NPL Etappe 8.1 : Von Meråker nach Røyrvik über Snåsa (162 Kilometer)


Nach unserem Ruhetag in Meråker verlassen wir die Berge erst einmal und machen uns auf den Weg Richtung Snåsa und weiter nach Røyrvik.

Was auf der Karte nach einer etwas entspannteren Etappe aussieht, entpuppt sich schnell als ganz eigenes Abenteuer: knietiefer Sumpf, Bremsen in ungeahnter Stückzahl, Pilgerwege und die Erkenntnis, dass Fernwandern nicht jeden Tag spektakulär sein muss, um unvergesslich zu werden.

Zwischen Schlammschlacht, Eis-Notfällen und Gedanken über die Halbzeit unserer Reise sammeln wir Kilometer, Geschichten und jede Menge Insektenstiche. Willkommen auf den nächsten 162 Kilometern Richtung Norden.


NPL Statistik

  • Mückenbarometer: 10/10 an Tag 2, danach aber 2/10
  • Übernachtungen:
    • Zeltübernachtung: 4
    • Hüttenübernachtung: 1
    • Sonstige Unterkünfte: 2
  • Flussüberquerungen: 2
  • Tage ohne Regen: 4
  • Müsliriegel
    • Elster: 0
    • Fuchs: 2
  • Waffeln: 2
  • „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: 1x
  • Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: 1x (Tag 2)
  • Rentiere/Elche: keine
  • Gelaufene Blasen: 2
  • Anzahl Duschen: 2x
  • Ohrwurm der Woche:
    • Elster: Taylor Swift – Actually romantic
    • Fuchs: Chuck Berry – Rockin‘ Robin

Gesamtkilometer: 1216,2

Tierbeobachtungen: ein Hase, sehr viele Rehe, ein großer Frosch, BREMSEN, Eichhörnchen, Enten, Kraniche, div. weitere Vögel (wir haben zu wenig Ahnung 🙈), und eine Schar Wildgänse


Tag 60 – 14. Juli 2026 (Pausentag)

Heute ist zwar Pausentag, aber wir haben einiges vor! Wir schlafen jedoch trotzdem erstmal aus. Ich lese morgens noch ein bisschen in den Blogs anderer NPLer, während der Fuchs noch am Schlummern ist.

Gegen 10 Uhr machen wir uns aber doch Frühstück und freuen uns über frische Äpfel, Birnen und Joghurt. Eben alles, was es auf dem normalen Trail nicht gibt, weil es viel zu schwer zu tragen wäre. In unserer Unterkunft sind wir die einzigen. So häufig wie wir allein sind, hab ich fast das Gefühl, dass es keine Menschen in Norwegen gibt. Oder sie machen wegen unseres Wandergeruchs einen großen Bogen um uns (obwohl wir diesmal ja frisch geduscht sind).

Nach dem Frühstück steht die Routenplanung für die kommenden 300 Kilometer nach Røyrvik an. Wir wollen uns die Strecke nochmal genauer anschauen, da ich sie immer nur nebenbei im Zelt gebastelt habe. In unserem Paket war aber nun die Midt Norge Karte, sodass wir uns die Strecke mit etwas mehr Weitblick anschauen konnten. Während ich die Feinheiten der Tour bastel und nochmal die jeweiligen Kilometer pro Tag prüfe und nach möglichen Problemen oder Hindernissen suche, recherchiert der Fuchs die Supermärkte und potentiellen Unterkünfte entlang unserer Strecke. Letztere suchen wir uns immer im Vorhinein raus, falls es doch mal schlechtes Wetter oder Unwetter geben sollte. Standardmäßig sind wir am liebsten in unserem Zelt. Die kommenden 13 Tage sollen uns über Snåsa nach Røyrvik bringen. Wenn alles nach Plan läuft, sind wir am Ende der Etappe wieder exakt in unserem Zeitplan! Ich freue mich total darüber, so fällt ein bisschen Zeitstress bei der Planung von mir ab. Wir waren jetzt seit Etappe 2 hinter unserem Zeitplan.

Nachdem die Planung fertig ist, geht es an den Paketinhalt. Wir gehen alles in Ruhe durch und teilen die Lebensmittel auf uns beide auf. Es ist letztlich nicht zu viel, aber da wir zumindest bis Snåsa an drei Supermärkten vorbei kommen, etwas unnötiges Gewicht. Aber gut, das lässt sich nicht ändern. Weiterhin sind im Paket neue Socken, T-Shirts und Longsleeves für uns beide. Ich muss sagen, nach 1000 Kilometern kann man neue anziehen, aber unsere jetzigen Kleidungsstücke würden es auch noch mal 500 Kilometer machen. Das wundert mich tatsächlich sehr, da ich mein eines Longsleeve bisher wirklich fast jeden Tag anhatte.

Wir schätzen uns übrigens sehr glücklich: Zwei frühere NPLer (Nathalie und Andreas von füssesindzumwandernda) wohnen mittlerweile in Norwegen und haben uns angeboten, unsere aussortierten Sachen erstmal zu ihnen zu schicken. Da beim Postweg zwischen Norwegen und Deutschland Zoll anfällt (und bei unserem Paketinhalt wäre das wirklich ein kleines Vermögen), sind wir für diese Option immens dankbar. Wir nutzen also die Gelegenheit, unsere Rucksackinhalte kritisch zu überprüfen und finden doch nochmal ein paar Dinge, die den Heimweg antreten dürfen: Neben der Kamera (wir haben sie bisher nur einmal benutzt, und dafür ist das Kilo einfach zu schwer), landen auch ein paar Kleidungsstücke im Paket. Neben Socken dürfen auch zwei T-Shirts, meine puffigen Campschuhe (bei der Feuchtigkeit/dem Regen hier einfach nicht funktional) und meine Sweatshirtjacke den Nachhauseweg antreten. Auch die vier Mikropurkärtchen, die im Paket waren, dürfen ungebraucht zurück – die Wasserqualität ist hier einfach bombastisch, sodass die Chlortabletten bisher kaum genutzt wurden.

