NPL Etappe 3: Von Seljord nach Rjukan (83,2 Kilometer)


Nach einer Woche Zwangspause dürfen wir endlich wieder die Rucksäcke schultern und Richtung Norden aufbrechen. Der Fuß vom Fuchs hält, die Motivation ist zurück und wir sind bereit für neue Abenteuer. Norwegen hingegen scheint andere Pläne für uns zu haben.

Zwischen Dauerregen, verschwundenen Wegen, sehr viel Sumpf, überraschend tiefen Furten und meiner persönlichen Fehde mit einem äußerst steilen Abstieg lernen wir schnell: Nur weil man wieder laufen darf, heißt das noch lange nicht, dass es einfach wird.

Dafür bekommen wir richtiges Fjell unter die Füße – und das allein macht schon vieles wett.


NPL Statistik

  • Mückenbarometer: 0/10
  • Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: 2x
  • Zeitübernachtungen: 3
  • Hüttenübernachtungen: 0
  • Sonstige Übernachtungen: 2
  • Müsliriegel Elster: 4
  • Müsliriegel Fuchs: 5
  • „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: Nur 1x (wir haben uns echt Mühe gegeben)
  • Flüssefurten: 14 oder unendlich, je nach Definition
  • Tage ohne Regen: 2
  • Gelaufene Blasen: 2
  • Ohrwurm der Woche:
    • Elster: Sailormoon Theme Song
    • Fuchs: Kevin Morby – Valley
  • Rentiere/Elche: 0
  • Gesamtkilometer: 335,2

Tierbeobachtungen: eine Schwanenfamilie, ein großer schwarzer Käfer, div. Singvögel, ein gigantischer Regenwurm, sehr viele Nacktschnecken, Rotwild (Reh), eine kleine Eidechse, ein Vogel, den wir als „Sumpfdrosselhuhn“ getauft haben, eine große Kröte, ein Eichhörnchen


Tag 19 – 03. Juni 2026 (12,3 Kilometer)

Heute geht es endlich wieder los: Wir laufen weiter Richtung Norden. Der Wecker klingelt um 7 Uhr. Wir brauchen einen Moment bis alles verpackt und wir beim Frühstücksbuffet sind. Hier wird jetzt nochmal ausgiebig Frisches gegessen, was wir in den kommenden Tagen eher nicht bekommen werden.

Da wir für heute nur 12 Kilometer, dafür aber viele Höhenmeter (Norwegen eben), auf dem Programm stehen haben, sind wir heute gar nicht in Eile loszukommen. Und so ist es schon fast halb 10, als wir mit den Rucksäcken bepackt aus dem Hotel schreiten.

Der Rucksack fühlt sich heute sehr schwer an. Vielleicht sind wir einfach etwas aus der Übung, oder es sind die Höhenmeter. Aus Seljord raus geht es somit erstmal direkt hoch. Insgesamt stehen fast 600 Höhenmeter für heute an, aber der größte Teil kommt zu Beginn. Und so bringen wir Schritt für Schritt Distanz zwischen Seljord und uns. Es fühlt sich einfach toll an, wieder unterwegs zu sein. Endlich wieder Landschaften zu Fuß erschließen, den Taudampf aus dem Wald einatmen und das Knirschen unter den Schuhen, wenn man über Kies und Steine läuft.

Und dann beginnt der Regen uns einzuholen, der darf natürlich nicht fehlen! Aber das macht uns heute wirklich wenig aus. Wir machen alle paar halbe Stunde ein paar Minuten Pause für den Fuß, und hoffen so, dass das heute gut läuft.

Je höher wir kommen, desto atemberaubender ist der Blick zurück und der Weg führt uns entlang an Wasserfällen und durch dichten Nadelwald. Als wir an einem Stausee ankommen, der zu wenig Wasser fasst (wie geht das bei dem ganzen Regen!?), haben wir unser Tagespensum fast erreicht. Zeit nach einem Zeltplatz Ausschau zu halten. In dieser abschüssigen Landschaft gar nicht so einfach.

