NPL Etappe 6.2: Von Vinstra nach Røros über Alvdal (111,6  Kilometer)

Und hier folgt nun Teil 2 der Wanderung von Vinstra nach Røros. Viel Spaß beim Lesen!


Nach der ersten Hälfte der Etappe geht es weiter Richtung Røros – mit allem, was Norwegen momentan so zu bieten hat: Regen, Wind, Sumpf und natürlich noch mehr Regen.

Dazwischen warten aber auch gemütliche DNT-Hütten, ein ziemlich schlecht gelaunter Berglemming, ein lang ersehnter Elch und die Erkenntnis, dass Holzplanken im Moor durchaus Glücksgefühle auslösen können. Ach ja, und wir treffen eine Entscheidung, die uns alles andere als leichtfällt. Viel Spaß beim Weiterlesen!


NPL Statistik

  • Mückenbarometer: 5/10
  • Zeltübernachtung: 3
  • Hüttenübernachtung: 1
  • Sonstige Unterkünfte: 1
  • Flussüberquerungen: 17
  • Tage ohne Regen: 0 (seriously?)
  • Waffeln: 0
  • „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: 1x
  • Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: 1x
  • Rentiere/Elche: 1 Elch
  • Gelaufene Blasen: 0 (juhuuu!)
  • Anzahl Duschen: 1
  • Ohrwurm der Woche:
    • Elster: Taylor Swift – Love Story
    • Fuchs: War on drugs – Eyes to the wind

Gesamtkilometer: 917,2 Kilometer

Tierbeobachtungen: ein Reh, ein hübscher Specht, ein Moorschneehuhn, mehrere Regenpfeifer und Sumpfschnepfen; div. Insekten (wie Libellen) und Käfer, ein junger Hirsch, ein kleiner Frosch, ein Hase, ein Berglemming 🥹, Falken und Bussarde, ein Elch


Tag 47 – 01. Juli 2026 (19,1 Kilometer)

Obwohl wir heute einigermaßen früh los wollen und früh aufgestanden sind, ist es am Ende doch schon 10 Uhr, als wir endlich die Rucksäcke auf dem Rücken haben und den Schlüssel im Schloss der Cabin stecken lassen. Einer der Gründe dafür sind die Schwierigkeiten des Fuchses bei der Kleiderwahl wegen dem angesagten Wetter. Spaß, natürlich nicht nur das: Auch Frühstück, packen, aufräumen, saubermachen und letztlich nochmal kurz in den Supermarkt huschen, weil wir gestern was vergessen haben, hat einfach länger gedauert, als geplant. Das ist aber zumindest heute nicht schlimm, weil wir eine relativ kurze Tour auf dem Tagesprogramm haben.

Heute steht bis Kilometer 12 meistens Straßen und Schotterwege an. Wir machen uns also etwas widerwillig auf den Weg. Der Himmel ist heute von einer dicken Watteschicht bedeckt, sodass wir heute keine Sonne sehen. Das hat aber den Vorteil, dass es zumindest nicht so heiß sein wird wie gestern.

Wir kommen erstmal über ein paar Sand- und Nebenwege an den Gleisen entlang und es fahren sogar zwei Züge an uns vorbei. Mir kommt in den Kopf, wie das wohl wäre, jetzt einfach in einen Zug zu steigen und in ein paar Stunden die gleiche Distanz zurückzulegen, die wir jetzt wochenlang mit den Füßen erlaufen sind… Diese Dimension will nicht in meinem Kopf.

Aber für uns geht es natürlich zu Fuß weiter! Wir kommen wieder zurück auf die Straße und bald tröpfelt es für eine halbe Stunde. Der Regen zieht aber weiter – vielleicht will er heute auch einfach mal andere Wanderer ärgern als uns. Nach fünf Kilometern kommen wir an einer Biegung vorbei, die wir runter zum Glomma Fluss nehmen, an dem wir heute den größten Teil des Tages entlang gehen. Unten am Ufer haben wir das Gefühl, auf Deichen unterwegs zu sein. 

