Als wir von Rjukan Richtung Geilo aufbrechen, hoffen wir noch auf etwas weniger Regen, ein bisschen mehr Fjell und vielleicht sogar einen Hauch von Sommer.
Stattdessen bekommen wir Straßenkilometer, Starkregen, Hagel, Polarwind, sehr viele Bushäuschen und die Erkenntnis, dass eine heiße Waffel an einem kalten Wandertag beinahe magische Kräfte besitzt.
Während wir Kilometer für Kilometer Richtung Norden laufen, begleitet mich aber auch immer wieder die Frage, ob wir eigentlich schnell genug sind – und ob Wandern schon immer so anstrengend war oder ich das erfolgreich verdrängt habe. Diese Etappe handelt deshalb nicht nur von Regen und Straße, sondern auch davon, wie schwer es manchmal sein kann, einfach weiterzulaufen und darauf zu vertrauen, dass der eigene Weg schon der richtige ist.


NPL Statistik
- Mückenbarometer: 2/10
- Zeltübernachtungen: 3
- Hüttenübernachtungen: 2
- Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: 0x (jujuu!)
- Müsliriegel Elster: 3
- Müsliriegel Fuchs: 0
- Flüssefurten: 1
- Tage ohne Regen: 1
- Gelaufene Blasen: 4
- „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: 1x (wir reißen uns wirklich zusammen)
- Rentiere/Elche: 0
- Ohrwurm der Woche:
- Elster: Jetzt ist Sommer – Wise Guys (bin bei der Kälte und Nässe etwas verzweifelt)
- Fuchs: Marmor, Stein und Eisen bricht – Drafi Deutscher (a.k.a. für den Fuchs: „Weine nicht, wenn der Regen fällt“)
- Gesamtkilometer: 464,2
Tierbeobachtungen (hält sich bei Straßenetappen etwas in Grenzen): Wirklich sehr viele Regenwürmer, div. Singvögel, Rotwild (Reh), Auerhahn, ziemlich viele Ameisen (die neue Behausungen bauen), ein aufdringliches Eichhörnchen, Greifvogel (undefiniert), Hase, Marder, viele Spuren von Elchen
Tag 24 – 08. Juni 2026 (Pausentag)
Juhuu, erstmal Pausentag. Nach dem anstrengenden Tag gestern mit dem Höllenabstieg nach Rjukan finde ich, haben wir uns das wirklich verdient. Und der Fuß vom Fuchs freut sich auch. Dem geht es nämlich mittlerweile deutlich besser und wir hoffen, dass das auch so bleibt.
Tatsächlich ist der Pausentag heute aber relativ wenig Pause. Wir machen zwar ein sehr ausgiebiges Frühstück und kosten die gesamte Frühstückszeit von 08:00 – 10:00 Uhr voll aus, aber danach geht es an die Planung für die weitere Strecke.
Leider können wir den Weg über die Vidda hoch raus aus Rjukan über die DNT Hütten nicht nehmen. Die letzten wilden Rentiere Norwegens sind hier unterwegs und bekommen gerade ihren Nachwuchs. Diese Zeit stehen die Tiere unter sehr strengem Schutz und sollen durch Wanderer wie uns nicht gestört werden. Während ich das aus Tierschutzgründen vollkommen nachvollziehen kann und gutheiße, dass die Tiere in Norwegen einen so hohen Stellenwert bekommen, bin ich gleichzeitig auch etwas traurig, dass wir diese wunderschöne Gegend aussparen müssen. Das bedeutet nämlich auch, dass der einzige andere Weg tagelang Straße bedeutet.
Wir setzen uns den Vormittag also hin, und planen unsere Route neu. Am Ende klingt die Etappe gar nicht so uninteressant und ich freu mich darauf, die nächsten Kilometer zu machen. Gleichzeitig freut sich aber auch der Regen darauf, die nächsten Kubikmeter voll zu machen: Der Fuchs, der bei uns für die Wettervorhersage verantwortlich ist, schlägt Alarm, denn für morgen ist extrem viel Regen angesagt (doppelt so viel wie das letzte Mal, als wir es für viel empfunden haben). Sogar eine Flutwarnung wird (insbesondere wegen der Kombination aus Starkregen und Schneeschmelze) für die nächsten zwei Tage ausgesprochen. Man soll sich vor allem von fließenden Gewässern fernhalten. Da wir aber hauptsächlich auf Straßen unterwegs sind, denke ich, dass wir zumindest nicht weggespült werden sollte . Wir buchen uns aber sicherheitshalber eine Unterkunft, um im Zelt nicht irgendwo mit dem Erdreich wegzurutschen.