Letztlich stellen wir das Zelt in einer kleinen „Nebenstraße“ auf und sind ganz zufrieden. Um 15 Uhr liegen wir in den Schlafsäcken und räumen unser kleines Reich ein. Es tut gut, wieder im Zelt zu sein und den Nachmittag den Vögeln zu lauschen. Zum Abendessen gibt es veganes Hack mit Tacogewürz und Wraps. Zum Einschlafen gibt es „Geschichten aus der Geschichte“.

Direkt an der Straße, aber hier kommt so oder so niemand vorbei.

Tag 20 – 04. Juni 2026 (21,8 Kilometer)

Um 2:45 Uhr sind Regen und Wind so laut um uns herum, dass ich wach werde. Große  Regentropfen klatschen auf unser Zeltdach. Es ist so laut, dass ich bis 4 Uhr nicht wieder einschlafen kann. Um 7:15 Uhr, als der Wecker klingelt, bin ich trotzdem schnell wach. Ich wecke den Fuchs und wir machen uns fertig. Dem Fuß geht’s soweit gut und er hat seinen ersten Wandertag gut überstanden. Das bestärkt uns etwas in dem Gefühl, dass es wohl doch langsam weitergehen kann.

Eine Stunde später klettern wir in voller Regenmontur aus dem Zelt – es ist für heute richtig viel Regen angesagt. Ich glaube sogar mehr, als wir bisher überhaupt hatten. Ein vielversprechender Start in den Tag!

Nach etwa 100 Metern sind wir und unsere Rucksäcke triefend nass. Wirklich Ausblick auf den See haben wir heute auch nicht, weil alles wolkenverhangen ist und der Regen so dicht, dass ich das Gefühl habe, durch Nebel zu gehen.

Uns kommt in dieser Einsamkeit wirklich niemand entgegen. Immer mal wieder kommen wir an verlassenen Sommerhäuschen vorbei, die auf wärmere Temperaturen warten.

Das langsame Laufen mit vielen Pausen funktioniert heute aufgrund des Regens nicht. Sobald wir stehen bleiben, geht ein kalter Wind um uns herum und klaut uns unsere aufwendig erwanderte Körperwärme. Also bleiben wir immer nur kurz stehen, um uns umzuschauen, die Schuhe neu zu schnüren, Gamaschen festzuzurren, oder etwas zu trinken.

Als wir in Langlim ankommen, freuen wir uns über ein Bushäuschen, in dem wir dem Regen für einen Moment entfliehen können. Aus dem Moment wird doch eine Stunde, in der wir uns eine Kartoffelsuppe kochen, einen Tütencappuccino teilen und Nüsse snacken. Ein Hoch auf Bushäuschen!

Nach der Mittagspause sind wir beide etwas entspannter und besser drauf, was eine Suppe nicht alles ausmachen kann? Wir laufen also weiter, von Feriengrundstück zu Bootshaus, und gegen 13:30 Uhr haben wir unser Tagesziel bereits erreicht. Da uns aber noch nicht nach Zeltaufbau ist und wir immer noch klatschnass sind, schauen wir ob es irgendwo in der Nähe auf unserem Weg eine Unterkunft gibt, um der Nässe zu entfliehen. Wir werden in Åmotsdal fündig und buchen. Es sind zwar noch mal acht Kilometer bis dahin, aber der Fuchs ist optimistisch was seinen Fuß angeht und mich motiviert eine warme Dusche.

Wir laufen anschließend durch eine tiefe Schlucht, die vom Regen eingenommen wird und ums uns herum fließen ein reißender Bach nach dem nächsten, um den Regen in die Schlucht zu bringen. Der Regen nimmt uns zwar die Fernsicht, macht die Schlucht aber dadurch noch wilder – es scheint als wolle sich die Schlucht in ein einzigen Wasserfall verwandeln. Teilweise ist der Weg in so viel Regenwasser getaucht, dass ich knöcheltief im fließenden Nass laufe und meine Füße sich ganz durchweicht anfühlen. Das wird heute Abend wieder runzlige Füße geben.

Nach einem längeren Abstieg dürfen natürlich auch ein paar neue Höhenmeter nicht fehlen, um sicherzustellen, dass wir zwischen Regenwasser und Schweiß nicht unterscheiden können. Als wir in Åmotsdal ankommen, stolpern wir noch über einen 24/7 Selbstbedienungssupermarkt. Auch wenn wir nichts wirklich brauchen, sind wir für ein Spaßgetränk ja immer zu haben.

