Norwegen verlassen auf einer Norge på langs Wanderung? Klingt erstmal nach einem gewissen Navigationsproblem. Ist aber tatsächlich so geplant.
Auf dieser Etappe führt uns der Weg von Sulitjelma über die Grenze nach Schweden und auf den Padjelantaleden. Und dort erwartet uns nach Wochen voller Sumpf, weglosem Gelände und eher überschaubaren Sozialkontakten plötzlich eine vollkommen neue Welt: Plankenwege, andere Wandernde (teilweise sogar Dutzende davon) und ein Wandern, das sich stellenweise fast einfach anfühlt.
Ganz ohne Herausforderungen geht es natürlich trotzdem nicht. Vor der schwedischen Wanderautobahn warten erst einmal über 1.000 Höhenmeter, Geröll, Schneefelder und eine Flussquerung, über die wir vorher ausreichend Horrorgeschichten gehört haben. Und während wir uns langsam Richtung Ritsem bewegen, wird uns noch etwas anderes immer bewusster: Der Herbst ist längst in Nordskandinavien angekommen.
Ach ja – und dann ist da plötzlich Tag 100.
Also Rucksack auf. Wir verlassen Norwegen.


NPL Statistik
- Mückenbarometer: 2/10
- Übernachtungen:
- Zeltübernachtung: 3
- Hüttenübernachtung: 1
- Sonstige Unterkünfte: 1
- Flussüberquerungen: 24
- Tage ohne Regen: 1
- Müsliriegel:
- Elster: 2
- Fuchs: 3
- Pfannkuchen: 1
- „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: 0
- Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: 0
- Rentiere/Elche: 52 Rentiere, keine Elche
- Gelaufene Blasen: 0
- Anzahl Duschen: 1
- Ohrwurm der Woche:
- Elster: ABBA – Take a chance on me
- Fuchs: Julian Baker & Torres – Tuesday
- Andere Wandernde: 113
Gesamtkilometer: 1788,5 Kilometer
Tierbeobachtungen: viele Moorhühner, Regenpfeifer, und Wildenten …; ganz viele Rentiere, ein Frosch und zwei Mäuse
Tag 95 – 18.08.2026 (Ruhetag)
Da der letzte Ruhetag fast zwei Wochen her ist, haben wir auch fast zwei Wochen nicht mehr ausgeschlafen. Aber heute war es wieder so weit! Ein tolles Gefühl, nach so langer Zeit nicht direkt aufstehen zu müssen.
Wir verbringen einen richtig gemütlichen Morgen mit langem Frühstück und lassen es uns essenstechnisch richtig gut gehen. Dann geht es an den Blog, ans Nachrichten beantworten und schließlich an die Tourplanung. Die ist dieses Mal nicht so umfangreich, da wir weiterhin auf den großen Wanderwegen des Nordens unterwegs sind. Wir müssen nur überlegen, wie viele Tage wir in etwa für die jeweiligen Etappen brauchen, um unsere Verpflegung richtig zu planen. Ein weiteres Mal hungrig am Ziel ankommen will ich bei dieser Etappe gerne vermeiden.
Wir werden nach zwei Tagen auf dem Nordkalottleden nach Schweden auf den Padjelantaleden kommen und dann eine Verbindung zwischen Padjelantaleden und Kungsleden laufen, um auf Letzterem nach Abisko zu kommen. Hierfür sollten wir insgesamt etwa zehn Tage brauchen. In Ritsem, an Tag 5, gibt es ein Kiosk, bei dem wir nachkaufen können. Da es aber ziemlich teuer sein soll, wollen wir da nicht komplett für fünf Tage einkaufen. Also finden wir den Kompromiss, dass wir jetzt für etwa sieben Tage in Sulitjelma einkaufen und dann in Ritsem nur das nachkaufen, was uns für den Rest der Etappe fehlt. Wir könnten zwar auch direkt für zehn Tage Verpflegung mitnehmen, aber dann wären unsere Rucksäcke einfach enorm schwer. Darauf haben wir keine Lust.
Es gäbe zwar zwei Möglichkeiten, in Norwegen zu bleiben bzw. früher nach Norwegen zurückzukehren (durch den wilden Rago Nationalpark oder später durchs steinige Narvikfjell). Beide verlangen allerdings einigermaßen stabiles Wetter. Und wenn dieses Norge på langs bisher eines zuverlässig bewiesen hat, dann, dass „stabiles Wetter“ nicht unbedingt Teil unseres Reisevertrags ist.
