühstücken flott unsere Reste und packen unsere Rucksäcke. Auch wenn ich vor dem Gewicht aufgrund der zusätzlichen Kalorienkilos Sorge hatte, den Rucksack kaum tragen zu können, geht es mit dem Gewicht einigermaßen.
Auch wenn die letzten zwei Tage bombastisches Wetter waren, ist heute nochmal eine Regenfront für den Vormittag gemeldet. Und als wir um 9 Uhr los machen, geht auch der Regen los. Nach 10 Minuten sind wir vollkommen durchnässt. Ich fühle mich wieder wie an Tag 3.
Wir machen noch einen kurzen Stop bei Intersport. Auch wenn man sich das gerade noch nicht vorstellen kann, soll das Wetter die Tage sehr viel besser, wärmer und sonniger werden und der Fuchs will nun doch eine kurze Hose. Nach fünf Minuten ist die richtige gefunden und es geht weiter.
Wir kehren Evje langsam den Rücken zu und betreten den ersten Waldweg der Etappe. Eine Wohltat für die Füße! Auch wenn der Boden sich die letzten Tage mit literweise Regenwasser vollgesaugt hat und wir bei jedem Schritt schmatzend einsinken, macht der Weg doch Spaß. Wenn wir die Teerkilometer sparen können, machen wir das.

In Flatebygd kommen wir aber wieder für einige Kilometer auf die Gautestadvegen (Straße) und laufen wieder von einem Hof zum nächsten und kommen dabei immer wieder an rostigem Geräteschrott in der Landschaft vorbei, der vermuten lässt, dass er seit den 1950er Jahren nicht weggeräumt wurde.


Der Regen hat sich mittlerweile in eine Nebelfront verwandelt, sodass wir in weißem Sumpf eine Mittagspause einlegen. Als wir in den Åsenvegen abbiegen, sehen wir bald die Überbleibsel der Skisaison. Eine Loipe nach der nächsten verläuft neben unserem Weg. Wir stellen uns diese Gegend im Winter vor, aber es ist mit dem ganzen Sumpf, Nebel und Nass nicht ganz einfach.



Am Nachmittag laufen wir durch eine weitläufige Feriensiedlung (oder wir glauben zumindest, dass es eine ist), um schließlich nach dem Takåstjønn-See (oder eher -sumpf?) auf den Wanderweg abzubiegen. Eigentlich ist es eher die sommerliche Loipe, auf der wir laufen. Der Boden ist so voller Wasser, dass er fast federt beim Wandern. Ein tolles Gefühl. Und dann kommt auf einmal doch die Sonne raus! Endlich kein Regen mehr, damit sollten wir es mit den Wassermassen für die nächsten Tage hinter uns haben.





Die Landschaft ist auch obwohl die Natur noch nicht ganz aus dem Winterschlaf erwacht ist, wunderschön. Auf diesem Teil des Weges kommt uns niemand mehr entgegen, wir sind hier ganz alleine. Wir freuen uns über die Sonnenstrahlen, die uns etwas Wärme schenken. Nach etwas über 20 Kilometern versuchen wir einen Zeltplatz beim Abstieg zu finden, aber aufgrund der Feuchtigkeit im Boden – und der Schräge – ist das gar nicht so einfach. Und dann sehen wir auch noch Spuren von Elchen um uns herum! Das müssen aber einige gewesen sein.


Nach einigem Suchen haben wir aber doch einen passablen Zeltplatz gefunden. Okay, er liegt zwar direkt neben dem Weg, aber hier scheint ja eh niemand vorbeizukommen. Also werden wir hoffentlich niemanden stören.



Tag 9 – 24. Mai 2026 (26,5 km)
Heute kann ich irgendwie nicht gut schlafen. Vielleicht ist es der Umstand, dass wir direkt am Weg schlafen (an dem aber tatsächlich niemand mehr vorbeikommt), oder dass wir so viele Elchspuren um uns herum gesehen haben. Dann assoziiert mein Gehör jedes nächtliche Geräusch mit einem Elch und kommt nicht zur Ruhe.







Etwas gerädert stehe ich also auf. Der Fuchs hat auch nicht so tief geschlafen und so sind wir heute schon um kurz vor 7 Uhr wach. Und wir somit heute früher unterwegs, schon um 8 Uhr geht’s los.