Als wir alles ins Paket sortiert haben, machen wir uns auf den Weg zur Post, die hier im Supermarkt zu finden ist. Der Versand geht ganz einfach online, und dann ist das Paket auch schon auf dem Weg.

Wir klappern danach noch die verschiedenen Supermärkte in Meråker ab. Das einzige, was im Paket gefehlt hat, war Milchpulver, welches wir für die Zubereitung unseres Frühstücksmüslis brauchen. Oder ich zumindest, dem Fuchs macht das mit dem Wasser nichts aus. Aber wenn Müsli nur mit Wasser aufgegossen wird, bekomme ich das morgens kaum runter… Wir finden leider nichts. Als Notlösung nehme ich Kaffeeweißer mit, das geht auch. Und dazu bekommen wir beide noch ein Eis, und einen Hot Dog bei der Tankstelle. Unsere 450 Gramm Gaskartusche ist jetzt auch leer (60 Tage durchgehalten!), aber wir haben in unserer Unterkunft eine zurückgelassene Kartusche gefunden, die noch fast voll ist. Also nehmen wir erstmal die (in den Supermärkten war hier leider auch nirgends eine Gaskartusche, also haben wir Glück).

Danach geht’s zurück zur Unterkunft. Ich will noch den Blog für heute schreiben, der Fuchs ist mit Sozialkontakten beschäftigt. Die Tage haben sich ein paar NPLer bei mir über den Blog gemeldet: Darüber freuen wir uns so sehr! Wir sind wohl doch nicht so alleine, wie ich dachte und es sind ein paar vor und ein paar hinter uns. Das fühlt sich richtig gut an.

Anschließend proportioniere ich noch die Frühstücke für die nächste Etappe, ansonsten faulenzen wir einfach auf der Terrasse in der Sonne rum. Wie unsere Pausentage einfach immer super Wetter haben.


Tag 61 – 15. Juli 2026 (22,3 Kilometer)

Wir stehen heute erst gegen 7 Uhr auf. Die Rucksäcke haben wir gestern schon gepackt, sodass es heute Morgen mal nicht so wuselig werden sollte. Wir frühstücken noch unsere Reste vom gestrigen Frühstück und freuen uns, dass wir nochmal Joghurt, frische Bananen, Äpfel und Birnen kriegen, was auf dem Trail eher eine Seltenheit ist.

Wir kommen gegen halb 9 Uhr los. Der Morgen ist relativ warm, und es geht direkt die ersten Kilometer erstmal bergauf aus Meråker raus. Bis Kilometer 9 wird es also stetig hoch gehen. Wir merken die schweren Rucksäcke schon bei den ersten Metern. Das wird heute trotz weniger Kilometer wohl doch nicht so eine entspannte Tour. Die ersten Meter durch ein Wohngebiet sind aber schnell gemacht.

Da für uns die kommenden zwei Wochen relativ viel Zivilisation und auch Straßen- und Schotterwege auf dem Programm stehen, nehmen wir jeden Wanderweg mit, der uns vom Teer runter lässt.

Und so biegen wir bei erster Gelegenheit auf einen Forstweg ab, der sich aber gleich im Gebüsch verliert und ein norwegischer Wanderweg wird. Also: Nicht vorhanden. Ich bereue die Entscheidung fast direkt wieder, denn wir stehen – ihr könnt euch denken – schnell wieder im Sumpf und Moor. Der Weg ist sehr aufgeweicht, obwohl wir jetzt ein paar Tage gar keinen Regen hatten. Wir kämpfen uns also einen Weg durch den Matsch und das Moor. Je weiter wir kommen, desto unwegsamer wird der „Weg“. Ohne meine Stöcker wüsste ich um ehrlich zu sein gar nicht, wie ich hier laufen sollte. Ich versinke knöcheltief im Schlamm und kann mich nur mit den Stöckern wieder heraushiefen.

Als ich gerade zum Fuchs sage, wie glücklich ich bin, dass wir das Blåfjell auslassen, versinkt mein Stock, mit dem ich die nächste Stelle vortaste, einen Meter tief im Moor. Ich erschrecke mich dabei ziemlich: Wenn ich mit dem Fuß zuerst gegangen wäre, hätte ich locker bis zur Hüfte im Moor gestanden.

Wir brauchen für die etwas mehr als eineinhalb Kilometer fast eine Stunde. Als wir zurück auf die Straße kommen, bin ich heilfroh wieder festen Boden unter den Füßen zu haben! Auch wenn Straßelaufen jetzt wirklich nicht das Spannendste ist.

Wir machen ein paar Kilometer, bevor wir uns für eine Pause an den Straßenrand setzen. Auf dieser Nebenstraße, die uns bis zur Ferslia DNT Hütte bringen soll, ist mehr Verkehr als wir erwartet haben. Die meisten winken uns beim vorbeifahren freundlich zu.

Auf dem weiteren Weg kommen wir an sehr vielen Sommerhäuschen entlang und bald wird die Straße zu einer Schotterstraße – etwas angenehmer zu gehen. Hier ist überall Betrieb. Der norwegische Sommer scheint wohl wirklich da zu sein, und die Menschen strömen in ihre Häuschen und basteln an ihnen herum. Hier kann ich das wirklich gut nachvollziehen: Unser weiterer Weg führt uns an dem Funnsjøen See entlang, durch den wir fast das Gefühl haben, am Meer entlang zu laufen. Der Wind ist ziemlich stark hier oben, und führt zu einem richtigen Wellengang des tiefblauen Wassers. Es ist 12 Uhr und wir klettern von der Straße runter zum See, um uns ein nettes Plätzchen für die Mittagspause zu suchen. Mir tut vom schweren Rucksack der Nacken weh, der Fuchs merkt es heute im Rücken. Wir haben wirklich einiges an Verpflegung dabei, was auf dieser Etappe gerade blöd ist, weil wir an einigen Supermärkten vorbeikommen. Das ist zwar eigentlich richtig geplant, weil wir auf unserer ursprünglichen Route durch infrastrukturloses Gebiet gekommen wären, aber auf der neuen Route etwas unpassend. Aber ich rede mir das jetzt schön, dass das Tragen ein gutes Training für die langen Etappen ohne Supermarkt ist, wie die Etappen nach Røyrvik oder Umbukta. Da müssen wir theoretisch noch mehr mitnehmen, keine Ahnung wie das in den Rucksack passen soll…