Wir freuen uns aber sehr auf die schwedischen Wege! Und auch wenn der Kungsleden mittlerweile sehr überlaufen sein soll, stand er schon ewig auf meiner Liste. Also freue ich mich trotzdem, ihn auf dieser Reise zumindest teilweise abzuhaken.
Als unser Essensplan feststeht, machen wir uns mit leeren Rucksäcken auf den Weg zum Supermarkt. Da in mir immer noch die Erinnerung an das hungrige Ende der letzten Etappe präsent ist, kaufe ich etwas mehr Snacks, als ich wahrscheinlich brauchen werde. Aber jetzt ist die Devise: Lieber etwas zu viel, als etwas zu wenig.
Mit vollen Rucksäcken geht es zurück zur Unterkunft. Mein Rucksack fühlt sich ziemlich schwer an und ich habe keine Ahnung, wie das ganze Essen neben meiner sonstigen Ausrüstung morgen in den Rucksack passen soll. Aber irgendwie wird das schon klappen!
Dann geht es mal wieder an das kompakte Verpacken der ganzen Lebensmittel. Um platztechnisch alles besser verpacken zu können, kommen zum Beispiel die verschiedenen Packungen mit getrockneten Früchten und Nüssen jeweils aus ihren eigentlichen Verpackungen in passende Ziplockbeutel zusammen. Dann habe ich am Ende noch einen großen Beutel mit getrockneten Früchten und einen mit den ganzen Nüssen. Davon packe ich mir dann auf der Tour jeden Morgen einen Teil in einem 1L Ziplockbeutel in meine Seitentasche – so ist alles griffbereit. Der Fuchs macht das genauso.
Den Abend verbringen wir umgeben von den Snacks der nächsten Tage mit Pizza und Filmen und dann nutze ich noch die Badewanne. Ein wirklicher Premium-Ruhetag!
Tag 96 – 19. August 2026 (16,8 Kilometer)
Heute müssen wir wieder früh aufstehen. So richtig Lust habe ich nicht, vor allem weil ich vor der heutigen Tour etwas Respekt habe. Sie hat nicht nur über 1000 Höhenmeter, die wir überwinden dürfen, sondern führt auch durch verhältnismäßig gebirgiges Gebiet, sprich viele Geröllfelder. Und uns wurde von einigen, die uns entgegengekommen sind, von drei recht großen Schneefeldern berichtet. Es wird heute also spannend. Da es so viele Höhenmeter sind, laufen wir aber nur bis zur DNT Hütte Sorjushytta, die ca. 17 Kilometer entfernt ist.
Wir machen nochmal ein ausgiebiges Frühstück und gegen kurz nach 8 Uhr stehen wir in den Startlöchern. Es geht heute erstmal einen kleinen Waldweg hinter dem Supermarkt rauf zur Kiesstraße, die uns dann in knapp zwei Stunden zur Ny Sulitjelma Hytta führt. Als wir auf der Kiesstraße stehen, rausche ich mit Musik in den Ohren durch den Nebel davon. Der Fuchs kann da irgendwie noch gar nicht mithalten – wahrscheinlich hat seine Kondition durch den Schnupfen etwas eingebüßt.
Auf der Kiesstraße ist nichts los, nur zwei Autos fahren an mir vorbei. Als der Fuchs mich zwischenzeitlich einholt, erzählt er mir, dass das eine Auto ihn hätte mitnehmen wollen und er am liebsten eingeknickt wäre. „Na, das geht aber nicht!“ entgegne ich lachend. Eine Mitfahrgelegenheit hier hoch ist natürlich schon irgendwie verlockend, aber wir sind ja zum Laufen hier. Und uns kommen heute Lars und Leo entgegen, die auch NPL laufen, und heute einen Ruhetag in Sulitjelma machen wollen.




Kurz darauf laufen wir auch schon auf sie zu! Wir freuen uns total, einander endlich in echt zu sehen! Es ist immer witzig, wenn man wochenlang mit jemandem in Kontakt steht, ohne einander wirklich zu kennen.
Wir haben einen total schönen Austausch über unsere Wanderungen. Die beiden sind richtig herzlich und uns gleich sympathisch. Man sieht ihnen die Freude über ihre Wanderung auch direkt an. Oder, dass sie in ein paar Minuten im Supermarkt sind und endlich neue Schokolade bekommen! Nach fast einer halben Stunde geht es für uns aber weiter.