Nach der Route geht es an die Lebensmittelplanung für die nächsten Tage und es wird entsprechend eingekauft. Da es viele Supermärkte auf dem Weg geben wird, brauchen wir entsprechend wenig Proviant (Straße muss auch Vorteile haben).




Anschließend machen wir noch einen Spaziergang durch Rjukan – was wäre schon ein Pausentag ohne ein paar Kilometer? Und zu guter Letzt geht es noch zum gemütlichen Pizzaessen und dann auch schon wieder ins Bett, um Kräfte für den Kampf mit dem Regen zu tanken.

Tag 25 – 09. Juni 2026 (19,2 Kilometer)
Wie erwartet ist es heute richtig nass. Wir sitzen um 8 Uhr beim Frühstück und schauen dem Regen draußen zu. Da raus zu gehen haben wir beide nicht so richtig Lust, aber wir wollen ja weiterkommen, also überwinden wir uns – Augen zu und durch. Da heute nur 19 Kilometer auf hauptsächlich Schotterstraße auf dem Programm stehen, haben wir es heute morgen nicht eilig aus der trockenen Unterkunft zu kommen. Und so ist es schon 10:30 Uhr als es endlich los geht.


Zum ersten Teil des heutigen Weges gibt es eigentlich wenig Spannendes zu erzählen. Wir sind innerhalb von fünf Minuten klitschnass und der Weg unter uns ertrinkt in literweise Regenwasser. Wir verlassen Rjukan östlich und laufen auf einem Radweg entlang der Hauptstraße Richtung Miland. Die Strecke ist einfach zu gehen und so haben wir nach zweieinhalb Stunden zwölf Kilometer gemacht.
Genau die richtige Zeit für ein Mittagessen im – ihr werdet es erraten – Bushäuschen! Die sind für uns wirklich mittlerweile eine echte Oase zum Trocknen, Kochen und Regenbeobachten geworden. Sobald wir für die Mittagspause ein solches erreichen, ziehen wir die Regenjacken aus, hängen sie irgendwie im Bushäuschen auf, und verpacken uns selbst in Pullis und Daunenjacken, damit wir nicht auskühlen, sobald wir stehen. Denn im Regen zu wandern ist – solange kein allzu starker Wind geht – warm.
Ihr wundert euch vielleicht, dass wir im Bushäuschen keine wartenden Fahrgäste stören, wenn wir uns dort so ausbreiten. Die Bushäuschen sind aber nie genutzt, da es in dieser ländlichen Gegend kaum Busse gibt und diese hauptsächlich von Schüler*innen genutzt werden, um morgens zur Schule hin und nachmittags wieder nach Hause zu kommen.
Wenn wir das Bushäuschen bezogen haben, wird auf dem Gaskocher eine Tütensuppe gekocht, verspeist und vielleicht noch ein Cappuccinotütchen geteilt. Heute sind wir ganz wild unterwegs und haben Kardamomschnecken für den Nachtisch dabei.


Anschließend geht es für uns weiter. Wir laufen noch eine Weile auf einem Dorfweg durch Miland und kommen aber bald auf die größere Straße, die uns zu unserer heutigen Unterkunft bringen soll. Da das Wetter es heute so ungut mit uns meint, wollen wir heute nicht zelten, wenn es nicht unbedingt sein muss.