Als wir zurück auf die Straße kommen, queren wir sie nach einem kurzen Stück, um in den Wald zu kommen. Hier machen wir kurz Mittagspause an einem Bach und besprechen auch die kommenden Tage. Wir haben das Gefühl, momentan ganz gut voranzukommen und sind zeitlich auch wieder gut in unserem ursprünglichen Zeitplan (durch die Verletzung am Fuß von Fuchs hatten wir zu Beginn ein paar Tage „Rückstand“). Unser nächstes Etappenziel ist Røros. Darauf freue ich mich schon sehr – es soll eine unglaublich schöne Stadt sein mit süßen Cafés und war auch Teil der Filmkulisse der Serie „Weihnachten zu Hause“ und einem Pippi Langstrumpf Film. Weil wir dann über 50 Tage unterwegs sein werden, hatte ich überlegt uns mal einen richtigen Urlaubstag einzubauen (also einen Ruhetag und einen Urlaubstag) – Røros bietet sich dafür perfekt an. Der Wunsch nach einer längeren Rast rührt auch daher, dass ich es teilweise schade finde, so wenig Zeit vor Ort verbringen zu können, da wir ja immer weiter müssen. Aber Røros wollen wir uns mal richtig anschauen. Zeit haben wir dafür gerade (hoffentlich) genug.

Nach der Mittagspause geht es durch ein Naturreservat, dessen Wanderwege tatsächlich mal richtig gut begehbar sind! Es macht total Spaß hier zu laufen, die ganzen blumenkohlartigen Flechten um uns herum, und der weiche Waldboden.

Es geht etwas auf und ab und gegen 15:30 Uhr kommen wir im Tron Ungdomssenter an, wo wir nach einer Zeltmöglichkeit fragen wollen. Offiziell gibt es dort laut Website nämlich nur Hütten. Wir könnten heute theoretisch auch noch weiter laufen. Aber morgen haben wir das feste Ziel DNT Hütte Knausen sodass ein Weitergehen heute nicht viel Sinn ergibt. Es sind nur 15 Kilometer morgen, sollte also auch wieder recht entspannt zu machen sein.

Eingang zum Tron Ungdomssenter

Die freundliche Besitzerin spricht zwar nur gebrochen Englisch, weist uns aber freundlich einen Zeltplatz direkt zwischen zwei Hütten zu. Hier soll heute niemand mehr kommen, witzig finden wir es trotzdem, dass sie uns so direkt bei den Hütten parkt, wo das Gelände doch eigentlich sehr weitläufig ist. Aber wir nehmen, was wir kriegen können und freuen uns über die Bank direkt neben unserem Zelt. Als der Regen kommt, verziehen wir uns aber ins Zelt.


Tag 48 – 02. Juli 2026 (13,7 Kilometer)

Heute werde ich super früh wach, schon vor dem Fuchs. Also noch Zeit, etwas in Blogs von anderen Wandernden zu lesen. Gegen 8 Uhr sind wir aber startklar und laufen los. Wir haben beide gut geschlafen und fühlen uns fit. Gleichzeitig freuen wir uns, dass es heute wahrscheinlich eine sehr entspannte Tour werden sollte. Es sind nur knapp 14 Kilometer und wenige Höhenmeter zur DNT Hütte Knausen. Wir sollten also gegen Mittag da sein.

Es geht erstmal eineinhalb Kilometer über die Straße und dann biegen wir auf eine Schotterstraße ab. Auf der Straße kommen uns für die frühe Uhrzeit erstaunlich viele Autos entgegen, auf der Schotterstraße ist dann gar nichts mehr los. Mehr als ein paar Hinterlassenschaften von Schafen sehen wir hier nicht. Der Himmel zieht sich mehr und mehr zu, und es soll bald auch anfangen zu regnen. Dadurch sieht die Landschaft irgendwie bedrückend und zwischendrin fast etwas düster aus.

Als wir in Gammelvangan (einer winzigen Ortschaft mit ein paar Häuschen) ankommen, hören wir wie jemand mit der Motorsäge Bäume beschneidet. Nach ein paar Metern kommen wir genau an dieser Person auch vorbei und biegen jetzt auf einen Wanderweg ab. Der ist im Winter eigentlich eine Skiloipe. Und sagen wir mal, nach fünf Metern stehen wir wieder im Sumpf und die Füße sind nass. Aber gut, was soll’s. Norwegen, here we come.

Der Weg wird nach und nach immer dichter bewachsen und mein Panikgehirn bildet sich ein, dass hier bestimmt Bären leben. Ganz unwahrscheinlich ist es nicht, dass wir langsam in Bärengebiete vordringen, aber es ist doch unwahrscheinlich, dass uns wirklich einer begegnetn. Um mein Nervensystem zu beruhigen, bequassel ich den Fuchs mit 1000 Themen, die mir einfallen, damit falls ein Bär in der Nähe ist, er uns auch sicher hört und woanders hingehen kann.