Wir schleppen uns also weiter die Höhenmeter hoch und kommen nach kurzer Zeit tatsächlich aus der Nebeldecke raus. Aber sonnig ist es hier oben nicht, sondern eher dunkel bewölkt. Aber immerhin sieht man jetzt ein bisschen die Umgebung. Wir haben von hier einen schönen Blick über das Tal und die Seenlandschaft der letzten Tage. Wir können zwischenzeitlich bis zurück ins Junkerdalen und auf den Balvatnet schauen.
Gegen Viertel nach 10 Uhr kommen wir an der Ny Sulitjelma Hytta an, die auf 590 Höhenmetern liegt. Hier machen wir eine Pause draußen auf der Bank. Wir essen ein bisschen Schokolade und Bilar und trinken auch nochmal was, bevor es weiter hinauf geht. Wir nehmen weiterhin die Kiesstraße für den weiteren Aufstieg auf die Hochebene. Immer wenn ich mich traue, zurückzuschauen, bemerke ich wie viele Höhenmeter wir schon wieder zurückgelegt haben und wie hoch wir mittlerweile über dem Tal sind, in welchem Sulitjelma liegt.



Nach acht Kilometern und 700 Höhenmetern kommen wir gefühlt oben an. Hier bläst uns der Wind wieder um die Ohren und die Kiesstraße endet. Wir sind jetzt wieder auf einem Wanderweg unterwegs. Oder sollte ich lieber Geröll sagen? Der Himmel ist dunkelgrau und umhüllt die umliegenden Gipfel. Ich habe das Gefühl, nach Mordor zu laufen.




Wir schreiten über die Steine und müssen uns ganz schön konzentrieren, nicht auszurutschen. Das Gelände ist für mich nicht ganz einfach zu gehen und ich merke wieder, dass ich Wanderin und nicht Bergsteigerin bin. In niedrigeren Höhen fühle ich mich einfach wohler. Andererseits ist die Landschaft hier so anders, als jene durch die wir sonst laufen und das hat auch einfach was.


Uns kommt ein junges Pärchen entgegen. Etwas irritiert sind wir von der Schuhwahl: Wandersandalen ohne Socken. Das wäre mir ja dann doch etwas zu kalt hier oben. Kurz danach kommen wir nochmal an einem Wanderer vorbei. Er kommt aus Deutschland und verbringt hier einen Wanderurlaub, in dem er bis nach Riksgränsen laufen will. Wir fragen uns, ob das schon die Ausläufer vom Padjelantaleden sind – eigentlich treffen wir ja kaum andere Wanderer und jetzt auf so kurzer Strecke schon gleich drei. Der Padjelantaleden ist schließlich ein sehr beliebtes Wandergebiet. Wir sind gespannt, ob wir mit so viel Sozialkontakten überhaupt noch umgehen können. Aber vielleicht ist der Andrang aufgrund des schlechten Wetters auch gar nicht so groß dieses Jahr. Wir sind gespannt!
Nachdem es einen weiteren Aufstieg gibt, bei dem ich mich mit meiner Höhlenangst im Nacken stark auf den direkt vor mir liegenden Quadratmeter konzentrieren muss, treffen wir auf der anderen Passseite auf das erste Schneefeld, welches steil fünf Meter abfällt. Mh, hier drumherum laufen ginge zwar theoretisch, wäre aber ein immenser Umweg. Zum Laufen scheint es uns zu steil. Also: Hinsetzen und runterrutschen ist angesagt! Hindernis überwunden.




Danach geht es an einem See entlang und wieder ein paar Meter hinauf. Nur um kurz darauf wieder auf ein Schneefeld am Hang zu kommen. Dieses ist eher 30 Meter lang und man kann nicht drumherum laufen, es ist aber auch nicht zu steil. Wir müssen es von oben nach unten laufen. Wir testen die Oberfläche und sie gibt nicht nach. Also laufen wir langsam drüber. Der Fuchs zuerst, ich in seinen Fußstapfen.
Nur um zwei Kilometer später auf das nächste Schneefeld zu treffen, welches einen Hang vor uns bedeckt, über den wir drüber müssen. Also diesmal müssen wir es in der Schräge queren. Das verlangt mir jetzt doch nochmal mental einiges ab. Auch wenn ich weiß, dass beim Ausrutschen wahrscheinlich nichts Schlimmes passieren würde: Angst ist eben nicht logisch. Und so zwinge ich mich im Gleichschritt hinterm Fuchs über das Feld und bin heilfroh, als wir endlich auf der anderen Seite ankommen und ich nicht in die Tiefe gerutscht bin.
Von hier können wir die DNT Hütte Sorjushytta schon sehen, auch wenn sie beim weiteren Abstieg in der Senke wieder verschwindet. Es fühlt sich etwas nach Fata Morgana an.





