Norge på langs Etappe 11.2: Von Ritsem über den Kungsleden nach Abisko (120 Kilometer)


Nach über 100 Tagen auf Norge på langs haben sich unsere Maßstäbe ein kleines bisschen verschoben. Ein Fleck blauer Himmel ist mittlerweile eine Sehenswürdigkeit, vier Scheiben Dosenananas lösen Begeisterungsstürme aus und ein Tag mit Sonne fühlt sich direkt nach Urlaub an.

Auf den 120 Kilometern von Ritsem nach Abisko bekommen wir von allem etwas: graues, kaltes Fjell, die ersten deutlichen Vorboten des nordischen Winters, endlich wieder Sonne und einen kleinen Kulturschock. Denn nach Wochen, in denen wir teilweise kaum einer Menschenseele begegnet sind, treffen wir auf den Kungsleden. Und dort offensichtlich auf ALLE Menschen.

Also zählen wir Wandernde, träumen ungefähr 70 Prozent des Tages von Essen, feiern Süßigkeiten wie ein Festmahl und laufen ganz nebenbei immer weiter Richtung Norden.

Und der fühlt sich inzwischen tatsächlich ziemlich nördlich an.


NPL Statistik

  • Mückenbarometer: 3/10
  • Übernachtungen:
    • Zeltübernachtung: 4
    • Hüttenübernachtung: 0
    • Sonstige Unterkünfte: 1
  • Flussüberquerungen: 19
  • Tage ohne Regen: 2 (richtig gut!)
  • Müsliriegel:
    • Elster: 4
    • Fuchs: 2
  • Waffeln: keine
  • „Es ist nicht mehr weit“, obwohl es noch weit war: 0
  • Bonusmeter aufgrund Orientierungskompetenz oder Wegfindungsschwierigkeiten: keine
  • Rentiere/Elche: 40 Rentiere, keine Elche
  • Gelaufene Blasen: keine
  • Anzahl Duschen: 1
  • Baden im Wasser/Fluss/See: einmal Elster (dem Fuchs war es zu windig)
  • Ohrwurm der Woche:
    • Elster: Taylor Swift – Ruin the friendship
    • Fuchs: Deep Purple – Child in time
  • Andere Wandernde: 423 Menschen, 6 Hunde („und eine Taube auf dem Dach“)

Gesamtkilometer: 1908,5 Kilometer

Tierbeobachtungen: Wildgänse, mehrere Greifvögel (undefiniert, wir haben einfach zu wenig Ahnung), ein Falke, Rentiere, Mäuse, Hasen, ein Frosch.


Tag 101 – 24. August 2026 (28,6 Kilometer)

Gestern war in der Ritsem Fjellstuga noch richtig viel los. Es gibt eine Busverbindung, die alle paar Stunden neue Wanderer vorbeibringt, die den Aufenthaltsraum stürmen. Das ganze Gewusel ist uns viel zu viel, und so verbringen wir den Großteil des Nachmittags und Abends in unserem Zimmer.

Da bis späten Abend immer noch viel Gepolter und Gerumpel aus dem Aufenthaltsraum zu uns herüber hallt, kann der Fuchs heute nicht so gut schlafen. Ich bin allerdings innerhalb von fünf Minuten eingeschlafen.

Entsprechend fit bin ich und entsprechend müde der Fuchs, als um kurz nach 6 Uhr der Wecker klingelt. Wir machen uns unseren Müslikleister, trinken eine gigantische Kanne Tee, packen und räumen das Zimmer auf.

Die Ritsem Fjellstuga

Um kurz nach 8 Uhr gehen wir los. Die ersten paar Meter sind noch auf einer Teerstraße, dann geht es nach oben auf einer mittlerweile Kiesstraße, was das Wandern gleich viel angenehmer macht.

Je höher wir kommen, desto schöner ist der Blick zurück auf den See Akkajaure. Über dem Ahkka Massiv hängen tiefe Wolken. Und insgesamt ist es sehr düster und regnerisch um uns herum. Über uns hängt eine dicke Wolkendecke, die den Himmel bedeckt. Der Fuchs meinte die Tage, er wüsste gar nicht mehr wie blauer Himmel aussieht. Den haben wir nämlich seit Wochen nicht mehr gesehen. Wir dürfen aber zumindest im Trocknen laufen, worüber wir uns sehr freuen.



