Diese Etappe beginnt mit ziemlich schweren Rucksäcken, noch schwereren Gedanken und der Erkenntnis, dass der norwegische Sommer offenbar weiterhin beschlossen hat, uns nicht zu besuchen. Wir stapfen durch Schlamm, frieren in nassen Trailrunnern, bauen nachts unser Zelt mit Trekkingstöcken zur sturmtauglichen Festung um und lernen langsam, dass ein halber Ruhetag manchmal einfach in der nächsten Hütte nachgeholt werden muss.
Aber dann passiert etwas, das sich nach fast 1.600 Kilometern immer noch vollkommen surreal anfühlt: Wir erreichen den Polarkreis. Zu Fuß.
Und irgendwo zwischen Rentierherden, Kaminfeuern, ziemlich vielen Emotionen und einer vollkommen unangemessenen Menge Essen in der Kantine des Arctic Circle Centers wird uns bewusst, wie weit wir inzwischen tatsächlich gekommen sind. Nur dass Norge på langs nicht Norge på langs wäre, wenn nicht ausgerechnet an diesem Meilenstein ein schmerzender Knöchel die nächste Frage aufwerfen würde: Wie geht es von hier aus weiter?
NPL Statistik
- Mückenbarometer: 1/10
- Übernachtungen:
- Zeltübernachtung: 1
- Hüttenübernachtung: 4
- Sonstige Unterkünfte: 0
- Flussüberquerungen: 35
- Tage ohne Regen: 2
- Müsliriegel:
- Elster: 2
- Fuchs: 4
- Waffeln: 2
- „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: 0
- Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: 0
- Rentiere/Elche: ca. 68 Rentiere
- Gelaufene Blasen: 0
- Anzahl Duschen: 0
- Ohrwurm der Woche:
- Elster: Jack Garret – Weathered
- Fuchs: David Bowie – Fascination
Gesamtkilometer: 1593,2 Kilometer
Tierbeobachtungen: richtig viele Rentiere, Lemminge, Moorhühner, Sumpfschnepfen, viele Regenpfeifer, ein Frosch, ein Steinadler
Tag 85 – 08. August 2026 (17,8 Kilometer)
Wir sind gestern noch lange wach gewesen und haben über die Tour gesprochen. Das Wetter macht uns weiterhin zu schaffen, aber auch wenn ich zwischendurch an einen Abbruch der Tour gedacht habe, will ich mir den Traum der Fernwanderung, den ich seit Jahren habe, nicht vom Wetter vermiesen lassen. Und ja, wir hatten die letzten Tage einfach keinen guten Lauf, aber auch Zuhause hat man mal schlechte Tage und das ist in Ordnung. Also laufen wir heute auf jeden Fall weiter Richtung Norden.
Die DNT Hütte Sauvasshytta steht fast seit Beginn meiner NPL Planung auf meiner Wunschliste und ich freue mich schon seit Tagen darauf, hier einen halben Ruhetag einzulegen und dem Regen von der Couch aus zuzuschauen. Sie ist von Umbukta aus nur 12 Kilometer entfernt, wenn auch mit einigen Höhenmetern.
Wir frühstücken unser Müsli, stopfen alles in die Rucksäcke und wundern uns, dass doch alles gut reinpasst, obwohl wir wirklich viel Proviant dabei haben und auch etwas mehr Ausrüstung mit soll. Draußen regnet es leicht, der Himmel ist dunkel und es sind nur 7 Grad. Na, wenn das nicht beste Bedingungen sind!



Wir machen uns auf den Weg, der erstmal gut hoch geht, um uns aus dem Tal wieder ins Gebirge zu leiten. Mit den vollen Rucksäcken und dem sumpfig nassen Weg gar nicht so einfach. Die neuen Schuhe werden auf jeden Fall direkt getauft (also knöcheltief in den Schlamm getaucht)!



