NPL Etappe 10.2: Von Umbukta über den Polarkreis nach Sulitjelma (87 Kilometer)


Ein schmerzender Knöchel, ein verschnupfter Fuchs und eine Elster, die irgendwann nur noch an Essen denken kann – beste Voraussetzungen also für die nächsten Tage auf Norge på langs.

Vom Polarkreis aus geht es für uns weiter Richtung Sulitjelma. Durch wunderschöne Täler, über nasse Hochebenen, durch erstaunlich viele Flüsse und von DNT-Hütte zu DNT-Hütte. Und während wir gesundheitlich ein bisschen improvisieren müssen, zeigt sich einmal mehr: Nach über 90 Tagen auf dem Trail ist irgendwie alles gleichzeitig ziemlich absurd und erstaunlich normal geworden.

Nasse Füße? Kennen wir. Sumpf? Natürlich. Pläne ändern? Machen wir inzwischen vor dem Frühstück. Nur gegen diesen inzwischen vollkommen unverschämten Dauerhunger hilft leider keine Fernwanderungsroutine.

Und so entwickelt sich auf den letzten Kilometern ein Ziel, das beinahe größere Gefühle auslöst als der Polarkreis: Der Coop-Supermarkt in Sulitjelma.


NPL Statistik

  • Mückenbarometer: 2/10
  • Übernachtungen:
    • Zeltübernachtung: 1
    • Hüttenübernachtung: 3
    • Sonstige Unterkünfte: 1
  • Flussüberquerungen: 24
  • Tage ohne Regen: 1
  • Müsliriegel:
    • Elster: 4
    • Fuchs: 6
  • Waffeln: keine 🙁
  • „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: einmal
  • Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: keine
  • Rentiere/Elche: 9 Rentiere
  • Gelaufene Blasen: 1
  • Anzahl Duschen: 2
  • Ohrwurm der Woche:
    • Elster: ABBA – Dancing Queen
    • Fuchs: Fleetwood Mac – Seven Wonders
  • Baden in See oder Fluss (diese Kategorie haben wir seit Beginn in unserer Statistik, aber haben es wegen der Kälte noch nie geschafft, nun ist es aber soweit – die Elster wollte den Strich!): EINMAL

Gesamtkilometer: 1680,2 Kilometer

Tierbeobachtungen: sehr viele Vögel (vor allem Enten, Möwen und Moorhühner), viele Frösche, einen Molch, eine Maus und Rentiere


Tag 90 – 13. August 2026 (17,5 Kilometer)

Heute morgen wachen wir wieder gegen halb 7 Uhr auf. Der Schmerz im Knöchel ist besser geworden und so entscheiden wir uns nach einigem Hin und Her heute doch weiterzulaufen, aber mit einer kürzeren Strecke. Eigentlich wäre es heute bis zur DNT Hütte Trygvebu gegangen, aber das ist uns als Ziel mit den Fußproblemen zu weit. Wir setzen uns erstmal das Zwischenziel Junkerdalen, das ca. 11 Kilometer entfernt ist. Falls der Fuß gut mit machen sollte, würden wir spontan noch die sechs Kilometer bis zur Graddis Fjellstue weiterlaufen. Vor dieser warnen uns zwar alle, weil der Besitzer so unglaublich unfreundlich sein soll, aber wir schauen mal.

Wir machen uns noch ein gemütliches Frühstück und schnacken mit den anderen Gästen, die auch alle in Aufbruch sind. Gegen halb 9 Uhr machen wir uns aber auf den Weg. Es fällt mir heute schwer, die gemütliche Hütte hinter mir zu lassen.

Zuerst überqueren wir die E6, dann geht es auf den Wanderweg. Und der ist heute richtig Premium! Breit ausgetretener, waldiger Boden. Es ist trocken und zwischendurch felsig. Der Weg ist gesäumt von pinkem und violettem Heidekraut, welches ich besonders gerne mag.

Der Weg ist zwar gut zu gehen, aber wir sind heute einfach etwas langsamer unterwegs, schauen uns die Landschaft an und sind glücklich, dass es nicht regnet. Und natürlich geht der Fuchs einfach auch vorsichtiger als sonst. Als wir am Vestre Viskisvatnet See vorbeikommen, machen wir eine erste Pause.