Die restlichen Kilometer gehen dann leicht bergab und wir kommen der Hütte näher. Kurz vor Schluss müssen noch eine Brücke, eine Anhöhe und noch eine Brücke bezwungen werden.
Meine Knie zittern leicht von der Anstrengung und umso glücklicher bin ich, jetzt hier zu sein. Wir beziehen die gemütliche Hütte und machen uns Pfannkuchen. Wir haben extra eine Packung aus dem Supermarkt mitgenommen, da es hier oben im Norden keine Vorratsräume mehr in den DNT Hütten gibt.
Es kommt noch ein schwedisches Pärchen vorbei, das aus der entgegengesetzten Richtung kommt und um die Ecke zelten will. Die beiden nutzen die Hütte aber für die Zubereitung ihres Abendessens. Wir tauschen uns noch etwas zum Wandern in Norwegen aus und dann fallen wir auch schon in die gemütlichen Betten.





Tag 97 – 20. August 2026 (29,8 Kilometer)
Wir stehen heute wieder gegen Viertel nach 6 Uhr auf und räumen unsere Sachen zusammen. In der Küche machen wir uns noch unseren Müslikleister, in dem viel zu wenig Milchpulver ist, aber man kriegt es schon runter. Nachdem wir eine Kanne Tee mit Blick auf den ruhigen Bergsee geschlürft haben, machen wir uns um kurz vor 8 Uhr auf den Weg. Der Morgen in den Hütten dauert irgendwie immer etwas länger als im Zelt.
Es ist ruhig heute. Nur leichter Nieselregen tröpfelt auf uns herab, aber das sind wir als absolute Regenprofis ja gewohnt! Der Weg führt uns heute erstmal eine Weile am See entlang über Geröll. Nach etwa fünf Kilometern kommt eine große Flussquerung auf uns zu. Zu dieser haben wir schon einige verunsichernde Geschichten gehört bzw. gelesen – hüfthohes Wasser, starke Strömung, Eiseskälte, gefühlt 100 Flussarme. The list goes on. Als wir auf den Fluss treffen, sieht er aber gar nicht so schlimm aus. Oder zumindest nicht mehr oder weniger, als all die anderen Flüsse, die wir auf dieser Reise schon gefurtet sind.









Der erste Teil geht uns bis zum Knie, die Strömung hält sich aber in Grenzen. Kurz darauf ist es eigentlich nur noch 10-30 Zentimeter tief. Und zum Glück wird es nicht allzu kalt – wir haben unsere Sealskins Socken an, die die gröbste Kälte draußen halten. Nach ca. fünf Minuten haben wir alle zehn Flussarme hinter uns. Geschafft!


Kurz danach stehen wir auch schon an der Landesgrenze: Wir verlassen Norwegen jetzt. Es ist ein komisches Gefühl, den norwegischen Boden hinter uns zu lassen und jetzt für ein paar Tage einfach mal in Schweden zu wandern. Wie das hier wohl wird?



Naja, die ersten Meter zumindest genauso sumpfig, wie wir es von Norwegen gewohnt sind.
Als wir an der ersten schwedischen Schutzhütte vorbeikommen, kann diese mit unserem gewohnten, norwegischen Standard zwar nicht ansatzweise mithalten, für eine Mittagspause reicht es aber aus. Wir kochen uns die nächste Kanne Tee und setzen uns, immer noch im Nieselregen, direkt an den See Vuolep Sårjåsjávrre. Was soll uns das bisschen Regen schon anhaben, wenn wir in dieser Landschaft sitzen dürfen? Umgeben von hohen Bergen, Gletschern, türkisfarbenen Seen soweit das Auge reicht.



