NPL Etappe 9.2: Von Hattfjelldal über Mo I Rana nach Umbukta (53,3 Kilometer)


Manchmal läuft bei Norge på langs alles nach Plan. Und dann fährt man plötzlich Zug, sitzt beim Arzt und stellt die nächste Etappe einmal komplett auf links.

Nach einer ungeplanten Pause in Mo I Rana heißt es für uns aber zum Glück ziemlich schnell: Wir dürfen weiter! Also schnüren wir die Wanderschuhe, planen spontan eine neue Route durchs Okstindan-Gebirge und machen uns wieder auf den Weg Richtung Norden.

Und Norwegen? Zeigt uns zur Begrüßung tatsächlich blauen Himmel und Sonnenschein. Kurz denken wir, jetzt wird alles gut. Wie naiv von uns.

Denn natürlich warten auch diesmal wieder Regen, Wind und die eine oder andere Frage nach dem Sinn des Ganzen auf uns. Dafür gibt es Rentiere, eine überraschend luxuriöse Nothütte, neue Wanderbekanntschaften und am Ende ein gigantisches Versorgungspaket in Umbukta.

Auf geht’s – weiter Richtung Norden!


NPL Statistik

  • Mückenbarometer: 0/10
  • Unterkünfte
    • Zeltübernachtung: 1
    • Hüttenübernachtung: 1
    • Sonstige Unterkünfte: 1
  • Flussüberquerungen: 43 Flüsse und Bäche
  • Tage ohne Regen: 1
  • Müsliriegel:
    • Elster: 3
    • Fuchs: 4
  • Waffeln: 2
  • „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: 1x
  • Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: 0
  • Rentiere/Elche: 30 Rentiere
  • Gelaufene Blasen: 0
  • Anzahl Duschen: 1
  • Ohrwurm der Woche:
    • Elster: Venga Boys – We’re going to Umbukta
    • Fuchs: Arcade Fire – The Lightening

Gesamtkilometer: 1510,5 Kilometer

Tierbeobachtungen (diesmal nicht so viel, aber es waren ja auch nur drei Tage): hauptsächlich Rentiere ♥️


Tag 79 bis 81 – 02. bis 04. August 2026 (Pause)

Manchmal kommt es doch etwas anders, als wir geplant haben. Ich habe gerade das Gefühl, dass sich auf unserer Fernwanderung irgendwie innerhalb von ein paar Minuten oder Stunden viel ändern kann. 

Wir sind eigentlich am Samstagnachmittag noch guter Dinge in Hattfjelldal angekommen. Unsere Gesundheit macht uns aber leider einen Strich durch die Rechnung. Wir haben beide ein paar Beschwerden, die wir schon einige Zeit vor uns herschieben, der Tour zu Liebe. Aber wir müssen uns eingestehen, dass wir mit diesen Themen Zuhause auch zum Arzt gehen würden und wir so gerade doch nicht weitergehen können.

Die Entscheidung, eine kleine Pause einzulegen, ist zwar von einigen Tränen begleitet, aber die Vernunftselster siegt. Sonntagmorgen frühstücken wir also ohne Zeitdruck im Hotelzimmer, statt früh Richtung Tverrelvnes aufzubrechen. Dann verbringe ich eine halbe Ewigkeit am Telefon mit der 116117 (eine Art ärztliche Telefonsprechstunde) und gehe mit einem Arzt unsere Beschwerden durch. Er nimmt sich sehr viel Zeit für uns und empfiehlt uns letztlich, ins Ärztezentrum nach Mo I Rana zu fahren und am nächsten Morgen dort direkt einen Termin zu machen.

Also, heißt es jetzt Planänderung umsetzen. Wir packen und schauen, wie wir aus Hattfjelldal wegkommen. Leider fährt erst gegen 19 Uhr eine Busverbindung, mit der wir in Mosjøen in den Zug nach Mo I Rana umsteigen können. Ist zwar spät, aber besser als nichts. Wir versuchen dann, per Anhalter nach Trofors zu kommen, um einen früheren Zug zu erwischen.