Der Weg geht heute viel hoch und runter, bis wir irgendwann den höchsten Punkt erreichen und nun sanft durch  ein Kiefernwäldchen hinab ins Tal steigen. Der Weg ist einfach unglaublich schön zu gehen.

Als wir unten am Junkerdalen Turistsenter ankommen, liegt dieses in Ruinen. Das hatten wir online schon gelesen, der Anblick ist trotzdem merkwürdig. Insbesondere da hinter der Ruine eine ganz normale Dauercampingwohnsiedlung liegt mit Ferienhäuschen. Wir machen es uns auf den heruntergekommenen Stufen des Centers mit unserer Isomatte gemütlich für eine längere Mittagspause. Ich ziehe nochmal eine Schicht drüber: Es ist wirklich kühl heute. Umso dankbarer bin ich, dass es nicht regnet.

Wir snacken Nüsse, Schokolade und Kekse und schauen den Autos zu, wie sie an uns vorbeifahren. Einige scheinen auf der Suche nach der Rezeption zu sein und gucken sehr verwirrt umher, bis sie merken, dass es das Turistsenter nicht mehr zu geben scheint. Aufgrund der Nähe zur schwedischen Grenze sind hier auch sehr viele schwedische Kennzeichen unterwegs.

Der Fuß hat bisher gut mitgemacht, also wagen wir den weiteren Weg bis zur Graddis Fjellstue. Etwas gespannt, wie unfreundlich die Besitzer dort nun wirklich sind, bin ich ja doch. Oder ob sie uns einfach wegschicken (sei wohl auch schon wem passiert). Wir laufen entlang der Straße, die viel mehr befahren wird, als wir erwartet haben, und rattern die letzten Kilometer runter. Zwei Kilometer vor der Fjellstue, biegt ein Kiesweg rechts ab, dem wir folgen. Die Gegend hier sieht einfach hübsch aus und ich freue mich schon total auf die nächsten Tage bis nach Sulitjelma. Als wir auf den Campingplatz kommen, sieht dieser tatsächlich wenig einladend aus. Es gibt ein paar Dauercamper, die etwas verwahrlost auf der Rasenfläche herumstehen und ein paar Häuser, die rot gestrichen sind. Es sieht alles etwas in die Jahre gekommen aus.

Da ich aber weiß, dass es hier Duschen gibt, gehe ich mutig zur Haustür und bestätige die Klingel. Nach einem kurzen Moment öffnet ein Mann die Tür, der optisch ziemlich gut zu seinem etwas in die Jahre gekommenen Campingplatz passt. Zu meiner Überraschung lächelt er aber. Als wir nach einem Platz für unser Zelt fragen, weist er uns einen Platz auf der Rasenfläche zu und bestätigt nochmal, dass die Duschen im Preis von 220 Kronen enthalten sind. Als ich lachend sage, dass unsere letzte Dusche in Umbukta gewesen sei, muss er auch lachen und wünscht uns viel Spaß mit der Dusche. Das war doch entspannt!

Wir bauen unser Zelt auf und direkt als wir fertig sind, fängt es draußen an zu tröpfeln. Wir haben es noch genau rechtzeitig geschafft! Anschließend gehe ich zu den Duschen und freue mich, dass es richtig schön warmes Wasser gibt. Eine absolute Wohltat für die Haut, endlich den Schweiß und Dreck der letzten Tage abzuwaschen. Danach ist der Fuchs dran und wir verbringen den restlichen Nachmittag im Zelt. Es ist zwar nicht sonderlich warm, aber die Schlafsäcke helfen uns nicht auszukühlen. Der Fuß liegt entspannt auf der Isomatte und wir hoffen, dass wir morgen normal weiterlaufen können.


Tag 91 – 14. August 2026 (20 Kilometer)

Als wir heute morgen wach werden, klatschen dicke Regentropfen auf das Zeltdach. Das macht zwar nicht direkt Lust auf Wandern, aber man muss ja nicht immer Lust haben. Manchmal müssen wir auch einfach nur vorankommen.