Nachdem wir fast eineinhalb Stunden am See in der Sonne gesessen haben, machen wir uns an die verbleibenden 12 Kilometer für heute. Gegen 17 Uhr sollten wir also an der Ferslia DNT Hütte ankommen. Den weiteren Weg entlang der Sommerhäuschen und dem Feren See piesacken uns aber wieder die Bremsen. Und zwar diesmal in einem Ausmaß, das wir noch nicht kannten. Um uns herum ist ein gigantischer Schwarm an Fliegen, die um uns herumschwirren und versuchen, auf uns zu landen. Und es leider auch immer wieder schaffen, was bei denen echt wehtut. Das Nordkap muss man sich echt hart erarbeiten mit Tränen, Schweiß und Schmerz.

Gescheucht von den Bremsen und Fliegen schaffen wir die letzten Kilometer in einer Rekordgeschwindigkeit und kommen, nach einer mutigen 15-minütigen Pause, um 16 Uhr an der Hütte an. Ich traue der Uhr eigentlich kaum, aber wir sind wirklich hier.

Schnell rein in die Hütte und raus aus dem Bremsenmeer. Heute soll hier niemand mehr kommen, wir sind also mal wieder allein. Aber das stört uns heute nicht. In der urgemütlichen Hütte fühlen wir uns direkt wohl. Ich plündere eine Marmelade aus der etwas schlecht ausgestatteten Speisekammer (es gibt keine eingelegten Früchte, enttäuschend!), mit der ich mir einen Wrap mache, der Fuchs kocht uns derweil den Cappuccino, den wir mittags ausgelassen haben.

Den Abend verbringen wir dann noch mit Couscousessen, Blogschreiben und in der Hütte ausspannen. Wir machen uns aber etwas Sorgen wegen dem morgigen Weg. Der soll zwar ein Wanderweg sein, aber wir kennen ja mittlerweile die Zustände dieser, also sind wir gespannt, wie wir da mit den schweren Rucksäcken durchkommen. Wir wollen nicht zur Bellingstua, über die man dann ins Skækerfjellet und später Blåfjell kommt, sondern werden etwas westlich gehen Richtung Sul. Sul liegt 17 Kilometer über Wanderwege von der Ferslia DNT Hütte entfernt. Wenn der Weg so schlecht ist, wie der heute morgen dann brauchen wir 12 Stunden dafür. Wir hoffen mal, dass der Weg besser zu gehen ist. Fingers crossed!


Tag 62 – 16. Juli 2026 (21,5 Kilometer)

Heute war so einer der Tage, an denen ich mich frage, wieso wir uns eigentlich Norge på langs ausgesucht haben. Aber da viel Sumpfweg auf dem Programm stand, hätte ich mir das eigentlich auch schon denken können. Jetzt, da ich im Zelt liege, bin ich einfach dankbar für Vergangenheitselster, die sich gegen das Blåfjell entschieden hat. Das hätten meine Nerven nach diesem Tag nicht mitgemacht. Aber ganz von vorne.

Wir stehen heute früh auf, da wir ahnen, dass es ein anstrengender Tag werden könnte. Gegen 20 nach 7 Uhr stehen wir vor der Ferslia Hütte und sind startklar. Der Beginn des Weges ist, sagen wir mal, in Ordnung zu gehen. Wir nehmen die Abzweigung Richtung Bellingstua, auch wenn das nicht unser Tagesziel ist. Wir wollen nach ein paar Kilometern auf einen Weg links abbiegen und nach Sul rüber laufen. Der Beginn des Weges ist ziemlich nass. Der Boden hat die ganzen Regentage von vor ein paar Tagen noch nicht verarbeitet. Und so sind unsere Füße nach kurzer Zeit durchnässt.

Aber zumindest ist heute das Wetter wieder schön, und wir haben tolle Ausblicke zurück auf den Feren See und die umliegenden Berge.

Wir laufen eine Weile den Markierungen nach und kommen nach ca. eineinhalb Stunden an einem schönen Flusslauf vorbei. Wir gehen über eine Brücke (verrückt, Infrastruktur im Sumpf!) und setzen uns auf die Steine im Flussbett. Wir verbringen hier eine super entspannte Pause mit Kräckern und Zitronenwasser. Zitronensaft mit auf Wanderschaft zu nehmen ist unsere neue Zauberentdeckung, dadurch schmeckt das Wasser besser und wir haben direkt unseren Vitamin C Haushalt aufgepimpt.

Wir bleiben eine Weile sitzen. Als wir uns gerade wieder auf den Weg machen wollen, kommen zwei Wanderer aus der entgegengesetzten Richtung auf uns zu. Wir unterhalten uns eine Weile und finden heraus, dass Inge und Liser beide beim DNT arbeiten und diese Woche den Grenzweg zwischen Schweden und Norwegen gelaufen sind, um ihn zu dokumentieren. Da haben wir natürlich einiges zu bequatschen. Als wir erzählen, dass wir Norge på langs laufen sind sie hell auf begeistert.  Liser möchte mal meinen Rucksack heben (sie sagt: Ganz schön schwer!) und Inge will ein Foto von uns machen, damit er es für Werbung und Broschüren nutzen kann – wir werden in ein paar Monaten also berühmt 😅 Er hat auf dem Grenzweg auch ein paar andere NPLer fotografiert, vier sind ihnen schon begegnet. Ein Mann aus Deutschland, einer aus Frankreich und die anderen waren Norweger. Wir kennen niemanden von ihnen, sie müssten aber alle ein paar Tage vor uns liegen.