Als wir auf dem Plateau ankommen, werfen wir noch einen Blick zurück in das hinter uns liegende Tal, in dem die Wolken tief hängen. Wir schreiten weiter voran. Der Weg ist unglaublich gut markiert, so viel Luxus ist uns bisher fast unbekannt. Ich muss eigentlich gar nicht navigieren, außer ich will sehen wie weit es noch ist.
Wir lassen uns Zeit, der Weg bis zur Sauvasshytta ist heute wie gesagt nicht allzu weit, also müssen wir uns nicht stressen. In der Ferne sehen wir eine kleine Rentierherde durch das felsige Tal laufen. Ansonsten ist es still hier oben – nicht mal der Wind ist gerade bei uns und der Regen hat aufgehört.
Als wir um die Bergkette biegen, kommen wir an ein riesiges Geröllfeld, welches wir jetzt durchlaufen. Es ist eine drückende Stimmung in diesem Tal, aber in der Ferne können wir tatsächlich ein paar Sonnenstrahlen sehen.




Und dann überholt uns eine Joggerin von hinten. Als wir uns kurz austauschen, bemitleidet sie uns für den schlechten Sommer und wünscht uns weiterhin viel Durchhaltevermögen – das wünsche ich uns auch. Sie will heute „nur“ bis zur Sauvasshytta joggen, dort eine Banane essen, und wieder zurückrennen. Ich kann mir gar nicht vorstellen in diesem Terrain zu rennen und schaue ihr ganz ehrfürchtig hinterher, wie sie leichtfüßig vor uns wie eine Berggams von Stein zu Stein springt.






Der Himmel wird nach und nach etwas freundlicher, was bei mir aber die Stimmung blöderweise verschlechtert. Ich habe mich eine halbe Ewigkeit auf die Sauvasshytta gefreut, und jetzt kommt das erste Mal seit Tagen die Sonne raus. Das müssen wir eigentlich zum Wandern nutzen… dieses Wetter in der Hütte zu verbringen wäre einfach Blödsinn. Die nächsten Tage soll es wieder stürmisch werden und sehr viel Regen kommen, was für den morgigen Weg keine gute Kombination ist: Wir müssen nämlich von der Sauvasshytta nochmal 150 Höhenmeter über Geröllfelder aufsteigen und dann durch eine tiefe Felslandschaft absteigen, teilweise soll der Weg auch steil sein. Bei nassen Bedingungen ist das also kein Spaß.
Ich steigere mich in diese Gedanken so hinein, dass ich bei der Ankunft in der Sauvasshytta mental total am Ende bin. Wieso muss der einzige Tag mit Sonne gerade heute sein, wo ich doch so gerne in der Hütte sein wollte. Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass wir einfach so viele Pläne, die wir für diese Reise und Erwartungen an die Wanderung hatten, dieses Jahr nicht einlösen können und der gesamte Frust darüber entlädt sich jetzt erstmal.
Um mich zu beruhigen, machen wir erstmal ein Feuer, essen ein paar Wraps zum Mittag und dann geht es mir langsam wieder besser. Nach einer halben Stunde haben wir die kleine Stube (die übrigens wirklich traumhaft schön ist) von 10 auf 26 Grad aufgewärmt. Der Kamin gibt sein Bestes.





Auch wenn ich den Kamin wirklich nicht verlassen will, entscheiden wir uns dafür, weiterzugehen. Wir müssen dieses selten gute Wetter ausnutzen. Also alles wieder einpacken und weiter geht’s.
Auch wenn ich richtig traurig war, die Sauvasshytta hinter mir zu lassen, bin ich doch froh, den kommenden Weg bei einigermaßen gutem Wetter in Angriff zu nehmen. Die Landschaft um uns herum hat fast etwas von einer Mondlandschaft. Es ist sehr felsig und steinig. Dazu kommt viel Schlamm, es gibt einen steilen Abstieg und das Moos um die Steine herum ist glitschig. Dadurch, dass der Himmel heute einigermaßen freundlich ist, können wir hinter uns sogar noch das Okstindangebirge erkennen.




Dann kommt noch ein großes Schneefeld, das wir umlaufen. Kaum vorzustellen, wie das hier bei strömenden Regen mit starken Windböen zu laufen wäre. Wir gehen hier meist hintereinander her und das einzige Geräusch, das man hören kann, ist das „Patsch Patsch Patsch“ unserer Schuhe im Schlammwasser.
Als wir ca. sieben Kilometer gelaufen sind, stellen wir das Zelt auf, oberhalb des Mjellfjelltjønnan Sees. Es ist mittlerweile 18 Uhr und wir sind beide erschöpft von den schweren Rucksäcken und den zusätzlichen Kilometern, die wir heute morgen noch gar nicht eingeplant hatten.
Als das Zelt steht, kommt der erste Regen. Wir waren also genau rechtzeitig. Später bricht der Himmel aber nochmal etwas auf und wir können im Tal unter uns ein paar Rentiere entdecken.
Vielleicht war ich gar nicht wegen der Sonne an der Sauvasshytta so fertig, sondern weil ich langsam einfach müde davon bin, dass das Wetter seit Wochen mitentscheidet, wie unsere Tage aussehen.



