Dieser Bericht handelt ausnahmsweise nicht von Elchen, DNT-Hütten oder neuen Kilometern Richtung Norden, sondern von der Unruhe dazwischen. Vom Warten, Umplanen und dem Versuch, mit einer Situation Frieden zu schließen, die sich nicht einfach wegwandern lässt.
Als wir unsere Reise geplant haben, habe ich mir viele Dinge vorgestellt: Regen, Mücken, Blasen, Sumpf und vermutlich irgendwann auch eine Prise Weltschmerz.
Was ich mir nicht vorgestellt habe, war mehrere Tage an einem Ort zu sitzen und darauf zu warten, dass es weitergehen kann. Nach den ersten 200 Kilometern hat uns Norge på langs eine ungeplante Pause verordnet. Und während der Fuchs seinem Sprunggelenk Ruhe gönnt, versuchen wir herauszufinden, was man eigentlich den ganzen Tag macht, wenn man lieber wandern würde.
Tag 16 – 31. Mai 2026
Wir sind jetzt den vierten Tag in Seljord. Langsam habe ich das Gefühl, dass mir die Decke etwas auf den Kopf fällt. Während es mir mittlerweile wieder etwas besser geht, hat der Fuchs immer noch Schmerzen im Fuß. Nicht beim normalen Gehen, aber sobald er den Fuß leicht zur Seite bewegt, kommt der Schmerz wieder. Also heißt es weiterhin: Mobilisationsübungen, Schmerzgel, Ibus und Geduld.
Vor allem Geduld. Und die gehört nicht unbedingt zu unseren (oder vor allem meinen) größten Stärken.
Heute ziehen wir vom Seljord Camping ins Hotel und „Stadtzentrum“ um. Das hatten wir schon vor einer Woche gebucht, als wir noch fest unseren Pausentag nach Etappe 2 geplant hatten. Somit verlegen wir jetzt unser Lager einfach zweieinhalb Kilometer weiter. Immerhin mal ein Tapetenwechsel. So gemütlich der Campingplatz auch war.
Die vergangenen Tage hier verbringen wir damit, uns irgendwie abzulenken. Wir schnacken viel, versinken dann jede*r in den eigenen Gedanken, schauen uns die kommenden Etappen an, hören Hörbücher, schauen Netflix und diverse andere Mediatheken und diskutieren regelmäßig darüber, welche Snacks wir als nächstes kaufen sollten. Lesen fällt aus – Bücher sind bekanntlich nicht ultralight und damit nicht in unserem Gepäck.
Über den Fuß versuchen wir möglichst wenig zu reden. Nicht weil er unwichtig wäre, sondern eher das Gegenteil. Wir drehen uns sonst zu schnell im Kreis und zerdenken zu viele Szenarien. Also fragen wir uns morgens einmal kurz, wie es aussieht, Fuchs macht seine Übungen und dann versuchen wir den Rest des Tages an etwas anderes zu denken.
Vor zwei Tagen bin ich 2,5 Kilometer zum Supermarkt gelaufen und habe Kuchen und Kakao besorgt, um den Fuchs etwas aufzumuntern.
Wissenschaftlich belegt ist die Wirksamkeit dieser Methode zwar nicht, aber sie zeigte zumindest kurzfristig vielversprechende Ergebnisse.
Gestern bin ich allein auf einen kleinen Aussichtspunkt hinter dem Campingplatz gestiegen, um mich selbst aufzumuntern. Es hilft alles ein bisschen. Aber eben nur ein bisschen.