Als ich frage, ob man vor Bären beim Zelten Angst haben müsste, lachen beide nur: „Wenn der Bär eure Socken riecht, dann interessiert er sich nicht mehr für eure Lebensmittel.“ Na, ich hoffe doch mal, dass das stimmt. In ihrem ganzen Leben sind die beiden jedenfalls noch nie über einen Bären in freier Wildbahn gestolpert. Wir hoffen, dass es uns genauso ergehen wird.

Kurz nach der netten Begegnung geht es für uns weiter. Wir folgen noch einer Weile dem Weg Richtung Bellingstua, dann kommt ein Schild nach links: Sul. Na dann, auf geht’s! Der Weg ist zwar nicht vorhanden, dafür aber 1A markiert. Wir bewegen uns also sicher durch das Gelände und es macht auch noch richtig Spaß. Die Füße sind ja auch eh schon nass. Nach ca. zwei Kilometern hören die Markierungen auf einmal auf. Wo ist denn jetzt bitte der Weg? Wir schauen auf die Koordinaten, tatsächlich sind wir ein ganzes Stück unterhalb des Weges. Das ist ja merkwürdig, wurde der vielleicht verlegt? Fürs Zurückgehen sind wir schon zu weit. Nach einem Moment des Überlegens entscheiden wir, nördlich auf den Weg zu laufen,den es laut komoot, Ut.no und Norgeskart geben sollte. Also quer durch den Sumpf.

Die Navigation ist einfach hier oben, weil es kaum Bäume gibt. Dafür knallt aber auch die Sonne prall auf uns herab. Ich komme ganz schön ins schwitzen, weil es weiter bergauf geht, und querfeldein im Moor und Sumpf auch echt nicht leicht zu gehen ist. Mit jedem Schritt höre ich ein lautes Schlompffff beim herausziehen des Fußes. Ein paar Mal habe ich das Gefühl, dass der Sumpf meinen Schuh gerne behalten will.

Irgendwann stehen wir laut Koordinaten auf dem Weg, aber hier ist keiner. Eine Markierung sehen wir auch nicht. Also was soll’s, dann eben weiter querfeldein auf den nächsten Wanderweg Richtung Westen. Der nächste Weg, der ca. vier Kilometer entfernt ist, existiert mit Markierungen. Was ein Glück! Dafür haben wir jetzt aber auch nochmal zwei Stunden gebraucht. Zeit für eine Mittagspause – vor allem weil ich das Gefühl habe, von der heißen Sonne einen Sonnenstich zu bekommen. Wir sind hier ja sehr schutzlos im Gelände und es ist echt warm geworden. Und jetzt kommen auch noch die Bremsen dazu – die sich aus Autan auch so gar nichts machen…

Wir finden einen Platz unter ein paar kleinen Birken und setzen uns für ein paar Snacks hin. Sobald wir sitzen, scheinen die Bremsen uns nicht mehr wahrzunehmen und so verfliegt sich nur ab und zu eine in unsere Nähe. Ich habe nicht mehr so viel Wasser, der Fuchs auch nicht. Leider ist es bis zur nächsten Wasserquelle noch drei Kilometer, also in diesem Gelände kann das bis zwei Stunden dauern bis wir da sind. Wir können also nicht ganz so viel trinken, wie wir gerne würden.

Nach einer halben Stunde will ich weiter, damit wir aus diesem Sumpf schnell rauskommen. Aber von hier sind es noch acht Kilometer bis zur Straße, es wird also noch dauern… Wir machen uns auf den Weg und kaum laufen wir los, sind auch die Bremsen wieder da. Und ein Heer aus Fliegen und was sonst noch so alles Flügel hat und in die Insektenkategorie fällt. Wir werden umschwirrt und es summt und brummt laut um meinen Kopf herum. Andauernd setzt sich etwas auf meine Nase, an meine Ohren und was sonst noch besonders nervig ist. Und meine Beine sind einfach ein laufendes Buffet. Ich versuche immer wieder die Stellen, an denen sich gerade Bremsen gütig bedienen, mit den Stöckern zu schlagen, aber stelle mir dabei häufig doch nur selbst ein Bein. Es ist zum Verzweifeln. Während wir so etwas aufgebracht durch den Sumpf laufen, wird der „Weg“ immer mehr zur Schlammschlacht. Ich rutsche natürlich auch zwei Mal auf dem Schlamm aus, rutsche etliche Male zu den Seiten weg, knicke um… Ich denke in einer etwas verzweifelten Stimme, dass ich doch eigentlich einfach nur wandern wollte, und dafür jetzt in der Bremsensumpfhölle gelandet bin. Wieso nur? Ich will doch wirklich einfach nur wandern.

Nach den verbliebenen acht Kilometern sehe ich aus, als hätte ich bei einer Schlammschlacht mitgemacht: Mit dem linken Bein bin ich bis zur Wade im Schlamm versunken, die Farbe der Schuhe ist braun vom Schlamm und meine Leggins ist an mehr Stellen schlammbraun als es mir lieb ist. Am liebsten würde ich kurz Heulen, aber das bringt ja auch nichts. Wir stolpern auf den Besucherparkplatz, von wo aus man in den Schlammtunnel starten kann (kein Wunder, dass hier niemand wandern geht, wenn dieser Weg im Angebot ist) und setzen uns auf den Boden. Zumindest sind hier jetzt keine Bremsen mehr, sondern nur noch Fliegen.

Wir holen eine dringend benötigte Pause nach. Nach zwei Keksen habe ich zwar immer noch Kopfschmerzen, aber zumindest kann ich wieder lachen. Und zum Glück ist der Fuchs bei mir. Ohne ihn wäre der Tag heute wirklich schwer zu ertragen gewesen.

Die letzten vier Kilometer auf der Sandstraße gehen dann einigermaßen wieder. Wir folgen jetzt eine Weile den Pilgerwegen. Die Füße tun noch immer weh von dem ständigen Wegrutschen und Ausweichen im Schlamm. Je mehr Meter wir zwischen uns und dem Schlamm bringen, desto besser geht es mir. Wir holen noch Wasser aus einem Fluss, in den ich mit den Schuhen reingehe, um den gröbsten Dreck loszuwerden. Der Ausflug in den Sumpf hat mir nochmal gezeigt, dass die Entscheidung gegen das Blåfjell richtig war: Tagelang darin unterwegs zu sein, kann ich mir gerade beim besten Willen nicht vorstellen.

