NPL Etappe 13.2: Von Storslett durch das Mattisdalen nach Alta (127 Kilometer)


So langsam wird es ernst. Nicht dieses „Wir laufen seit über 100 Tagen durch Norwegen“-ernst, daran haben wir uns erstaunlicherweise gewöhnt. Sondern dieses „Moment mal, das hier ist bald wirklich vorbei“-ernst.

Auf den nächsten 127 Kilometern erinnert uns jedenfalls so einiges daran, dass wir ziemlich weit im Norden und ziemlich spät im Jahr unterwegs sind: Campingplätze und Unterkünfte schließen für die Saison, die Birken werfen ihre gelben Blätter ab und das Wetter zeigt uns noch einmal sehr nachdrücklich, was es von trockenen Wanderern hält. Nämlich nichts.

Dazu beschließt mein Körper nach über 2.300 Kilometern, dass jetzt ein hervorragender Zeitpunkt für Rücken- und Fußprobleme wäre.

Und dann taucht plötzlich etwas auf, das wir seit über 100 Tagen nicht mehr gesehen haben: das Meer. Irgendwie häufen sich die Zeichen, dass unsere Reise nun wirklich in ihre letzte Runde geht. Auch wenn wir das selbst noch nicht so richtig begreifen wollen.


NPL Statistik

  • Mückenbarometer: 1/10
  • Übernachtungen:
    • Zeltübernachtung: 3
    • Hüttenübernachtung: 1
    • Sonstige Unterkünfte: 1
  • Flussüberquerungen: 40
  • Tage ohne Regen: 2
  • Müsliriegel:
    • Elster: 3
    • Fuchs: 2
  • Waffeln: 1
  • „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: 0
  • Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: keine
  • Rentiere/Elche: 80 Rentiere, keine Elche
  • Gelaufene Blasen: keine 🥳
  • Anzahl Duschen: 2
  • Ohrwurm der Woche:
    • Elster: Keinen, der Kopf ist leer.
    • Fuchs: Hatte super viele und kann sich daher nicht entscheiden. Am ehesten noch Grauzone – Ein Weg zu zweit.

Gesamtkilometer: 2352,9 Kilometer

Tierbeobachtungen: Möwen, Gänse, Reiher, Steinadler, Falken, ein Milan, mehrere Bussards, eine Sumpfschnepfe, eine Qualle im Fjord, viele  Rentiere und einige Eichhörnchen


Tag 121 – 14. September 2026 (32,4 Kilometer)

Wir stehen heute erstmal um 7 Uhr morgens vor den Türen des Supermarkts, Frühstück und Proviant für die nächsten zwei Tage muss her! Nachdem wir den Supermarkt geplündert haben, geht’s zurück in unsere Unterkunft und wir machen noch ein ausgiebiges Frühstück. Wir verdrücken je zwei Brötchen, machen ein Omelette aus sechs Eiern und haben einiges an Joghurt mit Bananen und Blaubeeren zu vernichten.

Danach fühle ich mich ziemlich voll, gut dass wir heute weiterlaufen! Aber erst müssen wir noch in die Apotheke. Ich habe eine Entzündung der Haut an meinen Zehen, die ziemlich brennt und beim Laufen weh tut. Das scheint irgendwie ein Wandererthema zu sein. Einer, der auch gerade Norge på langs läuft, hat dasselbe Problem. Ich bekomme eine Creme, die ich morgens und abends auftragen soll. Schauen wir mal ob das hilft!

Als wir loslaufen bekomme ich noch Rückenschmerzen dazu. Ja, was ist denn da los. 2000 Kilometer in den Füßen und jetzt meint der Körper plötzlich, so tun zu müssen, als wäre er zu gebrechlich für sowas: Erst die Füße, jetzt der Rücken… Aber das Gejammer hilft ihm nicht, wir gehen los.

Und zwar immer der Straße nach. Spannend ist der Weg selbst nicht, aber die Landschaft ist natürlich wieder einfach toll. Wir sehen hohe Berge um uns herum und irgendwann können wir auf einmal das Meer vor uns sehen!



Erst laufen wir eine ganze Weile am Fjord entlang, in den gerade die Flut zurückgespült wird. Dann stehen wir vor dem offenen Meer mit Blick auf die Insel Kågen mit ihren hohen Bergen.



