Da ein 10-tägiger Etappenbericht die Leistung meiner Blog-App sprengt, kommt hier vom Bericht der Wanderung von Vinstra nach Røros erstmal der Zwischenbericht nach Alvdal. Viel Spaß beim Lesen 😊.
Nach dem Ruhetag in Vinstra geht es endlich hinein in die Landschaften, auf die wir uns seit Monaten gefreut haben: Fjell, Weite und die ersten Ausläufer des Rondane-Nationalparks.
Dafür bekommen wir Mücken in bislang unbekannten Stückzahlen, verschwundene Wanderwege, einen ausgefallenen Gewittertag, endlich wieder Elche und die Erkenntnis, dass man sich auf Norge på langs manchmal genauso sehr durch die eigenen Gedanken navigieren muss wie durch die norwegische Wildnis.
Und irgendwo zwischen Pfannkuchen in der DNT-Hütte, grandiosen Ausblicken und einer spontanen Routenänderung wird uns klar: Der Weg Richtung Nordkap verändert nicht nur die Landschaft um uns herum, sondern auch uns selbst.
NPL Statistik
- Mückenbarometer: 6/10 (eigentlich 1000, aber wir wissen, dass das noch nicht alles war)
- Zeltübernachtung: 3
- Hüttenübernachtung: 2
- Sonstige Unterkünfte: 0
- Flussüberquerungen: 16
- Tage ohne Regen: 2
- Müsliriegel Elster: 0
- Müsliriegel Fuchs: 1
- Waffeln: 3
- „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: 3x (haben uns wohl verschlechtert)
- Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: 2x
- Rentiere/Elche: 2 Elche!!
- Gelaufene Blasen: 2
- Anzahl Duschen: 1
- Ohrwurm der Woche:
- Elster: Klaus Kosmonaut – Guten Morgen, Sportsfreunde!
- Fuchs: Lord Huron – Nothing I need
Gesamtkilometer: 805,6 Kilometer
Tierbeobachtungen: Wildgänse, Hasen, Schmetterling/Falter, Ameisen, div. Singvögel (dieses Mal vor allem Gold- und Mornellregenpfeifer und Sumpfschnepfe, Moorschneehühner), viel zu viele Insekten, aber auch eine hübsche Libelle, zwei Elche 😎
Tag 41 – 25. Juni 2026 (Pausentag)
Gestern wurde es ungewohnt spät, weil die Waschmaschine länger brauchte als gedacht. Für die Nacht waren die Fenster geschlossen und entsprechend warm wurde es im Zimmer. Um vier Uhr morgens reiße ich erstmal alle Fenster auf. Schlafen klappt danach zwar nochmal, aber um sechs Uhr bin ich endgültig wach. Der Fuchs schläft friedlich weiter, während ich schon Blogs anderer Norge-på-langs-Wandernder lese.
Um halb 10 stehen wir dann doch mal auf und starten mit einem Frühstück voller Früchte und Marmeladenbrote auf dem Balkon. Das Hostel ist wie ausgestorben, alle anderen Gäste sind schon los und so haben wir die Gemeinschaftsräume komplett für uns. Da wir gestern schon die Routenplanung fertiggestellt haben und auch schon einkaufen waren, haben wir heute gar kein Programm. Nach dem Frühstück frage ich mich, was man an einem Tag ohne Wandern und ohne Tourplanung eigentlich macht. Einfach… sitzen? Das klingt verdächtig nach Freizeit und damit nach etwas, das ich erst wieder lernen muss.
Fuchs: Mensch Elster, du musst auch mal chillen.
Ja gut, dann lasse ich den Tag einfach mal auf mich zukommen. Wir verziehen uns nach dem Frühstück zurück ins Zimmer, räumen auf, teilen die Lebensmittel für die kommenden Tage auf, und ich bin noch mit Bürosachen beschäftigt. Wir machen auch einmal Kassensturz, da wir jetzt fast einen Drittel der Zeit unterwegs sind und wissen wollen, wie wir mit unserem Budget dastehen.
