Nach mehreren Etappen Regen, Kälte und Bushäuschen-Gourmetküche erleben wir auf dem Weg nach Vinstra etwas, womit wir kaum noch gerechnet hatten: Sommer.
Plötzlich ist uns beim Wandern warm, wir essen Waffeln ohne dabei zu frieren, und statt vor Regen flüchten wir vor Mücken. Während wir uns langsam Richtung 700-Kilometer-Marke bewegen, begegnen wir neugierigen Norwegern, kämpfen mit Blasen, ändern zum gefühlt vierten Mal unsere Route und stellen fest, dass eine Fernwanderung auch nach über einem Monat noch voller Überraschungen steckt.
Und irgendwo zwischen Sonnenschein, Autan-Duschen und Jotunheimen-Blick wird uns klar, dass sich dieses Leben draußen mittlerweile erstaunlich normal anfühlt.
NPL Statistik
Mückenbarometer: 4/10
Zeltübernachtungen: 7
Hüttenübernachtungen: 1
Sonstige Unterkunft: 2
Flussüberquerung: 1
Tage ohne Regen: 6
Gelaufene Blasen: 4
Zusatzkilometer aufgrund von Orientierungskompetenz: 2
„Es ist nicht mehr weit“ obwohl es noch weit war: 2 (dafür, dass wir zehn Tage unterwegs waren schon richtig gut)
Anzahl Duschen: 3
Rentiere/Elche: 0
Ohrwurm der Woche:
Elster: Aristocats Theme Song
Fuchs: Anti Hero – Taylor Swift
Gesamtkilometer: 699,2 Kilometer
Tierbeobachtungen: viele Schmetterlinge und Falter, Ameisen, diverse Singvögel, ein Specht, viele Insekten, insb. Mücken (!!!), Spinnen, Hasen, Kraniche, Eichhörnchen, ein Rehkitz.
Tag 30 – 14. Juni 2026 (Pausentag)
Ich liebe Pausentage. Endlich ausschlafen und mal nicht raus in die Kälte zu müssen ist schon ein echter Luxus. Da wir gestern schon im Zentrum zum Pizzaessen und einkaufen waren, müssen wir heute auch nicht nochmal los. Als wir wach werden bringe ich erstmal unsere Kleidung in die Waschmaschine auf dem Campingplatz – unsere Klamotten können nämlich ganz dringend ein bisschen Frische vertragen. Wir frühstücken in der Zwischenzeit ganz gemütlich und ich freue mich, dass es heute ganz viel Obst und Joghurt gibt.
Danach wird erstmal die Sauna vom Campingplatz getestet. Die liegt direkt neben der Waschküche. Ich shifte unsere Wäsche noch in den Trockner um, bevor wir in den Saunabereich gehen. Da hier momentan wirklich gar nichts los ist, haben wir die kleine Sauna für uns allein. Wir packen uns in die Handtücher und stellen die Sauna an. Dann wird erstmal etwas frierend gewartet.
Nach und nach strömt aber die Wärme durch den kleinen Holzraum und ich träume von einer eigenen Sauna für Zuhause. Es fühlt sich traumhaft an, den Körper mal so richtig aufzuheizen nach der ganzen Kälte die vergangenen Tage.
Nach einer Stunde im Saunabereich sind wir endlich richtig warm und die Wäsche richtig trocken. Dann geht es an die Tourplanung. Unsere weitere Route hat sich mittlerweile schon zweimal verschoben, und wir brauchen nun einen dritten Plan. Alle guten Dinge sind drei, oder?
Im Langsua Nationalpark ist es einfach zu nass. Der DNT hat uns geschrieben, dass die Wanderungen dort momentan sehr schwierig seien, da es nur (unter Wasser stehende) kleine Wanderwege gäbe. Wir bauen uns daher eine neue Route Richtung Vinstra, was fast den ganzen Nachmittag in Anspruch nimmt, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden sind. Es ist natürlich auch schwieriger die richtigen Wege zu basteln wenn man auf einem kleinen Handydisplay planen muss.
Die nächsten 240 Kilometer soll es dann über Gol, Røn, Beitostølen und schließlich über den Jotunheimvegen nach Vinstra gehen.
Der Wetterfuchs sagt voraus, dass es die kommenden Tage wohl etwas weniger regnen soll und wir vielleicht übermorgen sogar 18 Grad bekommen sollen. Dann wurden unsere Sonnengebete also vielleicht erhört?
Viel zu viel essen im Paket gewesen, dass wir jetzt tragen müssen 😅Blick aus unserer Hütte raus.
Nach dem stundenlangen Brüten über Karten und Basteln in komoot raucht mir der Kopf und ich leg mich erstmal für einen Nachmittagschlaf hin in die sauberen Laken, wie gut sich das anfühlt. Was man nicht alles so wertschätzen kann, wenn man tagelang dem Regen und der Kälte draußen ausgeliefert war.
Anschließend hat der Fuchs Burger gemacht und das war super lecker, aber viel zu viel. Kaum zu glauben, aber wir haben es tatsächlich geschafft aufzuessen. Also vielleicht wirklich kein Regen morgen?
Hütte Nr. 3
Tag 31 – 15. Juni 2026 (23,2 Kilometer)
Unser Wecker ist auf 7:15 Uhr gestellt. Wie gewohnt kommen wir so gar nicht aus dem Bett. Sehr merkwürdig, bin ich doch Zuhause eine absolute Frühaufsteherin. Wir machen uns noch mal ein gemütliches Frühstück mit den Resten, die vom Einkauf übrig sind. Wir haben wirklich einfach viel zu viel eingekauft – wir haben also noch nicht gelernt, dass man hungrig nicht einkaufen geht.
Es wird ein echter Krampf, alle Lebensmittel in den Rucksäcken zu verstauen und als wir sie schultern, sind sie so schwer wie noch nie zuvor. Der Grund weshalb so viel Essen im Paket war, ist auch, dass wir ursprünglich durch Jotunheimen laufen wollten, wo es für uns fast 10 Tage keine Einkaufsmöglichkeit gegeben hätte. Auf der neuen Route kommen wir alle zwei Tage an Supermärkten vorbei, was das Gewicht vom Essen im Rucksack jetzt leider etwas unnötig macht, aber wir müssen uns jetzt unserem Schicksal ergeben.
Die ersten paar Meter sind ganz schön anstrengend. Zum Glück haben wir heute kaum Höhenmeter, dafür aber etwas über zwanzig Kilometer nach Ål. Dort wollen wir auf einem Campingplatz schlafen. Es geht für uns erstmal raus aus Geilo und kurz über einen kleinen Waldweg, der etwas auf und ab geht. Dann kommen wir auf den Drivavegen, einen Forstweg, dem wir den gesamten Tag folgen werden.
Dadurch ist die Wegfindung heute natürlich sehr entspannt, und wir setzen uns bald beide Musik auf die Ohren, um die Monotonie des Weges auszublenden. Es ist ungewohnt mit den neuen Schuhen zu laufen. Sie fühlen sich noch ziemlich fest und unerfahren an.
Das Wetter ist heute tatsächlich fast freundlich. Zwar wird der Himmel von dicken Wattewolken bedeckt, aber es regnet kein einziges Mal und ist auch etwas wärmer, als letzte Woche. Unser Jammern aus der letzten Etappe hat also ein Ende! Es wird mir zwischenzeitlich fast zu warm. Bin ich Temperaturen über 10 Grad schon nicht mehr gewohnt?
Gegen Mittag machen wir Pause. Da kein Regen fällt, können wir uns einfach wo es uns gefällt auf den Boden setzen und gemütlich Pause machen. Wie entspannt das Leben ohne Regen ist!
Es gibt heute Wraps mit Coleslaw, Oliven und Chips. Eine waghalsige Kombi, aber sehr empfehlenswert. Und immerhin gehen so ein paar schwere Reste vom Pausentag weg.