Und dann geht der Fuchs später abends nochmal aus dem Zelt und macht ein paar Bilder von der Abendstimmung hier.


Tag 86 – 09. August 2026 (9,7 Kilometer)
Durch ein lautes „Wuuuschhhh“ werde ich um kurz nach Mitternacht wach. Der Wind ist da und rüttelt stark an unserem Zelt. Blöderweise aber nicht von da, wo wir angenommen hatten, sondern von der Seite. Bei Wind ist es wichtig, das Zelt richtig aufzustellen, damit es mit dem Wind gut umgehen kann. Jetzt drücken die Windböen in die Seite, die den Wind nicht so gut haben kann. Zwischenzeitlich drückt der Wind unser Zelt so sehr, dass ich kurz Angst habe, dass die oberen Zeltstangen brechen könnten. Während ich das Gestänge festhalte, überlegt der Fuchs, was wir machen können und kommt auf die Idee, das obere Gestänge mit seinen Trekkingstöcken zu stabilisieren.
Ich bastel eine Weile daran herum, bis die improvisierte Konstruktion gut hält, und wir beobachten den Wind noch eine Weile, wie er gegen unser Zelt kämpft. Die Konstruktion scheint zu halten. Gegen 1 Uhr schaue ich das letzte Mal auf die Uhr, dann schlafe ich wieder ein.
Ob der Hersteller diese Verwendung der Trekkingstöcke vorgesehen hat, weiß ich nicht. Aber die Konstruktion hält die Nacht über.
Gegen halb 7 Uhr weckt mich der Fuchs. Er ist schon eine Weile wach und konnte nicht mehr schlafen. Der Wind rüttelt immer noch am Zelt, aber wir packen langsam zusammen, machen uns ein Müslifrühstück und dann machen wir uns los. In voller Regenmontur packen wir das Zelt bei starken Windböen ein. Die Regenwolken um uns herum hängen sehr tief und ich bin wieder froh darüber, dass wir nicht in der Sauvasshytta geblieben sind und den steilen Abstieg schon hinter uns haben.
Nach ein paar Metern sind unsere Füße schon wieder nass und tauchen knöcheltief in den Schlamm ein. Mir war vor dieser Reise nie bewusst, wie anstrengend es eigentlich ist, durch Schlamm zu wandern. Wir sind nicht nur sehr viel langsamer unterwegs als ich dachte, weil wir unsere Schritte mit Bedacht wählen, um nicht auszurutschen. Sondern weil wir natürlich trotz der nassen Füße, immer versuchen den Sumpf zu umgehen. Das funktioniert aber nur so semi. Den größten Teil des Tages befinde ich mich knöcheltief im Wasser oder im Schlamm.



Einmal unterschätze ich eine Schlammstelle und sinke knietief ein. Solche Schlammlöcher sind richtig fies, weil man ihnen einerseits die Tiefe nicht ansieht, und sie andererseits das Körperteil, dass sie gefangen nehmen, nicht mehr hergeben wollen. Es kostet mich also einiges an Kraft, mein Bein wieder rauszuziehen.



Auf halber Strecke treffen wir auf ein deutsches Pärchen, welches von Norden aus den E1 bis nach Sizilien in Etappen wandern will. Es ist richtig nett, sich mit den beiden ein paar Minuten über das Wandern zu unterhalten, während der Regen um uns herunterprasselt. Sie klagen auch über das schlechte Wetter, aber versuchen es ebenfalls mit Humor zu nehmen. Bei ihnen scheint das heute zumindest besser zu funktionieren, als noch bei mir.
Danach verbessert sich aber meine Laune etwas. Der Weg geht leicht bergauf, und somit ist der Sumpf auch nicht ganz so vertreten. Zwischendurch kann man auf dem Weg sogar ganz normal gehen.


