Wenn man Menschen erzählt, dass man einmal der Länge nach durch Norwegen wandert, bekommt man oft dieselben Fragen.
Wie weit seid ihr heute gelaufen? War das Wetter gut? Habt ihr Elche gesehen?
Und ja, wir sind inzwischen über 1000 Kilometer gelaufen. Wir hatten Regen, Sonne, Mücken, Schnee, Sümpfe, Elche, Rentiere und vermutlich auch schon mehr Bremsen als erlaubt. Aber wenn ich ehrlich bin, sind die Kilometer gar nicht das, was mich am meisten auf der Tour prägt. Es sind nämlich die ganz normalen Tage.




Das Abenteuer kann erstaunlich unspektakulär sein
Vor der Tour hatte ich eine romantisierte Vorstellung von einer Fernwanderung. Jeder Tag ein neues Panorama, jeden Abend Sonnenuntergang am Zelt mit Lagerfeuer, jeden Morgen voller Tatendrang loslaufen.
Und die Realität? Manchmal schon so, aber doch viel häufiger so: Der Wecker klingelt, Schlafsack zusammenrollen, Frühstück machen, das nasse Zelt irgendwie am Rucksack befestigen, und loslaufen. Irgendwann Mittag, dann irgendwann Abend. Wieder das Zelt aufbauen, kochen und gegen 20 Uhr schlafen, weil kaputt. Und dann geht es wieder von vorne los. Das klingt fast ein bisschen langweilig. Aber genau darin liegt fast das Abenteuer versteckt. Denn aus mittlerweile über 70 Tagen auf Tour voller gewöhnlicher Tage entsteht doch eine außergewöhnliche Reise.




Die Natur gewinnt sowieso
Zu Beginn habe ich alles planen wollen: Kilometer, Pausen und am liebsten auch das Wetter. Norwegen hat darüber vermutlich herzlich gelacht. Ein Fluss ist plötzlich nicht mehr passierbar. Ein Weg ist eher ein Sumpf mit Wanderempfehlung. Regen bleibt einfach Wochen, statt wie in der Wetterapp angegeben nur eine halbe Stunde.
Und nach so vielen Wochen unterwegs, höre ich auf, gegen die Bedingungen anzukämpfen. Weil ich für mich verstanden habe, dass die Natur nicht gegen mich arbeitet. Sie interessiert sich einfach nur nicht dafür, was auf unserem Tourenplan steht. Und ich bzw. wir müssen einfach immer einen Umgang damit finden, um weiterzukommen.

Komfort bekommt eine völlig neue Bedeutung
Früher hätte ich vermutlich gesagt, Luxus sei ein schönes Hotel. Heute freuen wir uns aber über ganz andere Dinge wie:
- eine ebene Stelle fürs Zelt,
- ein Bushäuschen bei Regen für die Mittagspause,
- eine Waschmaschine,
- frische Laken und Handtücher,
- oder eine frisch gebackene Waffel.
Ich hätte nie gedacht, dass man sich einmal emotional an eine funktionierende Wäschespinne binden kann. Und doch stehen wir an Ruhetagen mittlerweile ziemlich zuverlässig zuerst vor der Waschmaschine und dann unter der Dusche oder wählen Unterkünfte nach Waschmaschinen aus. Prioritäten eben!





Motivation ist völlig überbewertet
Eine Erkenntnis hat mich besonders überrascht. Ich bin gar nicht jeden Morgen motiviert, wer hätte das gedacht!? Nicht einmal annähernd: Manchmal ist es echt kalt morgens, oder richtig nass draußen. Und dann möchte ich den Schlafsack einfach nicht verlassen – aber wir müssen halt weiter. Wir haben anders als Zuhause kein Wochenende, um uns nach fünf Tagen zwei Tage zu erholen. Wir würden es sonst nie vor dem Winter bis zum Nordkap schaffen. Also laufen wir trotzdem egal wie das Wetter ist (außer bei Wetterwarnung natürlich).
Das Gehen ist irgendwann normal geworden und selbstverständlich wie Zähneputzen. Ich warte einfach nicht mehr darauf, dass die Motivation sich auch irgendwann Mal blicken lässt. Ich ziehe einfach die Schuhe an.




Humor ist Teil der Ausrüstung
Nach über 1000 Kilometern bin ich überzeugt, dass das nur mit Humor geht. Der Regen hört dadurch zwar nicht auf und die Bremsen ziehen auch nicht ab. Aber wenn wir zu zweit dann doch drüber lachen können, wird es leichter.
Manchmal ist Humor eben die leichteste Ausrüstung im Rucksack – und gleichzeitig die wichtigste.

Was ich wirklich gelernt habe
Wenn ich all diese Kilometer auf eine einzige Erkenntnis reduzieren müsste, wäre es diese:
Eine Fernwanderung besteht für mich nicht aus den spektakulären Momenten. Sie besteht aus den ganz normalen Tagen, an denen nichts Besonderes passiert und man trotzdem weitergeht. Aus Tagen, an denen die Schuhe nass sind und an denen man einfach nur den nächsten Schritt macht.
Und irgendwann schaut man auf die Karte, sieht, dass die Hälfte der Reise schon hinter uns liegt und fragt sich, wann das eigentlich passiert ist. Der Anfang in Lindesnes kommt mir vor wie gestern und gleichzeitig, als wäre er schon Jahre her.
Das empfinde ich als ein schönes Zwischenfazit unserer bisherigen Reise. Nicht nur fürs Wandern, sondern generell. Die meisten großen Ziele erreicht man nicht mit riesigen Sprüngen, sondern mit einem kleinen Schritt nach dem anderen. Auch wenn dieser Schritt manchmal durch norwegischen Sumpf führt.


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Hallo ihr zwei, wunderschön auf den Punkt gebracht. LG Helmut (NPL 2025)
Dankeschön 😊
Wunderbar, durch das Lesen bei euch zu sein, und auch berührend, was du schreibst. Liebe Grüße, auch an den Fuchs, Bernadett
Die Grüße richte ich sehr gerne aus ☺️ liebe Grüße!
Wow schon so weit. Und wie wahr geschrieben. Es ist eine Freude euch beim Wandern zuzuschauen. Danke für den tollen Blog. Auf die nächsten 1000+ km. Ich freue mich immer, wenn neuer Lesestoff kommt. Bin gespannt, wenn ihr den Nordkalottleden erreicht – mein Sehnsuchtsort. LG, Claudia
Das freut uns sehr zu hören! Ein bisschen brauchen wir noch, aber wir freuen uns schon sehr auf den Nordkalottenleden! 😊 Liebe Grüße!
Ihr machts das so großartig & herzensschlau.
Ganz fester Drücker aus Passau
♥️♥️
Dankeschön 🥹♥️ und liebste Grüße zurück aus dem Zelt zu euch! ☺️
Dem kann ich nur zustimmen, super auf den Punkt gebracht 👍 War schön euch heute zu treffen 😊
Liebe Grüsse, Robert, NPL 2026 SOBO
Danke Robert, das können wir nur zurückgeben ☺️