Wer sich mit Norge på langs beschäftigt, stolpert früher oder später über den Namen Børgefjell. Und meistens folgt darauf ein respektvolles Nicken, ein tiefer Seufzer oder Geschichten über Sümpfe, Flüssefurten, weglose Kilometer und atemberaubende Landschaft. Wir waren also bestens vorbereitet – zumindest theoretisch.
Praktisch warteten auf uns viel Regen, eiskalte Flüsse, eine Nothütte, die ihren Namen nicht mehr verdiente, überraschend viel Lampenfieber und irgendwann mittendrin die Erkenntnis, dass wegloses Wandern vielleicht doch gar nicht so furchteinflößend ist, wie ich gedacht hatte. Und dann waren da plötzlich noch etwa 60 Rentiere, die beschlossen, unseren Weg zu kreuzen.
Willkommen im Børgefjell – einem Ort, der uns gleichzeitig Respekt eingeflößt, herausgefordert und völlig verzaubert hat.

NPL Statistik
- Mückenbarometer: 5/10
- Zeltübernachtung:
- Zelt: 3
- Hütte: 0
- Unterkunft: 1
- Flussüberquerungen: 38
- Tage ohne Regen: 1
- Waffeln/Pfannkuchen: 0 🥲
- „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: 0
- Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: keine
- Rentiere/Elche: ca. 60 Rentiere
- Gelaufene Blasen: keine
- Anzahl Duschen: 1x
- Ohrwurm der Woche:
- Elster: Sam Fender – Wild long lie
- Fuchs: Duran Duran – Ordinary world
Gesamtkilometer: 1457,2 Kilometer
Tierbeobachtungen: Sehr viele Insekten, diverse Vögel, insb. Moorhühner, Sumpfschnepfen, Regenpfeifern, dazu viele kleine Frösche, ganz viele Rentiere, und einige Hasen.
Tag 74 – 28. Juli 2026 (Ruhetag)
Der heutige Tag steht nur unter einem Motto: Erholung. Dachten wir zumindest. Denn um halb 9 wachen wir auf und huschen direkt zum Frühstück, um den Hunger zu stillen. Es gibt je vier Toast, einen Berg Eier, viel Käse, Aufstriche, Tomaten, Gurken, und und und. Wir sitzen letztlich bis um halb 11 Uhr dort.
Dann holen wir noch unsere Karten raus, um uns die anstehende Strecke im Børgefjell bis nach Hattfjelldal genauer anzuschauen und prüfen auch den Teil, der dann nach Umbukta weitergeht. Währenddessen prasselt draußen der Regen gegen die Fenster. Toll, dass der Boden des Børgefjell nochmal richtig Wasser aufsaugen darf.
Die Strecke flößt mir ziemlichen Respekt ein, da wir über zwei Tage weglos laufen werden. Und in den Blogs anderer finden sich immer wieder Stellen dazu, dass insbesondere die ersten Kilometer sehr sumpfig und matschig sein sollen. Na das wird ja wieder ein Spaß!
Ins Børgefjell kommt man von Süden aus tatsächlich über’s Wasser. Wir müssen morgen 15 Kilometer Straße bis zum See zurücklegen und dann geht es entweder mit dem Motorboot oder mit dem Kajak weiter zum Eingang in den Nationalpark. Wir überlegen recht lange, wie wir das für uns gestalten wollen. Da das Wetter morgen aber sehr schlecht werden soll, mit starken Wind und Regen, entscheiden wir uns für das Wassertaxi. Der Fuchs war quasi noch nie paddeln, das möchte er bei einem solchen Wetter nicht zum ersten Mal ausprobieren. Also setzen wir das Kajakfahren auf eine unserer endlosen Urlaubslisten. Wir buchen das Motorboot für den nächsten Tag um 13 Uhr.
Die Strecke zu prüfen und uns mit ihr vertraut zu machen, dauert doch etwas länger als gedacht und so ist es letztlich schon kurz vor 14 Uhr, als der Hunger uns wieder antreibt. Wir gehen zur Tankstelle gegenüber und holen uns nochmal einen Hot Dog. Und ich benötige noch einen Rucksackgurt, mit dem ich eine weitere Tasche oben auf dem Rucksack befestigen kann. Denn meine 60 Liter werden für die Etappe hinter Umbukta nach Sulitjelma nicht ausreichen. Da muss mehr Essen mit und somit brauche ich kurzzeitig mehr Volumen. Und wir schauen uns noch die Ausstellung zum Nationalpark an.