Wir brauchen für die Strecke von knapp 10 Kilometern mit nur 220 Höhenmetern letztlich vier Stunden. Das kommt mir erstmal sehr lang vor, allerdings ist die Strecke von der Sauvasshytta bis zur Kvitsteindalstunet mit rund sieben Stunden angegeben, was wir damit fast auf die Minute genau geschafft haben. Wir nähern uns also langsam dem verrückten norwegischen Tempo an, welches wir vor einigen Wochen noch mindestens mal 1,5 nehmen mussten!


Als wir an der Kvitsteindalstunet ankommen, bin ich natürlich direkt hin und weg. Die Hütte ist wunderbar gemütlich, und noch ist niemand sonst da. Nachdem ich den Kamin angemacht und der Fuchs Wasser vom Fluss geholt hat, hängen wir erstmal alle unsere klatschnassen Sachen zum Trocknen auf. Es ist wirklich verrückt, wie man innerhalb von vier Stunden so nass werden kann. Ich versuche derweil, keine Pfützen im Wohnbereich zu hinterlassen.




Dann holen wir unser Mittagessen nach und anschließend waschen wir noch den Schlamm aus unseren Socken, und hängen auch sie zum Trocknen hin. Das Zelt hat den gesamten Wohnbereich eingenommen.
Wir holen unseren halben Ruhetag, den wir eigentlich in der Sauvasshytta machen wollten, heute hier nach. Ich merke, dass mir das Ausruhen gut tut und draußen regnet es auch immer noch. Am frühen Abend kommt noch eine Familie mit einem sehr flauschigen Hund zur Hütte. Es ist schön, etwas Gesellschaft zu haben. Sie sind die nächsten Tage auch auf dem selben Weg unterwegs wie wir. Der Hund heißt übersetzt „Sturm“, aber hat witzigerweise Angst vor Wind. Da ist er ja in dem richtigen Land geboren!

Die nächste Hütte, die Virvasshytte, ist 22 Kilometer entfernt. Das wird also eine anstrengende Tour morgen bei den momentanen Bedingungen. Wegen des schlechten Wetters planen wir gerade einfach von Hütte zu Hütte zu laufen, um zumindest abends ins Trockene zu kommen und uns aufzuwärmen. Mal schauen, wie das aufgehen wird.
Tag 87 – 10. August 2026 (21,3 Kilometer)
Wir haben heute beide richtig gut geschlafen. Wir hatten ein Bett oben im Dachgeschoss gebucht. In dem Zimmer sind wir alleine geblieben, also war es schön ruhig. Wir stehen heute gegen halb 7 Uhr auf und räumen erstmal unsere Rucksäcke zusammen. Unsere Klamotten sind zum Trocknen wirklich im gesamten Haus verteilt, also dauert das etwas. Wir machen uns Müsli und die Familie, die gestern noch gekommen ist, sitzt auch schon am Tisch. Sie brauchen aber etwas länger als wir, somit sind wir etwa eine Stunde vor ihnen unterwegs.




Ich richte mich auf einen regnerischen Tag ein, aber zumindest soll der Weg besser zu gehen sein, als der gestrige. Die ersten paar Meter und zwei Flussquerungen sind schnell gemacht und dann geht es stetig bergauf. Der Regen hat uns bisher nicht gefunden, also wechseln wir beide gleich aus der Regenjacke. Der Weg ist bisher gut zu gehen – kaum Sumpf! Es ist eine schöne klare Luft heute morgen und wir können ziemlich weit über die Landschaft sehen.




Als wir den Aufstieg geschafft haben, landen wir in einer felsigen Wiesenlandschaft, die von grauen Bergen eingeschlossen ist. Um uns herum sehen wir immer mal wieder Rentiere, die hinter den Hügeln verschwinden und wieder auftauchen. Ich werde es einfach nicht satt, ihnen zuzuschauen. Momentan sehen wir immer auch noch Kälber, die ihren Müttern hinterherhüpfen. Manchmal sieht es fast aus, als würden sie über den felsigen Boden tänzeln.


Nach über sieben Kilometern kommen wir an der Nothütte an, bei der wir eine erste Pause einlegen. Der Großteil der ersten Höhenmeter ist geschafft und auf einmal kommt sogar die Sonne raus: Unsere Schatten sind wieder da! Diesen Anblick habe ich unglaublich vermisst.