Hier in der Pampa ist aber natürlich gar nichts los. Da winken uns zwei andere Hotelgäste zu, mit denen wir vorher noch in der Gemeinschaftsküche gesprochen hatten, und teilen uns mit, dass sie uns doch mitnehmen könnten. Die beiden Frauen sind Schwestern und besuchen hier die Gegend, in der ihr Vater aufgewachsen ist und hoffen, auf Moltebeeren. Sie müssen zwar nicht nach Trofors, möchten uns aber trotzdem fahren. Über so viel Herzlichkeit freuen wir uns ungemein, ersparen sie uns doch stundenlanges Warten irgendwo im Nirgendwo.

Wir haben eine unglaublich schöne Unterhaltung auf der Autofahrt durch die Berglandschaft, in der es um Wanderschaft, Träume verwirklichen, Leben und Sterben geht. Ich staune immer wieder über welch tiefgründige Themen man mit eigentlich völlig Fremden spricht, wenn man den Raum zulässt und einander offen gegenüber tritt.

Als wir in Trofors ankommen, warten wir im Zughäuschen und kurze Zeit später kommt unser Zug. Es ist ein völlig surreales Gefühl, in einen Zug zu steigen. Ich dachte, das machen wir erst wieder, wenn es vom Nordkap zurückgeht. Der Geruch riecht nach Maschinen, es sind auf einmal unglaublich viele Menschen um uns herum. Das war schon seit Tagen nicht mehr so.

Die Zugfahrt ist schnell hinter uns gebracht. Mit etwas gebrochenem Herzen schauen wir uns die Landschaft um uns herum an, die wir eigentlich gerade zu Fuß erobern würden. Aber Gesundheit muss vorgehen. Als wir in Mo I Rana ankommen, ist es erst Nachmittag, also nutzen wir die Zeit, einen ausgiebigen Spaziergang durch die Stadt und am Ufer des Ranfjorden zu machen und genießen die letzten Sonnenstrahlen, bevor der Regen die Stadt einholt.


Am nächsten Morgen sitzen wir um 8 Uhr Abmarsch bereit auf dem Sofa unserer Unterkunft, um beim Ärztezentrum anzurufen. Ich hänge eine Weile in der Warteschlange, komme aber schließlich durch. Wir kriegen einen Termin direkt innerhalb der nächsten zwei Stunden und machen uns dann auf den Weg. Wir sind keine fünf Minuten im Wartezimmer, dann kommen wir schon dran. Erst ich, dann der Fuchs bei derselben Ärztin. Sie nimmt sich sehr viel Zeit für uns, stellt ihre Diagnose und verschreibt uns jeweils ein Medikament. Und Entwarnung, wir können Weiterlaufen, sollen es aber die Tage gern etwas ruhiger angehen.

Wir kommen beide total erleichtert aus dem Gebäude und freuen uns total, dass wir beide fit genug sind, weitermachen zu können. Wir huschen schnell in die Apotheke und dann laufen wir noch von einem Sportgeschäft ins nächste. Wir finden nicht wirklich das, was wir suchen. Ich wollte gerne eine dünne Weste haben, aber finde nur dicke Teddystoffwesten, die mir viel zu schwer sind. Wir finden allerdings eine handliche, stromgeladene Isomattenpumpe. Die nehmen wir mit, so muss der Fuchs abends nach einem anstrengenden Tag nicht mehr ewig Matten aufblasen, sondern jetzt sind die Matten beide in drei Minuten fertig. Luxus-Wandern eben. Auch wenn der Fuchs etwas Bedenken äußert, dass seine Arbeitskraft auf dem Trail einfach ersetzt wird 😄

Abends treffen wir uns zum Abendessen mit Robert, ebenfalls NPLer, der gerade in Mo I Rana einen Resupply Stopp einlegt. Wir sind total aufgeregt, weil wir ja noch nie einen anderen NPLer getroffen haben! Ich stehe schon seit Monaten mit Robert in Kontakt. Er ist aber von Norden nach Süden unterwegs, also laufen wir quasi seit Wochen aufeinander zu ☺️ Wir verbringen einen total schönen Abend bei Pizza, Salat und Geschichten über unsere bisherigen Erfahrungen auf dem Trail – und ja, es geht neben Routentipps natürlich auch viel um Sumpf und Regen 😄 2026 ist einfach ein hartes Jahr, stellen wir fest.

Norge på langs ist manchmal schon absurd: Wochenlang trifft man kaum jemanden – und dann sitzt man plötzlich mit einem Menschen bei Pizza, den man bisher nur aus dem Handy kannte.