Anschließend geht es weiter über den fast schon tristen Forstweg. Ohne Musik würde ich gerade echt eingehen, da es einfach nicht viel Spannendes zu entdecken gibt. Wenn wir mal den Blick raus aufs Tal haben, erinnert mich die Landschaft fast an das Rheintal. Norwegen mal anders.
Während ich meinen Gedanken nachhänge, fällt mir auf, dass ich jetzt schon länger als je zuvor von der Arbeit weg bin. Ein merkwürdiges Gefühl. Normalerweise wäre jetzt der Punkt erreicht, an dem man längst wieder an die Rückreise denkt. Stattdessen liegen noch über 100 Tage vor uns, an denen wir weiter hier draußen rumhüpfen dürfen.
Mit solchen Gedanken vergeht der Nachmittag recht schnell und meine Füße schmerzen irgendwann vom Gewicht auf dem Rücken. Zum Glück ist Ål in Sicht und wir trudeln um kurz vor 17 Uhr auf dem Campingplatz ein und wir fragen an der Rezeption, ob wir einen Platz für unser Zelt haben können. Der Mitarbeiter schaut skeptisch in den Rechner und weist uns schließlich eine Parzelle zu. Wir wundern uns über seinen Ausdruck, scheint der Campingplatz doch tatsächlich quasi leer zu sein.
Damit sollten wir jedenfalls Recht behalten. Auch in Laufe des Abends bleiben wir zwei von wenigen Gästen hier. Aber so ist es zumindest schön entspannt hier und wir können dem Fluss zuhören, wie er in unserer Nähe Wasserkrach macht. Der Campingplatz ist ziemlich teuer, aber immerhin sind die Duschen umsonst, die man sonst immer extra zahlt.
Nachdem wir das Zelt aufgebaut haben, gehen wir noch duschen – so teuer der Campingplatz ist, so bombastisch fancy sind jedenfalls die Duschen. Anschließend gibt es noch Pasta Napoli und Orangentee, und wir verziehen uns bald darauf ins Zelt.
Tag 32 – 16. Juni 2026 (26,9 Kilometer)
Heute morgen werde ich wach, weil mir zu warm ist. Moment, zu warm? Ich mache den Reißverschluss von meinem Schlafsack auf und ziehe, die trockenen Augen auf den Fuchs neben mir gerichtet, verschlafen die Mütze vom Kopf. Dass wir es mal warm geschweige denn zu warm haben würden, habe ich für diese Reise gar nicht mehr für möglich gehalten.
Wir machen uns im Zelt ein Müsli mit heißem Wasser. Während ich das Müsli in mich hineinstopfe um dem Hungergefühl die Stirn zu bieten, bedauere ich das Müsli nicht kalt gegessen zu haben. Das hätte bei den Temperaturen tatsächlich besser geschmeckt.
Gegen 9 Uhr sind wir startklar und es geht auf einem ähnlichen Weg wie gestern entlang des Hallingdalselve Flusses durch den Wald auf einem Forstweg. Ähnlich wie gestern hat der Weg nicht viel zu bieten, aber immerhin haben wir heute wenig Höhenmeter, sodass es ein dankbarer Wandertag werden sollte.
Ob hier ein Troll unter der Erde wohnt?
Es ist wirklich richtig schön warm heute. So sehr, dass ich bald in ein dünneres Oberteil wechsel, und der Fuchs direkt ins T-Shirt-Level geht. Dann noch flott die Sonnencreme drauf, und weiter geht’s.
Auf dem Weg begegnen uns immer mal wieder vereinzelt Radfahrende. Andere Wandernde sehen wir nicht. Mit Musik auf den Ohren lassen wir die Kilometer hinter uns. Gegen 12 Uhr kommen wir an einer Bank vorbei, die wir dankend besetzen. Für Mittagessen ist es uns eigentlich noch zu früh, aber wir snacken im Laufe der 20 Minuten Pause doch einiges an Käse, Wurst und Keksen, dass ich mich danach frage, ob wir überhaupt noch eine Mittagspause brauchen.
Mittagspause
Auch wenn mir heute irgendwie die Füße wehtun, genieße ich den Wandertag total. Es tut so gut, mal mit Sonne zu laufen. Nicht ständig in Bewegung sein zu müssen, um nicht auszukühlen. Nicht jeden Tag auf ein Bushäuschen oder eine verlassene Scheune zu hoffen, um für die Mittagspause aus dem Regen zu kommen. Heute kann mein Körper endlich mal einfach nur laufen.
Der Fuchs wird währenddessen von fiesen Blasen an der Ferse maltretiert. Der Arme hat irgendwie kein Glück mit den Füßen. Als wir uns gegen 14 Uhr doch noch für eine längere Pause an einen kleinen Bachlauf setzen, in den ich meinen Füßen eine kleine Abkühlung genehmige, schauen wir uns das Blasendrama doch mal genauer an. Eine der Blasen hat tatsächlich mittlerweile eine weitere Blase on top bekommen und ist so groß wie ein 2€ Stück. Wir stechen sie aus, setzen ein großes Blasenpflaster drauf und hoffen, dass das etwas Abhilfe schaffen wird.
Das gezwungene Lächeln, das er sich beim Start nach der Pause abgewinnen kann, lässt leider anderes vermuten. Aber er kämpft sich den Nachmittag durch. Wir hoffen mal, dass die Blasen in den kommenden Tagen austrocknen und er dann wieder besser laufen kann. Morgen stehen auch wieder einige Höhenmeter auf unserer Tagesplanung, was der Belastung vom Fuß ein bisschen Abwechslung verschaffen wird.
Wir gehen weiter, wir haben noch einige Kilometer heute vor uns, denn wir wollen es heute bis nach Gol schaffen. Der späte Nachmittag zieht sich dann etwas. So geht es mir eigentlich immer, wenn ich weiß, dass wir eigentlich fast da sind. Meine Füße glühen in der Sonne.
Gegen 17 Uhr kommen wir dann in Gol an. Der Campingplatz, auf dem wir heute schlafen wollen, liegt direkt hinter der Brücke, über die wir ans andere Ufer gehen. Wir sind ruckzuck eingecheckt und bekommen einen Zeltplatz etwas abseits von den großen Campingwagen. Perfekt für uns. Und der Campingplatz ist tatsächlich sehr günstig und hier sind die Duschen auch inklusive. Jetzt wird noch ein Tütengericht gekocht und dann geht es an ins Bett.
Tag 33 – 17. Juni 2026 (20,4 Kilometer)
Wir werden heute von den Sonnenstrahlen auf dem Zelt geweckt. Es ist schön warm im Zelt und ich will gar nicht aufstehen. Als ich mich letztlich doch aus dem Schlafsack schäle und ich den Weg zum Waschhaus auf mich nehme, tuen mir die Füße bei den ersten Metern ziemlich weh. Zurück im Zelt machen wir uns erstmal Müslifrühstück. Diesmal mit kaltem Wasser – passt viel besser zu diesem Wetter.
Gegen 8 Uhr machen wir uns auf den Weg. Der Fuchs humpelt leicht – die eine Blase an der rechten Ferse ist zwar etwas besser geworden, die riesige Blase am linken Fuß ist aber unverändert riesig und prall mit Wasser gefüllt, was natürlich beim Laufen wirklich weh tut.
Wir überlegen kurz, was wir machen können. Leider macht die Apotheke hier erst um 9 Uhr auf, darauf wollen wir eigentlich nicht warten. Und was soll uns die auch anderes geben als Blasenpflaster?
Jetzt stehen erstmal 550 Höhenmeter auf dem Plan. Die Hoffnung ist, dass es beim nach oben gehen vielleicht nicht ganz so schlimm ist. Wir nehmen also den Anstieg in Angriff. Ich hiefe mich bald mit dem immer noch echt schweren Rucksack den Berg hoch, während die Sonne auf uns herab scheint. Für Höhenmeter werde ich wohl nie so fit sein, dass ich mir denke „Yay, es geht bergauf!“.