Das ist ein wirklich merkwürdiger Anblick. Wir haben das Meer seit über 100 Tagen nicht mehr gesehen. Irgendwo auf Etappe 1 haben wir es hinter uns gelassen und gewusst, dass wir es für eine sehr lange Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen würden. Und jetzt taucht es am Horizont auf. Wir sind wirklich von der südlichen Küste zur nördlichen Küste Norwegens gelaufen. So ganz begreifen können wir das nicht.

Mittagspause machen wir direkt am Strand unter einer Birke.

Wir haben Glück mit dem Wetter heute. Obwohl Wind angesagt war, haben wir ihn heute kaum getroffen und es nieselt zwischendurch nur ab und zu. Ansonsten ist es bewölkt. So ist die Pause gut für die Erholung. Mein Rücken ist immer noch steif und ich kann mich nicht nach rechts drehen.

An der Straße entlang geht es an sich heute gut. Wir merken, dass die Urlaubszeit wirklich vorbei ist, aber ein paar Camper sehen wir doch noch, vor allem Deutsche. Dann können wir Kennzeichenraten spielen. Was KK ist, mussten wir aber googlen.



Irgendwann ziehen sich die Kilometer dann doch. Straße laufen ist einfach etwas langweiliger, als auf Waldböden umherzuhüpfen. Aber auch das gehört manchmal bei einer Langstreckenwanderung dazu.

Als wir durch Oksfjordhamn kommen, sind beim Ortseingang ein paar schöne Zeltplätze. Sogar Bänke und ein WC gibt es hier, richtiger Luxus! Aber unser Ziel ist heute das Oksfjord Camping. Als wir dort dann nach 27 Kilometern ankommen und meine Füße von der Straße ganz platt sind, scheint der Campingplatz aber verlassen.

Ein Schild zur Rezeption ist zwar aufgestellt, aber es ist niemand da. Wir können aber die auf dem Aushängeschild stehende Nummer anrufen. Das mache ich dann.

Am anderen Ende erklärt mir ein freundlicher Herr aber, dass sie zu haben. Einfach so dort campen dürften wir auch nicht, sie sind ja nicht da.

Na toll, dann müssen wir jetzt doch weiter. An sich ist das nicht schlimm (wir zelten ja andauernd wild), aber wir sind beide etwas kaputt und hatten uns keine potentiellen Plätze rausgesucht. Aber dann laufen wir eben weiter.

Der Kopf wird auf Automatik gestellt und so geht es weiter an der Straße entlang. Meine Füße tun langsam weh. Um uns herum gibt es aber einfach keine Zeltplätze. Nur Hang und geteerte Straße.

Wir laufen letztlich noch fast eineinhalb Stunden länger, als ursprünglich geplant und finden doch ein kleines Waldstück neben der Straße, in dem kleine Birken stehen.

Wir brauchen eine Weile, bis wir einen passenden Platz finden, weil das Gelände etwas schräg ist. Ich glaube, dass wir aber einfach gerade etwas fertig sind.

Es ist immer blöd, wenn man sich einen fixen Endpunkt wie einen Campingplatz setzt und das dann doch nicht klappt. Aber wir freuen uns, dass wir doch einen guten Platz finden konnten und jetzt geht es in die Schlafsäcke. Da die Rückenschmerzen noch genauso schlimm sind, wie vormittags, werfe ich für den Schlaf noch eine Schmerztablette ein.


Tag 122 – 15. September 2026 (25,1 Kilometer)

Als ich heute morgen wach werde, kann ich meinen Rücken kaum bewegen. Das tut echt richtig weh. Aber wir wollen weiter – hier irgendwo neben der E6 im Zelt liegen bleiben, ist ja keine Option. Also eine weitere Schmerztablette und los geht’s.

Wir müssen erstmal ein paar Meter auf der E6 laufen. Das ist so früh gerade nicht schlimm, da noch nicht viel los ist. Aber auf Teer gehen ist anstrengend für die Füße und Beine. Es macht einen ziemlichen Unterschied zu Wanderwegen. Wie haben wir nur Etappe 1 überstanden, in der man eigentlich nur auf Teer geht?



Nach drei Kilometern biegen wir links nach oben ab. Immer noch auf Teer, aber nun zumindest nicht mehr auf der E6. Wir machen noch ein paar Höhenmeter und können dann wieder auf die Küste schauen.