Den gesamten Weg runter auf den Vatneveien kommt uns auch niemand entgegen, Autofahrende verirren sich hierin wohl auch nicht. Wir genießen die Stille zwischen den Bäumen mit Blick auf die hohen Felswände und ich fühle mich leicht an Kanada erinnert. Die Sonnenstrahlen lassen heute morgen etwas auf sich warten, sodass es morgens noch relativ kühl ist.
Da sich unsere Wasservorräte dem Ende neigen, organisieren wir uns erstmal Wasser an der nächsten fließenden Stelle. Das ist hier wirklich gar kein Problem. Alle paar hundert Meter kommen wir an fließendem Wasser vorbei, aus dem man super abschöpfen kann. Wir haben einen Holzfaserfilter, der als Verschluss zu unseren Hydrapak Wassersäcken passt, was das Wasserfiltern sehr entspannt macht.
Dann geht es weiter, wieder über Höfe und zwischen Weiden. Die Temperatur ist noch relativ niedrig, sodass ich erstmal mit der Jacke losgelaufen bin. Diese ziehe ich aber bald aus. Bei Risdal geht es vom Schotterweg auf die Straße. Auch wenn Straße jetzt nie so super cool ist, bin ich heute vom Laufen her richtig gut drin. Es ist fast angenehm mal einfach ein paar Kilometer runterzubrettern. Währendessen geht es stets am Skjekkedalsåna Fluss entlang. Ich fühle mich gedanklich total zurückversetzt an das Wassermodul meiner Outdoor & Trekking Guide Ausbildung. Bei jeder Stromschnelle überlege ich ob und wie (un-)sicher eine Reise hier mit dem Packraft wäre. Größtenteils wohl ziemlich gefährlich, aber vorstellen kann man es sich ja.
Auf dieser verlassenen Schotterstraße habe ich das Gefühl, dass wir beide die einzigen Menschen auf der Erde sind. Desto merkwürdiger ist es, wenn einem auf einmal wer entgegen kommt. Ein Angler, der seine fette Beute im Plastikbeutel neben sich her schwenkend zurück zu wo auch immer hin trägt.
Wir brauchen jedenfalls langsam eine Pause und finden einen schönen Spot direkt am Wasser. Hier campen zwei Deutsche mit ihrem Hund Elli mit einem Dachzelt. Wir geben uns gegenseitig Raum und ich probiere nach einem Müsliriegel die Wassertemperatur aus. Spoiler: Es ist richtig kalt, aber dafür unglaublich erfrischend. Später kommen wir doch noch ins Gespräch. Sie sind gerade am Ende ihres zweiwöchigen Urlaubs und staunen nicht schlecht, als wir von unserem finalen Ziel erzählen. Es fühlt sich momentan einfach noch sehr unwirklich und weit weg an – ist es ja tatsächlich irgendwie auch.


Als wir weiter gehen, ist die Sonne endlich rausgekommen und knallt auf uns runter. Ich hole erstmal meine Sonnenbrille raus. Wer hätte das letzte Woche noch gedacht! Wir haben aber gegen Ende des Tages noch einen ziemlichen Anstieg vor uns, und ich grübel schon die ganze Zeit, welche dieser Felswände wir wohl bald hoch müssen.
Am Hof Nedre Skjekkedal, wo man unverständlicher Weise gegen Windkraft mobilisieren möchte, geht der Anstieg los. Schwierig ist der Weg nicht zu finden, denn statt eines Waldweges laufen wir erstmal eine tiefe Treckerspur mit 25% Steigung hoch. Ich rutsche immer wieder im Schlamm ab, der Regen der vergangenen Woche ist jetzt in anderer Form immer noch bei uns. Und bald bin ich vom Anstieg so nass geschwitzt, dass ich nicht sicher bin, wann ich nasser war: Letzte Woche oder jetzt?

Nach einigen Höhenmetern verändert sich der Weg aber. Von Treckerspur hin zu breiteren Forstweg auf weichem Waldboden hin zu einem Trampelpfad. Und letztlich drehen wir uns um und blicken auf eine niedrige, bewaldete Bergkette direkt hinter uns.



Nach 320 Höhenmetern ist der Aufstieg geschafft. Und wo sind wir jetzt? Genau, in der Sumpflandschaft. Eigentlich hatte ich ursprünglich geplant, hier oben irgendwo zu zelten. Aber die Landschaft hat andere Pläne. Überall ist Sumpf, nasses Moos in das man einsackt oder Stellen, die erst aufgrund getrockneten Grases aussehen, als wären sie trocken. Und dann darunter aber doch vollgesogenes Moos sind, in denen man mit dem Fuß in kaltes Nass einsinkt.
Also hier können wir nicht zelten. Da es erst 15 Uhr ist, nehmen wir uns vor, doch noch über den Berg zu laufen und einen Teil der morgigen Strecke zu machen. An einem See machen wir Pause. Und wieder, wo man nicht denkt, dass es noch andere Menschen auf der Welt gibt, kommt auf einmal ein nassgeschwitzter, oberkörperfreier Mittfünfziger um die Ecke gehetzt. Er sieht etwas verschroben aus und ruft uns etwas Unverständliches im Gehen zu, während er an uns vorbei hetzt. So schnell wie er aufgetaucht ist, ist er auch schon wieder verschwunden. Besser so, ganz geheuer war mir diese Erscheinung in der Nachmittagssonne irgendwie nicht.
Nach der Pause machen wir uns an den Abstieg. Da es auch hier immernoch sumpfig und generell auch auf den Steinen sehr nass ist, dauert das alles etwas länger als gedacht. Ich merke, dass meine Energie langsam schwindet und ich gerade einfach in das Zelt und meinen Schlafsack kriechen will. Die Höhenmeter vom Mittag sitzen mir noch etwas in den Muskeln, aber jetzt dürfte es eigentlich nicht mehr lang sein. Dafür belohnt die Aussicht aber wieder.