Wir finden nach einer Stunde einen Zeltplatz. Der Fuchs baut auf, während ich mir Elektrolyte und eine Ibu gegen die Kopfschmerzen genehmige. Auch wenn der Fuchs etwas besser als ich durch den Tag gekommen ist, so glücklich ist er jetzt auch darüber, dass er vorbei ist. Als wir endlich im Zelt sitzen, sind wir immer noch ziemlich dreckig, aber zumindest gibt es jetzt was zu Essen – unsere Essenssäcke müssen dringend leichter werden.


Tag 63 – 17. Juli 2026 (25 Kilometer)

Wir schlafen heute einen Moment länger als gestern, der Wecker klingelt erst um 6:30 Uhr. Wir sind beide noch etwas matschig vom gestrigen Tag, aber haben den Bremsenschock einigermaßen verarbeitet. Was sich aber nicht verarbeitet hat, sind sie ganzen Bremsenstiche, die meine Beine schmücken – und jucken. Ich weiß nicht, wann ich schon mal einen so schlimmen Juckreiz hatte. Wenn wir heute in einem Supermarkt vorbeikommen, müssen wir auf jeden Fall ein besseres Insektenabwehrmittel (Flammenwerfer?) kriegen, so geht das nicht.

Wir trauen uns gegen 8 Uhr kaum aus dem Zelt. Zwischen Außen- und Innenzelt hat sich eine gigantische Armee von Knotts (beißende, winzige Fluginsekten) versammelt und wartet auf ihr Frühstück: Uns. Als wir also aus dem Zelt kriechen, wird in hektischer und um sich schlgender Bewegung das Zelt abgebaut und wir rennen quasi los. Sobald wir auf dem Feldweg sind, wird es auch schon wieder weniger und wir können die Moskitonetze abnehmen.

Die gestrige Schlammschlacht steckt uns beiden noch etwas in den Knochen. Es gibt Tage, an denen man abends im Zelt sitzt und sich fragt, warum man sich freiwillig so etwas antut. Und dann gibt es den nächsten Morgen. Man schlüpft wieder in die noch feuchten Schuhe, setzt den Rucksack auf und läuft einfach weiter. Vielleicht ist Fernwandern genau das: gar nicht jeden Tag großartig finden, sondern trotzdem jeden Morgen wieder losgehen.

Wir folgen erstmal dem Feldweg, der offiziell der Olavsweg (ein Pilgerweg in Norwegen) ist. Der Weg führt uns zwischen Moor und Sumpf (aber auf einem Kieselweg!) in eine tiefe Schlucht hinein. Hier wird es kühl, aber es macht Spaß hier entlang der Klippen zu laufen.

Nach ein paar wenigen Kilometern biegt der Pilgerweg auf eine größere Teerstraße ab, der wir jetzt den Großteil des Tages folgen werden. Entlang dicht bewaldeter Hügel laufen wir nun ein paar Kilometer auf der Straße entlang des Inna Flusses. Das Flussbecken ist ziemlich breit und ich stelle mir vor, wie schön es wäre hier zu paddeln.

Nach ein paar Kilometern machen wir eine erste Pause. Ich freue mich, dass ich getrocknete Bananen dabei habe und esse fast die halbe Packung. Wir sind heute beide nicht ganz so flott unterwegs wie sonst und ich merke, dass ich mich heute einfach von Pause zu Pause schleppen werde. Das ist aber nicht schlimm, auch solche Tage darf es auf Tour geben.

Wir laufen weiter und kommen immer wieder an einzelnen Häusern vorbei. Und natürlich an Schafen. Mehr passiert auf dem Weg heute nicht wirklich. In Vuku machen wir nach 18 Kilometern eine längere, verspätete Mittagspause. Hier gibt es einen Supermarkt. Wir haben zwar eigentlich mehr als genug an Verpflegung, aber kein Wanderer kann auf einer solchen Tour der Versuchung frischen Obstes oder Joghurt entgehen. Und so decken wir uns mit frischen Sachen ein und verschlingen alles auf einer Bank vorm Supermarkt. Neues Autan mit mehr Power landet auch im Einkaufskorb.

Da es noch früh ist, setzen wir uns anschließend noch ins Café um die Ecke, um einen Kaffee zu trinken. Gegen 15 Uhr müssen wir nun aber wirklich weiter. Wir haben noch knapp sechs Kilometer vor uns. Die sind dann aber mit einem  kurzen Anstieg, der uns doch nochmal etwas Energie kostet, schnell gemacht. Nur die Zeltplatzsuche dauert heute etwas länger. Wir sind wieder in der Landwirtschaft angekommen und so sind viele freie Flächen den Kühen vorenthalten oder einfach zu nah an Wohnhäusern.

Nach einigem Suchen finden wir einen Platz, der zwar nicht ideal ist, aber schon passen wird. Wir sind am Ende einer Treckerauffahrt, kurz vor einer leerstehenden Weide. Es sieht nicht aus, als würde hier noch jemand kommen, also bauen wir nach einigem Beratschlagen doch das Zelt auf.


Tag 64 – 18. Juli 2026 (24,3 Kilometer)

Der heutige Morgen startet erstmal mit einer ausgiebigen Heat It Aktion. Bis ich ansatzweise alle Stiche erwischt habe, sind locker schon 15 Minuten des Morgens rum. Danach packen wir alles ein, frühstücken und los geht’s.

Der Weg führt uns heute meist von Hof zu Hof über die Pilgerwege, die zum Großteil geteert sind. Daher freuen wir uns immer, wenn es zwischendurch auch mal auf einen Forstweg abgeht, oder zumindest Schotter den Teer ablöst. Ich merke, dass der Teer meinem rechten Bein, das seit ein paar Wochen immer mal wieder etwas angestrengt ist, nicht so gut tut und der Fuchs mag den Teer wegen der Gelenke auch nicht so. Aber da müssen wir jetzt einfach durch: Bei der Entscheidung zwischen Straße oder Sumpf, hatte die Straße gewonnen und ich stehe bei den Gedanken an vorgestern weiterhin hinter der Entscheidung.

