Nach über 2000 Kilometern haben wir uns erstmal etwas wirklich Wildes gegönnt: Sauna, Whirlpool und ein finnisches Menü. Man muss schließlich Prioritäten setzen.
Danach hieß es aber wieder Rucksack auf und weiter nach Norden. Über den steinigen Halti-Highway, durch eiskalte Flüsse und eine rotbraune Fjelllandschaft ging es zurück nach Norwegen und hinunter ins Reisadalen. Mit dabei: erstaunlich viel Sonne, nasse Füße, 55 Rentiere und die langsam etwas beunruhigende Erkenntnis, dass uns inzwischen tatsächlich die Etappen ausgehen.
Denn nach 120 Tagen und mehr als 2200 Kilometern ist das Nordkap plötzlich nicht mehr nur irgendein Punkt ganz weit oben auf der Karte.
Aber noch sind wir nicht da. Erstmal geht es nach Storslett.


NPL Statistik
- Mückenbarometer: 1/10
- Übernachtungen:
- Zeltübernachtung: 4
- Hüttenübernachtung: 0
- Sonstige Unterkünfte: 1
- Flussüberquerungen: 23
- Tage ohne Regen: 3
- Müsliriegel:
- Elster: 8
- Fuchs: 6
- Waffeln: 2
- „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: keine
- Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: keine
- Rentiere/Elche: 55 Rentiere, keine Elche
- Gelaufene Blasen: 1
- Anzahl Duschen: 1
- Ohrwurm der Woche:
- Elster: Leise rieselt der Schnee
- Fuchs: HIM – Funeral of hearts
Gesamtkilometer: 2225,9 Kilometer
Tierbeobachtungen (erstaunlich wenige): neben Rentieren eine Sumpfschnepfe, eine Handvoll Moorhühner und ein Eichhörnchen
Tag 116 – 08. September 2026 (Ruhetag)
Heute ist nur eins angesagt: Entspannung pur! Also stehen wir um halb 9 Uhr beim Frühstücksbuffet und schlemmen uns durch die verschiedensten Leckereien. Anschließend vertrödeln wir den Vormittag, verschicken ein Paket nach Hause mit überflüssigen Dingen, die wir nicht mehr brauchen (gut, ein bisschen Orga ist ja immer) und schreiben am Blog.
Danach geht es für den Nachmittag ins Tundrea gegenüber. Denn hier steht jetzt etwas ganz Besonderes an, auf das wir uns schon seit Beginn der Reise freuen: Unsere Freund*innen haben uns hier nämlich einen Spa Nachmittag im privaten Sauna- und Whirlpoolbereich organisiert, um nach 2000 Kilometern endlich mal die Muskeln zu entspannen.



Jetzt wissen wir jedenfalls, wie sich alle diesen Sommer in der Hitzewelle in Deutschland gefühlt haben müssen. Ein ganz großes Danke für die Wärme und Entspannung an Jul, Rico, Chiara & Christian, Lotta, Sophie, Joachim, Louisa & Ralf, Mona, Tillmann, Michael, Lara, Kriss und Vicky ♥️
Nachdem wir uns aufgeheizt haben, geht es für uns zurück ins Hotel und wir vergnügen uns im hotelinternen Restaurant. Heute steht das „Finnische Menü“ auf der Karte! Inklusive Rentier, Birkenöl, ganz vielen Blaubeeren und Pastinaken in unterschiedlichsten Formen. Danach fallen wir ins Bett und der Schönste aller Ruhetage geht leider viel zu schnell zu Ende.
Und jetzt freuen wir uns einfach auf die nächste Etappe.




Tag 117 – 09. September 2026 (30 Kilometer)
Heute Morgen wollen wir das Frühstücksbuffet nochmal richtig auskosten. Wir stehen um Punkt 8 Uhr finnischer Zeit im Frühstücksbereich und lassen es uns nochmal richtig gut gehen. Danach geht es um kurz nach 9 Uhr auf die vorletzte Etappe.