Ich gehe in Schlafanzug mit Regenjacke erstmal zum Toilettenhäuschen und mache eine kurze Katzenwäsche und putze Zähne. Danach ist der Fuchs dran, während ich das Frühstück mache. Wir essen unser Müsli und trinken Tee in Zelt, einen Aufenthaltsraum hat der Campingplatz leider nicht.

Gegen kurz vor 8 Uhr machen wir uns auf den Weg. Zuerst geht es durch Wald und über zwei Brücken zurück zum Graddisveien, also zur Straße. Auf dieser biegen wir nach rechts ab Richtung Schweden. Wir skippen hier den Wanderweg und machen einen kleinen Umweg über die Straße, weil wir gehört haben, dass der Wanderweg so steil ist, dass man teils auf allen Vieren hochklettern muss. Mit schwerem Wanderrucksack nein danke.

Der Fuchs hat nicht so gut geschlafen und so schleppt er sich heute mit etwas Abstand hinter mir her. Ich hingegen habe das Gefühl, heute bis nach Sulitjelma durchlaufen zu können. Aber so weit wollen wir dann heute doch nicht.

Wir biegen nach drei Kilometern auf den Skaitiveien ab und sind jetzt auf Kiesstraße unterwegs, etwas angenehmer zu laufen und kein Verkehr mehr. Der Regen hat sich verzogen und zwischen den dicken Wolken kommt zwischendurch sogar Mal ein bisschen Sonne durch. Es ist richtig dampfig heute. Alles Wasser, das gestern heruntergekommen ist, möchte heute wieder zurück nach oben wandern und sich auf halbem Wege auf meiner Brille absetzen für eine Pause. Entsprechend sehe ich die Hälfte des Weges nicht so viel. Mit ABBA auf den Ohren – wirklich motivierender Wandersound – bin ich also halbblind und auch taub. Zum Glück fährt hier wirklich nichts an uns vorbei.

Nach knapp drei Stunden haben wir die 12 Kilometer zur DNT Hütte Trygvebu geschafft. Bis hierher wollten wir schauen, wie es dem Fuß geht. Entweder machen wir hier heute Schluss, oder nur eine lange Pause und gehen bis zur nächsten Hütte. Da der Fuß bisher gut mitmacht, ist die Entscheidung gefallen: Wir laufen heute noch bis zur DNT Hütte Argaladhytte acht Kilometer entfernt. Aber jetzt wird erstmal ausgiebig Pause gemacht.

An der Hütte ist viel los. Zwei Ehrenamtliche vom DNT sind da und machen Renovierungsarbeiten an der Hütte. Also ist es hier etwas lauter, als wir gehofft hatten, aber richtig stören tut es uns auch nicht. Wir machen es uns im Wohnbereich gemütlich, bezahlen den Day Stay per App und knabbern unser Mittagessen.

Es ist noch ein weiterer NPLer da, der heute hier übernachtet hat. Wir tauschen uns ein wenig mit ihm aus. Er erzählt, dass er eigentlich nie vor 11 Uhr startet. Er kommt morgens einfach schlecht los und zum Glück ist es ja lange genug hell, dass er sich das momentan gut erlauben kann bis in den Abend zu laufen. Spannend, wie jeder so seinen eigenen Rhythmus findet. Aber für uns wäre das nichts. Wir haben gerne nachmittags unser Tagesziel erreicht und falls wir dann doch noch etwas weiter gehen wollen, hätten wir die Zeit dafür.

Aber demnächst wird es so oder so kürzere Tage geben. Wir sind mittlerweile schon weit im Norden und die Tage werden jetzt schneller kürzer, als das im Süden der Fall ist.

Einer vom DNT warnt uns noch vor Bären in der Gegend. Vor Kurzem habe einer Schafe im Tal gerissen uns sei hier in der Gegend beobachtet worden. Mh, auf Bärenbegegnungen haben wir wirklich gar keine Lust, aber wir sollten einfach laut sein, dann würden wir ihm schon nicht begegnen.