Die letzten 600 Meter zur Unterkunft sind dann auch flott überwunden. Die Besitzer staunen nicht schlecht, dass wir bei einem solchen Wetter zu Fuß bei ihnen ankommen (vielleicht auch, weil wir im kleinen Appartement erstmal eine Pfütze nach der nächsten kreieren.

Anschließend wird erstmal alles zum Trocknen aufgehängt. Das Appartement ist sehr geräumig, das muss ja auch genutzt werden. Und wenn wir schon Mal eine Waschmaschine mit Trockner zur Verfügung haben, wird auch direkt nochmal gewaschen. Was kann es schöneres geben?


Tag 21 – 05. Juni 2026 (11,5 Kilometer)

Da wir ja gestern ein Stück weiter gelaufen sind, um dem Regen zu entfliehen, haben wir heute einen sehr gemütlichen Tag vor uns. Fühlt sich fast nach Pausentag an. Wir stehen zwar trotzdem gegen halb 8 auf, müssen aber das Appartment erst gegen 11 Uhr räumen – genug Zeit also, um ausgiebig zu frühstücken und gemächlich in den Tag zu starten. Beim Frühstück wird dann noch etwas in den Blogs anderer NPL hikers gelesen, und so vergeht der morgen doch schneller als gedacht.

Um 11 Uhr geht es dann los. Passend dazu, beginnt es direkt auch zu regnen. Wie schön, dass alles seinen gewohnten Gang geht.

Raus aus Åmotsdal geht es für uns ein paar Kilometer auf der Straße. Relativ unbeeindruckt vom Regen und der fast etwas langweiligen Landschaft setzen wir einen Fuß vor den anderen. Als der Regen kurz zunimmt, stellen wir uns für eine kurze Pause in einer offenen Scheune unter und schauen dem dichten Regen zu, wie er die Erde zu ertränken versucht.

Einen Müsliriegel später und in etwas weniger sintflutartigem Regen geht es für uns weiter. Wir kommen mal wieder an einigen Höfen vorbei und schließlich an verlassenen Sommerhäuschen. Wir haben ein paar Höhenmeter gemacht und so liegt zu unserer Rechten eine tiefe Schlucht, aus der wir einen reißenden Fluss vernehmen können.

Am Ende einer verlassenen Autowerkstatt finden wir einen kleinen Unterschlupf, in dem wahrscheinlich eigentlich Holz gelagert wird. Da schon 12:30 Uhr ist, bietet sich diese enge Behausung perfekt fürs Mittagessen an. Wir quetschen uns mit den Rucksäcken rein, und fangen an zu kochen: es gibt Grønnsaksuppe (eine Tütensuppe), und einen Vanillecappuccino, während der Regen um uns herum tobt.

Als es nach ca. einer Stunde etwas nachlässt, machen wir uns wieder auf den Weg. Raus auf einem erhöhten Weg, auf dem wir einen traumhaften Blick zurück auf noch schneebedeckte Berggipfel haben. Das erste Mal seit Tagen, dass wir weiter als die nächste Regenwolke sehen können. Zwischen den dunklen Wolken kämpft sich auch immer wieder die Sonne durch. Ganz vergessen, wie mein Schatten aussieht!

Kurz darauf geht es wieder durch sumpfigeres Gebiet und rein nach Sudbø, wo wir wieder keiner Menschenseele begegnen. Hinter einem Hof finden wir ein kleines Waldstück mit jungen Birken und freuen uns über diesen perfekten  Zeltplatz auf quasi trockener Wiese. Und im Trockenem aufstellen können wir unser Zelt auch (weiß nicht, ob das auf dieser Tour überhaupt mal ging).

Den restlichen Abend liegen wir im Zelt und freuen uns über das schöne Wetter am Nachmittag, den trockenen Zeltplatz und viel zu viel Käse, der gerne gegessen werden will. Einfach ein Traum. Und in zwei Tagen kommen wir schon in Rjukan an, die Zeit fliegt gerade einfach.