Wir hängen noch einen Tag in Mo I Rana dran, um uns zu sortieren, und zu überlegen, wie wir zurück auf den Trail kommen möchten. Wir entscheiden uns gegen eine Rückfahrt nach Hattfjelldal und buchen stattdessen einen Zug nach Korgen, einem Dorf südlich von Mo I Rana. Von dort wollen wir von Westen her auf das Okstindan Gebirge zulaufen und nördlich entlang über die Kjennsvasshytta Richtung Umbukta laufen. So werden wir ca. drei Tage unterwegs sein mit knapp 55 Kilometern und haben einen etwas ruhigeren Wiedereinstieg. Wir streichen dafür den Ruhetag in Umbukta und werden von dort aus nach einer Nacht wahrscheinlich direkt weiter Richtung Sulitjelma laufen. Mit der neuen Routenplanung fühlen wir uns wohl.

Am Nachmittag treffen wir uns nochmal mit Robert auf einen Kaffee im Kaffen & Kruse. Beim Kaffee bleibt es natürlich nicht. Nach je einem sehr sahnigen Stück Kuchen, gibt es noch je eine Waffel – da man den Belag selber drauf machen darf, übertreiben wir natürlich mit Rømme und Marmelade etwas.

Wir besprechen noch ein paar Routentipps mit Robert und er zeigt uns eine spannende Route von Kilpisjärvi nach Alta, bei der man Kautokeino auslassen kann. Die Route existiert zwar in komoot nicht, aber auf Norgeskart und Ut.no finden wir sie. Dafür bekommt er unsere Børgefjell Karte, die wir jetzt nicht mehr brauchen 😊 Anschließend verabreden wir uns noch für den nächsten Morgen, da Robert auch nach Korgen weiterfahren will, um dort eine Tagestour zu machen. 

Den Abend verbringen wir dann in unserem Studio Hotelzimmer, kochen Abendessen, schauen einen Film und packen unsere Rucksäcke. Die Tage Ruhe haben uns sehr gut getan, wir freuen uns aber auch ungemein darauf, morgen wieder loszuwandern. Angeblich soll morgen auch mal das Wetter etwas netter sein. Wir sind gespannt.


Tag 82 – 05. August 2026 (17,8 Kilometer)

Heute müssen wir wieder früh aufstehen. Ich bin auch schon gegen 5 Uhr wach, und warte bis der Wecker klingelt, bevor ich mich aus dem Bett schäle. Wir machen noch ein gemütliches Frühstück in unserem Zimmer, packen dann alles zusammen und stehen um kurz vor 8 Uhr am Bahnhof. Der Zug ist überpünktlich und Robert trudelt auch gerade noch so ein. Wir fahren gemeinsam bis nach Korgen. Dort trennen sich jetzt erstmal wieder unsere Wege. Robert will einen Berg besteigen, während wir das Tal entlang des Leirelva Flusses nehmen.

Wir haben heute ausnahmsweise richtig schönes Wetter. Die Sonne scheint, der Himmel ist komplett blau. Der Fuchs, Robert und ich sind uns einig: Einen so schönen Tag hatten wir auf dieser Tour noch nicht. Denn auch im Norden ist Robert bisher von schlechtem Wetter begleitet worden, ähnlich wie wir.

Als wir uns verabschieden, machen wir noch schnell ein Selfie.

Dann gehen wir in unterschiedliche Richtungen. Allerdings ist es nur ein Abschied auf kurze Zeit. Denn Robert wird am nächsten Tag auf seine Route wieder einsteigen und uns auf unserer Route nach Umbukta entgegenkommen. Wir sehen uns also nochmal, worauf wir uns sehr freuen!

Trotz des schönen Wetters geht es bei mir heute nur eher schleppend voran. Es ist fast so, als meinte mein Körper hinters Licht geführt worden zu sein: Durch die drei Ruhetage (so viel Pause hatten wir auf dieser Tour noch nie!) hat er wohl geglaubt, das Wandern hätte ein Ende und wollte in den Couchpotato-Modus wechseln. Aber weit gefehlt, es geht direkt wieder los und damit hat er wohl gar nicht gerechnet. Wie auch, wir sind jetzt schon weiter gelaufen als je zuvor in unserem Leben.