Als wir auf der anderen Seite unten ankommen, merke ich die Kilometer wirklich in den Füßen. Auch der Fuchs ist langsam k.o. und will einfach nur irgendwo ankommen. Wir kommen wieder über ein paar private Grundstücke. Bei einem wächst ein Wäldchen kleiner Tannenbäume, die bestimmt mal Weihnachtsbäume werden. Am liebsten würde ich mich einfach zwischen sie legen und keinen Meter mehr gehen, aber es ist Privatgrund und vom Haus aus würde man uns sehen. Als wir um die nächste Kurve biegen, kommt aber eine kleine Anhöhe, die wir direkt als potentiellen Schlafplatz wahrnehmen und tatsächlich haben wir Glück. Auch wenn hier eine – laut dem Fuchs – Zecken-Kita wohnt, stellen wir das Zelt auf und kriechen nach einem flotten Abendessen mit Nudeln mit Tomatensauce und dem letzten Käse in die Schlafsäcke.



Tag 10 – 25. Mai 2026 (17,3 km)
Heute morgen bin ich vor dem Wecker wach. Ich traue mich nach dem anstrengenden Tag gestern nicht, mich zu bewegen. Aber ich muss ja doch raus, also wecke ich den Fuchs und wir machen uns fertig. Heute steht ein ziemlicher Anstieg auf unserem Plan, vor dem ich mir natürlich schon etwas Sorgen mache. Anstiege bzw. Höhenmeter sind einfach nicht meine Stärke, während ich aber gut im Meter machen bin.



Nach den ersten paar Metern freue ich mich aber, dass der gestrige Tag keine bleibenden Wehwehchen hinterlassen hat und so stratzen wir los. Nach ein paar hundert Metern machen wir an einer Stromschnelle eine kurze Pause, um unser Frühstück zu snacken. Das wollten wir in der Zecken-Kita nicht machen. Die Sonne kommt raus und so haben wir einen sehr entspannten Start in den Wandertag.

Jetzt steht erstmal eine Stunde Straßenkilometer vor uns. Auch wenn wir darauf beide nicht so richtig Lust haben, ist es doch ein wunderschöner Weg. Uns kommt eigentlich kaum ein Auto entgegen und der See links direkt neben uns ist heute morgen so still, dass wir die Berglandschaft auf der gegenüber liegenden Seite in ihm glasklar gespiegelt sehen. Ich freue mich, wenn wir gleich von der Straße runterkommen, aber habe auch Respekt vor dem steilen Anstieg. Diesmal sind es fast durchgängig 30% Steigung mit über 400 Höhenmetern. Für mich ist das viel (auch wenn die Bergsteiger hier unter den Lesenden vielleicht darüber schmunzeln können).
Ich versuche den Start in die Höhenmeter hinauszuzögern, indem ich noch mal einen großen Schluck Wasser trinke, den ich nicht explizit brauche, und dann geht es los. Der Weg ist sehr anstrengend, aber ein wunderschöner kleiner Waldweg. Ich kämpfe mich Zentimeter für Zentimeter den Berg hoch. Erst in der Fuchs hinter mir, dann überholt er irgendwann. Ich schnaufe und schwitze. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal so schweißtreibend irgendwas getan habe und wünsche mich gedanklich auf die gemütliche Couch Nachhause. Wofür machen wir das hier nochmal?







Nach einigen Höhenmetern habe ich das Gefühl, dass wir es bald geschafft haben könnten. Ein Blick auf komoot verrät mir aber, dass die Hälfte noch nicht erreicht ist. Also weiter, einen Fuß vor den anderen. Da es durchgängig die gleiche Steigung behält, habe ich auch keinen Moment für eine richtige Verschnaufpause. Der Fuchs scheint hingegen wie eine Gams über mir entlang zu hüpfen. Mein Stirnband ist mittlerweile klatschnass. Nach einer guten Stunde ist der Aufstieg aber geschafft. Zum Glück endlich oben und damit den Großteil der heutigen Höhenmetern hinter uns gebracht. Zumindest denke ich hier noch, dass der anstrengende Part hinter uns liegen würde.
Oben angekommen gibt es erstmal eine Pause. Ich ziehe das klatschnasse T-Shirt aus, und flausche mich in den Wollpulli, damit ich jetzt in der Pause nicht auskühle. Jetzt erstmal einen Riegel. Beim Fuchs gibt’s Knabberkrams. Es ist 11 Uhr. Eigentlich sollte der restliche Weg, knapp 12 Kilometer ohne große Höhenunterschiede, bis zur Gronnetjørnsbu bis zum frühen Nachmittag erreicht sein.
Ich bin guter Dinge und nach 20 Minuten Pause quäle ich mich wieder in das triefende T-Shirt. Da hier oben ein kalter Wind geht, ziehen wir beide erstmal die Windjacke drüber. Dem Fuchs wird das aber schnell zu warm und so wird nach ein paar Metern nochmal ein kurzer Stop eingelegt. Ich fühle mich jetzt nach dem Bezwingen des Berges als könnte ich alles erwandern und freue mich total auf die Hütte. Unsere erste DNT Hütte.