Eigentlich ist auf dieser Art Straße nach unserer bisherigen Erfahrung nichts los und nur alle paar Minuten kommt vielleicht mal ein Auto aus einer Richtung. Leider ist das heute aber anders. Wir kommen auf eine für norwegische Verhältnisse viel befahrene Straße, auf der zudem auch viele LKWs unterwegs sind. Das an sich ist ja noch nicht schlimm, nur leider gibt es weder einen Rad- geschweige denn Fußweg neben der Straße. Es gibt nicht mal einen kleinen Streifen neben dem Teer, auf dem wir gehen können. Zudem ist die Straße auch sehr schmal zwischen Fels bzw. Berg und dem See. So hatten wir uns das eigentlich nicht vorgestellt.
Es wird ein ziemlich abenteuerlicher Nachmittag, in dem ich nicht nur Angst um mich und den Fuchs habe (weil wir quasi ständig auf der Fahrbahn laufen müssen), sondern auch etwas Bange um die Autofahrenden, die netterweise eigentlich alle versuchen, den Sicherheitsabstand zu uns einzuhalten. Das was wir hier machen ist gerade echt gar nicht cool, aber es gibt keinen alternativen Weg für uns. Ich stelle mir zwischendurch vor wie in den norwegischen Verkehrsnachrichten von den zwei verrückten Personen berichtet wird, die den Verkehr behindern…
Nach vier Kilometern ist unser Ziel, Gøynes, endlich erreicht und ich etwas zittrig. Ich bin heilfroh, dass nichts passiert ist und entscheide, dass wir morgen die nächsten paar Kilometer auf dieser engen und doch vielbefahrenen Straße entweder mit dem Bus oder per Anhalter überspringen werden, um uns und andere nicht zu gefährden.
Unsere heutige Unterkunft ist aber total süß und wir freuen uns immens, aus dem Regen und von der Straße runter zu sein. Wir feuern direkt den Kamin an, und hängen unsere triefenden Sachen zum Trocknen auf. Der Abend vergeht mit Blick auf den verregneten See direkt neben uns und mit dem Knistern des Feuers im Ohr.









Tag 26 – 10. Juni 2026 (35,1 Kilometer)
Wir machen uns heute früh auf den Weg, da wir den Bus um 8:17 Uhr oder 8:27 Uhr direkt neben unserer Unterkunft nutzen wollen, um die paar Kilometer zwischen See und Fels auf der Straße zu überspringen.
Der erste Bus fährt einfach an uns vorbei, obwohl wir winken. Ich bin zwischenzeitlich schon so genervt, dass ich doch mein Leben auf der Straße riskieren will, da kommt aber doch der zweite und hält tatsächlich an, um uns reinzulassen. Wir steigen bei blauem Himmel und kühlem Sonnenschein im nächsten Dorf aus und gehen erstmal in den Supermarkt – für ein Spaßgetränk und zweites Frühstück. Ich hab nämlich tatsächlich schon wieder Hunger. Drei Lomper mit Marmelade reichen wohl nicht mehr.
Wir setzen uns zum Frühstücken auf eine Bank raus, aber wollen demnächst los. Wir haben etwas getrödelt und so ist es schon 10 Uhr, als wir den Tagesmarsch beginnen.



Der Weg selbst ist heute schnell erzählt: Straße, Straße und noch etwas mehr Straße. Um uns herum sind Wiesen, Weiden, Höfe, verlassene Holzhäuschen und ein tosender Fluss. Zumindest regnet es gerade Mal nicht. Aber sobald wir stehen bleiben, wird es kalt.