Ich schleppe mich also hinter dem Fuchs her, der Rucksack sitzt nicht richtig, die Schultern tun weh, die Berge um uns herum wirken höher, als ich erwartet hatte. Entsprechend unentspannt mache ich also die Kilometer. Nach der ersten Pause geht es zumindest etwas besser. Wenn eine Tüte Bilar nicht hilft, weiß ich auch nicht weiter.

Wir kommen nach 13 Kilometern an einem Bauernhof vorbei und ein älterer Herr spricht uns an. Er ist begeistert, dass wir Norge på langs laufen, kommen doch NPLer hier eher selten vorbei. Diese Straße liegt ja nicht auf der generellen Route. Er will uns noch überreden, eine andere Route zu nehmen, weil sie so schön ist, allerdings kenne ich die Route und weiß, dass sie immens viel mehr Höhenmeter hätte, als unsere jetzige Route. Also danke, aber nein 😄

Grundsätzlich ist die Landschaft, durch die wir heute laufen, unheimlich schön: Die hohen Berge um uns herum, die vielen Wasserfälle, die neben uns herunterfließen, der Sonnenschein, der die feuchten Berge glitzern lässt.

Kurz darauf kommt auch schon der letzte Anstieg und wir verlassen die Straße, um auf einen Wanderweg Richtung Kjennsvasshytta zu laufen. Was uns heute auffällt, sind die verhältnismäßig vielen Autos. Das zeugt von einem beliebten Ausflugsplatz und Wandergebiet, auf die wir zugehen. Von hier aus kann man zur Rabothytta aufsteigen, die am Fuße des Okstindbreen liegt und auf die Gletscherlandschaft schaut.

Hier im vorderen Tal, in das wir nun abbiegen, wollen wir einen Zeltplatz suchen. Wir finden auch relativ schnell einen Platz, der zwar etwas windig ist, aber sehr schön liegt und bauen direkt am Leirelva Fluss unser Zelt auf inmitten der grünen und felsigen Berglandschaft.

Der Wiedereinstieg war heute deutlich holpriger, als ich erwartet hatte. Aber jetzt steht unser Zelt wieder irgendwo zwischen Bergen und Fluss, die Rucksäcke liegen neben uns und irgendwie fühlt sich die Welt schon wieder vertrauter an. Vielleicht braucht der Körper einfach einen Moment, um zu verstehen, dass der Couchpotato-Modus wieder beendet ist.


Tag 83 – 06. August 2026 (24 Kilometer)

Heute Nacht komme ich gar nicht zur Ruhe. Der Fuchs neben mir ist auch immer mal wieder wach: Der starke Wind rüttelt so sehr an unserem Zelt, dass ich kurzzeitig denke, dass wir bald wegfliegen. Da ist es kurz nach 2 Uhr morgens. Irgendwann überkommt mich aber doch die Müdigkeit und gegen 4 Uhr schlafe ich wieder.

Entsprechend müde werde ich heute wach, als der Fuchs mich um 6 Uhr weckt. Der Fuchs ist dafür aber einigermaßen fit! Wir packen unsere sieben Sachen, schlüpfen aus dem Zelt und versuchen es, ohne es dem Wind zu überlassen, irgendwie zu verpacken. Wir wollen heute etwas zeitiger los, damit wir vor dem Regen, der gegen 11 Uhr kommen soll, in der DNT Hütte Kjennsvasshytta zur Mittagspause sind.

Als wir losgehen, geht es mir aber irgendwie nicht gut. Erklären kann ich das nicht. Manchmal hat man einfach einen schlechten Tag. Der Trail macht mir irgendwie ein ungutes Bauchgefühl, das ich mir nicht erklären kann. Wir laufen durch eine wunderschöne, felsige Berglandschaft, die nicht schwierig zu gehen ist.

Trotzdem tue ich mich heute unglaublich schwer mit dem Laufen. Es bessert sich erst, als wir nach zwei Stunden den Aufstieg in etwa geschafft haben und es die nächsten ein bis zwei Stunden runter zur Kjennsvasshytta gehen soll. Und dann kommt uns noch eine vierköpfige Familie entgegen, die unseren Weg einschlagen wollen. Verrückt, Wanderer! Wir tauschen uns kurz zu den jeweiligen Abschnitten, die vor uns liegen, aus, dann geht wieder jeder seiner Wege.