Meine Laune wird vor allem auf der Hälfte getrübt, wo wir ein Stück unterhalb der Straße auf einmal 40 Höhenmeter wieder runter müssen, um sie dann wieder hochzugehen. Ich bin total genervt, hatte ich mich doch gerade erst mühsam hier hochgeschleppt, wie ätzend bitte. Weiterhin schnaufend ziehe ich mich den Berg hoch – zum Glück habe ich Trekkingstöcke dabei. Ohne die, wäre ich vielleicht gar nicht mehr da.
Für den Fuchs ist der Aufstieg in Ordnung. Immer diese Bergkinder, die die Höhenmeter nur so hoch tanzen, denke ich mir.
Als wir ENDLICH oben sind, machen wir erstmal Pause. Wir suchen uns ein schattiges Plätzchen neben einer Bushaltestelle ohne Bushäuschen und füllen erstmal unsere Lebensgeister, es gibt Cracker mit Käse, getrocknete Aprikosen und viel Wasser.
Die Blase schmerzt natürlich trotzdem, wir überlegen wieder, was wir machen können. Da es jetzt eine sehr einfache Wegführung einfach entlang der Straße sein wird, und hier theoretisch auch in einer Stunde ein Bus kommen soll, entscheiden wir, dass ich weiter zu Fuß gehe und der Fuchs zur nächsten Häuseransammlung vorfährt, um so sechs Kilometer weniger laufen zu müssen.
Es ist merkwürdig, auf einmal alleine zu laufen, aber dann ist es jetzt mal so. Aber der Fuchs muss sich ja auch nicht quälen, wenn es andere Alternativen gibt. Also bei mir jetzt Musik auf die Ohren, und los geht’s. Die Sonne scheint gnadenlos auf mich herab, es gibt eigentlich keinen Schatten am Straßenrand. Nach ca. einer halben Stunde holen mich zwei Radfahrende ein: „Greetings from your husband!“ rufen sie mir im Vorbeifahren zu und winken lächelnd. Der Fuchs hat also Mal wieder neue Freude gefunden.
Leider keinen echten Elch gesehen.
Beschwingt von den Grüßen laufe ich weiter. Als ich um die Ecke biege, sehe ich einen kleinen Hasen 20 Meter vor mir auf der Straße sitzen, und Zack ist er auch schon wieder im Gebüsch verschwunden. Nach einer weiteren halben Stunde fährt ein Auto an mir vorbei – und der Fuchs winkt mir zu! Er hat also eine Mitfahrgelegenheit gefunden, sehr gut!
Nach einem weiteren Kilometer komme ich an einem kleinen See vorbei. Hier steigt ein Mann gerade auf sein Fahrrad und radelt mir entgegen. Als er auf meiner Höhe ist, ruft er mir noch lächelnd zu „Your husband says hi!“. Das hebt nochmal meine Laune. Nach eineinhalb Stunden hab ich es geschafft und hole den Fuchs ein. Ich brauche jetzt erstmal eine Pause. Die Sonne war gnadenlos.
Der Fuchs erzählt von seinen witzigen Begegnungen und von Noak, der ihn mitgenommen hatte. Dieser war so verwundert von unseren Wanderplänen, dass er erstmal mit dem Fuchs ein kurzes Beweisvideo aufgenommen hat, dass er wirklich jemanden getroffen hat, der Norwegen komplett durchlaufen will. Leider liegt uns dieses Video nicht vor 😄
Wir setzten uns an einen Flusslauf und ich lasse erstmal die Füße ins Wasser, um abzukühlen. Nach zwanzig Minuten geht es für uns weiter. Wir halten immer wieder den Daumen raus, wenn dann doch mal ein Auto vorbeikommt, in der Hoffnung dass der Fuchs nochmal ein paar Kilometer überspringen kann, haben aber kein Glück.
Gegen 15 Uhr kommen wir in Oset an. Wir wollen uns heute ein fancy Hotel gönnen, um das Knacken der 500 Kilometermarke zu feiern.
500 Kilometer. So weit bin ich in meinem Leben noch nie am Stück gegangen.
Und gleichzeitig fühlt es sich inzwischen völlig normal an, morgens den Rucksack aufzusetzen und weiterzulaufen.
Wir checken im Oset Fjell Hotel ein, indem es sowohl Abendessen als auch Frühstücksbuffet gibt und ein Schwimmbad. Wir freuen uns, quasi einen halben Ruhetag dazu zu bekommen. Die Rezeptionistin ist schwer begeistert von unserer Reise und bietet uns direkt einen kleinen Rabatt an, über den wir uns natürlich immens freuen.
Erstmal wird geduscht und dann die Blasen neu versorgt. Die Blase am linken Fuß, die eine zusätzliche Nachbarin bekommen hat, hat sich wieder mit Wasser vollgesaugt und schmerzt, auch wegen dem Druck unter den Pflaster. Wir überlegen hin und her, entscheiden uns dann aber dazu, das Pflaster zu entfernen und die Blase aufzustechen. Anschließend verbinden wir sie ohne eine Pflaster, in der Hoffnung, dass sie über Nacht etwas trocknet. Mit viel Desinfektionsmittel und hoffentlich sterilen Utensilien bastel ich also eine Weile an des Fuchses Fuß rum. Die Fotos, die wir natürlich gemacht haben, ersparen wir euch.
Danach geht’s für mich ins Wasser vom Schwimmbad. Der Fuchs lässt dieses schweren Herzens aufgrund der Blasen aus. Er hat trotzdem ziemlichen Spaß dabei, mir zuzusehen, wie ich mich ins etwas zu kalte Nass hineinzwinge. Da das Hotel gerade in der Nebensaison zu sein scheint, gibt es kaum andere Gäste und das Schwimmbad haben wir für uns allein. Um 19:30 Uhr gibt es endlich Abendessen – es ist ein Buffet, also können wir so viel essen wie wir wollen!
Wir halten es kaum aus, bis dahin nichts zu essen, um uns den Appetit nicht zu verderben und rennen, als es endlich soweit ist, fast runter zum Essensraum. Es gibt ein riesiges Buffet mit allem, was wir uns den Tag über erträumt haben und arbeiten uns nach und nach durch die Gerichte. Als es Zeit für Nachtisch ist, schaffe ich tatsächlich nichts mehr und schaue dem Fuchs zu, wie er sich noch einen Kuchen und Sahnequark organisiert. Schön, ihn nach diesem Abend so happy zu sehen. Gegen kurz vor 21 Uhr gehen wir wieder rauf zum Zimmer und schlummern direkt ein.
Tag 34 – 18. Juni 2026 (27,2 Kilometer)
Ich wache heute mal vor dem Fuchs auf, gegen kurz vor 6 Uhr bin ich wach. Es ist noch zu früh für Aufstehen und Frühstück, also bleibe ich liegen und schreibe ein wenig am Blog. Gegen halb 8 klingelt der Wecker und wir machen uns auf zum Frühstücksbuffet. Tatsächlich fühle ich mich noch relativ voll vom Abendessen und freue mich daher vor allem auf Obst und Gemüse. Davon gibt es beim Buffet zum Glück zu Hauf. Ein neuer Kellner, der gerade erst seinen zweiten Arbeitstag hat, fragt uns noch ob wir auch Eier und Bacon möchten. Natürlich wollen wir!
Nach dem Frühstück geht es wieder rauf auf’s Zimmer um die Rucksäcke zu packen. Die sind zum Glück nicht mehr ganz so schwer, weil wir schon einiges an Lebensmittelvorrat gegessen haben, es ist schließlich schon Tag 4 der Etappe. Wir verquatschen uns noch ein wenig mit dem Rezeptionisten, als wir auschecken und dann geht es los.
Troll im Eingangsbereich.
Wir haben heute knapp 25 Kilometer vor uns und wieder einige Höhenmeter, aber das Wetter meint es wieder gut mit uns. Wir haben fast blauen Himmel und die Sonne scheint zwischen ein paar Wolken hindurch. Wir machen uns auf den Weg, der heute relativ einfach sein sollte, da er dem Sandweg folgend verlaufen wird. Zu Beginn sind wir ein paar Kilometer auf dem Mjølkevegen unterwegs, also übersetzt auf dem Milky Way!