Es gibt zwar Bären in Norwegen, allerdings sehr wenig an der Zahl. Auf die gigantische Fläche sind es keine 200 Exemplare. Immer wenn ich Norweger*innen frage, ob sie schon mal einen gesehen haben, wird lachend abgewunken. Die Bären seien viel zu scheu. Um eine Begegnung zu verhindern, muss man also Krach machen, dann sollte es sicher sein.

Nach über eineinhalb Stunden in der Hütte und nach einem Mittagsschlaf für mich, geht es weiter. Wir machen auf dem Weg durch das Tal schön Krach. Ich rufe immer wieder „Hei Bär!“ und hoffe, keine Antwort zu bekommen. Wir haben Glück und begegnen nichts und niemandem. Stattdessen laufen wir durch ein unglaublich schönes Tal, entlang an dem kristallklaren Skaitielva Fluss und kämpfen uns durch das hohe Gestrüpp. Das scheint des Fuchses Nase nicht so zu begeistern. In einer Tour niest es jetzt hinter mir. Um uns herum ist außerdem ein richtiges Pilzeldorado – überall wachsen sie tellergroß um uns herum und dem Fuchs juckt es in den Fingern.

Der Weg ist allerdings trotzdem wirklich gut zu gehen – da kennen wir ja schon ganz andere Wege. Gegen kurz vor Schluss holt uns doch der Regen ein. Wir werden etwas nass, kommen dann aber doch an die DNT Hütte Argaladhytte. Hier ist es richtig urig gemütlich.

Wir beschließen hier zu bleiben. Es ist mit dem Fuß heute gut gegangen und wir wollen unser Glück nicht überstrapazieren. Wir beziehen die kleinere Hütte, die keine zehn Quadratmeter groß ist, aber theoretisch Platz für vier Personen hätte. Hier ist aber sonst niemand und so breiten wir uns aus (zumindest soweit das auf dem begrenzten Platz geht). Das Zelt wird zum Trocknen aufgehängt, Tee gekocht, der Kamin angefeuert. Und ich zähle meine Snacks um herauszufinden, was ich heute noch essen darf. Seit dieser Etappe habe ich echt ständig Hunger. Ich könnte alle meine Snacks auf einmal essen, aber wir haben noch mindestens zwei Tage bis Sulitjelma vor uns. Also müssen wir haushalten. Es gibt ein paar Nüsse, einen Milchreis und einen Schokoriegel. Dann machen wir uns Abendessen. Danach geht es einigermaßen, das muss jetzt bis morgen früh reichen.

Und weil es hier so wunderbar warm in der Hütte ist, gehe ich sogar noch im Fluss baden. Okay, ich war bis zu den Oberschenkeln drin, der Rest wird nur nassgespritzt. Aber immerhin! Das soll mir bei gefühlten 5 Grad Außentemperatur und gefühltem 1 Grad Wassertemperatur erstmal wer nachmachen.

Danach kugeln wir uns in der Hütte ein, hören Kevin Morby und schauen uns an, wie die Wolken zwischen den Bergen langsam vorbeiziehen.


Tag 92 – 15. August 2026 (ca. 11 Kilometer)

Die Nacht war es in der Hütte ziemlich warm. Weil es nur ein Raum ist, heizt man hier mit dem Kamin auch direkt den Schlafbereich mit und so ist es um die 35 Grad, als wir uns eigentlich schlafen legen wollen. Wir machen also nochmal alle Fenster auf, damit etwas frische Luft reinkommt. Jetzt können wir uns richtig gut vorstellen, wie es den Menschen in Mitteleuropa gerade geht. Den Abend über hat der Fuchs leider noch mit einer nervig laufenden Nase zu kämpfen. Hoffentlich wird er jetzt nicht krank.

Als wir morgens wach werden, ist der Himmel vor lauter Wolken nicht zu sehen. Tiefe Nebelschwaden ziehen sich durch das Tal an uns vorbei und ein leichter Nieselregen tröpfelt auf das Hüttendach. Der Fuchs scheint leider keinen Heuschnupfen zu haben, sondern eher einen ziemlichen Schnupfen. Schade, der Fuß hatte so gut mitgemacht, dass ich heute eigentlich gerne bis zur DNT Hütte Coarvihytta gelaufen wäre. Dann wären wir nämlich morgen in Sulitjelma und das hieße auch morgen endlich wieder frisches Essen. Aber das ist ein neun Stunden Marsch von hier, also etwas zu ambitioniert, wenn ich mir den Fuchs so anschaue.