Der Abstieg ist tatsächlich recht einfach, ganz anders als ich erwartet hatte, da er in komoot komplett rot markiert ist, mit 22-40% Steigung. Aber wir kommen gut voran. Vielleicht haben wir aufgrund des Höhenprofils einfach das schlimmste erwartet und so war es dann doch nicht.


Gegen kurz nach 11 Uhr kommen wir in der Hütte an. Sie ist noch belegt von gefühlt 20 Kindern. Ich fühle mich kurz wie in „Kevin allein Zuhause“, als der „Polizist“ versucht, Erwachsene auszumachen.

Sie sind aber gerade am Gehen und so machen wir es uns am Tisch gemütlich mit Polarbrød und Käse in der Pfanne angebrutzelt. Das ist genau das richtige gerade für uns. Als die Großfamilie geht, zieht direkt der nächste Riesentrupp ein: Eine belgische Wandergruppe von 10 Leuten, die aufgrund des schlechten Wetters hier die Nacht verbringen wird. Ich hatte auch kurz damit geliebäugelt, einfach hier zu bleiben, aber mit dem ganzen Trubel hier kommt das für uns beide gerade nicht Frage.



Wir verziehen uns ins Wohnzimmer, machen den Kamin an, und trocknen unsere Socken, während wir einen Cappuccino schlürfen. Der Guide der Gruppe gesellt sich irgendwann zu uns, und erzählt ein wenig zu seinen Touren. Dann bemerkt er meinen Rucksack: „Aaah, I love the gossamer gear backpacks! I currently have a hyperlite, but it’s just not as comfy“. Kann ich nur bestätigen, die gossamer gear Rucksäcke sind einfach toll ♥️ Endlich jemand, mit dem man sich über wirklich wichtige Themen unterhalten kann.

Nach fast zwei Stunden in der Hütte verabschieden wir uns, auch wenn sich jetzt der Regen blicken lässt. Wir wollen noch 14 Kilometer schaffen, bis zur Grasfjellkoia, eine Nothütte zwölf Kilometer vor Umbukta. Wenn wir das schaffen, haben wir es morgen nicht so weit und können einen halben Ruhetag machen. Die Belgier schauen uns mit großen Augen an: Noch vierzehn Kilometer bei dem Wetter? Ne, sie warten lieber, dass der Regen weg ist.

Wenn wir das so machen würden, säßen wir vermutlich noch in Lindesnes…

Die ersten Kilometer um den See herum gehen noch ganz gemütlich, dann kommt der Regen aber mit doch etwas mehr Kraft. Und er hat seinen großen Bruder Starkwind mitgebracht. Die beiden kühlen uns nun trotz Aufstieg ziemlich aus. Ich kann zwischendrin meine Füße gar nicht mehr spüren. Immer wieder denke ich an die Bilder anderer NPLer, die hier bei schönem Sonnenwetter durchlaufen durften und werde etwas wehmütig, während ich mich mit aller Kraft gegen den Wind lehnen muss, um nicht weggeblasen zu werden. Was für eine Naturgewalt Wind ist.



Um uns etwas von unserem nassen Schicksal abzulenken, schickt Norwegen uns dann aber noch ein paar Rentiere vorbei. Das ist aber sehr freundlich! Der Blick zurück auf den Gletscher vom Okstindan können wir aufgrund der schlechten Sicht eher nur erahnen, aber besser als nichts!

Wir merken, dass uns jetzt doch langsam die Energie ausgeht und schleppend legen wir die letzten Meter zur Nothütte zurück. Der Weg ist hier an sich aber ganz toll zu gehen. Der Boden schickt auch schon die ersten Vorboten des Herbstes, denn wir sehen wie sich die Sträucher und Blätter hier langsam gelb und orange färben.

Ein seltsames Gefühl. Wir sind im norwegischen Frühling losgelaufen, haben unterwegs auf den Sommer gewartet und jetzt scheint uns irgendwo hier oben langsam der Herbst entgegenzukommen.