Wir haben erstaunlich konsequent nach dem Prinzip „Das zukünftige Budgetproblem ist etwas für Zukunftselster und Zukunftsfuchs“ gelebt.
Zum Glück scheint Zukunftselster bisher ganz zufrieden mit uns zu sein. Nur bei den Unterkünften hätten wir ggf. noch einsparen können (z.B. wenn das mit dem Fuß nicht gewesen wäre). Aber in den kommenden Wochen wird es uns auch durch immer einsamere Gegenden führen, sodass ich mal davon ausgehen, dass wir gar nicht mehr sooo viele Gelegenheiten für drinnen schlafen und Essengehen haben werden. Also sollte das aufgehen.
Gegen frühen Nachmittag zieht es uns aber raus und wir gehen nochmal in das Sans Kafe von gestern, um uns einen Kuchen zu spendieren (Budget sagt, das sei in Ordnung). Wir verbringen dort auf der Terrasse tatsächlich einen sehr sonnigen Nachmittag. Erst bei diesem Kaffee merken wir, worüber wir die letzten Wochen eigentlich noch gar nicht richtig gesprochen haben und reflektieren viel über uns und wie es uns auf dem Trail momentan so ergeht.
In den ersten ein zwei Etappen bin ich noch sehr streng mit dem Fuchs und mir gewesen. Während ich morgens einfach sehr flott fertig bin und los will, ist der Fuchs viel gemütlicher. Was natürlich dazu führt, dass ich viel auf ihn warten musste. Auch, dass ich die Wege und Stationen der Tage wusste (weil ich die Tourplanung alleine gemacht habe), hat bei uns zu einem ziemlichen Wissensunterschied geführt. Dadurch hatte ich oft das Gefühl, die gesamte Tour ständig im Kopf zu haben: Wo wir langgehen, wie viele Kilometer vor uns liegen, wo wir Wasser bekommen oder wann der nächste Supermarkt kommt. Während der Fuchs sich stärker auf den jeweiligen Wandertag konzentrieren konnte. Er hat sich dadurch teilweise von mir gestresst gefühlt, wenn er mir nicht schnell genug war und hatte das Gefühl, eher gedanklich hinterherrennen zu müssen.
Mittlerweile haben wir einige Aufgaben aber umverteilt, was für uns sehr gut funktioniert. Der Fuchs ist jetzt morgens für den Weckruf zuständig. Ich werde also nicht mehr automatisch unruhig, wenn ich morgens die Augen aufmache und denke: „Wie spät ist es eigentlich?“. Bisher habe ich wie eine Hausdrachen-Elster den Fuchs kritisch beäugt, wenn es mir nicht schnell genug ging. Stattdessen drehe ich mich jetzt einfach nochmal um. Ein erstaunlich luxuriöses Gefühl.
Auch, dass wir einiges an Route umplanen mussten, führte dazu, dass der Fuchs sich gedanklich mehr mit dem anstehenden Weg beschäftigt hat und wusste, was als nächstes kommt. Ich plane zwar immer noch den Großteil der Route und guide uns jeden Tag, aber er ist informierter, was den anstehenden Weg angeht. Auch versuche ich, ihn inhaltlich mehr mit einzubeziehen, um das Wissensgefälle über den Weg zu verringern.
Und dass der Fuchs mittlerweile der Wetterfuchs ist und für die Wetterthemen verantwortlich, ist ja in dem ein oder anderen Artikel schon durchgekommen.
Alles in allem fühlen wir uns beide mittlerweile wohler auf den Trail und haben unsere Routinen für den Wandertag entwickelt. Das entspannt uns beide und wir kommen den Tag über unterwegs viel besser zurecht. Wahrscheinlich muss man sich auf einer langen Fernwanderung genauso als Team einlaufen wie die eigenen Wanderschuhe.