Während wir so einen Hof nach dem nächsten hinter uns lassen, bekommen wir bald einen Blick auf den Leksdalsvatnet See. Bei der ersten Pause recherchiere ich noch etwas zum weiteren Weg nachdem wir in Snåsa angekommen sein werden (danke nochmal an Martin für die weiteren Tipps!) und wir überlegen etwas hin und her, wie wir ab Snåsa weitergehen wollen. Ganz entschieden sind wir noch nicht, aber wir haben ja auch noch ein paar Tage Zeit.

Da wir jetzt hauptsächlich auf Pilgerwegen unterwegs sind, treffen wir ab und zu Personen, die auf dem Weg nach Trondheim pilgern. Okay, insgesamt waren es zwei. Aber uns fällt auf, dass uns hier von Autofahrenden häufiger zugewunken wird. Wahrscheinlich, weil sie uns für Pilger halten. Mit dem Pilgern und Glaubensthemen haben wir allerdings wenig am Hut. Auch wenn unsere lange Reise für uns vielleicht doch irgendwann die großen Fragen des Lebens beantwortet. Oder auch nicht, und das ist vollkommen okay.

Jetzt, wo ich die Tage mal einfach nur wandern kann, merke ich, dass mein Kopf etwas zur Ruhe kommt. Ist es vielleicht auch ein Gefühl von Demut, da wir bald die Hälfte unserer Reise (zumindest der Kilometeranzahl) erreicht haben? Wir sind Stand heute 1150 Kilometer gelaufen, in Røyrvik werden wir genau die Hälfte geschafft haben. Diese Erkenntnis lässt mich irgendwie stolz zurück, aber auch etwas wehmütig. Und dann ist da Vorfreude auf die Landschaften, Begegnungen und Erfahrungen, die noch kommen werden und gleichzeitig die Vorahnung, dass es irgendwann mit dem Wandern tatsächlich wieder vorbei sein wird. Irgendwo nördlich von hier – ob am Nordkap oder irgendwo vorher – wird unsere Reise zu Ende gehen. Und damit wird ein Lebenstraum, der die letzten eineinhalb Jahre fast jede Sekunde meiner Freizeit eingenommen hat, mit einem „The End“ betitelt.

Aber jetzt wollen wir erstmal heute irgendwo ankommen. Die großen Fragen lassen wir für die Zukunftselster liegen. Über den Nachmittag kommen wir weiterhin über Straßen und ich merke, dass mein Bein darauf gerade gar keine Lust mehr hat. Als wir an einem Hof vorbeikommen, denke ich noch, dass ich diesen bei der Unterkunftsrecherche doch gesehen habe, aber die Zimmer enorm teuer waren. Wir sehen allerdings, dass der Hof auch einen „einfachen“ Pilgerschlafsaal hat. Da wir über unserem Kilometerziel für heute liegen und ich mir nur zu gut vorstellen kann, dass die Zeltsuche heute wieder schwierig werden könnte, überrede ich den Fuchs, dass wir hier bleiben.

Wir laufen auf den Hof und finden erstmal niemanden. Aber nach kurzer Zeit kommt doch jemand raus und wir fragen, ob es noch Platz im Schlafsaal gibt. Der Herr bejaht und zeigt uns freundlich, wo wir schlafen werden. Als wir in dem ausgebauten Dachgeschoss ankommen, traue ich meinen Augen kaum. Einen so schönen Schlafsaal habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Es gibt einzelne Betten in der Dachschräge, die je mit einem Vorhang geschützt sind, einen großen Esstisch in der Mitte des großen Raums und eine hochmoderne Küche und ein Badezimmer wie im Luxus Spa. Dafür blättern wir gerne die 650 Kronen pro Kopf hin. Und wir können es kaum glauben: Es gibt sogar Handtücher und Bettwäsche! Die gibt es in Unterkünften eigentlich nie, und so schlafen wir sonst immer in den Betten mit den eigenen Schlafsäcken.

Da hier – zumindest bis jetzt – niemand sonst ist, haben wir den großen Bereich für uns und breiten uns direkt aus und freuen uns über die Dusche. Endlich den Schlamm von vor drei Tagen von den Beinen richtig abwaschen (man glaubt kaum, wie dreckig man nach ein paar Tagen wandern wird…). Dann machen wir uns heiße Schokolade und genießen den restlichen Abend: Was für ein Glück wir heute haben, frisch geduscht in Betten mit Bettlaken schlafen zu dürfen.


Tag 65 – 19. Juli 2026 (26,8 Kilometer)

Heute morgen sind wir richtig ausgeschlafen. In den kleinen Kabinen ist es richtig gemütlich und es ist abends auch niemand mehr dazugekommen. Es ist so gemütlich hier drin, dass ich eigentlich gar nicht weiter will. Aber bei einer Fernwanderung geht es halt immer weiter. Wir stehen also gegen kurz vor 9 Uhr vor der Herberge und verabschieden uns von dem Besitzer.

Der Weg ist heute, ähnlich wie gestern, denkbar einfach. Eigentlich hätten wir heute in dem Örtchen Binde nach 20 Kilometern an einem Supermarkt vorbeikommen sollen, aber laut Google hat der heute zu. Kann ich mir kaum vorstellen, bisher hatten alle Supermärkte auch sonntags auf. Vielleicht ein Fehler? Wir hatten uns so auf den Supermarkt gefreut: es ist einfach immer ein Highlight, frisches Obst zu bekommen, Spaßgetränke und heute – weil es wieder warm sein sollte – vielleicht ein Eis.