Wir sehen einige Berge im Hintergrund aus dem Wasser emporragen. Auf einem Massiv ruht ein gigantischer Gletscher.

Kurz darauf kommen wir an der Unterkunft Gildetun vorbei. Ich hatte gehofft, dass wir hier vielleicht kurz reinkönnen, um einen Kaffee zu trinken. Aber sie haben schon geschlossen, die Saison ist vorbei.



Daran merken wir wieder, dass die Uhren hier oben ganz anders ticken, als bei uns daheim. „Closed for the season“ würde man bei uns in der Gegend Mitte September wohl nirgends lesen. Und irgendwie passt das gerade auch gut zu unserer Reise. Um uns herum macht langsam alles Feierabend für dieses Jahr und auch für uns rückt das Ende immer näher.

Wir machen also nur eine kurze Pause auf der Holztreppe einer der Hütten und machen uns dann an den Weiterweg. Wir müssen die ganzen Höhenmeter jetzt wieder runter und kommen dann wieder auf die E6. Jetzt ist hier langsam doch einiges mehr los und die Straße ist auch viel enger, da wir neben der Küste unterwegs sind.

Wir sind beide davon total gestresst, aber es geht alles gut und wir kommen um kurz nach 12 Uhr und nach 17 Kilometern an einem Rastplatz mit Ausblick auf den Fjord an. Wir setzen uns auf eine der Holzbänke und machen Mittagspause. Wir sind schon beide viel entspannter.

Jetzt sind es nur noch zweieinhalb Kilometer bis zum Supermarkt, den wir ansteuern um Lebensmittel für die nächsten drei Tage nach Alta zu kaufen. Wir hoffen, dass es dort eine Sitzecke gibt, in der wir nochmal eine längere Pause mit Kaffee machen können, um die Füße zu entspannen.

Die nächsten Meter bis zum Supermarkt sind dann auch schnell gemacht und fühlen sich nicht mehr ganz so halsbrecherisch an, da die Straße etwas breiter ist. Wir kommen am Matkroken Supermarkt an und werden erstmal von einer kleinen Tourigruppe in Beschlag genommen. Wo wir herkommen, wo wir hinwandern wollen, wie lange wir schon unterwegs sind und und und. Sie kommen aus dem Staunen nicht mehr raus, sodass es mir schon fast unangenehm ist. Am Ende drücken sie uns ganz überschwenglich die Daumen, dass wir unser Ziel erreichen und wir laufen etwas schmunzelnd in den Shop.

Der Einkauf ist schnell erledigt und tatsächlich, es gibt eine Sitzecke und Kaffeemaschine! Theoretisch gibt es auch noch einen Imbiss, den wir aber nicht nutzen. Der Kaffee ist aber genau das Richtige jetzt.

Wir machen nochmal eine ausgiebige Pause mit ein paar süßen Teilchen.

Die Füße freuen sich über die Pause vom Teer und ich bin ganz mutig und ziehe sogar meine Schuhe aus. Da keiner der anderen Gäste unauffällig verschwindet, dürfte der Wandererduft wohl nicht allzu schlimm sein, die Schuhe sind gerade auch mal trocken.

Wir merken momentan, dass sich unser Hungergefühl verändert. In unserer Erinnerung ist zu Beginn der Reise sehr viel Appetit da gewesen und ab der Hälfte der Wanderung ganz schlimmer Hunger. Jetzt ist es irgendwie weder noch. Wir essen, weil wir essen müssen. Wir sehnen uns auch sehr nach dem Essen Zuhause: vor allem frisches Gemüse und viel Obst fehlt uns sehr.

Nach fast zwei Stunden machen wir uns an die letzten fünf Kilometer für heute, die auch schnell runtergerattert sind. Der Campingplatz Sekkemo hat auch tatsächlich noch auf und wir ergattern eine kleine Holzhütte für etwa 600 Kronen die Nacht. Die Duschen sind schon im Preis enthalten, das überzeugt uns doch!

Nach einer ausgiebigen Dusche, einem Berg Nudeln, Creme für die Füße und Schmerztabletten für den Rücken, gehen wir um kurz nach 20 Uhr ins Bett. Mittlerweile wird es abends auch tatsächlich wieder dunkler. Das ist immer noch irgendwie ungewohnt für uns.