Um 13 Uhr freuen wir uns, an dem ersten und letzten Bushäuschen des heutigen Tages vorbeizukommen und nehmen es in alter Gewohnheit in Beschlag. Wir machen ausgiebig Pause und snacken uns durch die Tütengerichte, zusätzlichen Sommerlykke aus dem Supermarkt und gönnen uns wie gestern einen Cappuccino zum Nachtisch.
Auf der Straße kommt selten Hochgefühl auf, sodass ich mich mit Musik versuche weiter zu motivieren. Der Nachmittag bleibt relativ ereignislos, bis uns letztlich doch der Regen einholt, der eigentlich erst abends hätte kommen sollen. Aber sieh da: Es ist tatsächlich Hagel! Der war zwar auch nicht angesagt, aber gut. Bald wechselt der Hagel in dichten Regen und wir sind nach ein paar Minuten wieder patschnass. Während die Regentropfen auf meine Brille klatschen und Die Toten Hosen nicht ins Paradies wollen, frage ich mich, ob ich wirklich ans Nordkap will.



Kurz vor unserem Ziel kommen wir an dem nächsten 24/7 Supermarkt in der Einöde vorbei. Wir brauchen eigentlich nichts, aber wir gehen trotzdem rein für ein Spaßgetränk und entscheiden uns für zwei kleine Smoothies, um den Vitaminhaushalt aufzupeppen.
Vor dem Supermarkt trinken wir gerade gemütlich aus, als eine Frau mit ihrem Auto direkt neben uns hält und anspricht. Als sie hört, dass wir Norge på langs laufen und aus Deutschland sind, ist sie Feuer und Flamme und erzählt, dass erst vor ein paar Tagen andere Deutsche vorbeigekommen seien, die auch wandern würden (falls wir sie richtig verstanden haben). Wir wissen zwar nicht, wer das sein soll, sind aber gespannt, ob wir die irgendwann vielleicht mal einholen.
Kurz vor dem Aufstieg hoch ins Imingfjell ist unsere Tour heute fertig. Wir suchen ein Zeltplätzchen und werden in einer vermeintlichen Seitenstraße unter Birken fündig. Das Zelt steht, bevor es wieder anfängt zu regnen und wir lassen den Tag ausklingen mit Abendessen im Zelt und dem Ehrenwort Podcast, während die Regentropfen leise auf unser Zeltdach fallen und neben uns auf der Straße weiterhin Betrieb ist.

Tag 27 – 11. Juni 2026 (26,4 Kilometer)
Heute habe ich richtig tief geschlafen. Der Fuchs weckt mich gegen 6 Uhr, damit wir heute etwas früher loskommen als sonst. Es gibt ein leckeres Frühstück im Zelt und dann wird dieses leider nass eingepackt. Die Nacht über hat es natürlich geregnet.
Der 400 Höhenmeter Aufstieg hoch ins Imingfjell ist schneller gemacht, als gedacht. Es geht wie gestern wieder über die Straße, sodass es eine sehr entspannte Steigung ist und uns kommen auch kaum Autos entgegen. Ich merke den ganzen Teer der letzten Tage mittlerweile in den Füßen und so freue ich mich, dass wir oben größtenteils am Straßenrand entlang auf Kies und Matsch gehen können, um dem harten Untergrund wenigstens für ein paar Schritte zu entgehen. Auch wenn wir seit Tagen auf derselben Straße laufen, ist hier oben gar nichts los. Aber wir lenken uns heute wieder mit Musik in den Ohren von der Straße ab.


Sobald wir oben sind, fegt uns ein eisiger Wind um die Ohren, sodass mein Körper sich anfühlt, als wäre er am Nordpol angekommen. Es ist also dringend an der Zeit, die Windhose und -jacke drüberzuziehen. Das Thermometer sagt es seien 4 Grad, aber der Wind macht es um ein Vielfaches kälter und so brennt mein Gesicht bald vor Kälte.