In der letzten Zeit hatten wir häufig das Gefühl, unsere Umgebung gar nicht mehr richtig aufnehmen, geschweige denn wertschätzen zu können. Der Kopf ist einfach voll mit tausenden Eindrücken, Grenzerfahrungen und Gefühlen zwischen „ich bin der glücklichste Mensch der Welt“ und „kann mich hier bitte jemand abholen?“. Manchmal möchte ich einfach auf eine Pausentaste drücken, um das, was um uns herum passiert, sacken lassen zu können.
Aber dafür ist auf einer Fernwanderung irgendwie keine Zeit: Wir müssen weiter, sonst holt uns irgendwann der Winter ein. Und so machen wir uns nach etwa einer Stunde wieder auf den Weg. Und der Regen ist auch erstmal weg.




Wir kommen noch an dem jungen Deutschen vorbei, der uns gestern irgendwann überholt hatte – er steht wohl jetzt erst auf und hat wieder seine leuchtend rote Sweatshirtjacke an, dass wir ihn kilometerweit erkennen. Wir treffen übrigens momentan immer mal wieder Wanderer, die erst gegen Mittag starten und dann bis späten Abend laufen.
Es geht jetzt langsam hinunter ins Tal und dann stehen wir auf einmal vor unseren ersten Planken! Wir sind also tatsächlich in Schweden. Das Land des unbeschwerten Wanderns. Wir kommen an der Stádájåhkå Siedlung vorbei, die den Sami gehört. Passend zum Bild laufen auch ein paar Rentiere um uns herum.



Wir wollen heute aber noch weiter, also machen wir uns auf den weiteren Weg. Der wiederum mit vielen Planken ausgelegt ist. Richtiges Luxusleben heute. Und der Mann in roter Jacke überholt uns jetzt wieder. Er will heute bis nach Stáloluokta laufen. Eigentlich wollten wir irgendwo zwischen Stádájåhkå und Stáloluokta zelten, aber wir entscheiden uns letztlich doch auch dazu, bis Stáloluokta durchzulaufen. Das Wandern macht heute einfach Spaß und das Wetter ist auch besser geworden.
Als wir nach ca. 30 Kilometern in Stáloluokta ankommen, sind uns hier zwar irgendwie viel zu viele Menschen, aber einen Zeltplatz am Strand finden wir trotzdem. Theoretisch gibt es hier auch eine Sauna, die man gegen Gebühr benutzen darf, aber die ist von der Campsite einfach zu weit weg – weitere 200 Meter schaffe ich heute einfach nicht mehr. Der in roter Jacke, der auch hier zeltet, kommt noch kurz vorbei und schenkt uns sein übrig gebliebenes Hafermilchpulver – wir freuen uns so sehr darüber, das hebt so richtig die Stimmung! Wir hatten ihm in einer Pause erzählt, dass Milchpulver in Norwegen schwer zu kriegen ist und wir daher schon sehnsüchtig auf unser nächstes Versorgungspaket in zwei Wochen warten, da hier wieder eine Packung drin sein wird. So schmeckt das Müsli morgens nicht so wässrig.

Vollkommen kaputt bauen wir das Zelt auf und pünktlich fängt es an zu regnen, als wir uns gerade ins Innere verziehen. Es ist toll, mal wieder im Zelt zu schlafen, nachdem wir fast eine Woche nur in Hütten gewesen sind. Wir haben das Zelt wirklich vermisst.


Tag 98 – 21. August 2026 (22,9 Kilometer)
Wir starten heute etwas gemütlicher in den Tag, nachdem wir gestern so weit gewandert sind. Erst gegen halb 9 Uhr machen wir uns auf den Weg.
Der erste Weg hinaus aus Stáloluokta geht erstmal den Hügel hoch. Witzig finden wir, dass Planken auch für Höhenmeter verlegt werden – wie soll man da denn bei nassen Bedingungen hochkommen? Wir haben heute erstmal nur Nieselregen, also halb so wild.





Als wir oben ankommen, haben wir einen schönen Blick über die Seenlandschaft und können im Hintergrund den Rago Nationalpark sehen. Dort scheint das Wetter nicht allzu gütig unterwegs zu sein, denn dicke Regenwolken hängen zwischen den Gipfeln und versperren die Sicht.
Nachdem wir die ersten Rentiere erblickt haben, kommen uns auch schon die ersten Wanderer entgegen, die zu viert unterwegs sind. Und gleich darauf noch ein Pärchen. Hier ist ja tatsächlich viel los… Das sind wir gar nicht mehr gewohnt.