Der MjølkevegenBlick rüber auf die Berge von Jotunheimen.
Wir sind heute beide total in Quassellaune und kommen so thematisch von Stöckchen auf Steinchen. Dabei bemerken wir kaum, dass wir in eine neue Provinz kommen: Wir sind jetzt in Innlandet!
Wer tauscht Schaf gegen Lehm? Hat wer Holz?
Während wir glücklich Meter machen und auch die Füße vom Fuchs mitspielen (die Blase ist tatsächlich über Nacht relativ trocken geworden, auch wenn sie immer noch da und immer noch sehr groß ist), kommen wir von einem Hof zum nächsten und lassen ein Sommerhäuschen nach dem anderen hinter uns. Dabei scheint die Sonne auf uns herab, und Schafe fühlen sich von uns verscheucht. Und bald können wir ein unglaubliches Panorama auf die schneebedeckten Berge von Jotunheimen werfen. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus und müssen alle paar Meter stehen bleiben, um zum zehnten Mal ein Foto zu machen, dass der Wirklichkeit nicht gerecht wird. So macht das Wandern heute einfach richtig Spaß. Wie schön, wenn es einfach jeden Tag so wäre!
Zur Mittagspause kommen wir sogar an einer Bank mit Tisch vorbei, die ja einfach Mal perfekt für uns ist! Neben der Bank steht ein Fahrrad, aber wir sehen weit und breit keinen Besitzer, also nehmen wir die Bank in Beschlag. Als wir uns gerade ein Süppchen kochen und ein paar Kekse in Cappuccino tunken, kommt der Besitzer von seiner Wanderung zurück. Ein älterer Herr, der uns auf Norwegisch anspricht. Dafür reichen unsere Kenntnisse nicht, also geht es schnell auf Englisch weiter. Er erzählt, dass er hier in der Nähe ein Sommerhäuschen hat, und häufiger hier in der Gegend ist. Wir unterhalten uns eine Weile und erzählen von unserer Reise. Er kann kaum glauben, dass er wirklich zweiVerrückte trifft, die eine solche Wanderung vorhaben. Auch, wenn er von solchen Leuten schon Mal gehört hat, hat er ja noch nie welche getroffen. Er erwähnt immer wieder wie glücklich er sich fühlt, uns getroffen zu haben. Und dass er kaum glauben kann, dass es wirklich gedauert hat, bis er 75 ist, dass das mal passiert. Wir müssen mit ihm viel lachen, was uns die Mittagspause versüßt.
Eine Bank für die Mittagspause.
Nachdem er sich verabschiedet hat, machen auch wir uns bald wieder auf den Weg. Der Nachmittag vergeht wie im Flug und auf einmal sind wir kurz vorm Tagesziel. Das ging heute viel entspannter und schneller, als ich erwartet hab.
Wir machen also nochmal eine Pause, bevor wir uns auf Zeltplatzsuche begeben. Die sollte dann auf einmal sehr viel schwieriger werden, als ich gedacht hatte. Das Gelände war viel abschüssiger, als ich es durch die Karte erwartet habe, und es ist auch viel enger besiedelt und alle freien Flächen eingezäunt. Wir landen schließlich auf einer Weide hinter einer Nebenstraße und hoffen, dass uns hier niemand wegscheuchen wird. Jetzt ist aber 21 Uhr und bisher ist hier niemand vorbeigekommen. Fingers crossed.
Tag 35 – 19. Juni 2026 (21 Kilometer)
Während der Fuchs heute morgen schon neben mir rumräumt, lasse ich meine Augen noch einen Moment zu. Wir haben beide nicht so gut geschlafen, auch weil der Zeltplatz nicht ganz so eben war. Aber gut, man kann nicht immer einen Traumzeltplatz finden. Als wir gegen 8 Uhr loskommen, fällt uns beiden das Wandern schwer. Wir brauchen also beide etwas, um reinzukommen. Tatsächlich sollte das bis zum Nachmittag so bleiben. Es ist schon witzig, wie sich an manchen Tagen die Kilometer quasi von alleine nebenbei laufen, und man dann wieder jeden Schritt, den man nimmt, explizit aktiv laufen muss.
Wir müssen anfangs ein kleines Stück runter, um dann den ganzen Vormittag quasi wieder bergauf zu laufen, um dann nach Slidre wieder runterzulaufen. So kann man auch 650 Höhenmeter über den Tag verteilt zusammenlaufen.
Da wir das Frühstück heute im Zelt haben ausfallen lassen aufgrund von zu wenig Wasser, holen wir das nach ca. einer Stunde nach. Wir setzen uns auf eine Rasenfläche am Straßenrand, die frisch gemäht ist und machen uns ein kaltes Müslifrühstück. Währendessen fahren einige Leute an uns vorbei und winken uns teils erfreut zu. Wir sehen wohl auch etwas witzig aus, wie wir da so auf dem Boden frühstücken.
Der Weg ist gerade sehr asphaltlastig, das geht auf die Gelenke. Aber es ist trotzdem eine schöne Weiden- und Hoflandschaft. Ich weiß nicht, ob mir je an einem Tag so viele Trekker entgegengekommen sind wie heute. Das Wetter ist heute angenehm unauffällig. Kein Regen, keine wirkliche Sonne, bewölkt, konstante 17 Grad (während die Heimat in über 34 Grad dahin schmilzt).
Als wir uns endlich bis nach Slidre geschleppt haben, kehren wir erstmal in den Supermarkt ein. Ein Spaßgetränk muss her! Und da jetzt mit 11 Uhr ja fast Mittag ist, können wir das Mittagessen auch direkt hier machen. Für unseren Raubzug durch den Supermarkt reißen wir uns sehr zusammen: Zwei Smoothies, ein Ingwershot, zwei Spaßgetränke, zwei Plunderstücke, ein Stück Pizza, Käsesticks, eine Banane und ein Joghurt. Wir machen es uns neben dem Supermarkt auf der Bank gemütlich und kurz darauf kommt auch die Sonne raus. Da wird mir fast zu warm. Ich geh anschließend mit dem Pfand nochmal in den Supermarkt und hole noch eine Wundheilsalbe für den Fuchs. Die hatten wir nämlich blöderweise in unserem 1.-Hilfe-Set vergessen. Wir hoffen, dass damit die Blase etwas besser und schneller heilt.
Nach dem Mittagsstopp geht es erstmal 300 Höhenmeter rauf durch ein Wohngebiet. Da ich mich kurz vorher noch mit Sonnencreme eingeschmiert habe, fließt mir bei der warmen Sonne nun wieder der Schweiß runter. Bald ist mein Sweatshirt klitschnass. Auf dem Weg treffen wir noch zwei Eichhörnchen. Ungewöhnlich aber für norwegische Verhältnisse, handelt es sich hier um einen Serpentinenweg. Sonst geht es meistens einfach geradeaus hoch. Bald sind wir raus aus dem Wohngebiet und kommen in einem Wald auf den Pilgrimsvegen, der endlich wieder eine Schotterstraße ist. Hier sollten uns jetzt nur noch alle paar hundert Meter ein paar Sommerhäuschen entgegenkommen.
Pilgrimsvegen
Bald darauf fährt ein Auto auf uns zu und macht fast eine Vollbremsung neben uns. Was ist das denn jetzt, denke ich noch. Da kurbelt der Fahrer schon das Fenster runter (okay gekurbelt hat er wohl nicht, aber ihr wisst was ich meine) und lacht uns entgegen. Weit aus dem Auto gelehnt, fragt er uns wo wir denn hin wandern würden und bei unseren Rucksäcken geht es ja sicherlich etwas weiter? Wir müssen lachen und sagen, dass wir Norge på langs laufen, also zum Nordkap. Er freut sich riesig und fragt uns etwas aus. Anschließend meint er noch, dass wenn heute nicht sein letzter Urlaubstag wäre, er ja zu gerne einen Tag mit uns gemeinsam laufen würde. Das fänd ich schon witzig, quasi einen Gast dabei haben. Der Fuchs meint aber, dass der potentielle Gast viel schneller wäre als wir und uns dann davonliefe, wenn er nur einen Tagesrucksack dabei und noch keine Blasen hätte. Da mag was dran sein.