Bald kommen wir wieder in eine Sommerhäuschensiedlung, in der ein dunkel angestrichenes Holzhaus neben dem anderen in der Landschaft ruht. Wir kommen heute sehr gut voran. Um 10 Uhr haben wir 10 Kilometer gemacht und setzen uns für eine kurze Pause hinter eine Düne, um dem Wind zu entfliehen. Als Zwischensnack gibt es Schokolade, ein Knäckebrot, und Oliven (letzteres haben wir luftdicht verpackt und eingeschweißt im letzten Supermarkt gefunden und mitgenommen – ist als Wandersnack wirklich sehr zu empfehlen).
Jetzt sind es nur noch 6 Kilometer bis zur Imingfjell Hütte, die aber wegen dem Winter (ja, hier ist noch kein Sommer) momentan geschlossen hat. Der Weg dahin kommt mir ewig vor, da wir sie in dieser kargen Landschaft schon bestimmt eine Stunde vorher sehen können.



Dort angekommen machen wir erstmal gemütlich Mittagspause. Wir freuen uns über eine Bank direkt am Eingang, die im Windschatten steht und wir somit unsere Heizenergie für wann anders aufsparen können.
Mich beschäftigt momentan, ob wir auch schnell genug sind. Ich vergleiche immer mal, wie weit andere sind oder in anderen Jahrgängen zu diesem Zeitpunkt schon gewesen sind. Mich verunsichert, dass andere NPL Laufende schneller zu sein scheinen oder mir nichts dir nichts riesige Etappen schaffen, was ich mir gerade noch nicht wirklich vorstellen kann. Vor allem auch nicht bei dem ganzen Regen. Auf schönen, weichen Forstwegen und bei sommerlicheren Temperaturen geht das, aber auf steinharten Straßen und im matschigen Sumpf schaffe ich das – zumindest noch – nicht. Ich weiß natürlich, dass Vergleiche Quatsch sind, jede Tour ist anders. Jeder Jahrgang hat sein eigenes Wetter und eigene Herausforderungen. Und jeder Mensch läuft anders. Aber da macht mein Kopf eben sein eigenes Ding. Der Fuchs sagt aber, ich soll einfach laufen, dann passt das schon.




Eigentlich wollten wir heute hier oben bleiben, da das Wetter aber einfach Mal schön ist (und für die restlichen Tage der Etappe wieder Regen angesagt ist), wollen wir heute noch weiter und nehmen den Abstieg in Angriff. Es geht 600 Höhenmeter runter, aber da es natürlich auf der Straße weitergeht, ist die Steigung sehr entspannt und meine Höhenangst lässt sich kein einziges Mal blicken.
Vielleicht motiviert auch der 24/7 Supermarkt in Uvdal. Kaum dort angekommen plündern wir den Laden: Es gibt ein Spaßgetränk, ein süßes Teilchen, einen Quetschjoghurt, eine große Dose Pfirsiche und einen Schoko-Lolli. Wir verzehren alles direkt vorm Supermarkt auf der Bank. Hier fegt zumindest kein Polarwind und wir können uns etwas aufwärmen, da gerade die Sonne scheint und etwas Wärme spendet.
Beim Überprüfen der weiteren Route fällt mir auf, dass wir jetzt über 400 Kilometer gelaufen sind. Mal wieder ein kleiner Meilenstein, über den wir uns sehr freuen. So weit sind wir beide noch nie gelaufen. Ich kann mir gerade kaum mehr vorstellen, dass wir vor vier Wochen noch am Leuchtturm in Lindesnes standen.
Nachdem wir alles verputzt haben, Schultern wir die Rucksäcke und machen uns auf den weiteren Weg auf die Suche nach einem geeigneten Zeltplatz. Es dauert einen Moment länger als gedacht, aber wir finden letztlich doch eine Stelle, die etwas erhöht vom Weg ist, sodass uns niemand sehen sollte.
Hier machen wir zwar das erste Mal Erfahrung mit der Spezies Mücke, allerdings ist der Zeltplatz selbst ein Traum, und die Sonne kommt ebenfalls nochmal raus. Es wird so warm im Zelt, dass wir erstmal die Absiden auflassen müssen, da es sonst zu warm wäre. Und es ist das erste Mal seit wir in Norwegen sind, dass wir am Zelt ganz entspannt machen können. Alle anderen Zeltnächte mussten wir direkt in die warme Kleidung wechseln und rein in den Schlafsack, um nicht auszukühlen.
Ziemlich erschöpft machen wir uns noch ein Tütengericht und schlüpfen früh in die Schlafsäcke.