Den restlichen Nachmittag verbringen wir mit Seriengucken im Hotelzimmer und kommen erst zum Abendessen wieder raus: Hilde hat Rentier mit gebackener Kartoffel und Salat gezaubert.

Kugelrund geht es dann auch schon ins Bett und unser Ruhetag geht viel zu schnell zu Ende.
Tag 75 – 29. Juli 2026 (26 Kilometer)
Ich hatte gestern Abend noch ein paar Blogs anderer NPLer zu den Abschnitten im Børgefjell gelesen. Ein Blog, bei dem auch sehr schlechtes Wetter mit viel Regen war, berichtet von schwierigen Furtstellen durch die Flüsse. Letztere waren so voll, dass diese Wanderer die Querung nicht schaffen konnten.
Das versetzt mich nun doch etwas in Sorge, da wir ja auch schon seit Tagen Regen haben (oder seit Wochen) und es auch morgen wieder nicht gut aussieht. Entsprechend unentspannt schlafe ich und werde um halb 7 Uhr etwas gerädert wach.
Nachdem wir uns ein letztes Mal an Hildes Frühstück guttun, geht es um 8 Uhr los. Die Straßenkilometer rattern wir in flottem Schritt runter, und so ist es erst 11:30 Uhr, als wir schon am See Namsvatnet ankommen. Genug Zeit, um nochmal eine gemütliche Mittagspause zu machen.




Es kommen zwei weitere Fahrgäste dazu, die auch das Boot um 13 Uhr nehmen wollen. Das freut uns, da der Gesamtpreis so insgesamt günstiger wird. Die 30-minütige Überfahrt kostet uns aber trotzdem noch 500 NOK pro Person.
Gegen 13 Uhr geht es dann aber auf den See und die anderen beiden Fahrgäste quetschen uns zu unserer Tour aus. Währenddessen passt der Fahrer auf, dass sein Hund nicht über die Reling springt.


An unserer Station steigen wir alleine aus, die anderen wollen zu einer anderen Anlegestelle, um von dort zu ihrem einsamen Sommerhäuschen zu laufen. Als wir auf den Steg steigen, unsere Rucksäcke schultern und das Boot direkt wieder losdüst, fühlen wir uns irgendwie ausgesetzt wie in 7 vs. Wild. Es ist ein sehr merkwürdiges Gefühl, hier so in der Wildnis abgesetzt zu werden. Weit und breit ist hier wohl niemand. Aber wo hätten wir auch schon mal jemanden getroffen? 😉



Der Wald um uns herum begrüßt uns direkt am Ufer, aber wir trödeln noch einen Moment rum, um gedanklich etwas anzukommen. Aber wenn wir die ersten 10 Kilometer durch das schlammige und sumpfige Gelände schaffen wollen, müssen wir los.
Ich merke, dass sich mein Körper anfühlt, als hätte er Lampenfieber. Ich bin richtig nervös, wenn ich an den anstehenden Weg denke. Das hatte ich bisher noch nie auf unserer Wanderschaft. Gegen 13:45 Uhr laufen wir los. Die ersten Kilometer haben noch einen Weg, der zwar nicht markiert ist, den man aber erahnen kann. Viele Fußspuren sind hier schon vor uns unterwegs gewesen. Daher ist die Wegfindung doch recht einfach. Schwierig zu gehen ist er trotz des Regens der letzten Tage eigentlich nicht – oder wir sind einfach schon viel Schlimmeres gewohnt.