Zum Glück sind wir bald aus dem Wald raus, aber immer noch im Sumpf, und ich habe wieder Weitsicht: Weit und breit kein Bär. Dafür aber gefühlt acht Milliarden Fliegen um uns herum. Wirklich Norwegen, muss das auch noch sein? Aber ja, das muss es wohl. Die Fliegen bleiben für ein paar Kilometer unsere treuen Begleiter und schwirren um uns herum. Ich sehe wie der Fuchs umschwirrt wird und kann mir nur zu gut vorstellen, wie das bei mir auch so aussieht. Das Ekellevel ist jedenfalls hoch und wir verstecken uns unter unseren Mückennetzen…

Nach einer Weile Kampf durch den Sumpf und Kampf mit den Fliegen kommen wir aber höher und somit wird es auch windiger. Je mehr Wind, desto weniger Chancen für die Fliegen! Wir machen ganz kurz Pause und snacken ein paar Nüsse. Für eine längere Pause reicht es nicht: Wir sehen wie der Regen kommt und der eiskalte Wind zerrt an uns.

Kurz vor dem Veslkletten kommen wir von unserer sumpfigen Skiloipe auf den offiziellen DNT Weg, der auch wieder viel besser zu gehen ist. Wir müssen uns ziemlich schräg halten beim dem Wind um nicht weggeweht zu werden, aber erreichen bald den höchsten Punkt der heutigen Tour. Hier holt uns der Regen nun doch ein und ein kräftiger Schauer ergießt sich über uns. Die Tropfen sind so dick, dass ich kurz denke es sei Hagel. Anschließend geht es im Regen steil wieder runter ins Tal über zugewucherte Pfade, die aufgrund der Vegetation kaum zu erkennen sind. Wir freuen uns aber, dass wir wohl nicht die Ersten sind, die hier durchgehen, wenn auch die Fußspuren schon ein paar Tage alt sind. So ist der Pfad zumindest ansatzweise zu erkennen.

Kurz darauf sehen wir die DNT Hütte Knausen und nehmen sie direkt in Beschlag. Raus aus den kalten klatschnassen Sachen. Der Fuchs holt Wasser, ich feuere den Ofen an und mache Pfannkuchen.


Was sind eigentlich diese DNT Hütten und wie funktioniert das Buchen?

Die DNT-Hütten gehören für viele Wandernde zu Norwegen wie Fjorde und Fjell. Betrieben werden sie vom Den Norske Turistforening (DNT), dem norwegischen Wanderverein, der ein riesiges Netz aus Wanderwegen betreut und viele Hütten in ganz Norwegen unterhält – von einfachen Selbstversorgerhütten bis hin zu bewirtschafteten Berghütten mit frisch gekochtem Abendessen. Gerade auf einer langen Tour wie Norge på langs sind sie weit mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Die Selbstversorgerhütten bieten die Möglichkeit für wenig Geld eine Unterkunft für die Nacht zu bekommen. Viele sind mit dem DNT Schlüssel (erhältlich, wenn man Mitglied ist) zu öffnen, haben Proviantschränke, man kann den Kamin anmachen, Kleidung trocknen, im Bettenlager schlafen und ggf. auch Akkus zu laden (wenn Strom vorhanden ist). Man kann die Übernachtung, den genutzten Proviant oder den Day Stay einfach online via App bezahlen. Wenn kein Netz vorhanden ist liegt in den Hütten aber auch ein Abrechnungsformular. Die großen Fjellstuen sind eher wie Berghotels (auch mit Halbpension / Restaurant). Dabei hat jede Hütte ihren eigenen Charakter. Manche liegen einsam mitten in der Wildnis, sind nur zu Fuß erreichbar, andere wieder kann man sogar mit dem Auto erreichen. Auch wenn wir überwiegend im Zelt unterwegs sind, freuen wir uns jedes Mal über eine DNT-Hütte. Nicht, weil wir sie zwingend brauchen, sondern eher weil sie dieses gemütliche Gefühl vermitteln und wir für kurze Zeit dem Regen oder den Mücken entfliehen können.