Wir entscheiden, heute nur bis zur DNT Hütte Balvasshytte zu laufen, die in etwa drei Stunden von hier am Balvatnet See auf unserem Weg liegt. Die knapp zehn Kilometer traut sich der Fuchs heute trotz Abgeschlagenheit zu.

Wir machen uns einen Berg Müsli zum Frühstück, räumen die Hütte auf und machen uns gegen kurz vor 8 Uhr auf den Weg. Zuerst geht es nochmal durch ein lichtes Birkenwäldchen, und dann sind wir schon wieder auf einer Hochebene. Der Weg ist allerdings nicht mehr ganz so, wie meine GPS Daten es uns vorgeben. Der Weg scheint irgendwie nach rechts hoch verlegt worden zu sein. Wir machen also ein paar mehr Höhenmeter, dafür sind aber alle größeren Flüsse mit Brücken zu überqueren. Eigentlich hatte ich mich heute auf ein paar schwierigere Flussquerungen eingestellt, aber die gibt es hier nicht mehr.

Aber nicht, dass ihr jetzt denkt, wir hätten trockenen Fußes unser Tagesziel erreicht. Natürlich sind unsere Füße nach ein paar Metern schon nass, da das Gestrüpp vom Regen klatschnass ist. Und ein paar weniger wilde Flussarme müssen wir trotzdem furten und stehen dabei fast oberschenkeltief im Nass. Aber ich finde immer, wenn man weiß, dass man demnächst in eine Hütte kommt, und dort den Kamin anfeuern kann, sind nasse Füße echt das geringste Übel auf einer Wanderung dieser Länge. Beim Wandern sind sie, wenn der Wind nicht zusätzlich eiskalt um uns herum pfeift, auch meist warm.

Als wir gerade durch einen Rentierzaun klettern wollen, sehen wir zwei Wanderer. Wie spannend, eigentlich sehen wir ja nie jemanden unterwegs! Man merkt schon, dass wir jetzt auf einem Fernwanderweg, der Nordlandsruta, unterwegs sind. Im Vergleich zum Süden, wo wir auf „kleinen“ Wanderwegen unterwegs waren, ist hier ja richtig viel los. Die Beiden kommen aus Schweden und sind eine Weile auf der Nordlandsruta unterwegs, allerdings schon in Abisko gestartet. Sie schwärmen uns von den plankenbelegten Wanderwegen vor, auf denen man so schnell Meter macht, dass man es kaum verarbeiten kann. Ich kann mir das ja gar nicht vorstellen nach dem ganzen Sumpf die letzten Tage (oder Wochen?). Wir sind jedenfalls sehr gespannt! Kurz darauf kommt uns noch ein Wanderer entgegen, der ebenfalls ein paar Tage auf der Nordlandsruta unterwegs ist und einfach den ganzen August wandern wird. Wie schön! Das machen wir auch ☺️

Nach ca. zwei Stunden können wir den See erblicken. Auch wenn es weiterhin wolkenverhangen ist, hat zumindest der Regen aufgehört und die Sicht ist besser.

Aber wir brauchen noch etwas mehr als eine Stunde bis zur Hütte. Sie liegt etwas abseits vom Weg und fordert uns auf dem letzten Kilometer nochmal richtig. Die Hütte liegt dann aber sehr nett oberhalb vom See und ist auch noch recht neu. Momentan ist hier niemand, aber es ist ja auch erst kurz nach 11 Uhr.

Der Fuchs verzieht sich direkt ins Bett und kuriert sich mit Tee und Schlaf aus. Ich hoffe, dass wir morgen direkt weiter können. Ich kann gefühlt nur ans Essen denken und freue mich so sehr auf einen Supermarkt, in dem wir uns mit Obst, Joghurt und Carbs eindecken können. Es wird ein Festmahl.