Außer ein paar sumpfigen Stellen kommen wir gut voran. Als wir nach ein paar Kilometern an den ersten Fluss, einem Nebenfluss vom Virmaelva, kommen, bin ich erleichtert: Der führt nur etwa wadentiefes Wasser, sodass wir ihn gut durchqueren können. Auf der anderen Seite ist der offizielle Weg vorbei und wir starten in unser wegloses Abenteuer.
Wir orientieren uns für die erste Zeit grob am Tobi’s Track aus 2024, biegen dann aber Richtung Gaukarvatnet See ab. Der nächste Fluss, der Sapmanelva, will gequert werden. Und der hat es leider doch in sich. Die Strömung ist so stark und der Fluss teilweise so tief, dass ich kurz denke, dass die Querung nicht klappen wird.
Ein herzliches Dankeschön an Tobi, der uns kurzfristig seinen Track zur Verfügung gestellt hat 💐
Zu allem Überfluss ist beim Fuchs einer der Trekkingstöcke kaputtgegangen (schon vor einer Weile, aber jetzt wohl endgültig), sodass er nur einen Stock zur Stabilisierung in der Strömung hat. Ich gehe also voraus und teste den Weg erstmal.
Nach ein paar Metern muss ich aber umdrehen, es ist einfach zu tief (bis über den Po) und dafür eine viel zu starke Strömung. Wir gehen flussaufwärts und dann doch wieder zurück. Ich finde dann aber eine Stelle, die etwas breiter ist, sodass die Strömung nicht allzu stark ist. Auch hier stehe ich kurz darauf bis auf die Hälfte der Oberschenkel im strömenden, eiskalten Wasser.
Ich bleibe bei der Hälfte stehen, um den Fuchs hinter mir her zu lotsen. Vom anderen Ufer aus hätte er mich nicht mehr hören können. Ich merke, wie meine Füße einfrieren. Dann gehen wir gemeinsam weiter und als wir beide auf der anderen Uferseite stehen, freuen wir uns total, das Hindernis geschafft zu haben.


Langsam merke ich, wie aus Nervosität Konzentration wird. Jeder Fluss, den wir schaffen, nimmt dem nächsten ein kleines bisschen von seinem Schrecken. Jetzt geht es etwas beschwingter weiter. Wir können die sumpfigen Stellen jetzt gut umgehen und laufen eher auf grünem Gestrüpp, das kaum drei Zentimeter hoch ist. Plötzlich läuft es sich erstaunlich angenehm.
Nach einer weiteren knappen Stunde, finden wir einen Zeltplatz. Es ist leider nicht einfach, einen einigermaßen windgeschützten Platz zu finden. Da es nachts aber anfangen soll zu regnen und der Wind auch stärker werden wird, bauen wir noch eine Windkonstruktion am Zelt, die das Gestänge bei starkem Wind schützen soll.



Danach wird noch gegessen und wir sitzen mit offenen Zelteingängen im Sonnenuntergang. Das ist auf dieser Reise erst das zweite Mal, dass wir das machen können: Sonst hat es immer geregnet, war bitterkalt oder die Flugbiester haben uns eingenommen. Wir machen beim Zähneputzen in der Abendsonne draußen noch ein paar Dehnübungen und schauen uns die Landschaft an. Dann flickt der Fuchs noch den Trekkingstock mit Panzertape – mal schauen, ob das morgen hält!