Wir setzen uns vor die Hütte in die Sonne und essen ein paar Snacks, um das Hungergefühl etwas zu besänftigen. Nach einer Viertelstunde verschwindet die Sonne leider wieder hinter Wolken, also setzen wir uns doch in die Hütte. Es ist kalt hier drin, also mache ich Feuer. Der Kamin ist leider in einem echt schlechten Zustand (das Kaminrohr scheint ein Leck zu haben), sodass die Hütte bald von Rauch eingenommen ist. Wir machen alle Fenster auf, trinken noch ein bisschen kaltes Wasser und machen uns dann auf den Weg.
Hier oben auf der Ebene zu laufen ist ein absoluter Traum. Wir sind beide richtig gut drauf, das Wandern macht heute einfach Spaß. Wir sehen zwar immer wieder Regen um uns herum, aber er scheint uns nicht zu entdecken und in andere Richtungen abzudriften. Das freut uns natürlich und wir sind ganz selig von so viel Wetterglück. Es ist zwar weiterhin bewölkt, aber dass der Wind und Regen uns heute in Ruhe lassen, tut unseren Gemütern einfach gut.





Beim Abstieg in das nächste Tal erwarten wir eigentlich, auf Robert zu treffen. Er wollte heute von der Virvasshytta aufbrechen und müsste uns bei seinem Weg nach Süden hier treffen. Uns kommt aber nur ein anderer Wanderer entgegen, der so schnell unterwegs ist, dass er mich fast an die Joggerin von vor ein paar Tagen erinnert.
Kurz bevor wir im Tal ankommen, legen wir noch eine längere Pause ein. Hier oben ist noch ein bisschen Wind und das hält uns die Moskitos vom Leib.






Den restlichen Weg treffen wir niemanden mehr. Das Tal ist schnell durchquert und der nächste Aufstieg auch flott erledigt. Als wir oben ankommen, können wir bald die Hütte sehen. Hinter uns türmt sich eine Regenwolke auf, die aber noch nicht nah genug ist, um uns gefährlich zu werden. Wir queren noch ein paar Rentierherden, dann geht es an den letzten Abstieg. Der ist etwas steiler, als die anderen heute und ich merke, dass das Knie etwas zieht beim Abstieg. Seit ein paar Tagen schon merke ich das Knie immer mal wieder, insbesondere bei Auf- und Abstiegen. Hoffentlich entspannt es sich zeitnah wieder. Auf eine weitere Verletzungspause habe ich ja so gar keine Lust.
Als wir nach 8,5 Stunden an der Hütte ankommen und somit schon wieder in der Zeitangabe des DNT liegen, holt uns doch noch der Regen auf den letzten Metern ein. Aber das kann uns nach einem so schönen Tag die Laune nicht verderben.
Es sind schon drei andere da. Ein Pärchen, das zusammen mit dem Vater der Frau auf der Nordlandsruta unterwegs ist, hat den Wohnraum bereits aufgewärmt. Wir verbringen einen netten Nachmittag mit ihnen, verdrücken ein gigantisches Abendessen und liegen den restlichen Nachmittag vorm Kamin. Wir beziehen das Loft mit fünf Betten, mal schauen ob wir noch Besuch hier bekommen. Die anderen sind alle in regulären Zimmern im Erdgeschoss. Der Hund Sturm schläft draußen und bekommt einen Regenschutz. Witzig ist auch, dass die Virvasshytta eine Dusche hat (zwar wie eine Campingdusche, bei der man das Wasser selbst erwärmen und durchlaufen lassen muss, aber immerhin!). Da uns vor dem Kamin aber schön warm ist, verzichten wir. Ist ja nur noch sieben Tage bis zur nächsten richtigen Dusche 😅.
Nach und nach kommen immer mehr Menschen an. So viele Leute hatten wir seit einer halben Ewigkeit nicht mehr um uns herum. Die Familie von der vorherigen Hütte kommt eine Stunde nach uns an, dann noch ein NPLer, der in die entgegengesetzte Richtung unterwegs ist. Robert treffen wir hier aber nicht. Vielleicht sehen wir ihn ja morgen auf dem Weg.
Es wird noch ein richtig schöner Abend in Gesellschaft um das Feuer herum. Uns wird richtig warm, aber gegen 20 Uhr gehen wir schlafen – wir sind echt immer richtig früh schon müde.