Vielleicht gibt es da ja eine Vorratskammer, und wir können uns heute Abend noch Pancakes machen? Und eingelegte Früchte essen? So viel ich schon von anderen NPLern zu den Hütten und Vorratskammern gelesen habe, so sehr träume ich schon von davon, nach einem harten Wandertag das zusätzliche Essen zu verschlingen.
Kaum aus der Wohnsiedlung raus und auf den blau markierten Weg, geht jedoch der Sumpf wieder los. Diesmal noch viel weicher und tiefer, als wir ihn gestern vorgefunden haben. Ich merke wieder mal, wie die letzte Woche Regen hier weiterhin bei uns im Gedächtnis bleiben und Teil der Reise sein möchte. Auch wenn es zwischendurch immer wieder kleine Graserhöhungen (oder -stümpfe?) gibt, sind unsere Füße im Nu nass. Und wenn das noch nicht gereicht hätte, ist es ja nicht nur nass (und bei jedem Schritt eine Überraschung, ob man trocken geht oder nicht), sondern man sackt auch richtig schön ein. Das Einsacken selbst ist eigentlich auch nicht das Schlimmste: Das Schlimmste ist den Fuß bzw. Schuh aus den Fängen des Sumpfes oder Moors und Moos wieder herauszuziehen.
Nach ein paar hundert Metern merke ich schon: Wenn das so weiter geht, wird das kein entspannter Nachmittag. Und so kämpfen wir uns durch das uns aufsaugende Nass von unten, während eiskalter Wind uns um die Ohren zieht. Ich war eigentlich der Auffassung, dass der Anstieg vormittags der anstrengende Part sein würde, aber so wurde ich doch eines besseren belehrt. Meter für Meter ist ein Kampf mit dem Untergrund. Und immer wenn ich denke, so weit kann es eigentlich nicht mehr sein, sehe ich dass wir kaum Meter gemacht haben. Gut, dann kommen wir eben doch nicht um halb 3 an, sondern vielleicht eher so gegen 3, vielleicht halb 4.







Doch je weiter wir laufen, desto weniger Meter haben wir gefühlt geschafft. Während ich Mal wieder einen Fuß aus dem Sog herausziehe, spüre ich sehr viel Dankbarkeit für die Vergangenheits-Elster, die gestern schon fünf Kilometer des heutigen Weges gelaufen ist. Und denke mir die ganze Zeit, dass ich so unglaublich froh bin, nicht heute über 20 Kilometer laufen zu müssen. Es ist auch so schon eine ziemliche Plackerei.
Zwischenzeitlich habe ich aber wirklich so gar keine Lust mehr, weil der „Weg“ so beschwerlich ist. Aber was soll ich schon tun, abholen kann mich hier ja niemand. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als stur weiterzugehen.
Die Wanderelster möchte bitte aus dem Sumpfparadies abgeholt werden.
Die NPL-Generationen vor uns haben bzgl. dieses Weges und seiner Schwierigkeit nicht untertrieben. Das nimmt uns ein wenig die Last, dass wir beide einfach unfähig im Gelände seien.
Die Landschaft um uns herum belohnt uns aber dafür sehr. Sumpf hat irgendwie auch was Hübsches. Tiere sehen wir aber gar keine. Außer eine Wildente, die wir wohl zu Tode erschreckt haben (und sie mich).
Zwei Kilometer vor der Hütte fordert der Fuchs nochmal eine Pause ein. Ich will eigentlich durchziehen, aber man verlässt sich beim Wandern nicht, vor allem nicht wenn beide so fertig sind. Also bleiben wir ein paar Minuten sitzen und versuchen, den Sumpf irgendwie zu verarbeiten. Es ist mittlerweile nach 16 Uhr.
Da regt sich ein leises Stimmchen in mir: „Wenn es nur noch zwei Kilometer sind, dann müssten wir ja eigentlich gleich da sein?“
Aber weit gefehlt. Auch die letzten zwei Kilometer haben es in sich. Und bei jedem Hügel, den wir zusätzlich noch erklimmen, denke ich, die Hütte müsste doch jetzt endlich zu sehen sein. Zwischenzeitlich hab ich kurz Angst, dass wir an ihr vorbei gelaufen sind, das kann doch nicht so lange dauern?!
Aber nein, komoot sagt, die Hütte ist noch vor uns. Verfluchte Hütte.
Um kurz vor 17 Uhr sagt der Fuchs, er würde die Hütte sehen, ich blicke auf. Und tatsächlich, da liegt sie! Ich kann es kaum glauben, bin um Freude zu empfinden, aber fast zu erschöpft.



Wir scheinen die einzigen heute hier zu sein und nehmen die urige, ältere Hütte in Beschlag. Die neue Hütte hat zwar einen bombastischen Ausblick mit schöner Veranda, aber die alte hat einen kleinen Waschraum und die Vorratskammer.