Morgen soll es den ganzen Tag über regnen, wir sind gespannt wie der Weg morgen weiter geht und freuen uns schon trotz des Regens darauf, durch diese Landschaft zu schreiten, in der Hoffnung ein paar Blicke auf die umliegenden Berge trotz Regen erhaschen zu können.
Tag 76 – 30. Juli 2026 (24 Kilometer)
Als wir heute morgen wach werden, tröpfelt es auf das Zeltdach. Der starke Wind ist ausgeblieben, aber er soll dafür tagsüber bei uns vorbeischauen. Wir machen uns im Zelt fertig und denken etwas sehnsüchtig zurück an das gestrige Wetter mit viel Sonne am Nachmittag.
Das Wetter gibt heute ein anderes Bild: um uns herum ist eine Nebellandschaft zu sehen, die die Berge verhüllt. Die Landschaft, die wir gestern Abend noch bestaunen konnten, ist jetzt weg. Als wir gegen halb 8 Uhr loslaufen, geben sich Regen und Wind aber nochmal richtig Mühe. Ich bin schnell ziemlich ausgekühlt. 260er Merinowollsweatshirt plus Regenjacke – unser reguläres Wanderoutfit bei kühlem Regenwetter – ist für Norwegen wohl nicht dick genug. Zum Glück wird es im nächsten Nachschubpaket in Umbukta nochmal etwas mehr Wärmepuffer geben.
Und manchmal bleibt auf einer Wanderung nichts anderes übrig, als den nächsten Schritt zu machen. Nicht weil es leicht ist, sondern weil es einfach keinen anderen Weg gibt. Auch wenn es kalt ist und ich zittere, können wir ja schlecht hier sitzen bleiben.




Ich bin heute Vormittag etwas mies drauf. Wieder einmal laufen wir durch atemberaubende Landschaft, bekommen von ihr aber wenig mit. Abgesehen davon, dass sie teilweise hinter Wolken und Regenschleiern verschwindet, kann ich bei den ganzen Regentropfen auf der Brille kaum den Boden vor mir sehen. Der Fuchs ist da heute eindeutig im Vorteil und eilt mir voraus. Zumindest kann ich seine rote Jacke vor mir erkennen und ich bin froh, dass wir bei der Auswahl der Regenjacke keine Tarnfarbe gewählt haben.



Nach fast vier Stunden am Kjukkelelva entlang bin ich vollkommen ausgekühlt. Zu allem Überfluss rutsche ich auch noch auf den glatten Steinen bei einer nicht schwierigen Furtstelle aus und bin somit jetzt vom Bauch abwärts nass. Keine gute Kombi mit dem Wind!
Wir kommen an der wohl einzigen privaten Hütte im Nationalpark vorbei, welche verlassen am See Store Kjukkelvatnet steht und beschließen kurzerhand, unser Zelt in ihrem Windschatten aufzustellen. Ohne die schützenden Zeltwände wäre eine Pause hier einfach nicht möglich. Ich krieche klatschnass ins Zelt, zittere und koche uns erstmal einen Tee. Der hilft tatsächlich, mein Gemüt etwas zu besänftigen.