Tag 42 – 26.06.2026 (24,4 Kilometer)
Obwohl ich dachte, dass ich müde genug wäre, komme ich auch heute Nacht nicht zur Ruhe. Gegen 24 Uhr schaue ich das letzte Mal auf die Uhr, um 6 Uhr bin ich wieder wach. Es ist draußen einfach zu laut auf der Straße und ich zu unruhig. Der Fuchs hat hingegen gut geschlafen.
Gegen 7 Uhr stehen wir aber auf und packen unsere Rucksäcke. Es wird noch schnell ein Frühstück in der Hostelküche gemacht und ein Cappuccino getrunken. Wir wollen heute eigentlich beide nicht so richtig los, denn der Regen hat uns wiedergefunden. Es schüttet wie aus Eimern. Die Tropfen sind so dick und prasseln so dicht auf die Erde um uns herum, dass es fast wie Nebel aussieht.
Gegen halb 9 Uhr machen wir uns aber dann doch auf den Weg. Der heutige Tag hat fast 1000 Höhenmeter auf dem Programm und ich habe schon etwas Bammel davor. Höhenmeter sind ja nicht meine Stärke. Ich hatte daher auch für heute nur 15 Kilometer geplant, damit wir genug Zeit und Muskelkapazität dafür haben.



Als wir uns losmachen, sind wir in voller Regenmontur. Irgendwie hat sich der Regen aber nach 10 Minuten bergauf verzogen. Da es in der Regenjacke so heiß ist, wechsel ich in die dünnere Windjacke. Nur um dann ein paar Minuten später im krassen Schauer doch klatschnass zu werden. Der Weg raus aus Vinstra und hoch Richtung Rondane ist steil und ich fühle mich dafür heute überhaupt nicht fit genug. Der Fuchs ist dafür aber genau in seinem Element und sprintet vor mir den Hügel hoch. Der Weg führt uns durch einen dichten Wald. Nach knapp zwei Stunden Schweiß, Regen, außer Atem sein, beschlagene Brillengläser und ausgetrockneter Kehle ist der steilste Anstieg und 450 Höhenmeter aber geschafft. Von jetzt an geht es nur noch stetig bergauf, aber mäßig, was für mich schon viel besser klingt. Zudem klart der Himmel langsam etwas auf, nachdem wir den Vormittag fast nur im Regen waren.




Nach 10 Kilometern kommen wir gegen 12 Uhr in der Sulseter Fjellstue an, einer bewirtschafteten Hütte, die seit Mittsommer geöffnet hat. Wir stolpern entsprechend nass in die Stube. Niemand da… Hallo?

Aus der Küche hinter dem Tresen kommt eine ältere Dame mit ihrem Enkel auf dem Arm. Sie scheint überhaupt nicht mit Gästen gerechnet zu haben. Wir bekommen aber die heiß ersehnten Waffeln mit Kaffee und setzen uns an einem Fensterplatz mit Blick auf das Bergpanorama um uns herum. Da wir ja die einzigen sind, haben wir freie Platzwahl.




Ich freue mich total, dass wir die meisten Höhenmeter mittlerweile geschafft haben, und komme langsam doch etwas in Fahrt. Vielleicht ist es auch das mittlerweile viel freundlichere Wetter.
Ich hatte für heute und morgen zwei kürzere Touren geplant, damit wir morgen in der Eldåbu DNT Hütte schlafen können. Der Fuchs schaut mich etwas irritiert an. Zwei entspannte Tage hintereinander? Das passt eigentlich so gar nicht zu der Ehrgeiz-Elster. Da wir heute aber doch ganz gut im Laufen sind (oder ich mittlerweile auch in der Etappe angekommen bin), wollen wir heute vielleicht doch etwas weiterlaufen, als ich es ursprünglich geplant hatte.
Nach der Stärkung geht es weiter. Jetzt durch Sonne! Die nächsten Meter gehen richtig gut und um 14 Uhr sitzen wir oben auf dem Pass, der eigentlich unser Tagesziel gewesen wäre. Von hier aus können wir unsere Route für die kommenden Tage sehen, wir freuen uns auf diese Landschaft und Gegend total. Wir machen uns ein Tütengericht als spätes Mittagessen und wissen beide: Das war es heute noch nicht, wir wollen weiter. Also Rucksack wieder drauf und weiter geht’s.





Die Höhenmeter müssen wir jetzt zum Teil wieder runter, aber das macht uns heute wenig aus. Auf dem Weg begegnen uns ein Haufen Schafe, die gemütlich auf der Straße liegen bis wir kommen, ein Hase, der panisch wegrennt, und eine laute Wildgans. Mehr passiert nicht und ich freu mich, dass wir am Ende wirklich 25 Kilometer geschafft haben – trotz der ganzen Höhenmeter! Das hatte ich mir (dem Fuchs sicherlich schon) nicht zugetraut. Wie es morgen weitergeht, wird sich zeigen. Es soll Nachmittags ein Gewitter geben, da möchten wir ungern draußen am Berg im Fjell sein. Vielleicht laufen wir bis zur Eldåbu, warten dort das Gewitter ab und gehen dann danach weiter. Da wir hier kein Netz haben, können wir den aktuellen Wetterbericht nicht abrufen.


Jetzt liege ich aber glücklich im Zelt auf meiner Isomatte, während der Fuchs noch seine aufbläst. Ich bin ziemlich kaputt, aber unglaublich glücklich und hoffe, dass ich heute endlich wieder richtig tief schlafen werde. Von der Erschöpfung her sollte das klargehen.



Tag 43 – 27.06.2026 (7,8 Kilometer)
Wir sind heute beide früh wach und es ist erst zwanzig nach 7, als wir losgehen. Gut, wir haben heute das Frühstück auch erstmal ausfallen lassen, da wir eigentlich beide von gestern noch ziemlich satt waren. Obwohl ich etwas Angst vor den ersten Bewegungen mit Muskelkater habe, bleibt der aus. Die Extremitäten fühlen sich nur leicht angestrengt und vor allem schwer an. Muskelkater haben wir beide nicht.