Den restlichen Nachmittag verbringen wir einfach in der Hütte. Ich lese online, dass wieder eine Partei, die dieses Jahr Norge på langs laufen wollte, abgebrochen hat. Das hinterlässt ein komisches Gefühl bei mir. Wir hätten sie auf halber Strecke wahrscheinlich getroffen (sie gingen von Nord nach Süd). Während ich noch in der Planungsphase war, hatte ich generell gedacht, dass wir bei unserer Wanderung immer mal wieder auf andere NPL Läufer treffen würden, aber bisher sind wir niemandem über den Weg gelaufen. Es gibt ein paar Norweger*innen, die einige Tage vor uns liegen, weil sie früher in Lindesnes gestartet sind, als wir. Daher ist es unwahrscheinlich, dass wir sie einholen.

Insgesamt sind wir sehr alleine unterwegs und treffen manchmal tagelang niemanden so richtig, geschweige denn andere Wandernde. Das ist an sich nicht schlimm – wir sind auch zu zweit ganz glücklich und bisher sind uns die Themen noch nicht ausgegangen. Aber der Austausch mit anderen Menschen fehlt uns ab und zu, auch der Austausch zur Strecke und Erfahrung zum Trail und den Schwierigkeiten auf Tour. Zum Glück haben wir einander! Aber ja, das beschäftigt uns immer mal wieder.

Gegen späten Nachmittag sprechen wir noch intensiver über die weitere Route. Es gibt manchmal Entscheidungen auf dieser Tour, die mir bzw. uns wirklich nicht leicht fallen. Aber wir entscheiden uns dafür, das Blåfjell zu umgehen, welches nach Meråker auf unserem Plan gestanden hätte, und einiges an weglosem (Sumpf-)Gelände bieten würde.

Seit Wochen laufen wir durch Regen, Sumpf und kämpfen uns durch aufgeweichte Wege, da der Sommer bisher unglaublich nass war. Diese Etappen kosten uns immer unglaublich viel Kraft und ich merke, wie ich bei dem Gedanken ans Blåfjell am liebsten einfach für immer in der Knausen Hütte bleiben würde.

Wir haben den Nachmittag lange überlegt und verschiedene Möglichkeiten durchgesprochen. Auch nach Rücksprache mit dem DNT gibt es leider wenig geeignete Alternativen. Wir haben also noch keine perfekte Lösung, aber es fällt uns sicher noch etwas ein.

Es ist zwar irgendwie frustrierend, wieder unseren Routenplan abzuändern, aber letztlich müssen wir auch schauen, dass es uns gut geht und wir uns mit dem Weg wohlfühlen. Hike your own hike.


Tag 49 – 03. Juli 2026 (30,6 Kilometer)

Heute Morgen geht es mir irgendwie nicht gut. Das viele Planen, Abwägen und Umdenken wegen der Route steckt mir noch in den Knochen. Der Fuchs und ich drücken beide lieber noch einmal die Schlummertaste, und auch der Blick nach draußen macht das Aufstehen nicht leichter: Regen. Natürlich.

Erst kurz vor neun stehen wir schließlich vor der Knausen-Hütte, die Rucksäcke auf dem Rücken und noch nicht so recht überzeugt davon, dass Wandern heute eine gute Idee ist. Die ersten Kilometer führen über einen Schotterweg durch ein Tal und später durch den Wald. Wir reden viel darüber, wie es uns gerade geht und stellen halb scherzend, halb ernst die Frage, ob nicht auch eine 1.000-Kilometer-Fernwanderung gereicht hätte. Dann wären wir schließlich fast am Ziel.

Ich glaube, dieses kleine Stimmungstief zeigt uns vor allem eines: Wir brauchen dringend unseren Ruhetag. Gleichzeitig wollen wir den Moment erleben, nach fast 3.000 Kilometern irgendwann auf den Nordkap-Globus zuzulaufen. Also gehen wir weiter.

Die Strecke macht es uns zunächst nicht leichter. Eine tiefe Klamm, eisige Temperaturen und kurz darauf ein kräftiger Regenschauer begleiten uns. Doch genauso schnell, wie der Regen gekommen ist, zeigt sich plötzlich wieder die Sonne – und mit ihr wird auch unsere Stimmung langsam etwas heller.