Tag 123 – 16. September 2026 (24,3 Kilometer)

Wir brauchen heute mal wieder etwas länger, um loszukommen. So ist das eigentlich immer, wenn wir in einer Hütte schlafen.

Gegen halb 9 Uhr geht es dann los. Der erste Teil des heutigen Weges führt uns entlang eines Fjords auf der Straße Kvænangsbotnveien. Dieser folgen wir heute erstmal für etwa acht Kilometer. Als wir dort ankommen ist es gegen halb 11 Uhr. Wir machen jetzt erstmal unsere erste Pause direkt in dem Waldstück, durch das wir gleich einige Höhenmeter aufsteigen werden. Es gibt Nüsse, Schokolade und Bilar. Ein paar getrocknete Früchte kommen auch noch in den Mix.



Dann machen wir uns an den Aufstieg. Wir wollen jetzt etwa 650 Höhenmeter hoch. Zuerst laufen wir auf einem Forstweg durch ein dichtes Kiefernwäldchen. Ich fühle mich, als wäre ich im Harz unterwegs, nur dass die Bäume hier noch leben. Der Borkenkäfer ist wohl noch nicht nach Nordnorwegen ausgewandert.



Nach knapp 200 Höhenmetern kommen wir aus dem Wäldchen heraus und haben wieder eine hübsche Fjellebene mit Birkenbäumchen um uns herum.



Die weite Fläche, durch die wir laufen, sieht herbstlich bunt aus. Unter einem großen Baum finden wir eine Bank und ein Gipfelbuch, hier machen wir nochmal Pause und trinken unseren Tee. Seit Mitte August haben sich erst zehn andere in das Buch eingetragen. Na das scheint ja gut verlassen hier zu sein. Das wird gut tun nach den Straßenkilometern.



Mittlerweile sind der Wind und auch der Regen da. Leider bestätigt das den Wetterbericht. Es soll nämlich heute richtig viel regnen, was wir gerade für diese Strecke ziemlich schade finden. Aber man kann sich das Wetter ja bekanntlich nicht aussuchen.



Wir machen uns an die nächsten Kilometer und Höhenmeter, weiterhin auf einem gut zu gehenden Forstweg, aber diesmal in Regenjacke. Wir kommen gegen 12 Uhr an einer Schäfershütte vorbei.

Der Wind tobt uns laut um die Ohren und versucht uns vom Weg zu fegen. Wir rütteln an der Tür, aber leider ist sie verschlossen. Also setzen wir uns auf die Windschattenseite der Hütte, wo wir auch etwas unterm Dach sitzen können. Hier machen wir jetzt nochmal Mittagspause. Für die nächsten Kilometer wird nämlich kein Unterstand mehr kommen, daher sind wir dankbar, hier nochmal aus dem Wind zu kommen.

Wir verschnacken uns etwas, aber dann sehe ich, dass es gerade eine Regenpause gibt. Wir packen schnell alles zusammen und machen uns an den letzten Anstieg.

Der geht nun immer mal wieder über Geröll, ist an sich aber einfach zu gehen. Oben angekommen stoßen wir auf eine Absperrung um ein großes Loch im Boden. Sollen wir da nicht rein oder ist da etwas drin, das nicht raus soll? Wir wissen es nicht.



Wir laufen weiter, immer den Markierungen hinterher. Die sind hier übrigens sehr zahlreich vertreten: alle zehn bis zwanzig Meter steht ein rot markiertes Steinmännchen. Wir müssen beide darüber schmunzeln – haben wir überhaupt schon mal eine so gute Markierung gehabt (wenn man von den großen Trails wie dem Kungsleden etc. mal absieht)?

Wir laufen munter weiter, aber nach und nach zieht sich der Himmel zu. Der Wind wird stärker. Der Regen wird stärker. Irgendwann müssen wir uns anbrüllen, um uns noch zu verständigen. So viel Regen und so viel Wind auf einmal haben wir doch selten gehabt. Und das soll bei unserer nassen Reise was heißen.