Es geht erstmal stetig bergauf. Der Weg ist leicht gefunden und ist eher ein breiter Forstweg, der mittlerweile nicht mehr befahren wird, sondern Kühen und Schafen überlassen wurde. Zwei Hasen rennen an uns vorbei, ansonsten sehen wir wieder ein paar obligatorische Schafe, die sich durch den Wald snacken. Kühe erblicken wir trotz vielen Spuren aber nicht. Ich schleppe mich etwas außer Atem den Hang hoch, aber es geht doch besser als ich dachte. In einem Hochgefühl gestern hatte ich kurz überlegt, ob wir nicht einfach bis zur Eldåbu durchlaufen, aber jetzt merke ich, dass das doch etwas die gestrige Kapazitätsgrenze gesprengt hätte. Nach ca. einer Stunde kommen wir aus dem Wäldchen heraus und sind wieder oberhalb der Baumgrenze.






Hier oben haben wir einen wunderschönen Ausblick auf die Ebene, durch die wir gestern gekommen sind. Wir können aber von hier schon die Wolkenformationen erblicken, die wahrscheinlich später für das Gewitter verantwortlich sein werden. Aber so ganz eindeutig ist es noch nicht, also machen wir mal weiter.
Wir treffen auf einen älteren Herrn, der sich als Deutscher herausstellt. Er ist schon 1979 das erste Mal in Norwegen gewesen und seit dem immer wieder hier, da er die Natur und Weite so genießt. Wir unterhalten uns eine Weile über unsere Tour (das ist der Dauer-Icebreaker) und er kommt direkt ins Grübeln, ob er das als Rentner nicht auch noch mal machen könnte. Zeit hätte er ja!
Wir verabschieden uns kurz danach und laufen weiter Richtung Hütte. Vier Kilometer vor dem Ziel sehen wir sie auch. Endlich, ich bekomme langsam echt Hunger. Gleichzeitig heißt vier Kilometer aber auch noch eine weitere Stunde. Verdammt.

Aber immerhin ist es bald geschafft. Denke ich. Der letzte Teil ist dann doch noch etwas anstrengender, als ich vorhergesehen hab. Wir laufen über Geröll, hoch und wieder runter, hoch und wieder runter und letztlich über eine Sommerbrücke (die zum Glück schon aufgebaut ist, weil der Fluss sehr voll ist) und dann nochmal richtig hoch. Ich ziehe mich an meinen Wanderstöcken nach oben und verfluche den DNT etwas dafür, dass die Hütten immer so unentspannt liegen.
Wieso können diese Hütten nicht einfach mal in der Ebene mit einem ausgetretenen Weg stehen?
Wenn man dann aber da ist, ist es natürlich immer traumhaft.
Auf den letzten Metern finden mich noch die Mücken und ich bin heilfroh, als wir endlich in die Hütte kommen. Weg von den Mücken! Haben die mir doch echt noch die Oberarme zerstochen. Wir breiten uns aber erstmal in der Hütte aus, die gerade von niemandem belegt ist und ich mache direkt Pfannkuchen. Wir haben beide ziemlich Hunger.




Nach dem Frühstück gehe ich raus, und treffe auf drei deutsche Frauen, die hier in der anderen Hütte geschlafen haben und heute wohl aufgrund des Wetters hier bleiben werden. Wir unterhalten uns etwas über die Touren und das Wetter. Der Fuchs und ich sind total unentschlossen. Laut aktuellem Bericht soll das Gewitter um 17 Uhr hier ankommen und um 18 Uhr in Bjørnhollia, unserem Ziel. Das müssten wir eigentlich gerade so schaffen, wenn wir uns beeilen. Leider steigt der Weg kurz vor Bjørnhollia nochmal an, und ist ohne schützenden Wald eine offene Ebene, was bei Gewitter gefährlich sein kann…
Wir sind beide etwas geknickt, als wir uns für die sicherere Variante entscheiden, dass wir in Eldåbu bleiben. Es ist uns zu unsicher, und im offenen Fjell in ein Gewitter geraten, wollen wir wirklich nicht. Zudem ist bei den sich ständig ändernden Wettervorhersagen auch nicht fix, ob das Gewitter nicht letztlich früher kommt, als geplant. Theoretisch könnten wir zwar nach dem Gewitter dann losziehen, da das aber erst relativ spät sein wird, planen wir jetzt in der Hütte zu bleiben und morgen weiterzugehen.
Gerne hätten wir die gestern reingeholten zusätzlichen Kilometer genutzt, um die anderen Tage der Tour jeweils etwas entspannter zu laufen, aber so haben wir dann eben an Tag 2 einen halben Ruhetag. Mit dem warmen Kamin, Cappuccino und Pfannkuchen ist das jetzt auch nicht das Schlechteste.