Wir machen erstmal Katzenwäsche für den ganzen Körper (zum Glück haben wir einen sehr leichten Badeschwamm dabei, mit dem man sich den Dreck vom Körper kratzen kann), machen Feuer und hängen unsere teils durch Sumpf, teils durch Schweiß triefende Kleidung über den Kamin. Anschließend gibt es endlich Pancakes!

Meine Stimmung ist jetzt auch langsam wieder besser. Trotzdem fühle ich mich vom Weg leicht verraten. Aus den 3 sind fast 6 Stunden wandern geworden und aufgrund der Suche nach dem besten Weg durch das sumpfige Nass ist die Kilometerzahl heute sicherlich auch etwas mehr gewesen. Darüberhinaus lerne ich, dass die reine Kilometerzahl keine Aussage darüber ist, ob eine Wanderung schwer wird, oder nicht. Zum Glück gibt es hier aber eingelegte Pfirsiche: Seit ich in Simons Buch von seiner Sucht auf diese Früchte gelesen habe, wollte ich auch eine solche Dose in einer DNT Hütte leer machen. War ein tolles Gefühl. Und auf die heutige Tour gibt es gleich zwei Dosen.

Tag 11 – 26. Mai 2026 (14 Kilometer)
Ich bin gestern gar nicht zur Ruhe gekommen. Um 23:30 Uhr schaue ich das letzte Mal auf die Uhr. Es ist mucksmäuschenstill um uns herum. Ich kann nicht mal Vogelgesang hören. Ich mache mir noch eine Podcastfolge zum einschlafen an und bald schlummer ich doch weg. Der Fuchs scheint schon lange im Tiefschlaf angekommen zu sein.
Der Wecker klingelt um 7 Uhr. Wir machen es heute aber gemütlicher. Die Tour heute ist zwar sicherlich in ähnlichem Gelände wie die gestrige, allerdings mit gut 14 Kilometern und weniger Höhenmetern etwas entspannter. Hoffen wir zumindest. So gibt es heute nochmal einen gemütlichen Morgen in der urgemütlichen Hütte. Zum Frühstück gibt’s wieder Pfannkuchen, ich freu mich.

Ich will heute morgen gar nicht los. Die Landschaft um uns herum sieht wunderschön aus. Von der gemütlichen Bank am Fenster versteht sich. Aber irgendwann müssen wir doch los. Wenn wir das Nordkap in der vorgesehenen Zeit erreichen wollen, können wir nicht wirklich zusätzliche Pausentage machen – zumindest nicht, um einfach nur rumzufletzen.

Widerwillig ziehe ich meine Wanderkleidung wieder drüber. Draußen ist es noch ziemlich frisch, als wir um 10 Uhr endlich startklar sind. Das Gelände ist wieder sumpfig. Aber da ich mich dieses Mal drauf eingestellt habe, macht es mir wenig aus, dass nach 5 Metern die Schuhe, Socken und Füße wieder nass sind.
Wir kommen wieder nur langsam voran. Nach einer Stunde schaue ich, wie schnell wir sind: 2,5 Kilometer haben wir geschafft. Na das kann ja bis zur Pause in 4 Kilometern noch dauern…






Mühsam geht es im Gelände weiter. Ich merke, dass ich heute nicht ganz fit bin. Ich fühle mich irgendwie platt und das Wandern ist heute auch irgendwie beschwerlich. Hinzu kommt, dass mich seit Tagen eine leichte Magenverstimmung zu ständigen Toilettengängen zwingt. Und hier im Sumpf gibt es eben keine richtige Toilette, sondern eben einfach nur Sumpf und Wald. Zum Glück sind es heute aber nur die 14 Kilometer, und nicht mehr.
Wir laufen also weiterhin durch viel Sumpf, eher an Höhe verlierend, und kommen an allerhand Tierspuren vorbei. Neben den zahlreichen Elchspuren, gibt es auch Unmengen an Elch- und Vielfraßlosungen. Zumindest erstere sieht sehr frisch aus, da müsste doch eigentlich einer irgendwo um die Ecke im Sumpf stehen? Aber wir sehen weit und breit kein Tier, sind nur auf den Spuren unterwegs. Es ist auch nicht leicht, nach Tieren Ausschau zu halten, wenn man sich eigentlich auf den Weg konzentrieren muss.





Kurz vor unserer Mittagspause kommen wir an einem größeren Fluss vorbei. Gleich ist es geschafft und wir machen endlich Pause. Für die knapp 6 Kilometer haben wir fast drei Stunden gebraucht. Als der Fuchs auf einmal stehen bleibt und mich am Arm greift: „Ein Elch!“ flüstert er und zeigt nach vorne ins Flussbett. Ich sehe noch ein großes Tier im Gebüsch verschwinden und kann es kaum glauben. Ich hole mein Handy raus, aber für ein Foto ist es zu spät. Wir schleichen uns den Hang hoch, hier müsste er ja noch irgendwo sein? Mir wird bewusst, wie laut knartschend Schuhe auf Kies sind, selbst wenn man auf Zehenspitzen läuft. Als wir den Hang oben ankommen, sehen wir den Elch, ca. 10 Meter von uns entfernt. Gemächlich schmatzend steht er hinter einem Baum und scheint uns gar nicht zu bemerken. Ich knipse ein paar Fotos und dann bemerkt er uns doch, macht eine 180 Grad Kehrtwende und verschwindet im nächsten Gebüsch.
Haben wir einfach einen Elch gesehen ☺️ Ich freue mich so – und das schon an Tag 11, was ein Glück!