Ausblick vom Pilgrimsvegen
Nach dem kleinen Plausch geht es für uns weiter. Uns kommt hier oben niemand entgegen, ich habe wieder das Gefühl, alleine auf der Welt unterwegs zu sein (also mit dem Fuchs im Schlepptau), als wieder ein Auto auftaucht. Der Fahrer hält ebenfalls und fragt uns, wo wir hin wandern würden mit den schweren Rucksäcken. Wie neugierig die Leute auf dieser Straße sind. Als wir sagen ,dass wir zum Nordkap wollen, und wie schön hier gerade der Blick ins Tal ist, lädt uns der Mann spontan zu sich ins Sommerhäuschen ein paar Meter weiter auf einen Kaffee ein, um den Ausblick von seiner Veranda zu genießen. Perfekt, wollten wir doch eh gerade Pause machen.
Alleine wäre ich vielleicht nicht mitgegangen, sah ich mich doch schon in der nächsten Folge von Mordlust. Aber wer könnte zu einem Kaffee schon nein sagen? Und so stehen wir fünf Minuten später auf der Veranda und haben einen traumhaft schönen Blick auf das Tal und auf die schneebedeckten Berge rund um Ryfoss. Das Sommerhäuschen riecht angenehm nach altem Holz und der Kaffee gibt sein Weiteres für die Gemütlichkeit dazu. Wir unterhalten uns eine Weile mit Thomas, dann geht es für uns weiter und wir lassen ihn mit der Stille hier oben wieder allein.
Ausblick von Thomas‘ Veranda.
Wir haben heute wenig Zeitstress und so laufen wir gemütlich den restlich geplanten Weg für heute. Wir kommen an ein paar potentiell schönen Zeltplätzen vorbei, allerdings sind diese von Schafen belegt und wir wollen sie nicht verscheuchen (falls das überhaupt ginge, sie sind nämlich recht interessiert). Also laufen wir weiter und finden kurz vor unserem Tagesziel einen passenden Platz. Nach der langen Suche gestern, nehmen wir den Platz dankend in Beschlag und bauen das Zelt auf. Es ist zwar erst 16 Uhr, aber wir machen für heute trotzdem Schluss. Die Blasen freuen sich und wir liegen ein bisschen im Zelt rum und machen früh Abendessen. Anschließend verbringen wir den restlichen Abend mit Quasseln und machen uns früh bettfertig. So entspannt darf das gerne häufiger sein.
Abendhygge
Tag 36 – 20. Juni 2026 (18,2 Kilometer)
Als ich heute morgen wach werde, ist der Fuchs schon mit Einpacken beschäftigt. Es soll heute regnen, ab ca. 7:30 Uhr soll es losgehen und eigentlich den Tag über durchregnen. Es ist jetzt kurz nach halb 7, als ich mich endlich aufraffen kann, auch langsam den Morgen zu starten.
Es soll für uns heute nur bis nach Beitostølen gehen, da ja starker Regen angesagt ist und wir dort gerne in einer Hütte schlafen wollen. Das sind nur 18 Kilometer. Wir waren nett zu uns und haben uns für die Mitte der Etappe nach Vinstra einen etwas kürzeren Tag eingebaut. Ich schalte also mein sonstiges Drill Sergeant Niveau für heute etwas runter und lasse mich und den Fuchs ein bisschen entspannter laufen.
Um Punkt 7:30 Uhr ist das Zelt eingepackt und wir startklar in den Regenklamotten. Da wir keine Lust haben, gleich wieder stehen zu bleiben, haben wir uns heute entschieden, die Regenkleidung direkt drüber zu ziehen. Wir laufen los, und es ist unglaublich schwüle und dicke Luft. Ich fühle mich wie in einem Dampfbad, in dem ich in einer luftdichten Verpackung sitze. Die Mücken sind heute auch gut drauf und piesacken uns von Beginn an. Wir riechen für sie bestimmt unwiderstehlich. Die kleine Schafherde von gestern möchte den selben Weg nehmen wie wir, traut sich aber an uns nicht vorbei und nimmt einen Umweg durch den Wald, um einen großen Bogen um uns zu nehmen.
Regenfront möchte mit uns mitlaufen.Weit hinten eine kleine Schafherde, die sich nicht an uns vorbei traut.
Es geht erstmal leicht bergauf. Ich habe das Gefühl, in der Regenkleidung keine Luft zu bekommen – als würde die Haut mitatmen und geradezu protestieren gegen die stickige Luft unter der Jacke. Dem Fuchs geht es auch nicht anders und nach einer halben Stunde ohne Regen entscheiden wir uns am Straßenrand auf einem Hügel unser Frühstück nachzuholen und uns aus den Regenklamotten zu schälen.
Tatsächlich kommen jetzt doch ein paar Tropfen, aber von dem angesagten starken Schauer ist weiterhin außer dunklen Wolken nichts zu sehen. Insgesamt ist der Himmel heute sehr zugezogen. Es sieht aus, als wäre eine dunkelblaue Wattedecke über uns, die die Schwüle bei uns hält.
Nachdem wir das Frühstück beendet haben, nehme ich noch eine Autan-Dusche. Die Mengen an blutrünstigen Mücken um uns herum ist ja nicht mehr normal. Der Fuchs verzichtet erstmal, weil er Autan nicht gut riechen kann, merkt aber schnell, dass jetzt wo ich nicht mehr auf der Speisekarte stehe, er das einzig verfügbare Opfer ist und macht mir bald nach.
Bald kommen wir nach einem Stück Forstweg wieder auf die Straße. Hier ist heute gar nichts los. Überhaupt sehen wir heute eigentlich niemanden. Nach ein paar Kilometern soll es durch ein Waldstück über einen Forstweg rüber auf die andere Seite der Hügelkette gehen, wo wir letztlich auch nach Beitostølen kommen. Ich schaue auf die Karte und sehe, dass wir hier jetzt links hoch müssen. Links hoch ist aber ein Wohngebäude und dahinter eine Koppel am Waldrand. Wie wir da wohl hochlaufen sollen?
Es ist zwar nicht das erste Mal, dass wir über ein Grundstück laufen müssen, um auf einen Waldweg zu kommen, allerdings ist hier das Tor zu und wir müssten über eine Koppel, von der aus uns auch zwei Pferde schon misstrauisch beobachten. Bewohnende sehen wir nicht.
Die einzige Alternative wäre aber 10 Kilometer zusätzlich, worauf wir heute so gar keine Lust haben. Also Augen auf und durch. Die Koppel ist ziemlich gesichert, mit zusätzlichen Schlaufen am Eingang und einem Elektrozaun. In der Hektik, sich mit dem dicken Rucksack durch das Tor zu schieben, streife ich den Zaun und kriege natürlich einen ganz leichten Stromschlag. Wir haben es aber schnell geschafft und durchschreiten gerade das zweite Tor zum Forstweg, als eines der beiden Pferde angerannt kommt, um sich die Eindringlinge doch mal genauer anzuschauen. Aber zu spät, das Tor ist schon wieder zu. Und neben uns huscht ein Reh vorbei.
Darf nicht mit.Forstweg hinterm Haus. Mückenland.
Nach einer weiteren Autan-Dusche machen wir uns weiter durch den Wald. Erst auf einem gut ausgetretenen Forstweg, der bald immer zugewucherter wird und im Sumpf letztlich ganz verschwindet. Ich schaue wieder auf die Navigationsapp und eigentlich müssten wir genau neben dem Weg stehen. Zwischenzeitlich sind wir auch genau auf dem Weg. Ich schaue auf den Boden, aber hier ist nur Sumpf, Moos und umgefallene Bäume, die hier schon etwas länger liegen. Außer Tierpfaden und viel Elchlosung gibt es hier nichts. Wie merkwürdig, dass der breite Forstweg hier einfach im nirgendwo geendet haben soll?