Wir verbringen den Tag über sehr entspannt in der Hütte. Später kommen noch drei Norweger vorbei, die auch in der Hütte schlafen werden und zwei Schweizer, die um die Ecke das Zelt aufschlagen wollen. So viele Menschen hatten wir schon lange nicht mehr um uns herum.
Wir unterhalten uns noch eine Weile mit den deutschen Frauen. Eine fragt uns was denn nach dieser bisherigen Tour unser Zwischenfazit ist. Da wir noch lange nicht bei der Hälfte sind (oh what!?), hatte ich mir diese Frage bisher nie gestellt. Ich versuche momentan wirklich einen Tag nach dem nächsten zu nehmen, oder nur in den entsprechenden Etappen zu denken. Alles andere erscheint mir viel zu groß für mich. Momentan geht es gedanklich nur bis Røros.
Wir warten bisher jedenfalls vergebens auf das Gewitter. Es kamen zwar einige Schauer, aber das ist ja nichts, womit wir mittlerweile nicht umgehen könnten. Das ärgert uns zwar irgendwie, aber ich rede mir ein, dass es gerade ein ganz schlimmes Gewitter in Bjørnhollia geben würde, in das wir sicherlich reingelaufen wären. Also passt das schon. Und ändern können wir es jetzt auch so oder so nicht mehr.
Tag 44 – 28.06.2026 (22,9 Kilometer)
Als wir uns heute um 7 Uhr auf den Weg machen, ist es im ersten Moment sehr windig, aber der Himmel ist blau und die Sonne scheint. Einen so schönen Morgen hatten wir bisher relativ selten und entsprechend gut ist unsere Laune. Das mit dem ausgebliebenen Gewitter ärgert uns zwar immer noch irgendwie, aber es lässt sich nicht ändern. Das Wetter macht eben was es will.






Es wird tatsächlich ein unglaublich schöner Morgen. Wir biegen nach ein paar Metern auf den Rondanestien ab, der uns bis nach Bjørnhollia bringen wird und durch eine weite und heute sonnige Fjelllandschaft führt. Die Frage nach dem Zwischenfazit, dass eher ein Viertelfazit ist, lässt mich nicht richtig los. Was macht es denn mit einem, wenn man fast 800 Kilometer zu Fuß durch ein Land zurückgelegt hat? Müssten da nicht unglaublich viele tiefgründige Gedanken in einem wachsen und man auf einmal das Leben mit ganz anderen Augen sehen? Ich fühle mich von der Frage genauso erschlagen, wie von unserer gesamten Tour.
In der ersten Pause merke ich, dass den Fuchs etwas ähnliches beschäftigt. Wir sprechen heute den ganzen Tag immer wieder darüber und was die Wanderung bisher mit uns gemacht hat. Was wir gefühlt haben, wie wir uns vielleicht auch verändert und unsere Grenzen gedehnt haben. Vielleicht ist das auch alles, was nach 40 Tagen Wanderung sein kann.




Bald müssen wir Wasser auffüllen. Wir finden eine etwas sumpfige Quelle, die aber astrein klares Wasser bereithält. Während wir das Wasser abschöpfen, quietscht uns eine Sumpfschnepfe laut an und fliegt um uns herum. Wahrscheinlich sind wir ihr irgendwie zu nah an ihrem Nest, das wir aber nicht sehen können. Also machen wir uns schnell weiter.
Die Schweizer von gestern holen uns heute immer wieder ein. Bis nach Bjørnhollia werden wir denselben Weg laufen, dann biegen sie auf einen anderen Weg ab. Bis dahin begegnen wir uns immer wieder, sie haben ein ähnliches Tempo wie wir. Ansonsten begegnet uns mal wieder niemand. Außer ein paar Moorschneehühnern und einer riesigen Herde Kühe, die gerade die Wiese wechseln will und stürmisch an uns vorbeirauscht, treffen wir nicht viel.



Der Weg nach Bjørnhollia zieht sich am Ende etwas, aber wir kommen gegen 13 Uhr an. Genau richtig für ein Mittagessen! Die Hütte ist urgemütlich und wir müssen einfach ausnutzen, dass jetzt Sommer ist, und die Hütten endlich auf haben. Schon so oft sind wir in den vergangenen Wochen an verlassenen Hütten vorbeigetrabt, die aufgrund der frühen Jahreszeit („Wir öffnen im Sommer“) noch nicht geöffnet waren und haben von warmen Mahlzeiten geträumt, während wir im Regen und der Kälte standen. Also muss jetzt alles mitgenommen werden, was geht! Wir bestellen je ein Karbonadesandwich (ein Toast mit Burgerpattie und hier sogar mit Spiegelei oben drauf). Weil es heute für unsere Verhältnisse ungewöhnlich heiß ist, gibt es noch eine Fanta dazu. Und weil’s so schön ist, holen wir uns auch noch eine Waffel, die liebevoll geteilt wird.