Zwischendurch denke ich immer wieder an meine Mum, die heute Geburtstag hat – da wir aber hier im Børgefjell kein Netz haben, kann ich ihr leider nicht heute gratulieren (musste es mit einer Blumenbestellung schon gestern machen). Aber ich freue mich auch, dass es bei ihr heute bestimmt Kuchen (oder bei eurer Hitze lieber Eis?) gibt und sie hoffentlich einen schönen Geburtstag hat ❤️💐
Die Pause im Zelt tut gut und wir verbringen über eine Stunde geschützt vor Mücken, Regen und Wind. Dann legt sich aber zumindest der Regen. Wir schauen uns nochmal die weitere Strecke auf der Karte an. Eigentlich wollten wir bis zum See Øvre Båttjønna laufen, wo auch Tobi 2024 sein Zelt aufgeschlagen hat, aber für die Nacht ist ein leichtes Gewitter angesagt. Wir wissen zwar nicht, wo die warme Luft für das Gewitter herkommen soll, aber etwas in Sorge versetzt es uns doch.
Wir sehen auf der Karte eine Nothütte verzeichnet, die weiter östlich vom See in einer Senke liegt, die Båttjønnhytta. Es sind zwar dann mehr Höhenmeter und ein paar mehr Meter, aber wir entscheiden uns letztlich für die Hütte. Nothütten haben nichts mit den gemütlichen DNT Hütten gemeinsam, sondern sind wirklich für den Notfall gedacht: Es sind meist einfache Holzhütten, in denen es ein paar Holzpritschen gibt, einen Ofen und Feuerholz. Das klingt zwar wenig gemütlich, aber wir entscheiden uns für diese Variante und machen uns auf den Weg.
Eigentlich sollte ab Nachmittags die Sonne scheinen, aber die lässt sich noch nicht blicken. Westlich von uns können wir den Berg Kvigtinden sehen, auf dem zwei Gletscher unter Schnee begraben sind. Ich glaube, dass es tatsächlich der erste Gletscher ist, den ich jemals mit eigenen Augen sehe. Wir kommen uns bei diesem Anblick ganz klein vor, während wir durch die gigantische Weite, in der wir Meter für Meter hinter uns lassen, entlangschreiten.
Wir orientieren uns nun eine Weile wieder an Tobi’s Track. Auch wenn wir damit Koordinaten haben, denen wir grob folgen können, ist das weglose Navigieren richtig toll und macht in dieser Landschaft einfach nur Spaß. Es funktioniert auch viel besser, als ich es vorher erwartet habe und bestärkt mich nochmal in meinen eigenen Fähigkeiten.
Dann stehen nochmal zwei schwierige Furtstellen an, und da wollen wir Tobi’s Stellen nehmen, die zumindest 2024 funktioniert haben. So einfach ist es dann aber doch nicht. Wir müssen bei beiden Stellen mehrfach flussauf- und abwärts laufen, bis wir je eine Stelle finden, die funktioniert. Das Wasser ist hoch und die Strömung unglaublich stark. Wir kommen nach ein paar Versuchen aber heile auf die andere Seite. Nun können wir zwar immer noch keine Sonne sehen, aber wir entdecken den ersten blauen Fleck am Himmel.







Nach einer kurzen Pause auf einem windstillen Fleck, müssen wir noch einige Höhenmeter aufsteigen und schließlich wieder herunter, um zur Nothütte zu kommen. Ich merke, dass bei mir jetzt langsam die Luft raus ist. Der Tag war anstrengend und aufregend, kalt und wunderschön. Aber wir freuen uns in vier Wände zu kommen und einen Ofen anzuheizen. Je näher wir der Hütte kommen, desto schlechter ist aber mein Gefühl. Schon von Weitem sehen wir, dass die Verkleidung der Außenwand teilweise abgeblättert ist. Erst auf den letzten Metern sehen wir aber, dass die Fenster eingeschlagen sind. Das sieht ja wenig einladend aus… Als wir um das Haus herumgehen, fällt unser Blick auf die kaputte Vordertür und einige Fischreste, die neben dem Eingang liegen. Wir werfen einen Blick hinein und sehen eine vollkommen zugemüllte, und offensichtlich seit langem undichte Hütte.




Während der Fuchs etwas beklommen neben mir steht, kriege ich einen kleinen Wutausbruch. Das kann doch nicht wahr sein: jetzt sind wir zusätzliche Kilometer gelaufen, zusätzliche Höhenmeter und dann ist die verzeichnete Nothütte nicht mal mehr in der Not nutzbar! Ich ärgere mich so sehr hier hin gelaufen zu sein… Und nun fragen wir uns natürlich auch, wo wir jetzt hin sollen. Hier direkt zelten wollen wir jedenfalls nicht. Wir sehen einige Tierüberreste um uns herum, sodass es nur wahrscheinlich ist, dass nachts noch Wildtierbesuch zu erwarten ist. Nein, danke.
Wir sprechen ein paar Optionen durch, die mir alle nicht richtig gefallen. Zu sehr ärgere ich mich noch, die Socken heute nicht am Feuer trocknen zu können.
Wir beschließen aber letztlich, den Weg wieder hoch zu gehen und doch in der Nähe des Sees zu zelten, in der Hoffnung, dass das Gewitter so unreal bleiben wird, wie in Eldåbu. Wir mobilisieren also die letzten Kräfte und steigen wieder auf. Oben angekommen suchen wir einen passenden Zeltplatz, mit dem wir hoffentlich dem Gewitter, falls es doch kommt, nicht auffallen. Dann bauen wir alles auf, kochen uns noch je ein Turmat Gericht (ich bekomme Tikka Masala und der Fuchs einen minced beef and potatoes Eintopf) und dann gehen wir auch schon in die Schlafsäcke.