Hier nach hört der Weg auf.
Dann machen wir uns eben querfeldein auf durchs Unterholz, immer der Kompassnadel nach in die richtige Richtung. Als wir nach ein paar hundert Metern plötzlich wieder auf einem Weg – unserem Weg – stehen. Einfach merkwürdig. Aber ich freue mich, dass der weglose Part dann wohl hinter uns liegt und wir unserem Weg wieder folgen dürfen.
Pausenplatz und Wasser holen
Nach einem Bach machen wir eine längere Pause und freuen uns, dass es immer noch nicht geregnet hat. Dafür knallt die Sonne unerbittlich auf uns herab. Gut, dass ich auch noch keine Sonnencreme drauf habe. Dann hole ich das doch mal flott nach, damit ich morgen nicht als Tomate verkleidet durch die Landschaft laufen muss. Zum Glück ist direkt neben uns ein Bach und wir filtern noch etwas Wasser, damit sollten wir für den restlichen Weg ausgestattet sein. Von hier sind es nur noch acht Kilometer.
Den weiteren abschüssigen Weg durch das Waldstück verlieren wir zwar nicht mehr, können uns aber so schmal wie er zwischendurch ist, kaum vorstellen wie hier Pferde durchlaufen können, geschweige denn Elche (von beiden Tieren sehen wir die Fußspuren im Matsch).
Unten angekommen treffen wir auf den Sagastogovegen, der uns nach einem kurzen Anstieg rauf zum Bygdinvegen bringt. Hier ist wieder richtig viel Verkehr, aber es gibt ausnahmsweise Mal einen Radweg neben der Straße, den wir nehmen. Jetzt liegen nur noch knapp vier Kilometer vor uns. Also machen wir nochmal eine kleine Pause mit Nüssen und Schokolade und dann geht’s an den Endspurt.
Mit Musik auf den Ohren geht das Ende zwar flott, aber jetzt kommt auch die Sonne nochmal richtig raus und treibt uns den Schweiß auf die Stirn. Ich habe kurz das Gefühl, einfach eins mit dem heißen Teer unter mir zu werden, als neben uns ein kleiner Wasserlauf über die dunkelroten Steine fließt. Ich tränke mein Stirnband und Buff in dem nach Eisen riechenden Wasser und ziehe beides eiskalt wieder an. Mit der Kühle an Stirn und Nacken geht es etwas besser weiter und dann haben wir es auch schon geschafft.
Wir sind etwas zu früh dran für den Check-in, also genehmigen wir uns ein spätes Mittagessen in der Pizzeria gegenüber, und machen noch flott die Einkäufe für die kommenden Tage bis Vinstra. Somit haben wir es heute endlich mal geschafft nicht hungrig einzukaufen und haben genau das gekauft, was wir wirklich brauchen.
Im First Camp checken wir in unsere Hütte ein und haben so noch den ganzen Nachmittag. Wir machen eine Handwäsche der Kleidung, die es am dringendsten nötig hat und verbringen den restlichen Tag mit Obstessen, auf den Regen warten, der immer noch nicht kommen will und die Seele baumeln lassen. So Mid-Etappe ist das quasi ein Nero (halber Pausentag) und die Füße freuen sich drüber.
Eine Hütte = Ein Waschsalon
Tag 37 – 21. Juni 2026 (28,5 Kilometer)
Wir stellen uns heute früh den Wecker. Es soll nachmittags wieder regnen und wir hoffen so, einen großen Teil der heutigen Etappe dann vielleicht schon hinter uns zu haben. Es wird noch gemütlich in der Hütte gefrühstückt und dann packen wir alles zusammen, machen die Hütte sauber und fegen noch flott durch. Dann geht es auch schon los.
Wir überlegen noch, ob wir doch noch irgendwas aus dem Supermarkt brauchen. Erst in vier Tagen kommen wir wieder an einer Einkaufsmöglichkeit vorbei. Aber da heute Sonntag ist, macht der Supermarkt später auf und wir wollen nicht eine dreiviertel Stunde warten. Das Essen wird schon noch reichen, wenn wir gut rationieren.
Der Weg führt uns jetzt erstmal auf einem Radweg durch Beitostølen, einem Ort der wohl nur während der Wintermonate zu leben scheint, und bald sind wir raus aus der „Stadt“, Richtung Bygdin unterwegs. Wir nehmen dann einen kleinen Wanderweg hoch auf ein paar Hügel. Von hier haben wir einen weiten Ausblick auf die umliegende Berglandschaft, die schon von Regenwolken eingenommen wird. Auf uns scheint währenddessen noch die Sonne runter. Aber es geht in Richtung Regen.
Während wir einen Schritt vor den anderen setzen, wird der Wind um uns herum immer stärker. Zeitweise muss ich mich richtig gegen den Wind lehnen, um nicht wegzufliegen. In der Windjacke wird mir bald zu kalt, hier oben sind wahrscheinlich nur ein paar Grad. Wir ziehen die Regenjacken drüber. Dann frieren auch die Finger, also müssen bald auch die Handschuhe herhalten.
Fuchs‘ Gedanken zum Kleidungsdilemma: Wenn ich mir eine Thruhiker-Supermacht aussuchen könnte, dann dass ich per Fingerschnipsen die Kleidung wechseln könnte ohne den Rucksack abzusetzen. Das wär’s doch.
Irgendwann geht es auf der Straße weiter. Es ist viel Verkehr für norwegische Verhältnisse, aber das Wandern geht einigermaßen, da es meistens ein ebenes Stück neben der Straße gibt, auf dem wir gehen können. Die Motorradfahrer scheinen heute alle an einem waghalsigen Rennen teilzunehmen.
Nach 15 Kilometern kommen wir im Bygdin Fjellhotell an, in dem es auch ein Cafe gibt. Perfekt für uns, ist doch gerade Zeit für eine längere Mittagspause. Ich bestelle mir ein Sandwich, der Fuchs bekommt eine Waffel mit Marmelade und Rømme. Das Fjellhotell ist sehr urig eingerichtet, mit viel Holzarbeiten im warmen Flur, zusammengewürfelten Stühlen und verschiedenen Salons, in die man sich setzen darf. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick auf den See neben dem Hotel. Ein passendes Ambiente für Waffeln und Sandwiches.
Das Bygdin Fjellhotell
Nach einer guten Stunde machen wir uns auf den weiteren Weg. Ich freue mich, dass es heute auf den Jotunheimvegen geht, den ich schon von meiner letzten Norwegenreise kenne. Als wir hierauf abbiegen, bekommen wir einen Ausblick auf ein gigantisches Bergpanorama um den Vinstre See.
Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus und machen unzählige Fotos, die dem wahren Blick mal wieder nicht gerecht werden. Die Weite der Ebenen vor uns fühlt sich schier grenzenlos an und wir können sie schon mit den bloßen Augen kaum verstehen.
Wirklich stehenbleiben können wir heute allerdings kaum. Es ist einfach zu windig und kalt, und mittlerweile holt uns auch immer wieder der Regen ein. Wir laufen also von einem Schauer in den nächsten. Der Wind nimmt auch stetig zu, je weiter wir gehen. Als wir um eine Biegung laufen, erblicken wir direkt vor uns einen Regenbogen, der aus dem See aufsteigt.
Wir wollten heute eigentlich bis zur Haugseter Fjellstue laufen und dort in einer kleinen Hütte schlafen. Da das Wetter aber so schön ist, wenn auch enorm windig, und die Landschaft quasi zum Zelten einlädt, entscheiden wir uns doch für das Zelt.
Während ich jetzt gerade etwas frierend im vom Wind geschüttelten Zelt liege, bereue ich die Entscheidung vielleicht etwas, aber für das Zeltfoto lohnt es sich. Gute Nacht.