Während der Mittagspause, die wir ein paar Minuten später einlegen, hoffen wir natürlich, den Elch nochmal zu sehen. Aber ein weiteres Mal lässt er sich nicht blicken. Wir essen gemütlich an einem Hang mit frisch gekochter Tütensuppe und genießen die Sonnenstrahlen. Die Hälfte der Kilometer ist geschafft.
Der Nachmittag zieht sich auch etwas hin. Erst folgen wir einer Treckerspur in die Wildnis hinein und anschließend geht es über Stock und Stein und natürlich in den Sumpf. Uns fällt unterm Tag auf, dass wir jetzt insgesamt auf dieser Tour länger unterwegs sind, als je zuvor auf einer anderen Tour, und wir knacken heute die 200 Kilometer Marke! Ein echter Meilenstein auf unserer Tour. Die längste andere Tour war „nur“ 185 Kilometer. Wir sind ziemlich stolz, das jetzt erreicht zu haben und laufen etwas beflügelt weiter Richtung Nordkap.


Eigentlich wollen wir heute in der Vindilhytta schlafen, allerdings empfängt diese nach Rückfrage keine Übernachtungsgäste (mehr), da sich die Betreibenden auf Veranstaltungen spezialisiert haben. Als wir in der Nähe der Hütte einen schönen Zeltplatz finden, wollen wir erstmal das Zelt direkt aufstellen. Allerdings hat der Wind andere Pläne. Es ist zwischenzeitlich so immens windig an der Schneise, dass wir das Zelt kaum aufgestellt bekommen und zudem der Untergrund steinhart ist – hier Heringe in den Boden hauen wird zum letzten Kraftakt des Tages. Wir brauchen über 20 Minuten bis das Zelt steht. Heute dauert wohl einfach alles doppelt so lang wie sonst.
Als das Zelt steht, wird noch schnell gekocht. Die Windböen sind so stark, dass ich den Kocher festhalten muss aus Angst, dass mir sonst das Kochgerüst umkippt (oder wegfliegt). Nach einer heißen Mahlzeit bin ich jetzt ziemlich müde. Ist ja auch schon 19 Uhr – Zeit fürs Bett.

Tag 12 – 27. Mai 2026 (15,3 Kilometer)
Heute Nacht habe ich wieder nicht gut geschlafen. Es scheint so, als wären die Nächte im Regen für meinen Schlaf besser gewesen. Aber egal, heute steht Wandern auf dem Plan, also raus aus dem Schlafsack! Die Nacht ist sehr windig gewesen. Zum Glück hatten wir das Zelt bzw. die Heringe zusätzlich mit schweren Steinen befestigt, sodass wir nachts nicht raus müssen, um Heringe nachzuziehen. Die fehlende nächtliche Ruhe könnte also auch am Wind liegen.
Während der Fuchs langsam wach wird und sich beginnt zu sortieren, habe ich meine Sachen fast gepackt und koche Wasser für das Frühstück. Wir verschlingen unser Müsli draussen in der warmen Sonne, aber mit viel kalter Luft und Wind um uns herum.
Als wir um 9 Uhr endlich startklar sind, muss ich mit Handschuhen loslaufen. Der Wind ist einfach zu eisig.
Statt von der Vindilhytta direkt wieder aufzusteigen, nehmen wir heute die 12 Kilometer Straße entlang des Nesvatn in Angriff. Wir haben uns aufgrund des bestehenden Sumpfes in höheren Gefilden leicht widerwillig für die Straße entschieden. Eigentlich hatten wir uns so gefreut von der Straße runterzukommen, aber im Sumpf brauchen wir ewig und verbrauchen immens viel Energie. Unser Schnitt aus den letzten Wanderungen oben im Sumpf hat uns gezeigt, dass wir fast doppelt so lange oder mindestens 1,5 Mal so viel Zeit brauchen, wie die Planung wäre. Statt unseren üblichen 4km/h schaffen wir dort oben teilweiße nur 2 bis 2,5 km/h.
Das ich seit ein paar Tagen einfach leicht angeschlagen bin und mich nicht so fit fühle und der Fuchs große Blasen an den Versen hat, bestärkt uns für die Entscheidung zur kürzeren Etappe entlang des Sees.
Wir freuen uns daher heute mal auf einen kürzeren Tag mit mehreren Pausen und hoffen am frühen Nachmittag in der Hengeltjørnhytta anzukommen.
Kaum gestartet kommen wir aus dem Staunen nicht mehr raus. Wir laufen entlang eines wunderschönen, tiefblauen Sees so weit das Auge reicht. Wir werden heute den gesamten Vormittag brauchen, bis wir das andere Ende erreicht haben. Auf der Straße sind kaum Autos unterwegs und so haben wir die Straße fast für uns. Außer den Kreuzottern sehen wir fast niemanden.