Wir folgen weiter den Steinmännchen über die Fjellebenen, klettern über Stock und Stein (okay, sehr viel mehr Stein als Stock) und versuchen, den Wind bestmöglich zu ignorieren. Irgendwann kreuzen wir eine große Forststraße, dann sind wir aber auch schon wieder auf dem Wanderweg. Der steht bei dem ganzen Regen natürlich komplett unter Wasser. Schade eigentlich, sonst wäre er einfach toll zu gehen! Obwohl es sich hierbei jetzt um eine Route handelt und nicht um einen ausgetretenen Weg.

Irgendwann bin aber vor allem ich ziemlich nass und runtergekühlt. Da es eh schon kurz vor 17 Uhr ist, versuchen wir nachdem wir uns durch einen Rentierzaun gezwängt haben, einen Zeltplatz zu finden. Aufgrund der ganzen Steine gar nicht so einfach, weil wir ja auch ein bisschen Windschutz brauchen. Wir finden einen Hang mit einer ebenen Fläche, etwas oberhalb des Sees Baddervatnet.

Wir versuchen in dem Wind und Regen das Zelt so schnell wie möglich aufzubauen, aber es ist ziemlich mühsam und dauert länger als sonst. Unsere Finger sind danach komplett eingefroren und rot. Und ich bin total ausgekühlt.

Wir schlüpfen ins Zelt und sind triefend nass. Der Zeltboden dann natürlich auch, überall bilden sich Pfützen in unserem Zelt. Wir versuchen alles so gut es geht zu verstauen, aber es ist einfach alles nass und tropft.

In dem Wind versuche ich, im Zelteingang noch Wasser für das Abendessen zu kochen, aber dabei regnet es natürlich auf meinen Schlafsack. Auch nicht gut.

Erst als wir dann etwas Warmes gegessen haben, taue ich langsam auf und höre auf zu zittern. Bei dem Gedanken, morgen wieder in die klatschnassen Sachen zu müssen, wird mir schon wieder kalt.


Tag 124 – 17. September 2026 (24,8 Kilometer)

Als ich heute wach werde, ist mir richtig schön warm. Im Schlafsack mit dem Quilt bin ich total aufgewärmt, was sich einfach toll anfühlt. Auf das Zeltdach klatschen aber große Tropfen, es regnet nämlich immer noch, so wie schon die ganze Nacht. Da hierbleiben aber keine Option ist, machen wir uns fertig. Das Anziehen der klatschnassen Sachen, die jetzt über Nacht auch noch eiskalt geworden sind, kostet uns richtig viel Überwindung.

Als wir loslaufen, wird der Regen etwas weniger, aber es ist immer noch bitterkalt. Nach ein paar hundert Metern sehen wir aber eine kleine Holzhütte zwischen den Regenschleiern auftauchen. Das muss die kleine Nothütte sein, von der Robert uns erzählt hatte.



Sie ist auf und wir betreten die zwei Quadratmeter große Hütte. Es gibt einen Ofen, zwei kleine Sitzbänke und einen kleinen Tisch. Also gerade genug Platz, um uns beide plus Rucksäcke aufzunehmen. Ich mache ein Feuer und bald dampft es in der Hütte. Ich stelle mich mit meiner klatschnassen Hose direkt vor das Feuer und das Wasser dampft an mir hoch.

Bald sieht es aus wie in einem Dampfbad. Wir trinken beide eine heiße Schokolade, aber wir schaffen es in der dreiviertel Stunde nicht, unsere Sachen zu trocknen. Es ist eher ein warmes, klammes Gefühl, das die Kleidung jetzt verströmt. Irgendwie auch unangenehm.

Wir gehen um kurz nach 9 Uhr weiter. Draußen ist es eiskalt, aber auch wunderschön. Um uns laufen viele Rentiere umher, da wir sie immer wieder aus Versehen aufscheuchen. Der Weg ist nass, aber wir kommen trotzdem ganz gut voran.



Nach sieben weiteren Kilometern kommen wir wieder an einer Schutzhütte vorbei, die direkt am Stausee Stuevannet steht. Diese ist etwas größer, daher haben wir hier die Hoffnung, bei einer weiteren Pause nochmal die nassen Sachen und vor allem auch das klatschnasse Zelt aufhängen zu können.

Aber daraus wird leider nichts, der Holzvorrat ist quasi aufgebraucht und es gibt nur noch ein paar sehr große Holzscheite, mit denen sich kein Feuer entfachen lässt.