Kaum zu fassen, aber als wir die Hütte erreichen, ist das Wort Nothütte fast zu schade! Und ich hatte schon Angst, dass es wieder wie bei der Båttjønnhytta im Børgefjell ein Reinfall wird. Diese Hütte ist noch nicht sonderlich alt und aus sehr massivem Holz gebaut. Wir nehmen sie direkt dankend in Beschlag und ich versuche, den Ofen anzuheizen. Mit noch ganz frischem Holz, das noch nicht lange zum Trocknen gelagert wurde, nicht so einfach. Also geht der Fuchs nochmal los um Holz zu machen, verletzt sich dabei aber leicht am Finger. Man merkt, dass wir einfach erschöpft vom Tag sind.

Den Ofen bekommen wir aber bald an, das Abendessen ist gekocht und wir liegen auf den einfachen Holzpritschen im Kerzenschein eines Teelichts, das wir hier noch gefunden haben. Ab ins Bett.


Tag 84 – 07. August 2026 (11,5 Kilometer)

Wir schlafen einen Moment länger, da wir heute nur noch 12 Kilometer vor uns haben. Um 7 Uhr klingelt der Wecker und wir sind richtig ausgeschlafen. Wir frühstücken in Ruhe, und packen dann langsam alles zusammen. Wir haben beide nicht wirklich Lust, die Hütte zu verlassen. Denn draußen ist es keine fünf Grad und es regnet. Momentan noch nicht viel, aber das soll noch kommen. Da der Wind gegen Mittag wieder stärker werden soll, wollen wir versuchen, vorher in Umbukta anzukommen.

Als wir uns um halb 9 Uhr endlich auf den Weg machen, sehen wir die Regenfront schon hinter uns. Sie ist uns also dicht auf den Fersen. Die ersten Meter sind schnell gemacht.



Bald laufen wir aber schon auf einen Berg hinauf und dort oben fegt ein unglaublich starker Wind um uns herum. So starken Wind hatten wir auf dieser Reise wirklich noch nie. Wir werden vom Wind nach rechts, nach links und zurückgeworfen. Dabei müssen wir uns unglaublich konzentrieren, um auf diesen nassen, glitschigen Felsen und dann wieder Schlamm nicht auszurutschen. Ich kühle total aus, meine Finger sind ganz rot. Ich will aber nicht stehenbleiben, um die Handschuhe anzuziehen, da das Stehenbleiben nur noch kälter ist. Der Fuchs zwingt mich aber irgendwann und stellt sich vor mich, damit ich sie im Windschatten drüberziehen kann.

Wir huschen über den Berg und wieder einmal stelle ich mir vor, wie es wäre, hier bei Sonnenschein zu laufen. Die Landschaft muss atemberaubend schön sein. Wir hingegen können kaum aufblicken, geschweige denn stehenbleiben. Mittlerweile fällt um uns herum Eisregen herab.

Diese Erkenntnis macht mich heute richtig traurig – auch weil es die nächsten Tage nicht besser werden wird. Ich würde die Landschaft so gerne genießen… irgendwann laufen mir tatsächlich die Tränen über’s Gesicht. Obwohl, es könnte auch Regen sein, wer weiß. Die größte Anstrengung beim Wandern ist hier meistens eine mentale. Auch wenn bei Wind, Kälte und Nässe die körperliche Anstrengung spürbarer wird. Und wenn man dies so selten durch schöne Pausen in traumhaften Landschaften belohnt bekommt, fragt man sich zwangsläufig irgendwann, wofür man das überhaupt macht.

Eine richtige Antwort darauf habe ich heute nicht. Vielleicht muss man die aber auch nicht an jedem einzelnen Tag haben.

Meine Laune bessert sich bis kurz vor Umbukta kaum. Als wir das Dörfchen erblicken, sind wir aber zumindest um die Kurve und aus dem Wind, sodass wir uns nun endlich wieder unterhalten können. Dem Fuchs geht es heute ähnlich wie mir. Wir sind einfach nur dankbar, wenn wir gleich in der Umbukta Fjellstue ankommen, ein kleines Zimmer beziehen, unser Paket 3 entgegennehmen dürfen und etwas Warmes zu essen bekommen.

Als wir ankommen, fällt die Begrüßung allerdings deutlich weniger herzlich aus, als wir es uns nach diesem Tag erhofft hatten. Es gibt nur noch ein Zimmer und das koste 980 Kronen – take it or leave.