Tag 88 – 11. August 2026 (23,9 Kilometer)
Heute morgen stehen wir wieder um 6:30 Uhr auf. Wir wollen wieder ähnlich loslaufen wie gestern. Der Weg heute soll laut DNT für die knapp 24 Kilometer neun Stunden dauern, also haben wir einiges vor uns und es ist etwas weiter als gestern. Wir machen uns unser Porridge und der NPLer von gestern, Hans, ist auch schon wach. Er will heute die 37 Kilometer bis Umbukta durchlaufen. Sein Ziel ist, Norge på langs in 80 Tagen zu schaffen. Trotz einiger Widrigkeiten, kommt er wohl ganz gut voran. Sein Fokus ist ganz klar auf dem sportlichen Aspekt der Reise, aber er hinterfragt das ständige Pushen des Körpers wohl mittlerweile doch. Vollkommen verrückte Vorstellung für uns, aber hike your own hike ☺️
Beim Frühstück gibt es richtig schönen Gear talk. Laut Hans sei ich die erste weibliche Gear Nerdin, die er trifft. Traurige Vorstellung irgendwie. Da brauchen wir einfach noch ein paar mehr Frauen auf NPL, die ungefragt über Rucksackgewichte, Membranen und Isomatten-R-Werte reden 😄 Es scheint dieses Jahr generell ziemlich Männer dominiert auf dem Trail zu sein.
Um Viertel vor 8 Uhr machen wir uns auf den Weg. Erstmal stehen 400 Höhenmeter auf unserem Programm. Der Himmel ist zugezogen und es sieht eher aus, als würden wir in der Dämmerung laufen.


Nach knapp zwei Stunden haben wir den gesamten Aufstieg geschafft. Wir laufen mittlerweile in einer Nebel-Regen-Wolke. Der Weg ist zwar gut markiert, aber doch ziemlich nass. Meine Füße frieren bei den kalten und nassen Temperaturen. An sich laufe ich gerne in Trailrunners, aber bei dem eiskalten Wasser und dem eisigen Wind spüre ich bald meine Zehen nicht mehr. Die Landschaft, durch die wir laufen, ist aber trotz Nebelschleier wunderschön und irgendwie macht es auch Spaß, hier durch zu laufen.




Als wir oben ankommen, setzen wir uns hinter einen größeren Stein in den Windschatten, um eine kurze Pause zu machen. Wir essen ein paar Nüsse und Schokolade, um Energie nachzuschieben. Ich kühle so sehr aus, dass ich zu meinem Merinowollsweatshirt noch den Wollpullover drüberziehe und die Regenjacke brauche, um nicht total auszukühlen. Mir ist wirklich kalt. Ich ziehe mir ein zweites Paar Socken drüber, in der Hoffnung die Füße vor Kälte zu schützen.
Als wir vom Berg herunterkommen, wird es auch etwas wärmer und der Wind wird weniger. Aber trotzdem ist das Wetter immer noch kalt und nass. Das Wandern ist so keine wirkliche Freude, aber zumindest kommen wir aus dem Nebel heraus. Und können auf einmal unser Tagesziel in der Ferne erkennen: Plötzlich wird mir bewusst, dass da hinten der Polarkreis liegen muss. Wir bleiben eine Weile wie angewurzelt stehen und starren in die Ferne. Dass wir es bis hierhin geschafft haben, kommt uns vollkommen surreal vor.



Der Polarkreis bezeichnet die Linie, auf der die Sonne an den beiden Tagen der Sonnenwende gerade nicht mehr auf- bzw. untergeht. Der Polarkreis verschiebt sich zwar ständig, aber wir werden morgen am Polarkreis Center vorbeikommen und dort in der Kantine mit richtig viel Essen diesen Meilenstein feiern und freuen uns immens darauf!
Die Kantine ist auch etwas besonderes für uns, weil es die einzige Einkehrmöglichkeit auf unserem Weg nach Sulitjelma ist.
Nach einem kurzen Abstieg zu einer neuen Brücke, die über den Randalselva Fluss führt und viel wackliger ist, als sie aussieht, müssen wir nochmal ein paar Höhenmeter aufsteigen. Genau jetzt kommt kurz die Sonne raus und heizt uns richtig ein. Toll, dass sie das genau jetzt beim Aufstieg schafft 😅


Nach 10 Minuten sind wir auf einmal wieder auf einer Forststraße. Dass wir einen so festen Boden unter den Füßen haben, ist schon einige Tage her! Und jetzt ist die Sonne auch wieder weg, und der Wind wieder da, sodass es wieder eiskalt hier oben ist.