Blick zur Haugseter Fjellstue Zeltplatz 10/10
Tag 38 – 22. Juni 2026 (28,2 Kilometer)
Momentan ist es in Norwegen nachts unglaublich hell. Als ich heute wach werde, freue ich mich, dass ich kurz vor dem Wecker wach bin. Draußen ist es taghell. Ich schaue aufs Handy: 2:34 Uhr. Okay, es dauert wohl doch noch etwas bis zum Wecker. Ich drehe mich wieder um, und schlafe weiter. Mit der Mütze ins Gesicht gezogen, kann ich mir die Nacht auch einbilden. Da wir den längsten Tag des Jahres jetzt hinter uns haben, werden die Nächte wieder länger. Aber davon spüren wir bisher natürlich noch nichts.
Als wir morgens losgehen, ist es eiskalt draußen. Der Wind von gestern ist immer noch da und fegt über uns hinweg. Das Zelt dabei abzubauen ist gar nicht so einfach, die Zeltstangen sind bitter kalt. Es geht heute eigentlich nur den Jotunheimvegen entlang. Daher ist die Wegführung heute einfach. Während der Wind mir durch die ungewaschenen Haare fegt, packe ich mich statt in die Windjacke doch in die dickere Regenjacke ein.
Wenn man den eigenen Schatten sieht, scheint die Sonne ☀️
Gegen halb 9 Uhr sind wir unterwegs. Die Sonne scheint und wir freuen uns, dass für heute mal kein Regen angesagt ist. Die ersten Kilometer vergehen wie im Flug und zwei Stunden später machen wir unsere erste Pause. Wir filtern etwas Wasser für den anstehenden Aufstieg und essen ein paar Nüsse. Sobald der Wind weg ist, kommen aber heute die Fliegen und Mücken, und so werden wir bald von unserer Rastbank vertrieben.
Als der Aufstieg geschafft ist, haben wir einen weiten Blick in das hinter uns liegende Tal, welches wir gestern und heute zu Fuß durchlaufen haben. Die Weite ist für uns immer noch nicht in Worte zu fassen und erschlägt uns förmlich. Vielleicht kommt das Gefühl aber auch vom starken Wind in meinem Gesicht.
Heute kommen uns unglaublich viele Campervans entgegen (okay, vielleicht so zehn, aber für hier ist das viel). Und witzigerweise sind das natürlich alles deutsche Kennzeichen. Welcome to Norway.
Nachdem wir am Buhø Gipfel vorbeilaufen und in das hintere Tal runtergehen, entscheiden wir uns mal eine Mittagspause zu machen. Wir finden ein ebenes Plätzchen neben der Straße in der Sonne und machen es uns gemütlich. Gemütlich war es aber wirklich nur im ersten Moment. Kaum haben wir uns hingesetzt, gesellen sich schon die ersten Mücken dazu. Und kleine Fliegen kommen auch, die uns um den Kopf schwirren.
Zum Glück haben wir noch Autan, und hüllen uns damit schnell ein. Das hilft aber leider nur bedingt. Die Mücken und Fliegen schwirren um uns herum und merken erst kurz nachdem sie sich auf unsere Nase, Stirn oder Ohr setzen, dass es nach Autan riecht und sie schwirren wieder ab. Das ist natürlich super nervig und irritierend. Entspannt Mittagessen oder Cappuccino trinken, ist da nicht drin. Wir hetzen also etwas, und machen uns dann wieder flott auf den Weg.
Fuchs: „Ich finde Mücken auch dumm, weil die einfach dumm sind.“ My words, honey…
Wenn wir stehen bleiben, kommen die Flugbiester, sind wir in Bewegung ist es einigermaßen erträglich. Entsprechend anstrengend wird der Tag heute noch und wir haben nur wenige ganz kurze Pausen. Die Landschaft ist dafür aber trotzdem toll, führt sie uns doch an Bergen in der Ferne vorbei und wir vermuten, dass wir sogar einige Gipfel aus dem Rondane Nationalpark erspähen können. Dort wird uns unsere nächste Etappe durchführen.
Da wir heute wieder knapp 25 Kilometer geschafft haben, ist unser nächster Ruhetag in Vinstra nicht mehr allzu weit weg. Nach zehn Tagen freuen wir uns schon, mal wieder einen Tag richtig auszuschlafen und rumzufletzen. Gestern fühlte ich mich noch so, als könnte ich Bäume ausreisen und 20 Etappen auf einmal laufen, heute fühlt sich alles wieder etwas anstrengender an und ich freu mich total, die Etappe bald geschafft zu haben.
Die Schafe haben auch Pause.
Wir basteln uns noch ein Abendessen, welches wir in der Abside kochen und versuchen, dabei nicht selbst zum Abendessen zu werden. Die Mücken sind in der Zwischenzeit nämlich in unsere Abside eingezogen. Also, schnell in die Schlafsäcke.
Tag 39 – 23. Juni 2026 (22 Kilometer)
Wir trauen uns heute eigentlich nicht aus dem Zelt. Draußen lauert bereits eine hungrige Meute Mücken und wartet nur darauf, dass wir unseren Tag beginnen. Ich habe heute morgen eigentlich keinen Hunger und würde gerne erst in einer Stunde auf dem Weg frühstücken, aber unter dieser Belagerung ist an ein Draußenfrühstück nicht zu denken. Also essen wir erstmal unser Müsli und versuchen das Losgehen so weit wie möglich hinauszuzögern.
Aber irgendwann müssen wir ja doch los, um dem Mückenland zu entfliehen. Wir zwingen uns also aus dem Zelt und verpacken es so schnell wie nur eben möglich. Aber auch wenn wir beide uns vorher nochmal in Autan gehüllt haben und hoffen, dass die Mücken uns dann einfach wie mit einem Tarnumhang nicht wahrnehmen, geht das große Stechen doch los.
Gepiesackt von den blutrünstigen Biestern huschen wir aus dem Feld zurück auf die Straße und verstecken uns unter den Kopfnetzen – so können sie einem wenigstens nicht direkt ins Gesicht springen. Oder in die Augen.
Fuchs: Was ist eigentlich schlimmer: Regen oder Mücken?
Ich sage, auf jeden Fall Mücken und wünsche mir Etappe 1 zurück. Denn sowohl bei Regen als auch bei Mücken kann man zwar keine Pausen machen, aber bei Regen sitzt man wenigstens abends nicht zerstochen im Zelt.
Wir laufen also flott los, um mit unserer Lichtgeschwindigkeit die Mücken abzuhängen, was nur bedingt funktioniert. Der Supermarkt in Skåbu ist nur 12 Kilometern entfernt und da wollen wir Mittagspause machen. Wie angenehm es sein wird, endlich aus dem Mückenland rauszukommen und ein paar Minuten zwischen den Regalen rumzulaufen, ohne alle zwei Sekunden um sich zu schlagen. Wir machen nach fünf Kilometern die erste Pause, müssen aber nach ein paar Minuten das Feld den Mücken überlassen und so geht es für uns weiter, runter vom Jotunheimvegen auf den Slangslivegen, der uns nach Vinstra führen wird.
Am Vormittag fällt mir irgendwann auf, dass wir morgen, wenn wir nach Vinstra reingelaufen sind, die 700 Kilometer Marke knacken. Da wir zwischen Fyresdal und Seljord ca. 75 Kilometer mit dem Bus überspringen mussten, sind unsere Kilometer immer etwas weniger als die tatsächlich Entfernung. Ich freue mich voll, dass wir dann in vierzig Tagen etwas weniger als ein Drittel der Gesamtstrecke geschafft haben. Das jetzt einfach noch zweimal ist ja ein Klacks. Mir kommt es währendessen gar nicht so vor, als wären wir schon so lange unterwegs, aber andererseits fühlt sich der Start in Lindesnes wirklich wie eine Ewigkeit her an. Der Fuchs meint auch, dass wir locker noch achtzig Tage so weiterlaufen können, ist aber skeptisch, ob wir das Ziel in der Zeit erreichen. Immer diese Pessimisten. Ich bin jedenfalls guter Dinge – heute ist wieder ein Ehrgeiz-Elster Tag.