Etwas geknickt machen wir uns also los, wir wollen heute bis zum Snåsavatnet See laufen. Wir kommen wie gestern an Höfen vorbei, laufen durch kleine Wäldchen, kommen an Feldern und Weiden entlang. Und haben das erste Mal auf dieser Wanderung Schwierigkeiten, an Wasser zu kommen. Bisher konnten wir alle paar Meter aus einem kristallklaren Rinnsal Wasser entnehmen, Norwegen schien nur aus Wasserquellen zu bestehen. Von überall floss uns das gute Zeug entgegen. Jetzt liegen zwar immer mal wieder kleinere Flüsse an unserem Weg, aber die liegen so tief, dass wir nicht an das Wasser kommen. Oder das Rinnsal fließt von einer Weidefläche herunter, wo wir auch nicht unbedingt von trinken wollen. Gegen Mittag haben wir aber doch mal Glück und finden einen Bachlauf, an dessen Wasser wir kommen und das auch in Ordnung aussieht.

Auf dem Weg nach Binde passiert heute sonst nichts Spannendes. Wir laufen beide mit Musik in den Ohren und lassen einen Kilometer nach dem anderen hinter uns. Dieser Teil der Etappe fällt für uns beide wohl unter „einfach Meter machen“.

Als wir in Binde ankommen, sehe ich schon von Weitem, dass der Supermarkt heute nicht geöffnet ist. Oh man, dabei wäre bei der Wärme gerade ein Eis einfach perfekt gewesen. Etwas niedergeschlagen laufen wir am Supermarkt vorbei und machen uns an die letzten fünf Kilometer für heute. Als wir um die Ecke biegen, sehen wir aber einen kleinen Selbstbedienungsladen. Vielleicht gibt es ja da Eis? Wir schauen uns den Eingang an, aber hier kommt man ohne Code nicht rein. Mh, man müsste eine Nummer anrufen. Gut, dann machen wir das. Da geht aber erstmal niemand ran, also spricht der Fuchs auf den Anrufbeantworter. Wir warten ein paar Minuten, und tatsächlich: Die Tür geht auf, und die Besitzerin gibt durch, dass die Tür entriegelt ist. Interessanter Prozess, aber er bringt uns näher an Snacks!

Also rein in den Laden. Wir huschen zwischen den zwei drei Regalen durch. Frisches Obst gibt es hier nicht, aber wir finden Eis (juhuu!) und ein kleines Lunchpaket mit Nudelsalat,  Aufstrichen und Brot. Das ist doch auch schon mal was! Wir bezahlen und setzen uns noch vor den Laden, um alles direkt zu verspeisen. Ich würde sagen, der Tag ist gerettet.

Anschließend geht es noch über einen Hügel und wir wollen einen Zeltplatz suchen. Das sollte sich allerdings als gar nicht so leicht herausstellen. Wir waren auf einmal zwischen vielen, noch aktiven Höfen, die allesamt Getreide anbauten. Und das auf ungefähr jeder erdenklich freien Stelle, sodass ein Zeltaufbau irgendwo dazwischen nicht klappen würde. Wir laufen also noch ein paar Kilometer weiter, schauen zwischen kleinen Wäldchen, Getreide und Höfen, in der Hoffnung irgendeinen Platz zu finden, der nicht direkt bei jemandem auf den Hof war oder direkt auf der Straße. Nach einer Weile kommen wir an eine Abbiegung, die runter zu den Gleisen des Zuges geht. Na gut, dann eben hier, zwischen dichtem Wäldchen und der Gleisabsperrung. Hoffen wir mal, dass nicht die ganze Nacht Zugverkehr ist. 


Tag 66 – 20. Juli 2026 (26 Kilometer)

Wir konnten tatsächlich die Nacht hier an diesem Platz richtig gut schlafen. Es ist kein Zug mehr vorbeigekommen und so schlafen wir bis zum Wecker. Wir starten den Tag aber ohne Frühstück – wir haben einfach nicht genug Wasser, um unser Müsli zu machen, und können die Wasserquellen auf dem weiteren Weg nicht gut einschätzen. Also wird das restliche Wasser erstmal zum Trinken gespart.

Die ersten Kilometer laufen wir auf der Straße. Hier ist so früh morgens wirklich nichts los. Nur ein paar Rehe laufen mutig über die Fahrbahn. Nach ca. sechs Kilometern kommen wir aber runter von der Straße und können einen kleineren Weg entlang ein paar Häusern unten am See entlang laufen. Hier ist es schon etwas angenehmer.

Auch wenn wir nicht so gerne Wasser aus Seen nehmen, machen wir es uns am See gemütlich und filtern Wasser für das Frühstück. Dann wird erstmal ausgiebig gefrühstückt. Es ist dann schon kurz nach 9 Uhr, als wir endlich weitergehen. Der Weg unten am See ist toll zu gehen, und macht uns richtig Spaß. Das Wetter ist heute ebenfalls gut.

Hier kommen wir jetzt auch an einer Wandmalerei vorbei, die über 6000 Jahre alt ist: Das Bølareinen (ein Rentier), das in einen Fels geritzt wurde.

Wir wissen aber noch nicht, wie weit wir heute laufen. Entweder bis Strindmoen Camping, oder bis zum Oldernæs Gård Vagabonds Sanctuarium Camping. Das erste wäre nur 16 Kilometer entfernt, und das andere 26. Ich merke, dass ich heute nicht so in der Blüte meiner Fitness bin, aber da es morgen den ganzen Tag regnen soll, wäre es wohl schlauer, heute den Großteil zu laufen. Und dann könnten wir in Snåsa einen Nero (halben Ruhetag) machen. Bis Røyrvik wollen wir durchlaufen, daher wäre ein bisschen Pause sicherlich nicht schlecht.

Die Aussicht auf den Nero in Snåsa gewinnt, und so strengen wir uns heute doch etwas an. Als wir in Strindmoen Camping ankommen, können wir aber nicht widerstehen nach Eis oder Cola Ausschau zu halten. Wir laufen auf den Platz und gehen zur Rezeption. Die Besitzerin ist etwas irritiert, dass wir hier nicht schlafen, sondern nur Süßigkeiten wollen. Sie haben laut ihrer Aussage „only for emergencies“ ein bisschen Eis und gekühlte Getränke da. Keine Ahnung, wie sie sich einen Eis-Emergency vorstellt, aber wenn ich mir einen vorstellen würde, dann würde der nach uns aussehen. Wir erwecken wohl ihr Mitleid und so führt sie uns über den Campingplatz zu einer abgeschlossenen Holzhütte, in der sich das Eis und gekühlte Getränke verstecken. Wir suchen uns beide eins aus, bezahlen, und verschlingen die Beute auf der Campingterrasse.