Der Tag hat uns zwar wenn die Wolkendecke aufgerissen ist, wunderschöne Momente in einer besonderen Landschaft gegeben, aber auch viel Kraft gekostet und morgen wird es ebenso sein: Wieder zeigt die Wettervorhersage 5 Grad und andauernden Regen an.
Tag 77 – 31. Juli 2026 (24 Kilometer)
Gegen kurz vor 3 Uhr werde ich das erste Mal wach. Der Wind rüttelt an unserem Zelt und dicke Regentropfen klatschen auf das Zeltdach. Bei dem lauten Getöse dauert es eine Weile, bis ich wieder eingeschlafen bin.
Als der Fuchs mich um halb 7 Uhr weckt, ist der Wind stärker geworden, dafür regnet es aber kaum noch. Wir frühstücken also flott, packen alles zusammen und gehen diesmal beide mit Pulli über dem Merinowollsweatshirt aus dem Zelt und werfen noch die Regenjacke drüber. Eine gute Entscheidung: Denn der Wind ist unglaublich stark und fegt unnachgiebig über uns hinweg. Er lässt die Temperatur nochmal viel kälter wirken. Von einem Gewitter haben wir übrigens nichts mitbekommen.
Als wir losgehen, müssen wir uns zeitweise richtig gegen den Wind lehnen, um voran zu kommen. Heute stehen knapp 20 Kilometer Fjell vor uns, wir schauen mal, wie gut wir heute durchkommen. Ich freue mich aber darüber, dass zumindest der Regen in ein anderes Tal weiterzieht und uns in Ruhe lässt. Wir haben ja auch mit dem Wind schon alle Hände voll zu tun.
Als wir etwa eine Stunde unterwegs sind, bricht sogar die Sonne durch und lässt uns in den Pullis richtig aufwärmen. Durch die Sonnenstrahlen wirkt die Fjelllandschaft leicht orangefarben und verleiht unserer Umgebung einen herbstlichen Touch. Es scheint fast, als wollte das norwegische Wetter den gestrigen Tag wieder etwas gutmachen. Und kaum hänge ich diesem Gedanken nach, sehe ich ein Geweih hinter dem nächsten Hügel hervor luken: Ein Rentier hat uns entdeckt. Oder wir es?


Es schaut in unsere Richtung und scheint recht irritiert, hier zwei Zweibeiner zu erblicken. Direkt gesellen sich noch ein paar andere dazu, dann verschwinden sie wieder hinter dem Hügel. Ich kann es gar nicht fassen, welches Glück wir gerade haben. Rentiere und ein bisschen Sonnenschein. Norwegen meint es gut mit uns.
Als wir weitergehen, sehen wir immer mehr Rentiere um uns herum. Eine Herde von ca. 60 Tieren läuft auf der Hochebene entlang. Immer wieder kommen die neugierigen Tiere in unsere Nähe, biegen dann aber doch in eine andere Ecke ab. Auch wenn ich gestern kurz vergessen habe, wieso wir eigentlich 3000 Kilometer durch Norwegen laufen wollten, weiss ich es jetzt wieder und bin ganz gerührt von der Szenerie um uns herum.