Wir sind beide sehr gespannt auf diesen kommenden Abschnitt unserer Reise. Denn wir werden das erste Mal so richtig an finnischen Hütten vorbeikommen und wahrscheinlich auch viele Halti-Besteiger*innen treffen. Der Halti ist der höchste Berg Finnlands und dessen Gipfel (der witzigerweise aber auf norwegischer Seite liegt) muss wohl jede*r Finne*in irgendwann im Leben erklommen haben.
Es ist kalt und bewölkt heute, aber der Wetterbericht sagt, dass es heute und die kommenden zwei Tage etwas freundlicher werden soll. Wir sind gespannt, ob das finnische Wetter genauso unberechenbar ist wie das norwegische diesen „Sommer“. Denn auf unserer Reise haben wir eins auf jeden Fall gelernt: Vertraue nie der Wetterapp, das Wetter macht eh sein eigenes Ding.




Zum Weg – den wir mittlerweile wie Martin Halti-Highway nennen – können wir heute vor allem eins sagen: Es ist steinig. Ich habe das Gefühl, dass wir eine halbe Ewigkeit für die ersten paar Kilometer brauchen.




Aber als wir nach 12 Kilometern über Steine, Wurzeln und an Seen vorbei an der ersten Hütte, der Saarijärvi Hütte, ankommen, ist es doch erst kurz nach 13 Uhr. Also halb so wild.



Die alte Hütte ist tatsächlich nicht mehr in Benutzung, aber es gibt 200 Meter weiter zwei neue Hütten. Eine davon ist offen. Die finnischen Hütten haben zwar nichts von der norwegischen Gemütlichkeit, aber sie bieten alles, was man für eine Rast oder Notunterkunft braucht: Ein paar Holzpritschen zum Schlafen, einen Gaskocher und einen Kamin sowie manchmal noch einen Trockenraum. Und im Gegensatz zu den schwedischen und norwegischen Hütten sind die Finnischen kostenfrei.
Wir gehen hinein, um aus dem kühlen Wind zu kommen und kochen uns Wasser für Cappuccino und Tee. Zum Mittagessen gibt es heute ein paar Wraps und unsere Snacks vom Vormittag, die wir noch nicht gegessen haben. Unsere erste Pause haben wir heute nämlich irgendwie vergessen, weil wir aufgrund des guten Frühstücks im Hotel noch gar keinen Hunger hatten.
Es kommen noch ein paar Finnen vorbei, die alle beim Halti waren und nun auf dem Weg nach Kilpisjärvi sind.
Der weitere Weg geht nun stets bergauf und auch über ganz viele Steine. Uns fällt mal wieder die Weite auf, in der wir hier unterwegs sind. Die Berge sehen nun viel flacher aus, eher wie gigantische Hügel.


Es macht richtig Spaß hier zu laufen. Und die Sonne ist nun tatsächlich doch rausgekommen. Es wird zwar nicht mehr richtig warm, die Luft ist mittlerweile einfach zu kalt. Aber ein bisschen Wärme schenkt sie doch noch.
Nach ein paar Kilometern hinauf kommen wir zu einem Tal, dem Guinjarvággi. Hier steigen wir hinab, überqueren noch einen breiteren Fluss und diesem folgen wir dann für eine Weile. Uns kommen noch fünf Rentiere entgegengerannt – wovor laufen die denn weg? Aber wir sehen nichts Angsteinflößendes und dann stehen wir auch schon vor der nächsten Hütte.

Da der Wind immer noch ziemlich stark ist, entscheiden wir uns für eine weitere Pause drinnen. Als wir eintreten, sitzen da schon ein paar Parteien und wir setzen uns mit Tee und Müsliriegeln dazu. Als sie uns fragen, wo wir gestartet sind und wir „Lindesnes“ sagen, sind sie erstmal alle sehr verwirrt, bis wir erklären, dass wir Norge på langs laufen. Auch wenn eine Finnin tatsächlich nicht weiß, wo das Nordkap ist, sind doch alle sehr interessiert an unserer Reise. Und so vergeht die Pause recht schnell mit Erzählungen zu unserer Wanderung.
Als wir aufbrechen und sagen, dass wir noch bis zur Meekonjärvi Hütte wollen, die etwa 13 Kilometer entfernt ist, sind alle verwirrt: Es ist doch schon kurz nach 17 Uhr finnischer Zeit!? Aber dann lacht einer und sagt, dass wir die 13 Kilometer nach 2000 Kilometern ja heute wohl auch noch schaffen. Das sehen wir auch so!