Nach einigem auf und ab, geht es für uns jetzt über Planken hinunter zur nächsten Sami-Siedlung, Árasluokta. Als wir hier zu den Hütten kommen, ist hier leider niemand. Eigentlich hatten wir gehofft, in dem Kiosk, das es hier gibt, vielleicht eine Limo oder einen der geräucherten Fische zu ergattern. Aber der Kiosk hat zu. Generell gibt es hier in den Sami-Siedlungen keine uns ersichtlichen Öffnungszeiten, deswegen ist das mit dem Kaufen von Essen immer etwas Glückssache (Trail Talk verrät, dass die Kiosk wohl immer morgens und abends geöffnet waren).
Wir müssen uns beide dick einpacken, es ist einfach zu kalt hier. Wir nutzen aber die Pausenbank für unser Mittagessen und bald gesellt sich noch ein schwedisches Pärchen zu uns.


Wir tauschen uns eine Weile zum Trail aus. Sie sind auf dem Nordkalottleden unterwegs und laufen unsere Richtung. Nach einer Stunde machen wir uns wieder auf den Weg. Jetzt kommt nochmal ein sich in die Länge ziehender Aufstieg, bei dem wir Dutzende Rentiere sehen und schon allein deswegen einfach nicht vorankommen.





Nachdem wir den Pass erklommen haben, geht es auf der anderen Seite all die erarbeiteten Höhenmeter wieder herunter. Ich merke langsam meine Knie und freue mich, als wir gegen 18 Uhr das Zelt neben einem reißenden Fluss von türkisblauer Farbe kurz vor der nächstem Sami Siedlung Låddejåhkå aufstellen.



Der Fuchs holt noch flott Wasser aus dem Fluss und dann sind wir voll ausgestattet, um das Zelt bis zum morgigen Abbau nicht mehr verlassen zu müssen. Pünktlich nachdem das Zelt steht, fängt es an zu regnen. Was ein Glück wir gerade doch haben.
Und insgesamt haben wir heute 32 Wanderer gesehen. Ich kann es kaum glauben, aber wir haben den Tag über mitgezählt.


Tag 99 – 22. August 2026 (23,7 Kilometer)
Als wir wach werden, hören wir das Rauschen des Flusses Låddejåhkå neben uns. Das war mir gestern Abend gar nicht mehr so aufgefallen. Mit dem entspannenden Rauschen im Ohr frühstücken wir gemütlich im Zelt unser Müsli. Mit mehr Hafermilchpulver schmeckt es auch gleich viel besser! Der Fuchs möchte am liebsten nur noch Müsli essen, während ich es jetzt gerade so runterbekomme. Wir sind bei Müsli einfach nicht einer Meinung.
Gegen kurz vor 8 Uhr sind wir auf dem Weg und kommen erstmal nach ein paar Metern an der Låddejåhkå Fjällstuga vorbei. Hier ist aber noch nicht viel los, nur verschlafene Gesichter schauen aus den Zelten. Wir sind wohl die einzigen early birds auf diesem Padjelantaleden und daher mit die ersten, die sich heute auf den Weg machen.
Zu Beginn geht es erstmal direkt 150 Höhenmeter nach oben. Auf der Karte sah es viel steiler aus, als es letztlich war. Und ruckzuck stehen wir wieder oben in einer weiten Landschaft.
Das Wetter weiß heute nicht genau, was es sein möchte. Ich würde es so beschreiben: Die Sicht ist wie in einem Dampfbad, nur dass es kalt ist und etwas weniger dicht. Und auch wenn ich das nicht als Regen bezeichnen würde und in meiner Windjacke die Feuchtigkeit gut abschirmen kann, kommen uns heute alle im Look „Regenmontur komplett“ entgegen – dicke Regenjacken mit Wassersäule 40000 und natürlich Regenhose. So wird man bei dem Wetter zwar von außen wirklich nicht nass, aber schwitzt sicherlich von innen.





Und so machen wir unsere Meter durch die Nebelsuppe und können die Ausläufer des Rago Nationalparks erahnen, uns vorstellen, wie schön türkis der Fluss Vuojatätno bei Sonnenschein aussehen muss und erhaschen den Blick auf ein paar Rentiere, wie sie perfekt getarnt in der Umgebung um uns herum huschen.
Es ist irgendwie ein schöner Morgen. Zwischendrin bleiben wir immer wieder kurz stehen und können kein einziges Geräusch vernehmen. Es ist absolut still hier, wir hören nur unseren eigenen Atem.