Tag 22 – 06. Juni 2026 (12,5 Kilometer)

Gestern kam ich irgendwie gar nicht zur Ruhe. Ich merke, dass dadurch, dass es lange hell ist, einschlafen schwieriger ist. Um 23:40 Uhr schaue ich das letzte Mal auf die Uhr, draußen ist es hell.

Um 7:15 Uhr klingelt der Wecker und wir laufen nach einem gemütlichen Frühstück und flottem Zeltabbau um 8:40 Uhr los. Aber wohin eigentlich? Der Weg ist nirgends zu finden. Also versuchen wir es etwas Querfeld ein über versumpftes Gras, durch einen Bach, und irgendwann kommen wir auf einen anderen Weg, der uns aber wohl auch dorthin bringt, wo wir hin wollen. Nämlich erstmal den Berg rauf.

Vormittags mit strahlendem Sonnenschein

Oben angekommen scheuchen wir versehentlich eine kleine Gruppe Schafe auf, die geschwind im tieferen Wald verschwinden. Genau wie der Weg, der ist auch wieder weg. Und das sollte auch unser Motto für heute werden: Finde den Weg. Auch wenn wir laut Garmin direkt draufstehen, ist er häufig nicht da. Entsprechend anstrengend wird der Tag auch. Unsere Geschwindigkeit wird mal wieder von 4 auf gerade mal 2km/h gedrosselt. Eigentlich wollen wir heute 17 Kilometer schaffen, schauen wir mal.

Der Weg wird über die Zeit nicht besser, wenn er denn mal auftaucht. Ich höre den Fuchs hinter mir fluchen, als er mal wieder im Nass wegrutscht und sein Fuß dabei schmerzt. So schlimm sah der Weg online gar nicht aus. Aber es ist ja häufiger so, dass der Weg in Realität ganz anders ist, als erwartet. Gestrüpp und Sumpf ziehen uns an den Füßen, dass wir manchmal das Gefühl haben, eher durch die Landschaft zu stolpern, statt zu wandern.

Die Landschaft um uns herum ist aber einfach traumhaft schön – auf der gegenüberliegenden Seite des Tals, durch das wir uns kräftezehrend vorwärts kämpfen, liegen Berge mit Schneehaube und die Sonne lässt alles um uns herum leicht glitzern. Wir haben das erste Mal richtig Fjell-Feeling und gefühlte Weite um uns herum. Und ab und zu geht es auch etwas über Schneereste, die sich noch nicht zu  Sumpfwasser verwandelt haben.

Gegen 13:30 Uhr kommen wir an eine neue kleine Hütte, die wir als Unterstand für die Mittagspause nutzen. Wir haben bis jetzt erst acht Kilometer geschafft. Ich glaube zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, dass wir die 17 Kilometer heute schaffen.

Wir gehen nach einer guten Stunde aber weiter. Hilft ja nicht. Die Wegbeschaffenheit ist etwas besser, aber schneller werden wir nicht, da wir auch jetzt andauernd den Weg verlieren. Ich frage mich unterdessen, ob der Weg überhaupt existiert und laufe ab und zu trotzig quer durch. Aber immer wieder finden wir ihn auch. Ab und zu dürfen wir auch Flüsse furten (bei einem waren wir knietief drin)! Es bleibt aber wirklich mühsam. Ich glaube mittlerweile, dass Norwegen nur zwei Wege wirklich kennt: Straße und Sumpf.

Hinter uns ziehen langsam Wolken auf, obwoohl gar kein Regen angesagt war für heute. Der Fuchs klagt über leichtes Ziehen im Fuß. So können wir das erklärte Ziel heute nicht erreichen. Wir kommen bei ein paar verlassenen Sommerhäuschen vorbei und stellen uns bei der Veranda von einer unter, als der Regen kommt.