Die nächsten fünf Kilometer vergehen wie im Flug, dann biegt unser Wanderweg wieder ab auf die Hochebene. Wir laufen an ein paar Rentieren vorbei und haben dann einen völlig unerwartet steilen Abstieg vor uns, der in komoot grün markiert ist (also quasi keine Steigung haben sollte), aber mit sicherlich 45% runtergeht.
Dann geht es noch flott über eine ebenso wacklige Brücke über den Gubbeltåga Fluss und wir sind auch schon an unserem Ziel angekommen: Der DNT Hütte Bolnastua. Zum Glück sind wir da. Dem Fuchs tun die Füße weh, mir die Knie.
In der Tür steht direkt Andi, ein Australier, der NPL von Norden nach Süden läuft. Er freut sich total über unsere Gesellschaft, da er schon seit Tagen niemanden getroffen hat und momentan auch ein leichtes Tief hat. Es sind also nicht nur wir.
Wir verbringen einen unglaublich gesprächigen und lustigen Abend zusammen, tauschen uns über den Trail aus und darüber, was das Wandern mit uns so macht. Es ist richtig spannend, verschiedene Perspektiven auf diese Wanderung zu bekommen, Erfahrungen auszutauschen und zu merken, dass auch wenn jeder seine eigene Reise hat, alle im selben Boot sitzen und die momentane Lebenssituation des anderen direkt verstehen kann. Es ist schön, sich verstanden zu fühlen. Mit dem Gefühl gehen wir zu Bett.


Tag 89 – 12. August 2026 (10 Kilometer)
Heute morgen wachen wir beide früh auf, gegen kurz nach 6 Uhr sind wir vor dem Wecker wach. Dabei brauchen wir uns heute Früh gar nicht stressen: Bis zum Polarsirkelsenteret sind es nur knapp 10 Kilometer und die Kantine macht dort erst um 11 Uhr auf. Es reicht also aus, wenn wir uns gegen kurz vor 9 Uhr auf den Weg machen. Da wir beide etwas aufgeregt sind, können wir aber nicht weiter im Bett liegen, also stehen wir auf und machen uns Frühstück. Anschließend holen wir mit den ganzen Nachrichten auf, da wir die letzten Tage kein Netz hatten.
Leider tut des Fuchses Knöchel heute etwas weh. Das irritiert uns total, da es seit Rjukan eigentlich in Ordnung war. Er trägt seit der Pause, die wir zu Beginn einlegen mussten , als er mit dem Fuß umgeknickt ist, eine Knöchelbandage. Mit der konnte er aber bisher eigentlich schmerzfrei laufen. Wir machen uns aber nach dem gemütlichen Morgen trotzdem zu Fuß auf den Weg. Für Andi, der noch schläft, lassen wir eine kleine Notiz zum Abschied da.


Nach ca. fünf Kilometern kommen wir an einem Trucker-Rastplatz mit Toilettenhäuschen vorbei, das wir nutzen, um eine kurze Pause zu machen. Den Fuchs nimmt der Schmerz im Knöchel emotional so sehr mit, dass die Tränen laufen. Und es macht uns irgendwie Angst, nicht Weiterlaufen zu können – an so vielen Emotionen merken wir mal wieder, wie wichtig uns diese Wanderung und das Weiterkommen ist. Denn nach fast 1600 Kilometern fühlt sich die Vorstellung, plötzlich nicht mehr weitermachen zu können, erschreckend an.
Gleichzeitig sind wir aufgrund des Polarkreises, den wir gleich überschreiten, auch einfach emotional total aufgewühlt und können es gar nicht fassen, wie weit wir mittlerweile gekommen sind.
Nach einer etwas längeren Pause, in der wir uns wieder fangen, laufen wir weiter. Es ist heute ein sehr entspannter Weg, da wir direkt an der E6 laufen und somit wenig Höhenmeter oder unebene Böden ausgleichen müssen. Ganz anders als unsere Erfahrung von der E6 zwischen Snåsa und Grong vor ein paar Wochen, ist hier unglaublich wenig los und der Seitenstreifen sehr breit. Fast ein Fußgängerweg nur für uns! Die Fußspuren im Kies verraten uns aber, dass wir nicht die einzigen sind, die diese Route gewählt haben.
Mit ABBA im Ohr machen wir die nächsten vier Kilometer und sind emotional irgendwo zwischen aufgewühlt, Tränen vor Freude, Angst vor einem Abbruch und Seligkeit, durch diese atemberaubende Landschaft laufen zu dürfen. Als würde Norwegen uns jetzt zeigen wollen, was „Polar“ bedeutet, zieht ein eiskalter Wind um uns herum, während sich aber doch immer wieder die Sonne durch die tiefhängenden Wolken kämpft.