Die Schweizer kommen nun auch an und setzen sich zu uns, um mehr über unsere Tour zu erfahren. Wir haben einen total netten Austausch über Tourplanung, Norwegen und die Reise an sich. Sie bemerken, dass wir beide so entspannt, achtsam und mit uns im Reinen unterwegs sind. Da müssen wir doch etwas schmunzeln, wo wir doch noch vor nicht allzu langer Zeit uns sehr unter Druck gesetzt haben, auch unsere Schwierigkeiten mit Wetter und Laune hatten, Blasen, Fußverletzungen und und und. Die beiden erwischen uns wohl an einem sehr guten Tag. Wozu sicherlich auch die Sonne beiträgt.
Wie schön das Gespräch auch ist, gegen kurz nach 14 Uhr müssen wir uns langsam auf den Weg machen und ziehen weiter. Direkt nach der Bjørnhollia geht eine steile Steintreppe hinauf auf die nächste Ebene. Bei der prallen Sonne über unseren Köpfen habe ich das Gefühl, zu verschmelzen und komme schweißgebadet oben an. Erstmal noch einen halben Liter Wasser nachschütten.
Oben kommt bei mir richtig mediterranes Feeling auf, da wir durch ein Fels- und Steinparadies laufen und die Hitze weiterhin glüht. Jetzt weiß ich, wie es gerade den Leuten Zuhause in der Hitzewelle gehen muss. Ich lege nochmal eine Ladung Myggmelk (ein besser riechendes Autan, aber als Deoroller) nach, da mittlerweile auch die Mücken gut am Start sind. Denen macht die Hitze wohl nichts aus. Wir kommen kurz darauf in eine Sumpflandschaft und kaum haben wir ihn erblickt, huscht ein Elch 20 Meter neben uns im Gebüsch herum. Wir sehen ihn aber nur für einen Bruchteil einer Sekunde.




Unser zweiter Elch! Und wir können es kaum glauben, aber fünf Minuten später erblicke ich wieder etwas, das wie ein Elch aussieht. Da er weiter weg ist, kann ich ihn nicht ganz klar sehen, aber es sieht schon wie einer aus. Er bewegt sich aber nicht. Vielleicht doch nur ein Baum? Aber das sieht doch sehr nach Elch aus? Wir starren rüber, der Baum oder der Elch starrt zurück. Und dann! Er bewegt sich doch und ist direkt im Unterholz verschwunden. Jetzt haben wir doch echt innerhalb von kürzester Zeit direkt nochmal zwei Elche entdeckt!

Auch wenn mich dies kurz in Hochstimmung versetzt, bin ich gleichzeitig doch total angespannt. Wir wollen morgen einen relativ steilen Trail hoch ins Gebirge nehmen und ich mit meiner Höhenangst… Als wir um die nächste Biegung kommen, sehen wir den Anstieg für morgen. In mir zieht sich alles zusammen, dort hoch? Ich sehe mich gerade gar nicht dort nach oben laufen. Viel zu ausgesetzt und zu hoch, oberhalb der Baumgrenze und zu steil. Ich kann mich den restlichen Weg gar nicht entspannen und kurz vor Ende ist das Gedankenkarussell so schlimm, dass ich erstmal in Tränen ausbreche – ob es die Angst ist, oder doch die Enttäuschung von mir, kann ich nicht sagen. Zum Glück sind wir gerade an einem kleinen Bachlauf angekommen und ich kann erstmal meine Füße und mein Gesicht in kaltes Wasser packen. Das hilft, um mich mal kurz zu beruhigen, was einigermaßen funktioniert.
Aber ich werde dort morgen nicht drübergehen können, das muss ich mir eingestehen. Wir schauen nach alternativen Routen und finden eine, die zwar etwas länger ist, dafür aber 400 Höhenmeter ausspart und uns auch ans Ziel bringt. Mir geht es damit viel besser und ich bin total erleichtert. Der Kopfstress der letzten ein zwei Stunden legt sich langsam und der Kopf witd wieder entspannter. Wir überlegen kurz, ob wir noch ein Stück weiter wollen, entscheiden uns aber dann, doch das Zelt jetzt um die Ecke aufzuschlagen. Nach einem kleinen Nervenzusammenbruch muss man nicht mehr weitergehen.


Tag 45 – 29. Juni 2026 (25 Kilometer)
Als wir wach werden, ist der Zwischenraum von unserem Innen- und Außenzelt voll mit Insekten. Ein Sammelsurium an Mücken, die auf ihr Frühstück warten, Fliegen, die nicht wissen wo sie sonst hin sollen, kleine Minifliegen, die ganz Norwegen beherrschen und ein großer Falter, der sich wohl verflogen hat. Widerlich.