Nach guten zwei Stunden kommen wir an einem Strand vorbei – der ruft ja quasi nach einer Pause! Wir setzen uns für ein paar Minuten auf die großen Steine direkt am Wasser und haben das Gefühl, am Meer zu sein, so endlos scheint der See.


Da wir mittlerweile ein paar Tage unterwegs sind und nicht wirklich an öffentlichen Mülltonnen vorbeikommen, sondern immer nur an Privathäusern, haben wir mittlerweile fast ein Müllproblem. Entsprechend des Leave no Trace Prinzips nehmen wir unseren Müll (zum Beispiel von Verpackungen oder unser Toilettenpapier) selbstverständlich immer mit. Auch in DNT Hütten darf man in der Regel keinen Müll zurücklassen, weil sie so abgeschieden liegen dass keine Müllabfuhr vorbeikommt. Somit haben wir mittlerweile jeder eine recht große Tüte mit Müll, die etwas an Volumen unserer Rucksäcke einnehmen und beim Packen nerven. Wir biegen um die nächste Ecke und auf einmal ist da eine große Müll-Entsorgungsstation für die umliegenden Ferienhäuser. Wir können unser Glück kaum fassen – endlich den Müll loswerden! Das wird mit je einem Bonbon gefeiert.

Nach ein paar weiteren Kilometern kommen wir wieder an einem Strandstück vorbei, wo wir unsere Mittagspause machen – es gibt Instant-Erbseneintopf und Schokolade zum Nachtisch. Für die Vitamine noch eine heiße Zitrone.

Anschließend kommt der kurze aber knackige Anstieg zur Hengeltjørnhytta. Ich quäle mich mal wieder den Berg hoch, aber es liegt nicht an den Höhenmetern, sondern an meinen Magenproblemen. Ich muss zweimal eine Zwangspause machen. So macht Wandern eigentlich keinen Spaß und ich frage mich, ob mein Körper nicht doch einen zusätzlichen Ruhetag bräuchte, um einfach einen Tag im Bett zu liegen. Aber dafür ist keine Zeit: das Nordkap erreicht sich nicht von allein.

Als wir gegen 15 Uhr an der Hengeltjørnhytta ankommen, nehme ich daher erstmal wieder das Klo in Beschlag. Den restlichen Tag geht es aufgrund einer Imodium aus dem Erste Hilfe Set wieder besser und ich liege mit meinem Schlafsack noch eine Weile auf der Veranda der Hütte in der Sonne.

Wir machen den restlichen Tag sehr entspannt. Es kommen keine weiteren Wanderer mehr und so haben wir die Hütte für uns allein. Wir haben das Loft im oberen Bereich eingenommen und lassen den Tag mit Pfannkuchen mit Marmelade und viel Tee ausklingen.





Tag 13 – 28. Mai 2026 (26,9 Kilometer)
Heute habe ich Mal wieder richtig tief geschlafen und fühle mich nach der Nacht richtig erholt. Da wir heute aber viele Kilometer vor uns haben, stehen wir etwas früher auf, als sonst und sind somit schon um 8 Uhr unterwegs. Für den Weg aus dem Sumpf brauchen wir statt wie komoot vorschlägt nicht eine sondern eineinhalb Stunden. Sicherlich auch, weil ich wieder Zwangspausen einlegen muss.

Obwohl wir uns trotzdem beeilen, sind wir in diesem Gelände einfach nicht schneller. Der Sumpf ist aber trotzdem eine unglaublich schöne Landschaft und der Weg selbst macht einfach Spaß zu laufen. So sehr, dass ich bei einer Biegung auf einmal knietief drinstehe. Mir entfährt ein lauter Lacher, und ich versuche mich eigens wieder rauszuziehen. Tatsächlich hat der Sumpf eine ziemliche Sogkraft, sodass es mich einige Energie kostet, das Bein wieder rauszuziehen. Der Sumpf will uns nicht gehen lassen.




Wenn mein Bein nicht gerade vom Sumpf in die Tiefe gezogen wird, stelle ich mir vor, wie ganz viele Elche direkt um uns herum sind, und wir sie aufgrund ihrer Fellfarbe einfach nicht wahrnehmen können. Aber wir werden tatsächlich keine sehen. Dafür aber einen Hasen! Ist ja auch schon mal was.