Als wir um 11 Uhr in Skåbu ankommen, ist die Vorfreude auf den abgeschlossenen Raum groß. Wir kommen erst noch am Skåbu Fjellhotell vorbei. Eigentlich wäre ich gerne da reingegangen, aber da möchte unser Budget heute mal nicht mitmachen. Die kochen wohl laut Google phänomenal, aber es ist entsprechend sehr teuer (und Norwegen ist für normale Dinge schon teuer). Also schreiten wir an dem netten Restaurant vorbei Richtung Supermarkt und finden dort auch alles, was ein Wanderherz begehrt. Da hier in diesem Bergdorf viel weniger Insekten unterwegs sind, können wir uns mit unserem erbeuteten Mittagsessen direkt vor den Supermarkt auf eine Bank setzen und entspannt Pause machen.
Nach eineinhalb Stunden geht es weiter. Der Weg ist gerade wenig spannend: Straße, Straße und weiterhin Straße. Aber wir bewundern die ganzen hübschen Bauernhäuschen, die am Straßenrand liegen und den steilen Hang zieren. Wir überlegen noch kurz, ob wir beim Skåbu Campingplatz übernachten wollen. Wir hätten dann heute aber nur knapp 15 Kilometer gemacht. Allerdings glauben wir, dass heute die Zeltplatzsuche wieder schwieriger sein könnte, da das Gebiet um uns langsam besiedelter wird. Andererseits ist es immer nice, wenn der Tag vor dem Ruhetag nicht allzu krass ist (dann schafft man nämlich ggf. noch den Einkauf für die nächste Etappe am Vortag und hat den Ruhetag komplett zum chillen). Letzteres gewinnt und wir laufen weiter.
Wie es zu erwarten war, ist die Zeltplatzsuche am Nachmittag tatsächlich wieder etwas schwierig geworden. Wir finden aber in einem alten Nebenweg, der nicht mehr genutzt zu sein scheint, ein ebenes Plätzchen mitten im Wald, kaum zehn Meter neben der Straße. Wir schlagen das Zelt auf und machen uns einen entspannten Abend im Zelt. Ich schreibe Block, der Fuchs verarztet seine fast verheilten Blasen und studiert das Wetter.
Tag 40 – 24. Juni 2026 (19,4 Kilometer)
Obwohl ich unseren Zeltplatz urgemütlich fand, konnte ich heute überhaupt nicht schlafen. Ich bin das erste Mal um kurz vor 11 wieder wach gewesen, dann um halb eins, dann wieder um drei und um halb 7 Uhr weckt mich der Fuchs. Entsprechend gerädert fühle ich mich und sehe ich wahrscheinlich auch aus. Eigentlich hatte ich die letzten Wochen sehr gut geschlafen, weil ich körperlich den Tag über so ausgelastet war. Aber gut.
Als ich aus dem Zelt herausklettere, stehe ich erstmal in einem in Nebel getauchten, leisen Wald, der auch noch nicht ganz wach zu sein scheint. Es hat die Nacht viel geregnet und so ist das Zelt klatschnass und kalt, als wir es einpacken wollen. Bald sind wir aber startklar und machen uns durch den Nebel auf den Weg. Für heute ist eigentlich schönes Wetter vorhergesagt, aber wann hat die Vorhersage wirklich Mal gestimmt.
Es geht für uns erstmal ein Stück weiter nach oben. Ich empfinde das als zutiefst unpassend, wo wir doch eigentlich runter ins Tal wollen und so eh alles wieder runterlaufen müssen. Wir kommen bald an einer kleinen Herde Schafe vorbei. Die liegen hier eigentlich überall an der Straße rum und fletzen in den Tag hinein. Vor dem Fuchs und mir haben sie aber eigentlich immer Angst. Und obwohl wir nur leise an ihnen vorbeihuschen wollen, schrecken sie auf und laufen panisch vor uns auf dem Weg entlang. Was natürlich viel bringt, da wir so weiterhin in die dieselbe Richtung gehen. Sie kommen erst nach ca. einem Kilometer auf die Idee, rechts ins Dickicht zu springen, damit wir an ihnen vorbeikommen.
Bald geht es ein Stückchen runter, na endlich! Wir kommen zurück auf die große Straße von gestern, der wir jetzt acht Kilometer folgen wollen. Als wir auf die Straße kommen, muss ich mich etwas zusammenreißen, denn direkt neben uns geht es steil bergab ins Tal. Unangenehm. Zum Glück ist hier aber wenig Verkehr und so können wir einigermaßen entspannt auf der Straße gehen. Nach ein paar Kilometern kommen wir nach Kvinke und neben der Kirche gibt es eine Bank, auf der wir erstmal unser ausgelassenes Frühstück nachholen.
Anschließend haben wir noch vier Kilometer vor uns bis wir endlich auf einen Forstweg kommen. Endlich runter vom Teer! Als wir dort ankommen, geht es erstmal kurz an ein paar verlassenen Höfen vorbei und ich schaue nochmal auf die Karte und wundere mich, dass der Weg zwar in komoot, aber nicht in Explore von Garmin zu finden ist. Ist das jetzt wieder ein ausgedachter Weg von komoot? Fuchs guckt bei sich in der Norgeskart, dort ist der Weg auch eingezeichnet. Gut, dann probieren wir es einfach mal. Nach ein paar Metern auf dem Forstweg, biegt dieser ab und wird gleich viel zugewucherter. Na das wird ja spannend.
Wir gehen in den dicht bewachsenen Pfad und stoßen dann nach ein paar weiteren Metern auf ein Hinweisschild. Mit Onlineübersetzungen können wir uns dann herleiten, dass es den Weg „Gamle Skåbuveg“ (=alter Skåbu Weg) zwar gibt, es allerdings vor ein paar Wochen Erdrutsche am Weg gab, sodass man diesen nicht passieren sollte. Na toll, dann müssen wir wohl umdrehen und doch den restlichen Weg über die Straße gehen.
Etwas geknickt treten wir den Rückweg an und laufen wieder auf die Straße. Hier geht es jetzt bald doch endlich Mal richtig runter Richtung Vinstra, aber es ist mittlerweile auch mehr Verkehr und wir müssen uns ziemlich konzentrieren, den Gegenverkehr wahrzunehmen und gleichzeitig knieschonend bergab zu laufen.
Aber bald sind die letzten Kilometer auch geschafft und wir trudeln in Vinstra ein. Kaum zu glauben, dass wir jetzt nach 39 Tagen wirklich hier sind und 700 Kilometer gelaufen sind! Ich kann es eigentlich kaum glauben, wie weit wir mittlerweile gekommen sind und dass wir auch wieder relativ gut in unserem Gesamtzeitplan liegen. Darüber freuen wir uns heute sehr. Wir suchen uns einen Platz, wo wir die Routenplanung für die kommenden Tage machen können und stolpern in das Sans Cafe, in dem es leckeren Kuchen und Sandwiches gibt. Ich verziehe mich erstmal in die Toilette für eine kurze Katzenwäsche und ein einigermaßen frisches T-Shirt (kann ich mir doch nur zu gut vorstellen, wie wir nach vier Tagen ohne Dusche wohl riechen müssen). Der Fuchs ist schon im einigermaßen frischen T-Shirt gestartet.
Nachdem wir einen guten Plan für die kommenden Tage gefunden haben, huschen wir noch in den Rema Supermarkt und dann geht es vollgepackt zum Hostel. Wir freuen uns immens auf die Dusche. Und ohne dass wir es online hätten einsehen können, gibt es hier sogar eine Waschmaschine! Bestes Leben ☺️
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Veröffentlicht von DieWanderElster
Hej, ich bin die WanderElster, Bloggerin aus der Taunusgegend. auf diesem Blog schreibe ich über draußenverbrachte Zeit, wandernd, weiterwandernd, mit Rucksack, ohne Rucksack und ich freu mich, dass ihr dabei seid!
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