Ich glaube, was uns gerade am meisten frustriert, ist nicht einmal die Pause selbst. Es ist der Zeitpunkt. Wir hatten beide endlich das Gefühl, richtig angekommen zu sein. Die ersten Kilometer und das erste Etappenziel lagen hinter uns, der Alltag zuhause war weit weg. Wir hatten unseren Rhythmus gefunden, wussten morgens, was zu tun ist, und abends, wie wir müde ins Zelt fallen würden.
Und genau in diesem Moment wird auf Pause gedrückt.
Eine Woche klingt nicht nach besonders viel Zeit. Für uns fühlt sie sich trotzdem groß an, wir sind ja gerade Mal zwei Wochen unterwegs. Wir haben monatelang geplant, trainiert, organisiert, Listen geschrieben und von dieser Wanderung geträumt. Und jetzt sitzen wir hier in Seljord und warten darauf, dass ein Fuß entscheidet, wann es weitergeht.
Das ist vermutlich nicht der Teil von Norge på langs, den man sich zuhause auf dem Sofa ausmalt. Aber wahrscheinlich gehört auch das mal dazu und wir können die Situation an sich eh nicht ändern – nur unseren Umgang mit ihr. Und in vier Wochen können wir hoffentlich weiter nördlich drüber lachen.
Tag 17 – 01. Juni 2026
Der Tapetenwechsel gestern tat mir richtig gut. Wir sind die 2,5 Kilometer zu Fuß ins Zentrum gelaufen – das war für den Fuchs machbar, wenn auch wir etwas langsamer unterwegs waren als sonst.
Wir haben den Vormittag dann in der Aasmundsen Bakeri verbracht. Im Gebäude einer früheren Tankstelle findet man hier jetzt in gemütlicher Atmosphäre wirklich phänomenal leckere Leckereien.


Gegen 13 Uhr haben wir keine Lust mehr rumzusitzen und probieren es beim Hotel mal, ob wir ggf. schon etwas früher einchecken können und haben Glück: Unser Zimmer ist schon fertig! Glücklich beziehen wir das Zimmer mit Blick auf die Straße und die Bakeri. Passend! Für die nächsten Tage können wir also den Titel „Fernwandernde“ gegen „Menschen mit eigenem Badezimmer“ austauschen ☺️



Den Nachmittag verbringen wir beide draußen und schauen uns die wenigen Geschäfte an. Mikael, unserem Trailangel aus Etappe 1, wollten wir eine Karte schicken und hoffen mal, dass sie ihn ohne Nachnamen erreicht. Die Adresse kennen wir ja ☺️
Abends gönnen wir uns zur weiteren Aufmunterung ein fancy Abendessen im hoteleigenen Restaurant und fallen anschließend pappsatt um 21 Uhr ins weiche Bett mit frischen Laken – ein merkwürdiges Gefühl auf der Haut, wenn man weiß, dass es bald wieder ins Zelt und die Schlafsäcke geht. So fühlte sich der Tag aber insgesamt eher wie ein Kurzurlaub an, statt nach abwarten.



Tag 18 – 02. Juni 2026
Heute komme ich gar nicht aus dem Schlafen raus. Ich könnte noch ewig im Bett liegen bleiben, aber das Frühstücksbuffet wartet nicht ewig auf uns. Wir schlemmen uns also erstmal durchs Buffet, anschließend lege ich mich nochmal hin und hole noch eine weitere Stunde Schlaf rein.
Danach geht’s an die Tourplanung. Wir haben die vergangenen Tage viel hin und her überlegt, wie wir weiterlaufen wollen. Der Fuß vom Fuchs ist heute wieder relativ fit – ich bin zwar misstrauisch, aber auch etwas optimistischer als noch gestern. Auch wenn es noch nicht ganz perfekt ist, gehen wir davon aus, dass wir morgen weitergehen können – aber mit kürzeren Etappen, mehr Pausen und früherem Pausentag, als ursprünglich geplant.
Auch Jotunheimen werden wir aufgrund noch fehlender Sommerbrücken aber gleichzeitig viel Wasser umgehen. Dadurch, dass wir jetzt von Geilo doch durch den Langsua Nationalpark nach Vinstra und anschließend nach Rørøs weiterlaufen werden, sparen wir uns ein paar Kilometer. Nach mehreren Tagen Hotelbett und Frühstücksbuffet erscheint uns die Strategie „weniger laufen“ überraschend attraktiv. Und falls wir spontan schneller sein sollten ist das Erfolgserlebnis auch gesichert. Zukunftselster wird sich auf jeden Fall freuen (der muss man ja auch Mal was Gutes tun).


Den Zeitpuffer „investieren“ wir also in die kürzeren Etappen plus zusätzlichem Ruhetag auf den jetzt anstehenden Kilometern – alles für den Fuß! 😉
Ich freue mich, dass wir so einen guten alternativen Plan gefunden haben, der uns jetzt ganz entspannt ein bisschen kürzer treten lässt.
Wir schauen Mal, wie es die kommenden Tage weiter geht. Wir freuen uns jedenfalls, endlich wieder die Rucksäcke aufzuschnallen und dem Norden ein Stück näher zu kommen.
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