Also weiter geht’s, wieder hinaus und nun kommt doch noch leichter Regen. Wir laufen weiterhin auf einem steinigen Weg und können irgendwann tatsächlich die Meekonjärvi Hütten erkennen. Rechts neben uns steht der Saivaara Berg und verleiht dem Tal einen Grand Canyon Vibe.

Mit Blick auf den Gipfel finden wir einen Platz für unser Zelt im Windschatten und hoffen, dass der Wind heute nicht mehr dreht. Während ich das Zelt aufbaue, holt der Fuchs Wasser aus dem nächsten Fluss. Wir kochen uns noch je ein Turmat Gericht (ich bekomme Nudeln mit Lachs und der Fuchs hat Pasta Carbonara) und dann geht es auch schon in die Schlafsäcke.



Tag 118 – 10. September 2026 (29,1 Kilometer)
Als wir heute aus dem Zelt kriechen, sieht der Himmel richtig freundlich aus. Sogar die Sonne kommt kurzerhand hinter der nächsten Wolkenfront hervor. Aber auch wenn es auf den Bildern wie Hochsommer aussieht, ist es wirklich eiskalt.



Wir ziehen uns daher im Zelt so schnell wie möglich warm an und dann geht’s los. Es ist nach norwegischer Zeit erst halb 7 Uhr. Dieser Switch zwischen norwegischer und finnischer Zeit bringt uns total aus dem Konzept, weil unsere Uhren und das Garmin alle unterschiedliche Uhrzeiten anzeigen.
Wir kommen nach ein paar Metern an der Abzweigung zur Meekonjärvi Hütte vorbei, die wir nicht nehmen. Wir sparen uns die 700 Meter hin und zurück.



Dann geht es weiter über den Fluss Bierfejohka mithilfe einer Brücke und dann an einer kleinen Siedlung vorbei, die direkt am See Meekonjärvi liegt. An dessen Ufer entlang geht es jetzt über Steine (anstrengend) und Planken (entspannt!) und wieder Steine (anstrengend). Danach geht es entlang des Flusses Vuomakasjoki Richtung nächste Hütte. Dort wollen wir in Ruhe Mittagspause machen. Aber der Weg dahin zieht sich heute bei uns irgendwie, obwohl es nur ca. 12 Kilometer bis dahin sind. Ich habe mal wieder das Gefühl, dass wir ewig dahin brauchen.
Aber mittlerweile ist die Sonne so richtig rausgekommen und das macht das Wandern doch gleich viel spaßiger. Die Landschaft um uns herum leuchtet rot. Aber die Kühle und der Wind lassen sich von der Sonne nicht vertreiben.





Als wir an der Pitsusjärvi Hütte ankommen, ist niemand hier. Die Hütte ist unordentlich und auch nicht besonders sauber. Aber egal, wir können uns hier in der kleinen Hütte ausbreiten und sind aus dem Wind. Ich versuche ein Feuer zu machen, um meine Schuhe zu trocknen, aber es gibt nur noch ganz große Holzscheite, mit denen sich nicht so gut ein Feuer starten lässt. Holzhacken will ich aber für die kurze Mittagspause nicht, also gewinnt die Sturheit und nach fast einer halben Stunde haben wir ein passables Feuer entzündet.



Lange machen wir aber nicht Pause, sodass der Effekt für meine Schuhe eher unbeeindruckend bleibt. Gegen 12 Uhr ziehen wir weiter. Wir verlassen jetzt den Halti-Highway und biegen nach Osten ab.
Es geht jetzt knapp 250 Höhenmeter hinauf. Es ist immer noch steinig, aber oben angekommen finden wir einen wunderbaren Weg vor, der nicht mehr allzu sehr die Konzentration auf den Boden zwingt. Wir laufen durch eine rotbraune Fjelllandschaft und kommen an zwei Seen vorbei. An dem einen Ufer sehen wir vier Angler, auf der gegenüberliegenden Uferseite steht eine kleine Herde Rentiere.