Nach insgesamt 17 Kilometern auf der Schotterstraße kommen wir zur DNT Hütte Rausjødalen. Eigentlich wollten wir hier gar nicht rein, aber es ist einfach zu verlockend, die Mittagspause im warmen zu verbringen. Und so schließen wir die Hütte mit unserem DNT Schlüssel auf und treten in die Kälte der Hütte – hier war wohl schon tagelang niemand mehr. Wir heizen den Ofen ein und hängen unsere nassen Sachen auf. Anschließend wird heißes Wasser gekocht, sodass wir unsere Tütensuppen warm genießen können.

Es wird ein total entspannter, warmer Nachmittag, den wir insgesamt zwei Stunden vor dem Kamin sitzend in der Hütte verbringen. Ja, so habe ich mir das vorgestellt! Richtig gemütlich. Wir tanken Wärme und irgendwie schafft der warme Tee ganz nebenbei unsere Stimmung zu heben. Nach der Mittagspause bin ich total energiegeladen und würde am liebsten heute noch bis Hodalen weiterlaufen. Halb im Spaß, halb im Ernst, weil bis dahin sind es nochmal 18 Kilometer und es ist mittlerweile kurz nach 15 Uhr. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Der weitere Weg holt uns emotional total ab – Norwegen kann auch toll zu laufen sein! Wir sind auf einem kleinen, erdigen Wanderweg unterwegs, trotz Regen gibt es kaum Sumpf, wir hüpfen über Flüsse und haben traumhaft schöne Landschaft um uns herum. Die Gegend erscheint in leuchtend gelbgrünen Flechten, wenn sich die Sonne kurz blicken lässt und zwischendrin hören wir die Glöckchen der Schafe, die irgendwo verstecktes Gras verdrücken. 

Je weiter wir gehen, desto mehr gibt der Regen die Hauptrolle an den Wind ab. Der gibt sich kräftig Mühe, uns vom Hügel zu fegen. Bald laufen wir tatsächlich in Schieflage den Berg hoch. Wir müssen uns ganz dick einpacken, weil der Wind so um uns herum pfeift. Sich zu unterhalten ist dabei nicht mehr möglich, außer wir würden uns anbrüllen wollen. So bleibt jeder für sich und genießt die weite Sicht und ignoriert die Kälte des Windes. Ich ziehe derweil noch die zusätzliche Windhose drüber, weil ich meine Beine vor Kälte kaum noch spüre.

Wir wollten eigentlich hier oben schlafen, allerdings ist es so windig, dass wir hier wohl kaum das Zelt aufgestellt bekommen. Hier würden noch Rentiere perfekt ins Bild passen, aber wir sehen leider keine. Wir gehen weiter, noch höher hinauf, um über den Pass zu kommen und ein paar Meter abzusteigen. Wir finden eine Stelle, die eben genug ist, und riskieren den Aufbau. Der Wind wird uns jetzt den Abend noch begleiten, aber er soll über Nacht weniger werden. Hoffen wir mal, dass das stimmt, sonst wird das heute sehr kalt hier oben.

Wie wir nach dem Tief der letzten Stunden 30 Kilometer geschafft haben, können wir uns gerade auch nicht erklären (außer dass wir doch etwas an Kondition aufgebaut haben). Und getroffen haben wir heute natürlich auch wieder niemanden. Wir sind hier oben ganz allein.


Tag 50 – 04. Juli 2026 (23,9 Kilometer)

Als wir heute Morgen loslaufen, scheint die Sonne golden, aber es ist immer noch leicht windig. Den angekündigten Regen sehen wir nicht. Wir machen uns also an den Abstieg, runter nach Hodalen. Keine zwanzig Meter neben unserem Zeltplatz beginnt wieder der Sumpf. Zum Glück, haben wir hier vor das Zelt noch aufgestellt, denn weiter hinten hätten wir in dem Sumpf keine Stelle mehr gefunden.

Der Weg runter nach Hodalen ist sehr leicht zu finden und gut ausgeschildert. Nur müssen wir durch viele sumpfige Stellen, sodass meine Füße direkt nass sind. Das stört aber erstmal nicht weiter. Gerade freue ich mich, dass der Weg an sich gut zu gehen und zu finden ist.