Ich schaffe es trotzdem eine kleine Glut zu zaubern, aber das reicht nicht, um die Hütte wirklich aufzuwärmen geschweige denn unsere nassen Sachen zu trocknen. Aber okay, dann ist es jetzt eben einfach so. Wir müssen ja zum Glück nur noch eine Nacht draußen schlafen, dann kommen wir schon in Alta an und können endlich alles wieder richtig trocknen. Nur damit dann alles wieder nass werden darf! 😉

Die nächsten Kilometer lassen sich nochmal einfacher laufen, da wir hier auf einem breiten, steinigen Forstweg unterwegs sind. Den Fluss vom Stausee furten wir unten an der Stelle, die auch entsprechend markiert ist. Die Flüsse sind trotz des anhaltenden Regens gut zu furten (bei der tiefsten Stelle bin ich bis zum Knie im Wasser).

Der Weg generell steht aber wirklich unter Wasser. Bei trockeneren Bedingungen (gibt es das in Norwegen überhaupt?!) ist der Weg sicherlich ganz toll zu gehen.



Wir haben beim jetzigen Abstieg einen weiten Ausblick auf das herbstlich verfärbte Mattisdalen und können die hohen, abfallenden Berge in der Ferne sehen. Um uns herum stehen viele Birken, die mittlerweile ihr gelbes Blätterkleid vollständig verloren haben und ein Blättermeer bedeckt den Boden.



Der Weg macht richtig Spaß zu gehen, wir laufen jetzt auch wirklich nur noch bergab. Je tiefer wir kommen, desto weniger eisig ist die Luft.

Nach ein paar Kilometern kommen wir an der ersten Unterkunftsmöglichkeit vorbei, an der wir aber vorbeilaufen. Jetzt sind wir wieder auf Kiesstraße und haben die Wildnis hinter uns gelassen.

Nach ein paar weiteren Kilometern stellen wir das Zelt neben der Straße, den Abhang hoch, auf. Wir sind zwar nicht mehr so klatschnass wie gestern, aber doch ganz schön erschöpft und freuen uns, morgen in eine warme und trockene Unterkunft zu kommen.


Tag 125 – 18. September 2026 (20,9 Kilometer)

Gegen kurz nach 6 Uhr klingelt der Wecker, aber wir sind beide schon eine Weile vorher wach. Da wir heute aber nur 20 Kilometer bis Alta vor uns haben, brauchen wir uns nicht stressen. Ab 13 Uhr können wir in unser Hotel einchecken.

Gegen Viertel nach 7 Uhr laufen wir dann doch los. Der Regen hat sich über Nacht wohl so ausgetobt, dass er uns für den Weg über heute in Ruhe lässt. Die ersten sieben Kilometer laufen wir auf der Straße Mathisdalen entlang des Flusses Mattiselva. Es ist ziemlich ruhig hier und wir kommen an kaum einem Haus vorbei. Nach drei Kilometern geht es an dem See Mattisvannet vorbei (ihr erkennt das Muster, oder?), bis wir schließlich wieder auf der E6 sind. Dieser müssen wir aber nur ein kurzes Stück folgen und können dann auf den Radweg daneben wechseln.



Nach einer kurzen Pause kommt tatsächlich auch die Sonne raus. Die hätten wir ja lieber die letzten zwei Tage in den Bergen gehabt, aber wir merken Mal wieder, dass wir uns das Wetter nicht aussuchen können.

Die letzten Kilometer ziehen sich ziemlich. Meine Füße brennen auf dem Asphalt, sie fühlen sich viel zu warm an, während die Luft um uns herum gleichzeitig angenehm kühl bleibt. Der Fuchs hat auch das Gefühl, dass die Füße gerade einfach nicht mehr laufen wollen. Wird das jetzt die letzten Meter so bleiben mit dem Randalieren der Körper?

Als wir fast am Ziel sind, sehen wir den Radwegweiser mit der Aufschrift „Nordkapp 236“. Nur noch 236 Kilometer… Zum ersten Mal steht unser Ziel nicht mehr nur irgendwo abstrakt ganz oben auf der Karte, sondern auf einem Straßenschild direkt vor uns. Und auch wenn ich wusste, dass dieser Tag (hoffentlich) irgendwann kommt, fühle ich mich gerade doch gar nicht darauf vorbereitet. Ich muss richtig mit den Tränen kämpfen.