Nachdem wir den Großteil der Höhenmeter geschafft haben, kommen wir auf eine schöne Fjellebene, die schon ganz orange und rot um uns herum leuchtet. Hier ist der Herbst auf jeden Fall da – daran haben wir jetzt keine Zweifel mehr. Und passend dazu fegt jetzt auch eine kühle Brise um uns herum. Es ist richtig frisch hier oben.

Nach ein paar Kilometern auf der Ebene, kommen uns zwei Personen entgegen. Der Fuchs sieht direkt die Norwegenflaggen an den Rucksäcken. Und die beiden laufen tatsächlich auch Norge på langs, nur von Norden nach Süden: Marte und Rasmus.

Die beiden sind etwas spät dran diese Saison, die meisten „southbound“ NPLer sind schon vor zwei bis drei Wochen an uns vorbeigerauscht. Sie wollen aber, obwohl sie bereits Fußschmerzen haben, innerhalb von insgesamt dreieinhalb Monaten nach Lindesnes wandern.
Wir drücken die Daumen, dass sie das schaffen!

Nachdem wir eine ganze Weile über Pizza, Mücken, das schlechte Wetter und Knieschmerzen sprechen, machen wir uns jeweils wieder in unsere Richtungen auf.

Ansonsten kommen uns nur ein Wanderer, der es mit einem kleinen Tagesrucksack immens eilig hat entgegen, und ein Wanderer, der seinen Schlafsack außen am Rucksack befestigt hat. Währenddessen laufen wir eine Weile an dem See Autajaure entlang.

Auf einmal bricht neben uns die Wolkendecke ein bisschen auf, dass wir tatsächlich ein bisschen blauen Himmel sehen können. Wie schön ist denn bitte blauer Himmel?! Ich kann mich kaum erinnern, jemals eine schönere Farbe gesehen zu haben.

Wir entscheiden uns spontan, mit Blick auf den blauen Himmel unsere Mittagspause etwas verfrüht zu machen. Während der Pause sitzen wir die ganze Zeit nach oben starrend auf einem Stein und essen je ein Brot mit Marmelade und einen Wrap mit Skinke Ost, dem norwegischen Tubenkäse, der einfach göttlich schmeckt.

Nach einer halben Stunde ist der blaue Fleck am Himmel wieder verschwunden und lässt uns zurück in einer grauen, wolkenverhangenen Umgebung, die es trotz des herbstlichen Bodens nicht schafft, zu leuchten.



Nach einer weiteren Stunde kommen wir an der STF (sozusagen der schwedische DNT) Hütte Sitasjaure vorbei. Da wir aber gerade erst Pause gemacht haben, wollen wir direkt weiter. Es sitzt noch ein schwedisches Pärchen vor der Hütte und macht Pause. Wir tauschen uns kurz zu unseren Touren aus und dann geht jede seiner Wege. Wir wollen noch ein Stück weiter ins Fjell hinein, bevor wir das Zelt aufschlagen.

Nach der Sitasjaure endet die Kiesstraße und wir sind wieder auf einem Wanderweg. Der geht jetzt nochmal ein Stück hoch, dann befinden wir uns in einer weiten Fjelllandschaft, in der uns ein paar Rentiere entgegen kommen.

Da wir beide kaum noch Wasser haben, schauen wir in Komoot nach dem nächsten Fluss. Der kommt allerdings erst vier Kilometer hinter unserem eigentlichen Tagesziel. Egal. Das Wandern macht heute Spaß und wir kommen gut voran.



Nach zwei Stunden kommen wir an dem Fluss Áinnajohka vorbei. Es hätte zwar tatsächlich auch einige kleinere Flüsse auf dem Weg gegeben, aber wenn wir fit sind, laufen wir gerne etwas mehr als ursprünglich geplant.