Gegen frühen Mittag kommen wir an der Brücke vorbei, die uns wieder zurück nach Norwegen Richtung Narvikfjell bringen könnte. Die lassen wir aber heute links liegen und machen uns weiter auf Richtung Akkajaure, von wo uns morgen ein Boot nach Ritsem bringen wird.
Von dieser Brücke aus, die in dieser Landschaft wie die Golden Gate Bridge aussieht, sind es für uns jetzt nur noch 13 Kilometer bis zur Gisuris Fjällstuga. Wir wollen bis dorthin und noch etwas weiter, damit es morgen etwas kürzer zum Bootsanleger ist. Und dann haben wir auch wieder fast 25 Kilometer gemacht, das passt dann auch für uns.
Kurz nach der Brücke finden wir einen schönen Stein, an den wir uns für die Mittagspause lehnen können. Eine Gruppe von vier Personen kommt an uns vorbei und ist natürlich direkt hoch interessiert an unserer Wanderung. Kurz darauf kommt nochmal eine Vierergruppe vorbei und kommt aus dem Staunen nicht mehr raus, als wir erzählen, dass wir heute 99 Tage unterwegs sind und laut Plan noch etwa 40 Tage vor uns liegen. Ich stelle mir vor, dass wir wohl die nächste Stunde noch viel Gesprächsthema sein werden.
Wir haben bei unserer Mittagspause richtig viel Spaß. Ich liebäugle gerade damit, irgendwann auch noch Europa bis zum südlichsten Punkt zu laufen. Der Fuchs stürzt bei dem Gedanken in eine kleine Krise: Wir sollen es doch jetzt bitte erstmal bis zum Nordkap schaffen. Na gut.
Nach der Mittagspause geht es weiter. Der Weg ist jetzt wirklich ganz gut zu gehen. Es gibt eine Wanderautobahn nach der nächsten, dann wieder viel Schlamm und dann wieder Wanderautobahn. Das Laufen auf Planken ist zwar wirklich viel schneller als durch Sumpf, allerdings bleibt man dem Boden jetzt irgendwie auch ungewohnt fern.
Nach einer weiteren Pause, in der ich viel zu viel Diam Schokolade esse, aber es keinen Cappuccino gibt, weil der Fuchs meint, es sei jetzt nicht passend, nochmal den Kocher aufzubauen, kommen wir etwas schleppend bei der Gisuris Fjällstuga an. Eigentlich hatte ich hier ein kleines Wander-Mekka erwartet, aber es sitzt nur ein einsamer Wanderer draußen auf einer Bank und lüftet seine nackten Füße an der kalten Luft.
Wir wollten ja eh nicht hier bleiben, also geht es noch ein Stückchen weiter. Wir laufen durch ein Birkenwäldchen und dann geht es auf einer wackligen Brücke über den Fluss Sjipietjavjåhkå, aus dem wir nochmal Wasser mitnehmen. Kurz darauf finden wir einen geeigneten Zeltplatz. Hier sind zwar auch schon ein paar andere auf der Ebene verteilt, aber wir haben auf eine lange Suche heute keine Lust.
Nach zehn Minuten ist das Zelt aufgestellt und ein Teil des Wassers gefiltert. Jetzt können wir essen und dann endlich schlafen.

Tag 100 – 23. August 2026 (15,1 Kilometer und 10 Kilometer Boot)
Auch wenn wir heute bis 14 Uhr Zeit haben, um das Boot über den Akkajaure nach Ritsem zu erwischen und es bis dahin nur knapp 14 Kilometer sind, stehen wir zur selben Zeit auf wie sonst auch. Das ist einfach unser Rhythmus auf Tour. Irgendwie sind wir heute sogar richtig früh dran, schon um halb 8 Uhr sind wir startklar.
Theoretisch gäbe es auch eine Abendfähre, die wurde aber vor ein paar Tagen gestrichen, sodass es nur eine Abfahrt um 11:25 Uhr und 14:00 Uhr gibt.
Es geht erstmal über einen größeren Fluss und dann meist über Planken durch eine schöne Sumpflandschaft. Wie nett Sumpf sein kann, wenn man nicht direkt durch ihn hindurch stapfen muss?
Ich weiß gar nicht, wie ich zur nicht-Planken-Landschaft zurück soll? Das wird hart werden.