Tag 28 – 12. Juni 2026 (26,2 Kilometer)
Auch wenn wir gestern schon gegen 20 Uhr geschlafen haben müssten, komme ich heute um 6:15 Uhr als der Wecker klingelt gar nicht aus den Federn. Es dauert also eine Weile, bis wir beide unsere sieben Sachen gepackt und gefrühstückt haben, und das Zelt eingepackt ist. Heute morgen scheint auch noch kurz weiterhin die Sonne, sodass das Zelt fast trocken eingepackt werden kann.
Die ersten Meter sind heute für uns beide irgendwie mühsam. Wir kommen nicht richtig in den Schritt. Nach 2 Kilometern geht es dann die Straße hoch auf den nächsten Pass bis nach Vasstulen. Das Café / Restaurant in diesem Ferienort macht leider erst gegen 12 Uhr auf, aber wir sind schon um kurz nach 10 Uhr dort. So lange können wir nicht warten. Schade eigentlich, ich hätte mich so auf eine heiße Waffel gefreut und darauf, mich aufzuwärmen.



Der Himmel ist mittlerweile wieder zugezogen und hier oben pfeift uns ein eisiger Wind um die Ohren. Wir machen vor dem Café trotzdem unsere erste kurze Pause, da der Anstieg für uns beide heute relativ anstrengend war. Wir sitzen dort etwas erschöpft und knabbern an einer Schokolade, während wir darüber sinnen, wie schön das Wandern hier bei 20 Grad und Sonne wäre. Wie viel weniger beschwerlich, einfach weil der Körper die Energie nicht für lebenserhaltende Körperwärme aufbringen müsste, sondern in Wanderenergie stecken könnte.


Es laufen ein paar Urlauber um uns herum, die auch alle in Winterjacken eingepackt sind. Ich kann kaum glauben, dass wirklich schon Juni ist.

Es geht dann weiter, schon allein um wieder warm zu werden. Wir wollen heute mindestens bis Dagali laufen weil – ihr könnt es euch vielleicht denken – dort der nächste Supermarkt ist.
Und während der Wind um mich herum pfeift, merke ich, dass der Fuchs heute mit dem Wetter auch nicht so zufrieden ist. Windjacke aus, doch die Regenjacke an, dann Mütze runter, Mütze wieder auf.


Der Weg runter ins Tal kostet uns heute auch mehr Energie als sonst. Wir sind aber happy, dass wir die 20 Kilometer letztlich bis 14 Uhr geschafft haben, trotz einiger Höhenmeter. Wir finden einen netten Rastplatz direkt am Fluss in Dagali, der sogar ein Toilettenhäuschen und schöne Sitzplätze hat. Hier kochen wir uns endlich unser Mittagessen. Es beginnt leicht zu nieseln, aber da wir unter einem Blätterdach sitzen, bekommen wir davon kaum etwas mit.



Ich merke, dass ich die Tütensuppe wirklich gebrauchen kann, dem Fuchs geht es ähnlich. Die Energie bei diesen Temperaturen und dem ständigen Regen aufrecht zu halten und gleichzeitig jeden Tag so viele Kilometer zu machen, fühlt sich vor allem heute wirklich sehr mühsam an. Wie schön wäre es, wenn jetzt einfach mal ein paar Tage Sonne wäre, und ein paar Grad mehr. Wir müssen beide über unsere betretenen Gesichter lachen. Natürlich verspüren wir trotzdem sehr viel Freude auf der Tour, aber merken auch, dass eine Fernwanderung nicht explizit etwas mit Urlaub oder Erholung zu tun hat, sondern wir bei den Wettergegebenheiten eher jeden Tag die eigenen Grenzen austesten und vielleicht auch Mal mehr, Mal weniger stark dehnen. Und natürlich sich dabei jeden Tag motivieren, weiterzulaufen.
Als wir nach einer Stunde Pause kurz darauf am Supermarkt ankommen, sehen wir direkt daneben ein kleines Café. Na ob es da wohl die heißersehnten Waffeln geben wird? Wir beschließen erstmal den Einkauf zu machen, und huschen dann kurz später ins Café. Und tatsächlich, hier gibt es heiße Schokolade und Waffeln. Und eine warme Stube. Wir stürzen uns auf die Leckereien, und wir finden beide, dass es eine hervorragende heiße Schokolade und Waffel war. Wir bleiben dann noch eine Weile im Warmen sitzen, bis mein Kopf von der Zimmertemperatur zu glühen anfängt. Jetzt müssen wir doch langsam weiter.