Nachdem wir Wasser geholt haben, suchen wir nach einem geeigneten Zeltplatz. Der Fuchs ist nicht so zufrieden. Wir befinden uns auf einer Hochebene und hier einen etwas windgeschützten Platz zu finden, gestaltet sich natürlich als schwierig. Ab nachts soll es allerdings windiger werden und ohne Hügel kann man sich vor dem Wind nicht gut verstecken. Aber meine Füße haben jetzt keine Lust mehr, also nehmen wir was wir kriegen können. Ich finde den Zeltplatz in Ordnung und wir bauen aufgrund des anstehenden Windes noch unsere zusätzlichen Windschutzmaßnahmen auf.

Anschließend kriechen wir ins Zelt, machen uns Abendessen, das den Hunger nur so halb besiegt und kochen uns dann noch eine heiße Schokolade, mit der es besser ist.


Tag 102 – 25. August 2026 (23 Kilometer)

Wir sind heute morgen wieder etwas flotter startklar und machen uns um halb 8 Uhr auf den Weg. Es regnet heute morgen, die Wolken um uns herum hängen tief und haben eine dunkelgraue Farbe. In der Ferne können wir aber ein paar hellere Wolken durch den Regen erkennen, sodass wir ein bisschen Hoffnung haben, dass es vielleicht später etwas aufklart.



Als wir loslaufen habe ich aber das Gefühl, dass es gar nicht richtig hell ist. Es fühlt sich eher nach Dämmerung an. Wie schön es wäre, in dieser tollen Landschaft bei blauem Himmel zu laufen? So lange wie wir eigentlich schon keine Sonne mehr gesehen haben, mache ich mir langsam Sorgen um unseren Vitamin D Haushalt. Wir haben ja tatsächlich eigentlich keinen Sommer gehabt dieses Jahr. Wir machen uns etwas drüber lustig, dass wir Zuhause erstmal ins Solarium müssen, um uns durchzuleuchten. Vielleicht ist da auch ein Funken Ernst drin.



Der Weg beginnt relativ einfach. Es gibt ein paar Planken, viel Schlamm, Steine über Steine und irgendwann Felsen über Felsen. Es fühlt sich mit der düsteren Stimmung mal wieder nach Mordor an. Nur dass ich es mir dort wärmer vorstelle als hier.

Um kurz vor 10 Uhr machen wir eine erste Pause im Windschatten eines großen Steins. Der Regen hatte sich irgendwann in Nieselregen verwandelt und war dann erstmal von unserem Weg verschwunden. Wir können ihn in der Ferne aber immer noch sehen.



Zur Pause gibt es bei mir erstmal ein paar Bilar, zwei getrocknete Aprikosenstreifen und eine Handvoll Erdnüsse. Der Fuchs gönnt sich zwei Mangostreifen, ein paar Nüsse und Schokolade. Das stillt den Hunger erstmal, aber wir könnten locker das dreifache verdrücken. Wir können, obwohl wir genug Proviant dabei haben, um nicht zu hungern, momentan einfach nur an Essen denken. Was wir uns in Abisko alles Leckeres machen werden, ob es auf dem Kungsleden unterwegs irgendwo was Leckeres gibt, was wir essen, wenn wir wieder Zuhause sind, ob die Portionen im Restaurant im schönen Hotel in Kilpisjärvi groß genug sein werden, wie toll jetzt ein Christstollen wäre… Man würde meinen, dass man beim Wandern viel über die Landschaft, Gott und die Welt, das Leben nachdenken würde, aber der Fuchs sagt, dass sich mindestens 70% seiner Gedanken ums Essen drehen. Bei mir ist das genauso.

Vielleicht ist das also die große Erkenntnis nach über 100 Tagen Weitwandern: Am Ende findet man nicht zu sich selbst, sondern zum Christstollen (aber nur den mit Marzipan bitte!).