Dann haben wir noch zwölf weitere Kilometer vor uns. Erst geht es nochmal über die Straße, dann biegen wir auf einen Waldweg Richtung Sportflughafen ab. Nach etwa Zweidrittel des offiziellen Weges, verschwindet der Pfad einfach und wird zu einem Ackerfeld. Also gut, dann doch noch ein paar hundert Meter weglos durchs Getreide und wir stehen wieder auf der Straße. Die letzten Kilometer zum Campingplatz ziehen sich ziemlich, aber es lohnt sich. Wir kommen auf einen witzigen Platz, der eher an eine Piratenbucht erinnern soll, als an einen Campingplatz. Mit Seezugang stellen wir unser Zelt auf und sammeln unsere Wäsche zusammen: wir müssen nämlich dringend waschen. Das letzte Mal war in Røros, ist also schon eine Zeitlang her.

Den restlichen Abend verbringen wir am, um und im Zelt, mit Wäschewaschen und Füßeentspannen.


Tag 67 – 21. Juli 2026 (16,1 Kilometer)

Als wir heute morgen die Augen aufschlagen, tropft es auf das Zelt. Der angesagte Regen ist also tatsächlich da. Aber was macht das schon: So viel Regen wie wir bisher hatten, da sind wir doch echte Regenprofis. Und dass es heute nicht allzu weit sein wird, stimmt uns auch positiv.

Wir ziehen die Wandersachen an, verpacken alles wasserdicht und laufen rüber in die Gemeinschaftsküche. Falls man das so nennen darf, es ist nämlich keine Küche da, aber dafür ist der Raum mit vielen, gemütlichen Sitzgelegenheiten ausgestattet. Laut Campingplatzbesitzer ist dieser Raum noch im Aufbau.

Wir kochen also unser Frühstück auf dem Gaskocher und genießen Müsli bei Kerzenschein.

Danach geht es los. Wir müssen erstmal ein paar hundert Meter zurücklaufen und biegen dann auf einen Forstweg ab. Die Landschaft ist verregnet und die Wolken hängen heute tief. Um uns herum gibt es Pilze wie Sand am Meer. Wir stapfen durch den Wald und bald sind meine Füße klatschnass. Aber das macht mir heute wenig aus. Wenn man weiß, dass man abends in ein Hotelzimmer kommt, kann einem Nässe doch weniger anhaben, als sonst.

Zum Weg gibt es nicht viel zu erzählen. Außer, dass wir quasi bei jedem Hof, an dem wir vorbeiziehen, von grimmigen Hunden angebellt werden. Das scheint eh so ein Thema in Norwegen zu sein. Eigentlich jedes Haus scheint sich draußen Hunde zu halten, damit man möglichst schon drei Kilometer vorher hört, wenn jemand vorbeikommt. Etwas nervig und manchmal erschrecken wir uns richtig. Aber gut, würde ich so abgeschieden wohnen, hätte ich wahrscheinlich auch ein paar Hunde.

Gegen kurz vor 12 Uhr sind wir auch schon in Snåsa. Wir gehen zielsicher in die Richtung des einzigen Cafés in Snåsa (die „Städte“ sind hier wirklich nicht sonderlich groß) und bestellen einmal die halbe Karte. Die Bedienung muss etwas lachen, als wir immer noch mal etwas mehr auswählen und so steht bald eine Fanta, ein alkoholfreies Bier, ein Baguettesandwich, zwei Waffeln, ein Stück Kuchen und ein Kartoffelsalat auf unserem Tisch. So schnell wie wir bestellt haben, so schnell ist auch alles aufgegessen.

Wir ziehen also weiter in den Supermarkt, der im selben Gebäude ist. Hier brauchen wir etwad mehr Zeit, die Auswahl ist einfach verlockend. Wir kaufen Lebensmittel für die nächsten zwei Tage und ein paar Snacks für den Nachmittag. Am Hotel selbst ist keine Einkaufsmöglichkeit mehr, also dürfen wir nichts vergessen.

Danach geht es weiter durch den mittlerweile schüttenden Regen. Aber wir haben nur noch drei Kilometer vor uns. Als wir am Hotel ankommen, sind wir eigentlich noch zu früh. Aber unser Zimmer ist schon fertig und wir dürfen es schon beziehen. Wir freuen uns, wieder unter eine Dusche zu kommen und den Rucksackinhalt im Zimmer auszubreiten. Den Nachmittag verbringen wir dann noch mit weiterer Tourenplanung und Snacks essen.


Wie es weitergeht

Nach den Tagen auf Pilgerwegen wartet auf uns ein Abschnitt, auf den wir uns ehrlich gesagt nicht soo sehr besonders freuen: erstmal viele Kilometer über, um und an Straßen entlang.  Doch auch solche Etappen gehören zu einer Fernwanderung mal dazu.

Zwischen Asphalt, Tankstellen-Hotdogs und gemütlichen Hütten rückt dafür ein ganz besonderer Meilenstein immer näher. Denn am Ende der nächsten Etappe erreichen wir einen Ort, von dem wir bei der Tourenplanung unzählige Male gelesen haben – und gleichzeitig die Hälfte unserer gesamten Norge-på-langs-Wanderung. Manchmal entstehen die größten Momente eben genau dort, wo man sie am wenigsten erwartet.


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Veröffentlicht von DieWanderElster

Hej, ich bin die WanderElster, Bloggerin aus der Taunusgegend. auf diesem Blog schreibe ich über draußenverbrachte Zeit, wandernd, weiterwandernd, mit Rucksack, ohne Rucksack und ich freu mich, dass ihr dabei seid!

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