Gefrühstückt wird also im Zelt und auch alles angezogen und gepackt. Als wir rauskommen, fallen die Mücken in Scharen über uns her. Wir bauen also hastig das Zelt ab und los geht’s.
Es stehen erstmal sieben Kilometer Straße vor uns, bevor es rauf ins Fjell geht. Ich bin heute irgendwie nicht gut drauf und fühl mich ziemlich platt, obwohl weder gestern noch heute objektiv schlechte Tage waren bzw. sind. Es ist sonnig bis wolkig, kein Regen, sobald wir am Hang hochlaufen auch immer weniger Flugbiester und gut geschlafen habe ich auch. Vielleicht ist es das übermannende Gefühl davon, was noch alles vor uns liegt und dass die Mückenhölle uns sicherlich noch einige Wochen begleiten wird. Oder dass Freund*innen von uns gerade Hochzeit feiern und dort alle zusammen sind. Dass alle Zuhause kollektiv schwitzen, während mir kalt ist. Jeder Schritt fühlt sich heute einfach unglaublich schwer an. Aber es hilft ja nicht, wir müssen weiter.




Während mein Kopf ganz woanders ist, kümmern sich die Füße darum, dass es voran geht. Der Fuchs ist mir nach einem kleinen Mücken-Fliegen-Anfall vorausgesprintet und so lasse ich mich von Musik unterhalten. Tic Tac Toe, Sam Fender und das Dschungelbuch sind zwar ein wilder Mix, treiben mich aber den Berg hoch.





Und so kann ich es selbst kaum glauben, als wir gegen 13 Uhr schon 20 Kilometer gemacht haben und wir in der Breisjøseter Fjellstue ankommen.
Ich freu mich, dass wir uns ins Warme setzen können. Hier draußen weht nämlich ein eisiger Wind um uns herum, wenn auch die Sonne sich zwischenzeitlich blicken lässt. Wir kommen auf den Hof und sehen niemanden. Es wirkt recht verlassen hier. Als wir in die Fjellstue gehen, ist es dort ebenfalls still. An der Rezeption kann man klingeln. Das tun wir und werden von einem netten Hüttenwart begrüßt.
„Schon wieder NPLer? Ihr seid schon die achten in sechs Tagen!“
Nach einem kleinen Plausch bestellen wir uns zwei Karbonadesandwiches und zwei Spaßgetränke, um die Stimmung zu heben. Obwohl eigentlich eher meine, der Fuchs ist super drauf und fühlt sich richtig angekommen auf dem Weg.







In der Breisjøseter Fjellstue kommen wohl fast alle NPLer vorbei, weil es auf einer sehr logischen Route liegt und wohl viele den Weg Richtung Røros hier entlang kommen. Grundsätzlich ist mir gestern und heute nochmal bewusst geworden, wie toll Norge på langs ist, einfach weil man die Route selbst festlegt (was meines Wissens kaum bei einem anderen Weitwanderweg in dem Ausmaß der Fall ist). Sonst läuft man einfach eine Route, die vorgegeben ist. Norge på langs kann ich – zumindest bisher – ständig an unsere Bedürfnisse und unser Können anpassen. Dass ich gestern nicht über den hohen Berg laufen wollte, „disqualifiziert“ mich in dem Sinne nicht. Sondern ich habe mich mit der Route neu auseinandergesetzt und eine alternative Lösung für uns gefunden.
Nach der Fjellstue geht es nochmal sechs Kilometer weiter. Wir wollen heute bis zu einem See laufen, da wir morgen in Alvdal ankommen wollen und das von Breisjøseter zu weit wäre. Wie gerne ich auch heute hier bleiben wollen würde, denn die Hütte ist urgemütlich und gefällt uns sehr. Hier müssen wir auf jeden Fall nochmal hin.







Die letzten sechs Kilometer ziehen sich ganz schön. Der Wind legt nochmal ein Level drauf und fegt uns durch den Körper, bis wir ziemlich ausgekühlt sind. Aber nach zwei Stunden hoch und wieder runter, durch Geröllfelder, Nebel und ein so wunderschönes Wolkenspiel um uns herum, das die Landschaft noch phänomenaler erscheinen lässt, haben wir es doch geschafft und einen traumhaft schönen Platz am See gefunden.


Tag 46 – 30. Juni 2026 (26,6 Kilometer)
Als wir heute aus dem Zelt klettern, können wir eigentlich unseren Augen kaum glauben. Wir befinden uns auf einem sonnigen Fleckchen, umgeben von einem Bergpanorama und absoluter Stille. Das einzige, was wir zwischendurch hören, ist das Gezwitscher eines Regenpfeifers. Am liebsten würde ich hier noch ein bisschen verweilen, aber bei einer solchen Wanderung liegt der Fokus nicht auf dem Bleiben, sondern auf dem Weitergehen. Und so lassen wir die traumhaft schöne Landschaft nach und nach hinter uns.