Da der Fuß heute einfach keinen guten Tag hat, entscheiden wir uns kurzerhand hier das Zelt aufzuschlagen – zwar ist es jetzt schon 17:30 Uhr, aber wir haben nur 12 Kilometer geschafft. Der Sumpf ist einfach extrem kräftezehrend. Dafür ist hier aber immerhin eine mega hübsche Kulisse! Wir freuen uns, dass wir nicht mehr durch den Regen laufen müssen, auch wenn die Füße eh nass waren 😉


Tag 23 – 07. Juni 2026 (25 Kilometer)

Wir stehen heute eine Stunde früher auf. Wir wissen, dass heute wahrscheinlich lang wird. Da es für den Fuchs mit dem Fuß im sumpfig-rutschigen Gelände noch nicht so einfach ist, zu gehen, wollen wir einfach schauen, wie weit wir heute kommen und ob wir es wirklich bis Rjukan schaffen. Falls nicht, schlagen wir irgendwo früher unser Zelt auf und hängen eben einen weiteren Tag dran. Das schwierige Gelände gestern hängt uns noch etwas nach. In ca. 4 Kilometern sollten wir aber zumindest auf einen markierten DNT Weg kommen und hoffen, dass es dann zumindest mit der Wegführung einfacher wird.

Wir sind also nach Frühstück bei bombastischen Aussicht um 7:40 Uhr unterwegs. Der Weg zum DNT Weg ist etwas besser ausgetreten und das Wandern macht hier wieder richtig Spaß. Wir sind zwar nicht wirklich schneller, aber es ist wirklich gut zu gehen. Nach ca. zwei Stunden komme wir an unserem geplanten Ziel von gestern an. Also bis hierher hätten wir es gestern sicher nicht geschafft. War also eine gute Entscheidung, früher das Zelt aufzustellen. Im Hintergrund sehen wir schneebedeckte Gebirgszüge, die noch im Winterschlaf zu sein scheinen.

Auch wenn wir jetzt einen markierten Weg haben, wird das Gelände zwischendurch trotzdem recht anspruchsvoll, mit viel auf und ab, und immer wieder Schneefelder, die gekreuzt werden müssen. Wir sind hier oben komplett alleine. Sehen nur Elchspuren und einen Schuhabdruck, der erst einen oder zwei Tage alt sein dürfte. Spannend, wie man auf einmal merkt, dass wir doch nicht die einzigen Menschen auf dieser Erde sind.

Als wir etwas erhöhter laufen, sehen wir auf einmal eine große Gebirgskette und auch einen einzelnen hohen schneebedeckten Berg – das müsste ja der Gaustatoppen sein! Dieser würde uns heute steht’s begleiten und taucht immer mal wieder am Horizont auf. Ein wunderschöner Anblick.

Der Gaustatoppen noch im Wolkenschlaf

Um ca. 12 Uhr haben wir 11 Kilometer geschafft und machen erstmal Mittagspause, um etwas Energie zu tanken. Es ist heute windig und kühl, aber es scheint zumindest trocken (von oben) zu bleiben. Aber wir finden ein windgeschütztes Plätzchen.

Kurz danach geht es ein sehr kurzes Stück entlang eines Wasserfalls ein paar Höhenmeter runter. Steiles Gelände ist für mich mit Höhenangst immer etwas spannend, aber dieses Stück geht. Ich konzentriere mich auf jeden Schritt und mache langsam, während ich versuche, den weiteren steilen Weg auszublenden. Nach 15 Minuten ist es zum Glück schon geschafft.    

Hier sieht man mittig im Bild die Schneeschneise, durch die wir abgestiegen sind.

Der weitere Weg führt uns über Hügel (also wieder viel auf und ab) weiter Richtung Rjukan. Wir können mittlerweile im tiefen Tal unter uns die Rjukan Fjellstue von hier oben sehen und auch die erste DNT Hütte Krokan erkennen wir.

Kurz darauf geht der DNT Weg nach rechts, obwohl wir geradeaus weiter müssen (und hier auch ein Weg weiter geht, der laut GPS Daten der eigentliche DNT Weg sein soll). Merkwürdig. Wir überlegen kurz, entscheiden uns dann aber für unseren Weg laut GPS, da wir nicht sicher sind ob der reale DNT Weg nicht doch am Ende ganz woanders hinführt. In komoot und Garmin ist er nicht vermerkt.

Unser jetzt nicht mehr markierter Weg führt uns aber sicher bis zur Gabelung, wo es jetzt langsam runter Richtung Krokan gehen wird. Es ist mittlerweile 15 Uhr. Ob wir es wirklich bis Rjukan schaffen? Wir entscheiden, dass wir hier erstmal absteigen und dann auf die Schotterstraße mit wenig Höhenmeter wechseln, die uns sieben Kilometer Richtung Rjukan bringen soll. Danach steht „nur noch“ 600 Höhenmeter steilster Abstieg an, und wir hätten es geschafft. Also noch ca. 4 Stunden. Ein Klacks.