Je weniger verbleibende Kilometer auf der Karte, desto größer ist das Gefühlschaos. Einerseits will ich dieses Ziel „Nordkap“ erreichen und gleichzeitig will ich noch gar nicht zurück in einen Alltag, in dem morgens nicht einfach nur die Frage lautet: Wo laufen wir heute hin?

Seit Monaten tragen wir alles, was wir brauchen, auf dem Rücken. Wir essen, laufen, schlafen und machen am nächsten Morgen einfach weiter. Dieses Leben ist manchmal nass, kalt und ziemlich anstrengend, aber eben auch erstaunlich einfach. Es ist unglaublich beruhigend, so viel Zeit draußen und in dieser wunderschönen Natur verbringen zu dürfen.

Um quasi Punkt 13 Uhr stehen wir vorm Hotel. Wir checken ein und verzaubern das Hotelzimmer in eine Outdoortrockenkammer, um alle unsere immer noch nassen Sachen endlich zu trocknen. Es ist nämlich eigentlich immer noch fast alles nass.

Danach gehen wir duschen, planen die letzte Etappe (Himmel, die Letzte!?) und machen uns dann auf ins Einkaufszentrum. Ich brauche eine dickere Leggings, meine hat im Fjell die letzten Tage gezeigt, dass sie einfach nicht dick genug ist und ich brauche neue Kopfhörer und will Wärmepads für den Rücken holen. Und wir brauchen kurz was zu essen, um es bis zum Abendessen durchzuhalten.

Wir stolpern in das erste Bistro, aber das holt mich so gar nicht ab. Wir gehen weiter und eigentlich passt mir das auch nicht. So schwierig bin ich ja schon lange nicht mehr gewesen. 

Irgendwann einigen wir uns auf das UNO Café. Der Fuchs bekommt ein Rentiertoast und ich überbackene Fries. Dazu gibt’s einen Bananenmilchshake, der feierlich geteilt wird. Die Sahne bekommt aber vorrangig der Fuchs.

Wir tingeln anschließend von Laden zu Laden, aber richtig fündig werde ich nicht. Wahrscheinlich bin ich gerade nicht in der richtigen Verfassung, um Einkäufe zu tätigen. Aber letztlich kaufe ich eine Leggings, die mir nicht richtig gefällt, und finde Kopfhörer, die nicht allzu teuer sind. Mission completed, würde ich sagen.

Danach geht’s wieder rüber zum Hotel. Hier gibt es ein Restaurant im Erdgeschoss, das wir heute zum Abendessen nutzen wollen. Dann können wir nämlich einfach mit Flauschsocken runtergehen und müssen nicht wieder in die Schuhe. Wir bekommen einen Platz und snacken uns durch die Karte. Anschließend fallen wir vollkommen erschöpft von dem halben Wandertag ins Bett.


Und damit liegen zwischen uns und dem Nordkapp tatsächlich nur noch 236 Kilometer. Eine letzte Etappe, ein letztes Mal Essen für mehrere Tage in den Rucksack stopfen. Ein letztes Mal Zelt aufbauen, morgens in kalte Klamotten steigen und einfach weiter nach Norden laufen.

Wir müssen uns langsam wohl damit beschäftigen, was passiert, wenn auf der Karte irgendwann kein Norden mehr übrig ist.


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Veröffentlicht von DieWanderElster

Hej, ich bin die WanderElster, Bloggerin aus der Taunusgegend. auf diesem Blog schreibe ich über draußenverbrachte Zeit, wandernd, weiterwandernd, mit Rucksack, ohne Rucksack und ich freu mich, dass ihr dabei seid!

Ein Kommentar zu “NPL Etappe 13.2: Von Storslett durch das Mattisdalen nach Alta (127 Kilometer)

  1. Ihr seid so tapfer. Das Wetter ist wirklich nicht auf euer Seite. Ich drücke die Daumen, dass die letzte Etappe sich noch mal von ihrer schönsten Seite zeigt, der Herbst im Fjell kann so magisch sein, wenn alles in bunten Farben leuchtet. Es ist so spannend, von euch zu lesen. LG, Claudia 😍☀️☀️☀️

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