Naja, eine Alternative gibt es hier nicht, also nehmen wir das Zimmer natürlich. Auf Nachfrage, dass es doch eigentlich reduzierte Preise für Wanderer gibt (die auch auf der Website zu finden sind), werden wir aber abgewimmelt: Es gibt ein Zimmer und das kostet 980 Kronen. Na gut, es ist mir gerade irgendwie auch egal. Auch wenn die Wirtin vielleicht einfach nur einen schlechten Tag hatte, fühle ich mich hier gerade trotzdem nicht richtig wohl und bin froh, dass wir den Ruhetag hier eh gestrichen hatten. Schade eigentlich, hatten wir doch so viel Schönes über diese Unterkunft gelesen und uns sehr auf den Nachmittag hier gefreut.

Wir beziehen das Zimmer, nehmen eine heiße Dusche und gehen dann ins Café der Fjellstue um ein Karbonadesandwich zu essen, je eine Waffel zu verdrücken und Kaffee zu trinken. Das Essen hier lässt sich auf jeden Fall empfehlen!

In der Stube sind noch zwei andere Pärchen, die auf dem Weg nach Süden sind. Wir tauschen noch ein paar Tipps zum Børgefjell aus und sie geben uns ein paar Einblicke in die kommenden Tage Richtung Sulitjelma: Es wird wohl sumpfig und eiskalt. Schöne Aussicht also! Als sie sagen, dass wir ja fast an unserem finalen Ziel seien, müssen wir aber doch etwas lachen: Laut Plan haben wir schließlich noch knapp 1200 Kilometer vor uns. Aber der Austausch tut uns richtig gut.

Wir nehmen dann unser gigantisches Paket mit auf unser Zimmer und dann beginnt die große Essensverteilungspraxis. Da wir die nächsten neun Tage an keiner Einkaufsmöglichkeit vorbeikommen, müssen wir uns hier wirklich konzentrieren. Ein Fehler heißt schließlich zu viel zu tragen, oder am letzten Tag hungernd zu laufen. Beides keine schöne Vorstellung!

Zusätzlich gibt es wieder neue Wandersocken und ich bekomme ein dickeres Quilt, um meinen Schlafsack etwas aufzupimpen. Dafür bekommt der Fuchs jetzt mein bisheriges, um bei ihm auch etwas mehr Wärme sicherzustellen. Zusätzlich gibt es für mich noch einen warmen Rock und der Fuchs bekommt warme Hosen. Das können wir für die nächste Zeit auf jeden Fall gebrauchen. Wir bekommen hier auch beide neue Schuhe. Die Schuhe des Fuchses haben jetzt über 1.000 Kilometer geschafft, meine ebenso. La Sportiva sind einfach tolle Schuhe!

Das Umpacken dauert sicherlich zwei Stunden. Anschließend haben wir noch ein paar Lebensmittel übrig, die zu viel im Paket waren. Wir hinterlegen etwas für Lars und Leo, die hinter uns sind und hier in ein paar Tagen auf ihrer NPL Reise vorbeikommen werden, und auch für Robert, der ebenfalls in ein paar Tagen hier einen Stopp machen wird. So fühlt sich Hiker Community an ☺️

Als wir irgendwann fertig gepackt haben, liegen zwei der drei Seiten unserer ursprünglichen Routenplanung aussortiert auf dem Tisch. Vor uns liegt nur noch eine: Nord-Norge. Ein ziemlich verrückter Gedanke.

Wir sind inzwischen weiter gelaufen als jemals zuvor, haben weit mehr als 1.000 Kilometer in den Beinen und trotzdem liegen noch ungefähr 1.200 Kilometer zwischen uns und dem Nordkap.

Morgen geht es also wieder los. Mit neuen Schuhen, wärmeren Klamotten, absurd viel Essen und der leisen Hoffnung, dass Norwegen vielleicht irgendwann noch merkt, dass eigentlich Sommer ist. Aber gut. Zur Not können wir inzwischen auch Regen.


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Veröffentlicht von DieWanderElster

Hej, ich bin die WanderElster, Bloggerin aus der Taunusgegend. auf diesem Blog schreibe ich über draußenverbrachte Zeit, wandernd, weiterwandernd, mit Rucksack, ohne Rucksack und ich freu mich, dass ihr dabei seid!

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