Und dann kommt das erste Schild: Arctic Circle 1 Kilometer. Und dann sind es noch 500 Meter. Ich weiß nicht, worüber ich mich mehr freue: Den Polarkreis zu überschreiten oder das Essen bei der Kantine? Hiker hunger is real.
Auf dieser Etappe sind wir schließlich neun Tage ohne Einkaufsmöglichkeit unterwegs. Sprich, wir haben Müsli zum Frühstück dabei, gefriertgetrocknete Abendessen und für zwischendurch getrocknetes Obst, Nüsse, Müsliriegel und Schokolade. Alles mal nett für ein paar Tage, aber bei neun Tagen am Stück ist das jetzt nicht so spannend.
Auf einmal taucht das Arctic Circle Center vor uns auf, mit seinem Monument direkt daneben. Wir laufen darauf zu, vor uns ist eine Familie am Fotos machen. Wir warten kurz, damit wir das Monument für uns haben. Als wir davorstehen, kommen uns beiden wieder die Tränen und wir schießen ein paar Fotos. Kaum zu glauben, dass wir bis hierher gelaufen sind. Fast 1600 Kilometer haben wir zu Fuß bis hierher zurückgelegt.





Nach ein paar Minuten am Monument betreten wir das Center und gehen in die Kantine. Endlich Essen! Der Fuchs setzt sich an einen freien Platz und ich gehe an die Theke: Ich bestelle ein Räucherlachs-Sandwich, ein Rentier Panini, zwei Waffeln, eine Erdbeermilch und eine Schokomilch. Bei der Waffel darf ich Rømme und Marmelade selbst draufpacken. „That’s risky!“, sage ich zu der Bedienung, die lachen muss. Ich lade einen riesigen Berg Rømme und Marmelade auf die beiden Waffeln, dass es eher Rømme und Marmelade mit Waffel ist, statt andersrum.
Wir verputzen alles und bestellen uns dann noch eine große Portion Pommes, die wir teilen. Anschließend gibt es noch ein Marzipantörtchen und Kaffee. Man gönnt sich ja sonst nichts.



Auch wenn wir in Feierlaune sind, macht uns der Fuß vom Fuchs doch Sorgen. Eigentlich wären es noch zwanzig Kilometer heute bis zu unserer gebuchten Unterkunft, der DNT Hütte Lønsstua. Das wollen wir mit dem Fuß heute nicht riskieren, also entscheiden wir, den restlichen Weg zu Trampen. Das sollte hier an diesem viel befahrenen Ort ja nicht so schwierig sein.
Als wir auf dem Parkplatz stehen merken wir allerdings, dass das doch etwas schwieriger werden könnte: Die Touristen hier haben so vollbeladene Autos, dass nicht mal nur eine Person von uns noch mit reinpassen würde. Wie viel Krams kann man denn zu zweit mit in den Urlaub nehmen? Wir sind ganz irritiert davon, haben wir doch selber beide nur einen kleinen Rucksack dabei, der seit drei Monaten alles beinhaltet, was wir zum Überleben brauchen.
Nach fast zwei Stunden, als wir eigentlich schon aufgeben und doch den Fußmarsch antreten wollten, erbarmt sich aber eine Schweizerin, die mit ihrem Camper und ihrer Hündin unterwegs nach Tromsø ist. Sie nimmt uns gerne mit und fährt uns fast bis vor die Haustür. Eine sehr nette Bekanntschaft und wir – insbesondere des Fuchses Fuß – sind ihr immens dankbar.
Wir beziehen ein Bett in der Hütte, legen die Füße hoch und versuchen, diesen emotional recht aufwühlenden Tag für uns mit viel Tee zu verarbeiten.
Der Polarkreis liegt nun hinter uns, Sulitjelma aber noch vor uns. Und plötzlich hängen die nächsten Tage wieder mehr vom Knöchel ab, als vom Wetter. Wir werden sehen, was der nächste Morgen bringt.
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