Den restlichen Vormittag verbringen wir mit Meter machen und Rentiere anschauen. Wieder Meter machen und wieder Rentiere anschauen. Bis zu unserer ersten längeren Pause haben wir die Herde aber hinter uns gelassen und genießen die Sonnenstrahlen auf der Nasenspitze, während wir versuchen, uns im Windschatten zu verstecken.
Der Weg ist heute sehr einfach zu gehen. Die Landschaft ist zwar hügelig, aber unglaublich weitläufig, sodass wir die Strecke sehr entspannt zurücklegen können, ohne irgendwie in Zeitnot zu geraten. Immer mal wieder ziehen dunkle Wolken über uns hinweg, aber der Regen bleibt die meiste Zeit aus. Nach ein paar Stunden können wir sogar die Regenjacken ausziehen – das hatte ich für heute eigentlich abgeschrieben. Wir freuen uns einfach total, in dieser Landschaft unterwegs sein zu dürfen.






Nach einigen Stunden kommen wir tatsächlich wieder auf einen Weg. Damit haben wir den weglosen Teil erfolgreich hinter uns gelassen. Die Berglandschaft, auf der wir unterwegs sind, fällt jetzt langsam ab in das Tal Susendalen. Wir können von hier oben auch die Kulturlandschaft des Tals erkennen. Ein vollkommen surrealer Moment, wo wir gerade mitten in der Wildnis stehen und uns das Gefühl umschlingt, dass es nur uns beide auf der Welt gibt und sonst niemanden.




Der Weg führt uns ziemlich entspannt über ein paar Kilometer runter ins Tal. Wir freuen uns, den Kopf ausschalten zu können und einfach dem Weg zu folgen. Wir lachen darüber, dass das der wohl bisher beste Wanderweg ist, den wir in Norwegen je hatten!





Als wir unten ankommen, ist die Sonne immer noch um uns herum. Wir laufen nach rechts die Schotterstraße Richtung Furuheim, und nehmen dort die Fußgängerbrücke über den Susna Fluss hinüber zum anderen Ufer. Die Straße wird uns von hier aus 30 Kilometer nach Hattfjelldal bringen. Keine allzu schöne Vorstellung nach so viel flauschigem Fjellboden, aber wir brauchen Essensnachschub.
Direkt nach der Fußgängerbrücke kommt ein komplett neuer Holzunterstand, den wir erstmal für eine ausgiebige Pause in Beschlag nehmen. Wir machen uns einen Cappuccino und Essen Nüsse und Schokolade, mit Blick auf den hellblauen Susna Fluss direkt vor uns, während sich Sonne und Regen abwechseln. Auf der anderen Flussseite fährt währenddessen ein LKW vorbei, auf dessen Plananhänger „Challenge accepted“ steht. Na, wenn das kein Motto für die nächsten Wochen ist.




Da wir gerade so gut im Gehen sind, wollen wir noch ein paar Kilometer machen. Kurz nach unserem Unterstand ist der offizielle Beginn der Nordlandsruta. Dieser werden wir in zwei Tagen tatsächlich folgen, wenn wir nach Tverrelvnes kommen.
Wir finden vollkommen unverhofft einen tollen Zeltplatz direkt am Fluss. Wir sind total dankbar für so viel Glück heute und fallen glücklich und zufrieden ins Zelt. The trail provides.




Tag 78 – 01. August 2026 (24,2 Kilometer)
Es ist für uns kaum zu begreifen, aber jetzt ist tatsächlich August. Der vierte Monatsname, den wir auf unserer Wanderschaft knacken. Fühlt sich fast an, wie ein Adventskalender: Was sich wohl hinter dem August verbirgt?
Es fühlt sich jedenfalls unglaublich lang an und gleichzeitig sind wir etwas wehmütig, dass es – obwohl wir erst die Hälfte geschafft haben – mit schnellen Schritten auf das Ziel zuzugehen scheint. Oder je nachdem, wie schnell unsere Füße mitmachen.
Als wir heute aufstehen, ist das Zelt klatschnass. Es hat zwar wenig geregnet, aber das Kondenswasser und der Morgentau haben ihr bestes gegeben! Na zum Glück geht es heute in eine Unterkunft, in der das Zelt trocknen darf und wir müssen nicht auf die Sonne warten, um das Zelt in einer Pause zu trocknen.