Nach etwas über einer Stunde kommen wir in Hodalen an. Und das ist glaube ich eine der ersten Ortschaften, der ich so gar nichts Hübsches abgewinnen kann. Die Höfe sind alle sehr in die Jahre gekommen, sehen heruntergewirtschaftet aus und wir sehen mehrere kaputte und eingestürzte Scheunen. Wir schauen kurz in der DNT Hütte Hodalen vorbei, da sie direkt am Weg mitten in der Ortschaft liegt, aber auch diese hat irgendwie null Charme. Ich wechsel noch schnell in die Sealskins Socken, damit mich das Wasser von unten nicht so ärgert. Der Fuchs war so schlau, schon in Sealskins zu starten. Nach fünf Minuten in der Hütte, sind wir schon wieder unterwegs und laufen langsam aus Hodalen raus.

Es geht hoch auf die nächste Bergkuppe und wir sind flott wieder in Birkenwäldchen und Sumpf unterwegs. Wir können unseren Augen kaum trauen, aber hier sind gefühlt zum ersten Mal auf unserer Reise Holzplanken ausgelegt, wie wanderfreundlich! Wir haben uns ja zwischendurch schon gefragt, ob hier in Norwegen denn niemand wandert. Zum einen, weil wir ja nie wen treffen 😅 Zum anderen, da die Wege teilweise so schlecht zu gehen, zugewuchert oder eben nicht vorhanden sind. Was ein Wanderluxus hier gerade! Als wir bald wieder den festeren Fjellboden oberhalb der Baumgrenze unter unseren Füßen spüren, freue ich mich, dass wir hier in einer wunderschönen Natur unterwegs sind. Es hätte auch einen alternativen Weg entlang der Straße von Alvdal direkt nach Røros gegeben, wo wir einen Tag schneller gewesen wären, aber dieser Weg macht uns gerade sehr glücklich.

Ich freue mich also und laufe gedankenverloren den Weg entlang, als es neben mir auf einmal kreischt. Ich springe zur Seite und sehe, dass ich fast auf einen Berglemming getreten wäre, der statt wegzulaufen, lieber sein Schreiorgan nutzt. Er faucht mich nochmal empört an und rennt dann den Weg vor uns weiter. Wir müssen schon etwas lachen, man wird schließlich nicht jeden Tag von einem kleinen Lemming, der kaum größer als ein Hamster ist, angeschnauzt. Aber wahrscheinlich haben wir ihn einfach sehr erschreckt, weil wir die ersten seit Wochen sind, die hier vorbeikommen.

Nach ein paar weiteren Kilometern setzen wir uns für die erste richtige Pause hin. Hinter uns ist nun doch die Regenfront zu sehen und uns dicht auf den Fersen. Wir beeilen uns mit der Pause also etwas und ziehen schon mal die Regenkleidung drüber. Nachdem wir uns Kvikk Lunsj und Kräcker reingezogen haben, geht es weiter. Der Regen holt uns bald ein, aber es tröpfelt zum Glück nur ein wenig.

Wir wollten heute eigentlich nur bis zur DNT Hütte Narjodet laufen, allerdings kommen wir dort schon um 15 Uhr an und wir sind eigentlich noch fit. Wir wollen trotzdem kurz reinschauen und nach Pfannkuchenmix suchen. Eine Familie mit drei Kids ist auch schon da und wird die Nacht dort verbringen. Da es nur noch die Betten im Flur gibt, ist uns das zu laut und zu ungemütlich (wir schlafen ja momentan irgendwann zwischen 20 und 21 Uhr). Wir machen also Pancakes, unterhalten uns sich ein wenig mit den anderen, und ziehen dann nach eineinhalb Stunden weiter, um im Zelt zu schlafen.

Nach insgesamt fast 24 Kilometer haben wir keine Lust mehr und finden prompt einen passenden Zeltplatz. Also, alles flott aufbauen und rein in den Flausch. Morgen kommen wir dann endlich nach Røros.


Tag 51 – 05. Juli 2026 (24,7 Kilometer)

Ich werde wach und höre dicke Regentropfen auf unser Zelt klatschen. Entsprechend unmotiviert sind wir beide heute, aus dem Zelt zu gehen. Zudem bekommen wir wieder eine Nachricht, dass eine Person aufgrund von Fußproblemen Norge på langs abgebrochen hat, was uns nachdenklich stimmt. Aber der Gedanke, heute endlich in Røros anzukommen, treibt uns letztlich doch an. Wir packen alles im Zelt und klettern in kompletter Regenmontur raus. Das Zelt wird triefend nass verpackt und auf geht’s.