Heute musste ich immer Mal wieder an die Aussage von Christine Thürmer, die meistgewanderte Frau der Welt, denken, dass man auf dem Trail alleine am stärksten ist. Weil man das eigene Tempo laufen kann, und wenn man selbst einen Lauf hat, einen niemand ausbremst. Denn den halben Ruhetag hier bräuchte ich ja tatsächlich gerade nicht und ich würde mit dem eigentlichen Plan morgen in Sulitjelma ankommen. Aber ich bin anderer Meinung. Zu zweit können  wir uns unglaublich viel unterstützen und gegenseitig motivieren. Wir erleben unglaublich viel zusammen, besprechen und analysieren Dinge, treffen (schwierige) Entscheidungen gemeinsam, können etwas zusammen  durchdenken. Ich glaube, wäre ich alleine auf diese Reise gegangen, wäre ich mittlerweile nicht mehr unterwegs.


Tag 93 – 16. August 2026 (19,3 Kilometer)

Als wir heute morgen aus dem Fenster schauen, ist es ganz neblig über dem See vor der Hütte. Wir können die Berglandschaft nicht sehen, und auch sonst ist es ziemlich kalt draußen. Na, das wird doch ein schöner Wandertag!

Wir machen uns einen Berg Müsli, um den Tag zu starten. Da wir jetzt doch zehn, statt dem geplanten neun Tagen unterwegs sind, ist es bei mir etwas knapp mit dem Essen. Das Müsli zum Frühstück und das Abendessen reicht zwar aus, aber ich habe nicht mehr genug Snacks für unterm Tag. Mittagspause machen wir eigentlich nur mit Snacks, statt ein richtiges Mittagsessen eingeplant zu haben. Daher muss ich gerade stark rationieren. Beim Fuchs ist es etwas entspannter, er sollte noch genau hinkommen. Ich zähle daher nochmal genau durch, wie viele Riegel und wie viel Schokolade ich noch habe und was ich heute noch essen kann, ohne morgen hungrig zu laufen. Obwohl, hungrig bin ich ja eh.

Ich wäge ab: Für morgen brauche ich eigentlich nicht mehr viele Snacks, weil wir sollten ja morgen gegen Mittag in Sulitjelma ankommen. Und dann sind wir endlich bei einem Supermarkt.

Ich lasse also einen Riegel für morgen in meinem Essenspacksack, und nehme eine ganze Schokolade und einen Riegel in die Seitentasche vom Rucksack für unterwegs. Das sollte passen.

Als wir loslaufen hat sich der Nebel nicht wirklich gelichtet, aber es sieht trotzdem hell aus. Irgendwo hier muss doch die Sonne durchkommen. Wir gehen einen Kilometer zurück zum Trail, dann geht es Richtung DNT Hütte Coarvihytta. Wir werden dafür laut DNT sechs Stunden brauchen und dabei den See Balvatnet zur Hälfte umrunden. Der Weg ist ziemlich einfach zu gehen. Wir sehen ein paar Rentiere in weiter Ferne den Hügel entlang tänzeln.

Nach und nach bricht die Wolkendecke auf und die Sonne traut sich zaghaft zu uns. Um uns herum regnet es in Strömen, aber das Fleckchen Land, auf dem wir unterwegs sind, bleibt verschont.

So sollte es den größten Teil des Tages über bleiben. Wir können die Regenschauer auf sicherer Entfernung beobachten, bleiben selbst aber trocken. Das ist doch auch mal schön.

Die Füße sind aber natürlich nass. Wir laufen durch Pfützen, Sumpf, Moor wieder Sumpf. Ich sacke bis zum Knie ein, dann geht es durch einen Fluss, dann durch den nächsten. Über die Flüsse mit starker Strömung gehen Brücken. Die anderen sind so breit, dass man sie problemlos queren kann.

Während des Wanderns kann ich aber heute wie gestern schon nur an eins denken: Essen. Ich denke über all das Essen nach, das ich mir in Sulitjelma kaufen werde. Ich will ganz viel Obst, Joghurt, Eier, Salat. Und Pizza. Und vielleicht auch Nachos. Mit Käse überbacken. Während ich so darüber nachdenke, knurrt mein Magen beim Laufen. Eigentlich könnten wir echt ständig nur essen.