Der Weg, der uns heute bevorsteht, ist von den Eckdaten her relativ einfach. Nur einer Straße folgen bis man nach 24 Kilometern in Hattfjelldal ankommt. Aber trotzdem fällt mir der Weg heute irgendwie schwer und ich habe das Gefühl, es zieht sich einfach ewig. Aber mit dem Wetter haben wir heute fast Glück! Die Sonne lässt sich zwischendurch blicken und erst nachmittags, wenn wir hoffentlich da sind, soll es regnen.
Wir machen uns den Zeit Verbrechen Podcast zum Todesfall am Großglockner im Januar 2025 laut an (sehr empfehlenswert!) und laufen dabei die Kiesstraße entlang. Außer ein paar Schafe, die in voller Panik eine Weile vor uns herlaufen, streift nichts unseren Weg. Außer noch ein paar Hasen, die allesamt noch viel zu klein aussehen, als dass sie schon alleine unterwegs sein dürften. Wir verbringen den restlichen Teil des Weges damit, über den Fall zu diskutieren und immer wieder unser Outfit zu wechseln – mal ist es zu warm für die Regenjacke, dann zu kalt für ohne Jacke, dann doch zu warm in der Windjacke.


Gegen 13 Uhr kommen wir an unserem Ziel an. Wir haben uns etwas beeilt, denn heute ist Samstag und der Supermarkt macht schon etwas früher zu als sonst, und morgen – am Sonntag – hat er zu. Da wir aber keinen ungeplanten Ruhetag hier in Hattfjelldal einlegen wollen, müssen wir auf jeden Fall früh genug in Hattfjelldal angekommen, um noch einzukaufen. Unser Essen ist nämlich nun aufgegessen und die kommenden sechs bis sieben Tage werden wir auf dem Weg nach Umbukta an keiner weiteren Einkaufsmöglichkeit vorbeikommen.
Als wir ankommen, gehen wir an einer älteren Frau vorbei, die in einem Rollator an der Straße sitzt und die Sonne genießt. Sie spricht uns freundlich an: „Isn’t it hot today?“ Naja, heiß würde ich bei 11 Grad nicht unbedingt sagen, aber die gefühlte Temperatur ist ja auch relativ.
Wir beziehen unser Zimmer im Folkethus Hattfjelldal, einem Haus in dem es alles zu geben scheint: Heimatmuseum, Cafeteria, Büroetagen,… Und so liegt unser Zimmer genau neben den Statskog Büroflächen (sozusagen das norwegische Forstamt). Aber da ja Samstag ist, ist hier niemand. Sonst hätten wir kurz Hallo gesagt und uns für die Hütten bedankt, die jetzt in den nächsten Tagen auf unserem Weg liegen.




Die Statskog Hütten sind anders als vom DNT kostenlos und ohne Schlüssel zu öffnen. Sie sind wahrscheinlich auch etwas rudimentärer ausgestattet, und es gibt in ihnen natürlich keine Vorratskammern.
Anschließend gehen wir in das Bistro nebenan, inhalieren Burger und Pizza – und der Fuchs bekommt noch einen mordsmäßigen Milchshake – und machen unseren Einkauf für die nächsten Tage. Himmel, wie sollen wir das alles tragen!? Wir haben keine Ahnung, wie das alles in die Rucksäcke passen soll, aber es wird schon irgendwie klappen.
Den restlichen Abend verbringen wir dann damit, Essen auf unsere Rucksäcke zu verteilen, Wäsche zu waschen, zu duschen und die Füße hochzulegen. Wir sind beide schon aufgeregt, da wir morgen zur Nordlandsruta laufen werden, die uns durch eine bergige Landschaft nach Umbukta bringen wird und für uns einen unglaublichen Meilenstein darstellt.

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