Als wir etwa eine Stunde später an der Abzweigung zur Hukejaure Fjellstuga vorbeikommen, laufen wir direkt weiter. In den Hütten muss man einen Day stay bezahlen, wenn man sich dort aufhalten will (so wie es in Norwegen auch ist). Allerdings kann man das in Norwegen bequem per App machen und wenn es kein Netz gibt notfalls auch später, aber in Schweden gibt es Hüttenwarte, die beim Eintreten abkassieren. In der Hukejaure Fjellstuga kann man laut unserer Info nur bar bezahlen, und Bargeld haben wir keines dabei. Also sparen wir uns die 400 Meter hin und 400 Meter zurück. Für eine Mittagspause ist es so oder so noch etwas zu früh.



Wir gehen also den kleinen Aufstieg weiter und kommen in eine sehr felsige Berglandschaft. Viel von den Bergen sehen wir wegen des Regens und der tiefen Wolken zwar nicht, aber es sieht trotzdem toll aus. Nach eineinhalb Stunden machen wir Mittagspause auf einem Pass, wieder an einen Fels gelehnt, um aus dem Wind zu kommen. Es gibt je zwei Wraps mit Skinke Ost, Wildsalami und bei mir etwas Parmesan. Zum Nachtisch snacken wir noch ein paar Chips.

Der weitere Weg Richtung Kungsleden soll nun recht schlecht markiert und schwieriger zu gehen sein. Das können wir für mindestens die Hälfte des Weges aber nicht bestätigen. Der Weg ist sehr gut markiert, nur nicht genau dort, wo mein gps uns langschicken möchte. Wegen der Steine auf dem Boden müssen wir uns aber gut auf die Schritte konzentrieren, es ist aber trotzdem wunderschön durch dieses Tal am Fluss entlangzulaufen. Wir halten uns hier an die Markierungen und kommen super voran.



Erst beim See Vuolimus Cuhcajavri machen wir um 17 Uhr Schluss für heute. Wir sind beide müde von der Kälte und Nässe heute, und haben genug Kilometer geschafft.



Glücklich stellen wir das Zelt mit Windmaßnahmen neben einem kleinen Bach auf, filtern Wasser, machen uns je ein Turmat zum Abendessen (es gibt Brun Lapskaus, ein norwegisches Eintopfgericht) und verkriechen uns in die Schlafsäcke.

Übrigens sind wir hier wieder ziemlich allein unterwegs. Nach dem Padjelantaleden ist uns heute nur ein einziger Wanderer entgegengekommen. Wie das wohl morgen auf dem Kungsleden sein wird?


Tag 103 – 26. August 2026 (26 Kilometer)

Eigentlich hatten wir gehofft, dass das Wetter heute etwas besser sein würde. Die Wettervorhersage hat ein paar Tage höhere Temperaturen und wenig Regen vorhergesagt. Und die Wolken sahen gestern auch danach aus, dass es heute etwas besser werden könnte. Als wir wach werden, schüttet es aber wie aus Eimern auf unser Zeltdach. Und somit bekommt unsere Laune zum Morgen erstmal einen Dämpfer. Aber gut, was sollen wir schon gegen das Wetter machen. Wir gehen so oder so weiter.



Wir sind fast etwas aufgeregt, dass wir heute nach ca. sechs Kilometern auf den Kungsleden laufen werden. Erstmal geht es für uns aber durch ein enges Flusstal. Nach fünf Metern sind meine Füße nass. Der Regen hat die Grashalme in kleine Wasserbomben verwandelt. Als wir starten hat aber zumindest der Regen aufgehört. Nur die Luft ist eisig kalt und verrät uns, dass wir mittlerweile doch ziemlich nördlich unterwegs sind oder dass der Winter bald kommt.

Wir laufen über einen schmalen Hang von dem wir auf den Kebnekaise schauen können (den höchsten Berg Schwedens) und nach einigen Kilometern laufen wir hoch auf den Kungsleden. Zivilisation! Wir haben uns mal wieder als kleines Spiel überlegt, alle Wandernden zu zählen, die uns begegnen. Man muss sich beim Wandern schließlich irgendwie beschäftigen.