Gestärkt vom Zucker geht es hinaus auf den nächsten Pass. Da oben wollen wir nach einem Zeltplatz suchen. Nicht ideal, da es oben natürlich auch kälter ist, aber nur bis Dagali zu laufen, reicht uns heute nicht und bis ins nächste Tal noch runter zu laufen ist uns einfach zu weit. Wir haben gestern leider schon die Unterkunft in Geilo gebucht für Sonntag bis Dienstag, da wir dachten, dass wir 6 Tage bis nach Geilo bräuchten. Allerdings merken wir jetzt, dass wir eigentlich schon morgen am 5. Tag (Samstag) ankommen. Das wird morgen wieder ein Tag mit 25 Kilometern, aber viel weniger Höhenmetern, also sollte das machbar sein.
Wir schreiben der Unterkunft, ob wir gegebenfalls doch einen Tag früher kommen dürften, haben aber heute noch keine Antwort. Wir schauen Mal, wie und bis wohin wir morgen kommen und gehen wollen.
Wir haben direkt hinter der Straße neben ein paar Bäumen einen ebenen Platz gefunden und schlagen just das Zelt auf, da es mittlerweile wieder regnet und der Wind auch vorbeikommt. Auch wenn wir uns tagsüber mit dem Laufen ab und zu etwas schwer getan haben, konnten wir doch die 25 Kilometermarke knacken. Nachdem wir uns in unsere flauschigen Sachen einmummeln, kochen wir noch ein Tütengericht und gegen 19:30 Uhr fallen wir langsam in den Schlaf.

Tag 29 – 13. Juni 2026 (24,2 Kilometer)
Also heute morgen will ich einfach gar nicht aufstehen. Es ist eiskalt um uns herum, das motiviert einerseits gar nicht und andererseits sehr. Wir schälen uns aus den Schlafsäcken und ziehen schnell die warme Wollkleidung aus, und schlüpfen in die kalte und teils nasse Wanderkleidung. Dann wird alles wasser- und luftdicht verpackt und noch ein kurzes Frühstück verdrückt, um Energie für diese Kälte zu haben.
Und halb 8 packen wir das klitschnasse Zelt ein, das uns die vergangene Nacht vor Regen und Wind geschützt hat. Meine Finger sind beim Verpacken so kalt, dass sie ganz rot werden und wehtun. Als wir endlich los kommen, bin ich total durchgefroren. Es dauert ein paar hundert Meter bis ich mich einigermaßen warm gelaufen habe. Da die dicke Wolkendecke und der dichte Regen die Sicht einschränken und wir wieder direkt auf einer Schnellstraße laufen, setzt der Fuchs seine Kopflampe auf, damit uns die wenigen Autofahrenden, die jetzt schon unterwegs sind, besser und früher wahrnehmen.
Es geht die ersten drei Kilometer erstmal bergab. Wir müssen runter ins Tal. Die Aussicht ist aufgrund der Wetterlage natürlich dürftig. Unten angekommen hat sich der Regen in einen leichten Nieselregen verwandelt, sodass wir zwischendurch tatsächlich mal die Kapuzen abnehmen können. Wir laufen anschließend fast zehn Kilometer an dem Holmevatnet und Skurdalsfjorden entlang auf einem schönen Waldweg und genießen die Stille und die Nebellandschaft um uns herum. Währendessen fallen immer wieder kleine Tropfen auf meine Brille und verweigern mir die kaum vorhandene Sicht.