Wir sehen zwei Rentiere neben uns, die sich überhaupt nicht für uns interessieren und gemütlich weiter nach Nahrung am Boden suchen. Wir kommen an einem Lager von drei Wandernden vorbei und müssen einen Hügel rauf. Hier oben machen wir eine erste kurze Pause. Von hier haben wir einen tollen Blick über die Orange gefärbte Landschaft. Der Herbst kommt wirklich in großen Schritten auf uns zu. Langsam mache ich mir doch etwas Sorgen, dass der Winter vor uns am Nordkap ankommen wird und dann… Müssen wir mal schauen, ob es für unsere Tour ein vorzeitiges Ende geben wird. Hoffentlich bleibt uns der Winter genauso fern, wie der Sommer dieses Jahr.



Jetzt kommen uns langsam einige Wandernde entgegen. Wahrscheinlich sind sie alle heute Vormittag beim Akkajaure gestartet.
Wir laufen eine sehr schlammige Anhöhe hinab und passieren dann einen riesigen Fluss über eine noch riesigere Brücke.






Das rauschende Wasser unter uns ist leuchtend türkis. Neben uns liegt Áhkká, ein heiliger Berg der Sami, der auch „Königin Lapplands“ genannt wird. Wir können heute keinen ihrer Gipfel sehen, da sie sich in Wolken versteckt halten.



Als es nur noch zwei Kilometer sind, haben wir noch zwanzig Minuten bis die frühere Fähre um 11:25 Uhr nach Ritsem ablegt. Das könnten wir ja eigentlich schaffen? Wir hasten den restlichen Weg entlang und runter zum Bootsanleger, an dem schon einige Personen warten. Um 11:22 Uhr stehen wir am Anleger, um 11:25 Uhr stehen wir auf dem Boot – geschafft!


Während der Überfahrt haben wir einen schönen Blick über die zurückliegenden Berge und unterhalten uns mit zwei Wandernden, die gerade eine Woche im Sarek Nationalpark verbracht haben, auch bekannt als letzte Wildnis Europas. Sie haben zwar keine Bären, Elche, Luchse oder Vielfraße gesehen, dafür aber zig Rentiere und keine Menschen. Klingt ja entspannt!
Als wir nach einer halben Stunde anlegen, haben wir die zehn Kilometer über den See hinter uns gebracht und laufen hoch zur Ritsem Fjällstuga. Hier legen wir etwas widerwillig einen halben Ruhetag ein – mit dem Fuß und den Knien wollen wir momentan etwas Ruhe einbauen. Die Fjellstuga ist aber dafür, dass sie vom Look her einer netten Jugendherberge ähnelt, ziemlich teuer – und natürlich darf man das Zimmer auch noch selbst reinigen. Aber gut, es zwingt uns ja niemand hier zu übernachten.
Wir nutzen die Zeit, um unsere Lebensmittelvorräte aufzufüllen und nach über drei Wochen eine Waschmaschine zu nutzen!
Der Kiosk in der Fjellstuga ist tatsächlich ziemlich teuer. Wir kaufen hier für knapp zwei Tage Proviant nach – wir hatten mit unseren Lebensmittelvorräten aus Sulitjelma wirklich gut gehaushaltet und so landen neben ein paar Packungen Nüsse, Chips, Bilar und je zwei Abendessen noch ein Körnerbrot im Einkaufswagen. Für heute teilen wir uns eine Cola und eine Tüte Chips. Und es gibt noch zwei Tiefkühlpizzen zum Abendessen und Eier. Dafür geben wir fast 100 Euro aus. Aber mit den zwei Tiefkühlpizzen fühlen wir uns heute wie Gott in Frankreich und Tag 100 muss ja gefeiert werden.
Und ja, wir haben tatsächlich seit Hattfjelldal (das ist 22 Tage her) keine Waschmaschine mehr gehabt. Natürlich haben wir immer mal wieder zwischendurch per Hand gewaschen, aber das ist einfach nicht dasselbe – per Hand geht der Gestank und der Schlamm einfach nicht so gut raus. Wir freuen uns also immens, hier eine Waschmaschine nutzen zu können. Auf Tag 100!

100 Tage. Irgendwie kann ich diese Zahl selbst kaum glauben. Seit 100 Tagen stehen wir morgens auf, packen unsere Rucksäcke und laufen weiter Richtung Norden. Wir haben mittlerweile fast 1.800 Kilometer in den Beinen und trotzdem fühlt sich dieses Leben irgendwie normal an. Aufstehen, Müsli essen, Zelt einpacken, laufen, laufen, laufen, laufen, Zelt aufbauen, in Schlafsäcken schlafen.
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