Heute starte ich viel besser in den Tag, als gestern. Es geht erstmal einen Hang hinauf, dann laufen wir eine ganze Weile über ein Bergplateau. Ich mache mir den Soundtrack von Herr der Ringe an. Nach einer Weile wechsel ich aber doch zu einem Podcast. Die Landschaft sieht einfach zu sehr nach der Filmkulisse aus, dass ich durch die Filmmusik das Gefühl habe, hinter jedem Stein springen gleich die Orks auf uns zu.






Das Laufen geht heute die ersten Kilometer bei uns beiden richtig gut. Wir gehen bald stets leicht bergab, kommen an Hasen und Schafen vorbei und sehen sonst nichts und niemanden.
Wir freuen uns heute total, wie gut es funktioniert, nachdem ich gestern nicht so fit war. Nach 10 Kilometern machen wir die erste Pause in einer weiten Bergpanoramalandschaft, die schwer zu begreifen ist. Es ist heute ungewöhnlich warm, und die Sonne strahlt eigentlich durch.


Bald sind wir in einem Tal angekommen und merken, dass wir beide kaum noch Wasser haben. Eigentlich sind wir es gewohnt, alle paar Meter an einem kleinen Rinnsal oder Wasserlauf vorbeizukommen. Ich checke die Karte und laut der kommt in den kommenden Kilometern auch kein Wasser mehr. Das ist natürlich an einem so warmen Tag wie heute etwas ungünstig. Ein paar hundert Meter weiter kommen wir aber an einer kleinen Sommerhaussiedlung vorbei. Vor einem Haus steht auch ein Auto, also versuchen wir dort unser Glück. Die beiden Personen werkeln gerade im Vorgarten, als ich mit zwei leeren Wasserflaschen auf sie zukomme.




Ob sie uns wohl mit etwas Wasser aushelfen könnten? Die Frau springt direkt auf und holt die Wasserkanister und der Mann holt den Wasserschlauch. „Kein Problem!“ rufen sie, während ich etwas zurückgelassen in der Mitte ihrer Auffahrt stehe. „Wir mussten eh gerade Wasser holen, komm gern rüber“. Und so füllen sie direkt ihre Kanister ab, und füllen dann unsere beiden Wasserflaschen mit eiskaltem Brunnenwasser auf, während sie mich noch etwas zur Tour ausquetschen.
Wie nett und hilfsbereit die Menschen doch bisher auf unser Tour uns gegenüber immer sind, denke ich noch, als wir uns schon über den nächsten Hügel weitermachen und noch dankend zurückwinken.
Kurz darauf wollen wir von unserem bisherigen Weg runter, um einen eingezeichneten Wanderweg entlang des Auma Flusses zu nehmen. Er beginnt auch gut ausgetreten und doppelspurig, wird aber kurz darauf immer kleiner, enger und verliert sich letztlich ganz. Ich muss jetzt doch mal sagen, dass mich die „Wanderwege“ in Norwegen bisher doch häufig sehr irritieren. Wenn es kein absolut bekannter, breit angelegter Wanderweg ist, kann ich mich wirklich drauf verlassen, dass er wahrscheinlich so gut wie nicht existent ist. Daher ist es bisher stets eine Überraschungskiste, ob ein Weg nun eigentlich begehbar ist oder nicht. Das unterscheidet das Projekt Norge på langs wohl auch von „fertigen“ Wanderwegen, die von tausenden Leuten jährlich begangen werden und daher immer bestehen.


Wir sind letztlich in einem Flussbett gelandet (laut komoot immer noch auf dem Weg) und mussten vor einem Geröllfeld in 40% Steigung 20 Meter bergauf klettern. War toll! Wieder oben auf der Schotterstraße konnten wir dann aber entspannt weiterlaufen und machten schließlich am staubigen Straßenrand eine sehr späte Mittagspause.
Kurz vorm Ziel (also noch acht Kilometer vor uns) sollte es die kommenden vier Kilometer nochmal durch den Wald auf einem Forstweg gehen, statt auf der Schotterstraße weiter. Sollten wir uns hier nochmal runter trauen oder lieber die sicherlich bestehende Straße weitergehen? Da dieser Weg zumindest eine Markierung hatte, wirkt das doch recht vertrauenswürdig und wir biegen ab.
Natürlich ist auch dieser Weg nach ein paar hundert Metern nicht mehr gut zu gehen, aber die Markierung ist ziemlich frisch und leitet uns zielsicher durchs Gestrüpp.


Die letzten Meter nach Alvdal rein auf heißem Teer ziehen sich nochmal, aber letztlich kommen wir doch einigermaßen munter in unserer Unterkunft an und beziehen unsere kleine Cabin. Jetzt noch schnell in den Supermarkt die Lebensmittel für die kommenden fünf Tage einkaufen, Spaßgetränke besorgen und dann lassen wir es uns auf der Veranda noch richtig gut gehen. Auf nach Røros!
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