Wenn man jeden Tag läuft und das seit Wochen, fordert der Körper irgendwann einfach mehr Unterstützung ein. Während der Fuchs mittlerweile ziemlich dünn geworden ist (und er so oder so eine schlanke Person ist), bin ich zumindest mit mehr Polster gestartet. Mir sieht man die körperliche Belastung noch gar nicht so an, wie dem Fuchs. Ich bin etwas neidisch auf die Snacks, die der Fuchs noch hat, aber ich lasse sie ihm natürlich. Obwohl ich eine Elster bin.

Den Nachmittag über wird das Wandern doch etwas anstrengend. Es geht die ganze Zeit bergauf, bergab, bergauf, bergab. Kurz vor Schluss treffen wir noch einen Wanderer, der in die andere Richtung unterwegs ist und hier draußen Zelten will. Eine gute Idee finden wir, es gibt nämlich echt viele tolle Plätze hier und durch die Flechten sollte es kein Problem sein, einen sumpffreien Platz zu ergattern.

Als wir vor der DNT Hütte Coarvihytta ankommen, stehen schon ein paar Autos davor. Das ist immer der Nachteil von Hütten, die mit der Straße erreichbar sind: Es sind meistens andere Menschen da, die hier gar nicht wandern. Also wo wir dann mit unseren dreckigen Klamotten und ungewaschenen Haaren etwas herausstechen und das frische Essen der anderen Gäste anstarren.

Aber als wir die Hütte aufschließen, ist tatsächlich niemand da. Wir buchen schnell zwei der vier Betten in dem netten kleinen Zimmer der alten Hütte, die richtig urig ist. Es gibt auch noch einen großen Bereich, der an die alte Hütte drangebaut wurde und in dem man auch schlafen könnte, was aber nicht ansatzweise so gemütlich ist.

Nach und nach trudeln doch noch ein paar Wanderer ein: Zwei norwegische Frauen und eine Deutsche. Wir verbringen einen lustigen Abend zusammen beim Abendessen und tauschen uns über die Trails aus, da wir in entgegengesetzter Richtung unterwegs sind.

Dann buche ich noch flott unser Airbnb in Sulitjelma, und freue mich, als kurz darauf die Bestätigung kommt. Es gibt in Sulitjelma sehr wenige Unterkünfte: Einen Campingplatz, der ist aber sechs Kilometer vor Sulitjelma und ein paar wenige Airbnbs. Wir haben uns für Zweites entschieden, da uns der Campingplatz viel zu weit vom Supermarkt entfernt ist und wir in die nächste Etappe nicht noch mit gefühlten sechs Kilometer der Voretappe starten wollen.

Den restlichen Abend denke ich über Essen und den Supermarkt in Sulitjelma nach. Dem Fuchs geht es nicht anders.


Tag 94 – 17.08.2026 (19,2 Kilometer)

Als ich heute morgen wach werde, fühlt sich mein Magen leer an. Wir stehen heute früher auf, damit wir auch früher am Supermarkt sind. Wir machen uns einen Berg Müslikleister, den ich gerade nicht mehr sehen kann, aber er füllt das Loch in meinem Bauch. Wir sitzen noch etwas mit den anderen zusammen, trinken unseren Tee und packen alles zusammen. Um halb 8 Uhr geht es los. 

Ich kann es kaum erwarten, in Sulitjelma anzukommen und den Supermarkt zu stürmen. Auch wenn ich gerade gefrühstückt und natürlich jetzt erstmal keinen Hunger mehr habe, ist das Verlangen nach frischem Essen wirklich groß.

Wir laufen die Kilometer mit Podcast und Musik in den Ohren und haben einen ziemlich flotten Schritt drauf. Heute sind es 13 Kilometer Kiesstraße und dann die letzten Kilometer nach Sulitjelma rein eine geteerte Straße. Zum Glück gibt es heute kaum Höhenmeter zu überwinden.