Als wir durch den Fluss Kopmajoki laufen, schwappt das eiskalte Wasser in unsere Schuhe. Es ist wirklich kühl hier. In solchen Momenten freue ich mich dann doch etwas auf Zuhause und eine Heizung. Und trockene Socken.
Auf der anderen Uferseite geht es nun über Geröll bergab Richtung Kobmajoki Hütte. Hier legen wir nochmal einen Stopp ein. Wir sind beide – obwohl wir bis hier erst 22 Kilometer gelaufen sind – ziemlich kaputt. Am liebsten würde ich einfach hier bleiben, aber wir haben unser Mindestziel noch nicht erreicht.




Wir machen uns in der Hütte einen Tee und ich ziehe die nassen Schuhe aus. Jetzt sind meine Füße in den nassen Socken aber noch kälter, also ist das auch keine Lösung. Für ein Feuer bleiben wir hier aber nicht lange genug. Also muss ich das jetzt eben aushalten.
Die Hütte ist noch kleiner, als die Pitsusjärvi Hütte, aber dafür sehr ordentlich und sauber. Die vorherigen Gäste haben sich richtig Mühe gegeben, alles sorgfältig zu hinterlassen.
Nach 20 Minuten geht es aber dann weiter. Und als hätte jemand den Schalter umgelegt, ist das Wandern jetzt auf einmal viel einfacher. Vielleicht liegt es aber auch nicht an uns, sondern daran, dass der Weg nicht mehr aus Steinen, sondern aus einem erdigen Wanderweg besteht. Wir schweben förmlich durch die Landschaft und auf einmal haben wir wieder die Grenze nach Norwegen überschritten und kommen an der Somashütte an. Finnland haben wir jetzt endgültig hinter uns gelassen und sind ab jetzt nur noch in Norwegen unterwegs. Die Landschaft um uns herum könnte auch die Kulisse für Planet der Affen sein, nur in kalt.



Wir laufen an der Somashütte vorbei, weil wir noch etwas weiter wollen. Dann ist der Weg morgen runter ins Reisadalen nicht ganz so lang und das Wetter heute Abend ist auch noch passabel. Die Sonne ist zwar mittlerweile weg, aber Wind und Regen sind auch nicht da.
Wir laufen noch durch den Fluss Rahpesjohka und steigen den dahinter liegenden Hügel hinauf. Dort wollen wir einen Zeltplatz suchen. An ein paar namenlosen Seen finden wir eine Stelle, die keine Steine hat und einigermaßen eben ist.

Während der Fuchs Wasser holt, baue ich das Zelt auf. In absoluter Stille um uns herum fallen wir ziemlich kaputt in unsere Schlafsäcke und schlummern ein.
Tag 119 – 11. September 2026 (25,5 Kilometer)
Als wir heute aus dem Zelt steigen, sieht der Himmel freundlich aus und der Wind hat sich über Nacht auch gelegt. Sollten wir heute tatsächlich nochmal Glück mit dem Wetter haben?




Als wir loslaufen ist es doch etwas windig. Aber nicht mehr ganz so kalt wie gestern. Der Weg ist anfangs schön zu gehen, es geht über einen Quad-Weg und über weite Flechtenböden. Dann ist er sumpfig, dann wieder ein toller Wanderweg, dann ein Unterwasserweg, dann wieder toll. Nach und nach kämpft sich die Sonne durch und die Wolken vom Morgen verschwinden langsam.

Die erste Pause machen wir hinter einem Hügel, um etwas aus dem Wind zu kommen. Wir überlegen, welche Statistiken wir am Ende unserer Reise noch machen könnten: Der Supermarkt mit der größten Auswahl an Trekkinggerichten, das Café mit der besten Waffel, der tollste Nationalpark, der Weg mit der schlechtesten Wegmarkierung,..? Uns fällt da so einiges ein.



Nach der Pause geht es langsam weiter. Manchmal habe ich hier das Gefühl, mit meinen kleinen Schritten in dieser riesigen Landschaft kaum voranzukommen. Kaum zu glauben, dass man später auf der Karte aber doch sieht, was man wieder so alles hinter sich gelassen hat.


Die restlichen Kilometer laufen sich irgendwie so runter. Wir kommen am Nachmittag irgendwann zum Abstieg ins Reisadalen. Der ist in Teilen etwas steil und schlammig, aber grundsätzlich sehr gut zu gehen. Als wir zwei Kilometer vor Ende sind, nehmen wir aber eine Abzweigung nach links, um den Weg Richtung Storslett etwas abzukürzen.