Wir machen hier an der Gabelung eine kurze Pause und ich snacke erstmal einen Löffel Erdnussbutter. Okay, vielleicht waren es auch vier.

Ich wundere mich zu diesem Zeitpunkt, dass ich immer noch fit bin und wie schnell der Körper sich von 10 Stunden Bürostuhl am Tag, auf lange Strecken laufen umstellen kann. Vor allem auf der Straße brettern wir die Kilometer runter, obwohl uns schon viele Kilometer Sumpf in den Beinen stecken. Musik auf den Ohren hilft sicherlich, aber es ist einfach mega, was ein Körper doch so leisten kann, wenn man will.

Am Ende der Straße vorm Abstieg lassen wir uns nochmal ins Gras fallen, um dem Körper Wasser und Nüsse nachzuliefern. Und ich gebe mir kurz Zeit meine Nerven zu beruhigen – Höhenangst lässt grüßen, aber einen alternativen Weg gibt es eigentlich nicht.

Wir sind zwar beide langsam auch etwas müde nach dem Tag, entscheiden uns aber doch dafür, den Abstieg auch noch zu machen. Mir ist bewusst, dass das jetzt nicht ganz ungefährlich ist – es ist schließlich das Ende des Tages und das Etappenziel. Beides lässt die Verletzungsgefahr statistisch gesehen steigen, weil man am Ende des Tages nicht mehr so fit ist, und am Ende der Etappe euphorisch ist und weniger konzentriert, da man es ja fast geschafft hat.

Aber wir wollen runter, und das Frühstücksbuffet in der Unterkunft, die gerade zugesagt hat, motiviert echt enorm. Also erinnern wir uns nochmal daran, dass jetzt höchste Konzentration gefordert ist und wir vorsichtig gehen müssen, und dann ging’s los. Zu Beginn ist der Abstieg für mich in Ordnung, da wir im Wald bergab gehen und die Steile ins Tal kaum sehen können. Immer wieder geht es aber durch nicht bewaldete Stellen, wo der Blick ins Tal schwindelerregend tief geht. Ich konzentriere mich auf den Weg und bilde mir ein, dass ich am gemütlichen Rachel im bayrischen Wald den Abstieg mache und ermahne mich immer wieder, dass ich nicht zur Seite schaue.

Der Weg geht wirklich sehr steil bergab und ich wünsche mich die ganze Zeit weit Weg auf ein ebenes Gelände. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaue ich dann doch mal hinab und sehe, dass wir immernoch immens hoch sind. Mein Körper ist so angestrengt vom bergab gehen und ich bin höchstkonzentriert nicht auszurutschen, umzuknicken oder hinzufallen. Der Angstschweiß trieft nur so an mir herab. Der Fuchs hingegen scheint vor mir den Abstieg relativ entspannt zu gehen. Es gibt mir zumindest etwas Sicherheit zu sehen wo der Weg langgeht.

Nach knapp eineinhalb Stunden kommen wir tatsächlich unten an. Als ich aus dem kleinen Waldweg auf den großen Forstweg wechsle und die Anspannung von mir abfällt, muss ich erstmal kurz heulen und mich hinsetzen, so erleichtert und gleichzeitig fertig bin ich.

Während ich dort auf dem Forstweg sitze, bin ich gleichzeitig völlig erschöpft, erleichtert und stolz. Vor ein paar Stunden hatte ich noch Angst vor dem Abstieg und jetzt sitze ich hier unten. Mit zitternden Beinen, schweißnassen Händen und dem Gefühl, dass Rjukan nach fast 1300 Höhenmetern Abstieg heute ein kleines Stück verdienter ist.

Fast unten.


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Veröffentlicht von DieWanderElster

Hej, ich bin die WanderElster, Bloggerin aus der Taunusgegend. auf diesem Blog schreibe ich über draußenverbrachte Zeit, wandernd, weiterwandernd, mit Rucksack, ohne Rucksack und ich freu mich, dass ihr dabei seid!

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