Wir machen auf dem Weg nur zwei kurze Pausen – viel zu snacken, für das sich die Pause lohnen würde, habe ich eh nicht mehr. Und obwohl die Wetterprognose uns Regen versprochen hat, bleibt uns dieser heute mal erspart.

Nach der Pause geht es weiter, durch die verlassenen Landschaft vorbei an einzelnen Ferienhäuschen. An einem Haus steht an der Einfahrt zum Haus ein Wachhund und beäugt uns misstrauisch, wie wir vorbeiziehen. Fun fact: Hier läuft beim Fuchs gerade der Song „Where do you go?“ von No Mercy. Das hat sich der Hund wahrscheinlich auch gedacht, wie passend.

Ich fühle mich wie im Tunnel, an dessen Ende Obst und Gemüse und Käse auf mich warten, dem Fuchs geht es genauso. Die letzten Meter entlang des Langvatnet Sees ziehen sich dann doch etwas. Aber dann sehe ich die Coop-Fähnchen in nur ein paar Metern an der Straßenseite flackern. Damit hebt sich meine Stimmung ungemein, aber ich fühle mich gleichzeitig auch total platt. Wir haben die fast zwanzig Kilometer mit einer ziemlichen Geschwindigkeit runtergerattert und stehen um 12 Uhr vorm Supermarkt.

Andere Menschen sehen nach einer langen Reise vielleicht die Skyline von New York und werden emotional. Ich sehe zwei flatternde Coop-Fähnchen und könnte beinahe weinen.

Jetzt ist aber nochmal vollste Konzentration gefragt, damit wir jetzt nicht vollkommen wahllos alles Mögliche in den Einkaufswagen werfen. Wir gehen Regal für Regal durch und packen alles ein, was wir für das Frühstück morgen und das Abendessen heute brauchen, sowie Kuchen und Eis für jetzt sofort.

Nach einer halben Stunde sitzen wir im Supermarkt in der Sitzecke hinter den Kassen und schlemmen unser Eis, trinken Kaffee und essen Kuchen.

Diese Sitzecken gibt es eigentlich in jedem Supermarkt, meistens mit einer Kaffeemaschine und häufig auch mit Waffeln. Ich glaube, weil die Dörfer meistens so klein sind, dass man sich im Supermarkt am ehesten noch trifft und hier dann für einen kurzen Schnack sitzen bleiben kann. Cafés und ähnliches gibt es häufig in diesen kleinen Dörfchen nicht. Und auch wenn Sulitjelma mir ein Begriff als „Stadt“ irgendwo im Norden ist, so sind die Gemeinden hier oben doch häufig sehr klein. Sulitjelma zählt gerade Mal 400 Einwohner*innen.

In unser Airbnb können wir erst ab 15 Uhr rein, aber ich kontaktiere die Vermieterin, ob wir ggf. schon rein dürften – wir haben Glück, die Wohnung ist schon fertig! Wir freuen uns total und ziehen mit unseren wieder mit Essen vollgepackten Rucksäcken und Einkaufstüten ächzend rüber zur Wohnung, die strategisch schlau genau neben dem Supermarkt liegt.

Die Wohnung ist super für uns. Viel Platz zum Ausbreiten und hat sogar eine Badewanne! Da es keine Waschmaschine gibt, ist das super zum Wäschewaschen. Ich brauche nur für meine Wäsche fünf Wäschegänge frisches Wasser, bis es die dunkelbraune, trübe Farbe des Sumpfs verliert. Ja, die Socken saugen wirklich alles auf, was der Sumpf zu bieten hat. Danach wird alles vorm Kamin zum Trocknen aufgehängt.

Wir liegen frisch geduscht zwischen trocknender Wäsche und Bergen von Essen auf der Couch. Draußen wartet die nächste Etappe. Aber heute interessiert uns ehrlich gesagt nur, dass wir essen können, wann immer wir wollen.


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Veröffentlicht von DieWanderElster

Hej, ich bin die WanderElster, Bloggerin aus der Taunusgegend. auf diesem Blog schreibe ich über draußenverbrachte Zeit, wandernd, weiterwandernd, mit Rucksack, ohne Rucksack und ich freu mich, dass ihr dabei seid!

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