Als wir nach eineinhalb Stunden auf die Straße, den Birtesdalsvegen, abbiegen, setze ich meine Kopfhörer auf. Jetzt liegen 21 Kilometer Teerstraße zwischen uns und unserem schnuckeiligen Gjestehus in Fyresdal. Und dem nächsten Supermarkt!
Mit Christine Thürmers Erzählungen über den Pacific Crest Trail laufen sich die Kilometer fast von alleine den Berg hinunter zum Fyresvatnet – See. Wir haben herrliches Wetter und ich muss bald die Sonnencreme im Gesicht erneuern. Auf meinen Ohrläppchen haben sich schon kleine Sonnenbrandblasen gebildet – die luken nämlich unter meinem Stirnband hervor und waren nicht eingeschmiert. Der Fuchs ist heute gut in Form und schreitet daher den Großteil des Tages voraus. Er ist allerdings im Sumpf leicht umgeknickt und sein rechtes Fußgelenk schmerzt seit dem etwas. Ich laufe mir auf dem Teer leider eine Blase. Ansonsten machen wir die Kilometer heute etwas schneller als geplant.
Belohnt werden wir mit einem traumhaft schönen Pausenplatz direkt am See im Halbschatten – es gibt heute Kartoffelbrei mit Chips. Und natürlich wieder heiße Zitrone, denn die Vitamine dürfen nicht fehlen!




Wir wollen beide ankommen und die Straße hinter uns lassen, sodass wir ziemlich durchziehen. Wir sind gegen 16 Uhr in Fyresdal und machen erstmal den Einkauf für heute Abend und die nächsten vier Tage. Auch wenn man das eigentlich weiß, müssen wir hier noch dringend folgendes lernen: Nicht hungrig einkaufen!
Bepackt als würde die nächste Pandemie anstehen, schreiten wir mit einem neuen Spaßgetränk in der Hand aus dem Supermarkt und hiefen alles die letzten 300 Meter zur heutigen Unterkunft.
Hier gibt es dann erstmal eine Dusche – die erste seit Beginn der Reise, bei der man so lange duschen darf, wie man will. Auf Campingplätzen hat man eigentlich immer eine Zeitbeschränkung von 5 Minuten und bei dem Dreck, den man nach mehreren Tagen Wildnis auf dem Körper hat, reicht das zum sauber werden nicht wirklich aus. Und so sitzen wir jetzt, vollgesnackt mit leckeren frischen Sachen, frisch geputzt auf den frisch bezogenen Betten und freuen uns einfach, es heute gut geschafft zu haben.



Tag 14 – 29. Mai 2026 (Bus)
Das Fußgelenk vom Fuchs schmerzt heute beim Auftreten. Er kann zwar auftreten und auch abrollen, aber sobald er den Fuß leicht zur Seite beugt, spürt er einen stechenden Schmerz den Fuß hoch. Man könnte so vielleicht weiter laufen, aber auch mit meiner leichten Abgeschlagenheit entscheiden wir uns dafür, die letzten 78 Kilometer der Etappe nach Seljord mit dem Bus zu überspringen und ein paar zusätzliche Ruhetage auf einem Campingplatz im Zelt einzulegen.
Wir wollen verhindern, dass – falls der Fuß wirklich leicht verstaucht sein sollte – die Schmerzen schlimmer werden und ziehen daher einmal eine kurze Notbremse und geben ihm ein paar Tage Ruhe. In Seljord können wir zur Apotheke gehen, den Fuß entspannen, und ich bekomme ein Klo in meiner Nähe – klingt nach einer guten Notfalllösung!
Als wir in Seljord mit dem Bus ankommen, bekommen wir in der Apotheke eine passende Bandage für den Fuß und checken im Seljord Camping ein, was ca. 2 Kilometer außerhalb des Zentrums liegt. Hier wollen wir die nächsten Tage bleiben und uns erholen.
Die Besitzerin ist so begeistert von unserer Reise und dem Vorhaben, dass sie uns glatt die Handtücher umsonst überlässt und uns noch zwei Kvikk Lunsj dazupackt. Wir sind so dankbar für diese übermäßige Freundlichkeit. Als ich nachdem wir unser Zimmer bezogen haben nochmal zur Rezeption kommen, um nach dem Schlüssel und Kosten der Waschmaschine zu fragen, erlässt sie uns hier auch noch die Gebühr. Das hebt unsere Stimmung heute immens und gibt uns ein sehr gutes Gefühl, hier die nächsten Tage zur Ruhe zu kommen.






Natürlich kratzt das ein bisschen am Ego. Schließlich wollten wir nach Seljord laufen. Aber eine Fernwanderung gewinnt man nicht, indem man Warnsignale ignoriert.
Nächste Woche geht es dann über Rjukan weiter Richtung Norden und in Geilo wartet unser erstes Nachschubpaket auf uns. Wir freuen uns drauf ☺️
NPL Statistik
Mückenbarometer: 0/10
Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz: 0x
Zeitübernachtung: 3
Hüttenübernachtung: 3
Müsliriegel Elster: 4
Müsliriegel Fuchs: 4
„Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: 2
Flussüberquerungen: 17
Tage ohne Regen: 5
Blasen: 4
Rentiere/Elche: Ein Elch!
Sonstige Tierbeobachtungen: Schnecken, Regenwürmer, div. Singvögel, Specht, Zecken, Falter/Schmetterling, kl. Kreuzotter (braun), Losung von Wölfen (?), Ameisen, Frosch, div. Insekten, laute große Hummel, Wildenten, Gänse, Libelle, Steinadler, Elch, Lösung Vielfraß (?), ausgewachsene Kreuzotter, mittelgroße Kreuzotter, Hase, Eichhörnchen, Spuren und Losungen von Elchen.
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