Nach 13 Kilometern ist es 11 Uhr und wir finden ein relativ neues Gapahuk, das wir direkt in Beschlag nehmen. Endlich mal aus dem Regen raus! Wir bauen unsere kleine Kochstation auf und kochen uns eine Tütensuppe und einen Cappuccino. Den Cappuccino feier ich mittlerweile ziemlich, da er etwas Süße nach den sehr salzigen Tütensuppen gibt. Die Norweger sind wohl große Salz-Fans. Anschließend gibt es noch ein bisschen Schokolade und ein paar Sprachnachrichten mit daheim.



Während wir in die Bäume und auf den See schauen, bekommen wir eine Nachricht von unserer heutigen Übernachtung. Wir dürfen gerne schon heute anreisen. Wir freuen uns total, dass wir den Ruhetag einen Tag vorziehen können und so schon nach fünf Tagen in Geilo ankommen. Damit liegen wir wieder etwas vor unserem Plan, was uns etwas Puffer und Entspannung gibt.
Wir laufen weiter und wissen jetzt, dass eine Hütte und Dusche am Ende des Tages auf uns wartet. Eine ziemlich gute Motivation, wenn man bedenkt, dass unsere letzte Dusche schon sechs Tage her ist.


Die nächsten paar Kilometer geht es nochmal über den letzten Hügel Richtung Geilo etwas hoch und dann können wir die Stadt (oder besser das Dorf?) schon erahnen. Geilo scheint eine Gemeinde zu sein, die vom Skitourismus lebt und außerhalb der Skisaison leergefegt ist. Wir haben es tatsächlich bis hierher geschafft und können es irgendwie selbst kaum glauben, wie weit wir jetzt schon gelaufen sind. Geilo war monatelang ein Punkt in unserer Excelplanungstabelle und jetzt stehen wir wirklich hier. Und gleichzeitig fühlt sich der erste Tag, der mittlerweile vier Wochen her ist, unglaublich weit weg an.


Die letzten Kilometer heute ziehen sich sehr. Es geht dabei durch eine verlassene Skiferienhauslandschaft. Wir wollen jetzt eigentlich nur noch ankommen. Meine Füße tun weh und der Fuchs hat sich eine fiese Blase gelaufen. Zum Glück gibt’s im Paket hier in Geilo neue Schuhe!



Wir dürfen um 15 Uhr einchecken. Und kommen um 14:58 Uhr an – wenn das nicht fast eine Punktlandung ist! Als wir auf den Campingplatz laufen, sehen wir schon die Besitzerin mit unserem Paket in Hütte 3. Sie begrüßt uns herzlich und übergibt uns Hütte und Paket. Wir sind ziemlich erschöpft von Kälte und Regen, aber jetzt muss doch erstmal das Paket aufgemacht werden. Neben einem leckeren Mitbringsel für die Besitzerin, die sich um unser Paket die letzten Wochen gekümmert hat, liegen auch viele leckere Sachen für die nächste Etappe im Paket: Ein großes Dankeschön jedenfalls an Vergangenheits-Elster für die ganzen Leckereien 😄! Und sehr gut, dass es neue Socken gibt, denn meine haben auf den letzten Metern tatsächlich Löcher gekriegt.


Wir schlüpfen erstmal direkt in die neuen Schuhe, breiten den Paketinhalt in der Hütte aus und kommen endlich unter eine Dusche. Das ist fast alles, was unser Herz gerade braucht. Anschließend nehmen wir den Bus ins Zentrum von Geilo (die zwei Kilometer one way sind nach 464,2 Kilometer einfach zu weit) und gehen Pizzaessen, um unser Etappenziel zu feiern und dem Bauch das zu geben, was er gerade braucht.

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