Hier sind total tolle Zeltplätze, aber für uns ist es eigentlich noch etwas zu früh, um den Wandertag zu beenden. Also gehen wir noch etwas weiter. Kurz nachdem wir wieder auf der Straße sind, finden wir einen Zeltplatz etwas erhöht im Wald und machen für heute Schluss.



Wir sind beide heute etwas müder als sonst. Aber wir freuen uns auch, übermorgen in Storslett anzukommen und die Füße etwas auszuruhen, bevor es Richtung Mattisdalen und schließlich nach Alta geht.
Tag 120 – 12. September 2026 (32,5 Kilometer)
Heute sind wir wirklich schon 120 Tage auf Tour. Diese Zahl lässt sich für uns kaum begreifen. Vielleicht denken wir momentan deswegen sehr viel über die einzelnen Stationen unserer Wanderung nach, müssen an Momente ganz am Anfang denken und schmunzeln über die ein oder andere Situation, in der wir gesteckt haben. Vielleicht ist es das langsame Abschiednehmen, denn das Ende der Tour steht irgendwie unmittelbar bevor. Und andererseits fühlt sich das Nordkap immer noch unglaublich weit entfernt an.
Mit diesem Gefühl laufen wir heute unsere Etappe weiter Richtung Storslett. Und da heute hauptsächlich Straße geradeaus auf unserem Programm steht und gleichzeitig wenig Höhenmeter, kommen wir ziemlich schnell voran.




Die Kondition baut sich über 120 Tage wohl doch auf. Davon bin ich wirklich immer wieder überrascht. Was hätte die Elster von Tag 3 wohl dazu gesagt? Wir können dieser Tage so weite Strecken wandern und gleichzeitig sind wir am nächsten Tag nicht wirklich so erschöpft von der Anstrengung des Vortages, dass wir nicht weiterlaufen könnten.
Gleichzeitig merke ich aber auch, dass das Wetter einen immensen Unterschied für das Wandern macht. Wir laufen nämlich jetzt schon den dritten Tag in Folge bei sonnigem Wetter und das macht richtig Spaß. Wir führen natürlich eine Statistik zu „sonnigen Tagen auf Tour“ (was nicht zwangsläufig warme Tage sind) und drei Tage in Folge hatten wir noch nie.

Bei dem Wetter hätten wir ja tatsächlich auch das Nabar, eine Hochebene zwischen dem Reisadalen und Alta, laufen können. Aber da das Wetter uns auf dieser Tour so häufig enttäuscht hat oder schlechter war als angesagt, habe ich das Nabar schon lange nicht mehr in Betracht gezogen.
Also haben wir uns eine Alternative durch den Nordwesten des Reisadalens gesucht, die uns von Robert empfohlen wurde. Da er mittlerweile wieder daheim ist und uns, weil er von Nord nach Süd gelaufen ist, immer wieder mit wertvollen Tipps unterstützt, nennen wir ihn nun liebevoll das Backoffice Nord.

Also ja, das Nabar machen wir nicht. Und die sonstige Route, die die meisten nehmen, ginge über Kautokeino und dann Richtung Alta. Auf den Sumpf um Kautokeino und darauf, dass man nach Kautokeino auch noch nach Südosten laufen muss, haben wir keine Lust. Nachdem wir monatelang nach Norden gelaufen sind, will ich nicht in den Süden laufen, das fühlt sich irgendwie falsch an. Also ab Richtung Storslett und dann Mattisdalen!

Ansonsten ist der heutige Tag einfach zum Meter machen da. Wir laufen und laufen, die Sonne kommt raus, wir sehen hohe Berge um uns herum und laufen und laufen. Dabei hören wir den ganzen Tag Podcasts und Musik. Ein großes Dankeschön an „Ehrenwort – ein Podcast über Skandale“ für die heitere Unterhaltung auf Tour.
Als wir 25 Kilometer geschafft haben, schauen wir auf der Karte nach der nächsten Wasserquelle. Die ist noch ein Stück hin und wir hoffen, dort einen Zeltplatz in der Nähe zu finden. Das Wasser finden wir, den Zeltplatz aber nicht. Wir sind hier gerade wieder etwas zivilisationsnäher und das bedeutet Zäune. Wir laufen eine gefühlte Ewigkeit an eingezäunten Wäldern vorbei, bis wir endlich an einem freien Waldstück ankommen.