Eigentlich wollten wir auch heute über den letzten Hügel rüber nach Røros laufen, allerdings hat es die ganze Nacht durchgeregnet und wir können uns nur allzu gut vorstellen, wie der Weg durch Schlamm und Sumpf hoch hinauf geht. Auch hier unten sind die Wege schon kleine, schlammige Bäche. Also gehen wir spontan die Route außen rum, auf der wir auf Forstwegen gehen können. Ich wundere mich, dass wir die ganzen Tage hier gar keine Elche gesehen haben. Eigentlich ist das hier doch die perfekte Landschaft für sie.

Der Weg steht zwar auch etwas unter Wasser, aber ist ansonsten gut zu gehen. Zudem haben wir beide unsere Sealskins Socken an, sodass die Füße zumindest trocken bleiben. Der Weg führt uns nun über einen schönen Forstweg mitten durch den Wald. Es hat nichts von dem Spektakulären der anderen Tage, aber der einfache Weg tut uns heute gut.

Nach zwei Stunden lässt zumindest der Regen langsam nach und wir können eine kurze Pause machen. Zwar nicht mit Bushäuschen, aber auf einem gemütlichen Baumstamm. Während wir unsere letzten Snacks verdrücken und über die Tour reden, bemerke ich, dass sich hinten im Wald etwas bewegt… Ein Elch! Er trottet zwischen den Bäumen entlang, etwa 50 Meter von uns entfernt. Wir können ihn ein paar Sekunden beobachten, dann verschwindet er in der Dichte des Waldes. Wir schaffen kein Foto zu schießen, sondern genießen den Moment ganz für uns.

Dann geht es aber wieder weiter. Die Kilometer heute machen sich schließlich nicht von allein. Auf den weiteren Wegen kommen uns wieder sehr viele Elchspuren unter. Wir halten Ausschau beim Gehen, sehen aber keinen mehr. Auch Menschen sind hier keine unterwegs. Merkwürdig, wo doch Sonntag ist und wir quasi im Stadtwald unterwegs sind. Der Taunus wäre heute voll mit Menschen.

Gegen 12 Uhr machen wir eine kurze Mittagspause mit Tütensuppe und Cappuccino, auf einem echten Premium Baumstamm sitzend. Wir freuen uns heute total darüber, dass weder Mücken noch Fliegen Interesse an uns haben und wir einfach in Ruhe rasten können. Der Regen hat sich auch verzogen, aber es bleibt eisig kalt. Zwischendurch können wir sogar unseren Atem sehen. Da wir morgens noch ziemlich nass geworden sind, ist uns natürlich entsprechend kalt und wir machen uns auf den weiteren Weg.

Umso mehr freuen wir uns, als wir gegen 15 Uhr in Røros eintrudeln. Die Stadt hat schon im ersten Moment unsere Herzen erobert, so niedlich sind die bunten, aneinander gereihten Holzhäuschen, und engen Gassen. Wir beziehen flott unser Airbnb für die Tage, breiten uns mit allen nassen Sachen aus und schmeißen die Waschmaschine an. Wir brauchen dringend besser riechende Kleidung 😅 Dann wird geduscht und wir laufen los. Da wir nur je ein Outfit haben (ein Wanderoutfit, ein Schlafoutfit und eine Montur Regen – und Isolationsschicht) habe ich jetzt meinen Schlafanzug an, über den ich meine Windhose und Daunenjacke ziehe. Sieht wild aus. Der Fuchs hat immerhin seine Regenhose, die er als Hose tragen kann.

Wir schlendern erstmal ins nächste Café. Etappenbelohnung muss her! Die bekommen wir auch in Form von einer Puddingschnecke, zwei Cappuccinos und einem gigantischen Softeis für den Fuchs. Anschließend geht es in den Kiwi Supermarkt, der zum Glück am Sonntag aufhat, uns wir decken uns mit Lebensmitteln für die kommenden Tage ein. Den Abend verbringen wir dann zwischen Wäschebergen vorm Kamin mit Fertigpizza und einem gigantischen Salat.


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Veröffentlicht von DieWanderElster

Hej, ich bin die WanderElster, Bloggerin aus der Taunusgegend. auf diesem Blog schreibe ich über draußenverbrachte Zeit, wandernd, weiterwandernd, mit Rucksack, ohne Rucksack und ich freu mich, dass ihr dabei seid!

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