Hier suchen wir uns direkt ein Plätzchen unter Kiefern und schlagen das Zelt auf. Zwar nur gute 20 Meter neben der Straße, aber man sieht uns eigentlich nicht. Und so oder so sehen Menschen nur das, was sie erwarten. Also sollten wir hoffentlich ungestört bleiben, uns erwartet hier niemand.

Tag 121 – 13. September 2026 (11,3 Kilometer)
Wir haben heute beide schlecht geschlafen. Abends war immer wieder noch etwas Lärm um uns herum, die Straße ist ja nicht weit. Und irgendwann kam ein ziemlich starker Wind, der die Bäume um uns herum schüttelt. Das war laut. Und so bin ich gegen 23 Uhr wieder wach, zwischen 1 und 2 Uhr und auch um 4 Uhr.
Zum Glück haben wir uns vorgenommen, heute etwas länger zu schlafen. Wir haben es nämlich nicht eilig, in Storslett anzukommen und nur noch knapp 10 Kilometer vor uns. Weshalb wir es nicht eilig haben? Ja, wir waren schlau bei der Planung: Heute ist nämlich Sonntag (wer weiß bei einer Fernwanderung schon die Wochentage) und somit hat eigentlich alles zu. Das erste Café macht um 12 Uhr auf, unser Airbnb können wir ab 15 Uhr beziehen. Und der Supermarkt, in dem wir die Lebensmittel für die nächsten zwei Tage kaufen wollen, macht erst morgen früh auf.
Also eine frühe Ankunft lohnt sich nicht. Und so ist es schon nach 9 Uhr als wir uns auf den Weg machen.

Der Wind hat seit der Nacht immer weiter gewütet. Zwischendrin können wir sogar Donner hören. Die Wolkenfront hinter uns ist dunkel und der Regen dicht. Bei uns ist aber bisher nur Nieselregen.


Wir laufen also in Regenmontur los, es ist kühl und windig. Ich muss mich immer wieder mit meinen Trekkingstöcken in den Wind legen, um nicht auf die Straße gefegt zu werden. Hoffentlich ist das so nicht bald am Nordkap, dann würden wir nämlich in die Barentsee katapultiert.
Zum Weg heute gibt es nicht viel zu erzählen. Es ist Straße und erinnert mich, wenn ich mir die hohen Berge um uns herum wegdenke, irgendwie an unsere erste Woche auf Tour. Das Wetter passt auch.

Und so laufen wir hintereinander her, mit Musik und Podcasts auf den Ohren und hoffen, dass uns die Donnerfront hinter uns nicht einholt. Und wir haben Glück, um kurz nach 11 Uhr sind wir in Storslett angekommen und gehen erstmal in die Tankstelle, um aus dem Wind zu kommen.

Eine Cola und Ostepølse später haben wir genug Zeit totgeschlagen, um ein paar Meter weiter ins Café zu gehen und verdrücken noch einen Kuchen. Die weggelaufenen Kalorien der letzten Tage wollen schließlich wieder reingeholt werden.
Und damit endet wieder eine Etappe. 128 Kilometer näher am Nordkap, Finnland endgültig hinter uns und inzwischen 2.225 Kilometer in den Füßen.
Langsam wird es schwierig, so zu tun, als wäre das Nordkap noch irgendwo in einer abstrakten Zukunft. Es sind nicht mehr viele Tage, die uns vom Ziel trennen. Nicht mehr viele Resupply-Stopps. Nicht mehr viele Male Zelt aufbauen, Wasser holen, Turmat essen und morgens wieder alles in den Rucksack stopfen und vor Regen schützen.
Aber noch sind wir nicht da, denn noch liegen Mattisdalen, Alta und einige Kilometer nordnorwegische Wildnis zwischen uns und diesem Globus am Ende der Straße am gefühlten Ende der Welt.
Also: Wäsche waschen, Proviant kaufen, Rucksack packen. Und dann weiter nach Norden, wie sonst auch immer.
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