Nach ein paar Metern kommen uns schon die ersten entgegen. Das fühlt sich ungewohnt an. Nummer 12 und 13 sehen noch recht verschlafen aus. Nummer 41 hat wohl auch keine gute Nacht gehabt. Nummer 56-59 haben unglaublich bunte Klamotten an.



Wir können es nicht fassen, aber als wir nach vier Kilometern an der Sälka Fjällstuga ankommen, haben wir schon 71 Personen gezählt. Wir müssen uns zwischenzeitlich richtig konzentrieren uns nicht zu verzählen. Schwierig wird es immer dann, wenn sie in Gruppen auftreten und alle „Hej“ sagen. Zählen und gleichzeitig Menschen grüßen ist wohl nicht unsere Stärke.

An der Sälka Fjällstuga machen wir eine erste Pause. Ich schaue erstmal in den kleinen Shop, in dem man zum Glück mit Karte zahlen kann. Und er ist noch ziemlich gut gefüllt! Keine Selbstverständlichkeit, denn die Shops werden einmal im Winter befüllt (der Transport ist über Schnee viel einfacher) und wenn die Lebensmittel irgenwann aufgebraucht sind, dann sind sie eben aufgebraucht. Es gibt keine Straßen hierher, sodass eine nachträgliche Lieferung während der Saison nicht wirklich möglich ist.



Ich ergattere eine kleine Dose Ananasscheiben und freue mich wie ein Kind am Weihnachtsmorgen, als ich mit den vier Scheiben nach draußen zum Fuchs laufe, der es sich auf einer Bank bequem gemacht hat und weiterhin Menschen zählt. Wir sind jetzt bei 83. Dass fast alle gigantische Trekkingrucksäcke auf dem Rücken haben, muss ich wohl nicht erwähnen. Was die wohl alles dabei haben?



Genüsslich verdrücken wir die Ananasscheiben und essen noch unsere regulären Vormittagssnacks. Nach zwanzig Minuten gehen wir weiter. Der Weg führt uns weiter durch ein weites Tal. Wir können schon von hier aus den Tjäktapass sehen, der uns über knapp 200 Höhenmeter ins nächste Tal bringen wird.



Kurz vor dem steilsten Stück auf den Pass machen wir aber noch unsere Mittagspause. Nummer 133 und 134 kommen uns entgegen und haben eine sehr spannende Rucksackkonstruktion auf, die wir sicher aus gutem Grund gerade das erste Mal sehen: Beide tragen einen regulären großen Trekkingrucksack auf dem Rücken und zusätzlich einen regulären Rucksack vorne über den Bauch hängend. So etwas umständliches habe ich lange nicht gesehen. Und so tapsen die beiden mit 0,2 km/h an uns vorbei, weil sie aufgrund der vorne hängenden Rucksäcke wohl ihre Füße und auch den Weg nicht sehen können.

Na dann machen wir uns doch mal an den Aufstieg. Nummer 135 ist direkt hinter uns mit seinem Hund, der lieber schnell mit uns hoch will, als langsam mit seinem Herrchen. Als wir oben ankommen haben wir einen atemberaubenden Blick zurück über das ganze Tal, das wir bis jetzt durchlaufen haben. Schön, wenn man die eigene Strecke komplett sehen kann.

Nach einer kurzen Verschnaufpause am Pass geht es über das dahinterliegende Geröllfeld runter ins nächste Tal. Als wir auf der Höhe der Tjäktja Fjällstuga sind, beschließen wir unsere Nachmittagspause zu machen. Es kommen gerade ein paar Sonnenstrahlen durch. Vielleicht wird das ja doch noch was mit dem besseren Wetter?



Es gibt Schokolade, Cappuccino und noch mehr Schokolade. Ich mag Schokolade ja eigentlich nicht, aber auf dem Trail gibt sie einem wirklich gut Energie. Und eingetunkt in einem Cappuccino kriegt man sie schon runter.

Nummer 167 und 168 kommen mit gigantischen Rucksäcken an uns vorbei, 169 ist in quietschgelb gekleidet. 176 hat sich am Knie verletzt und humpelt von der Hütte los, um über den Pass Richtung Sälka Fjällstuga zu laufen. Ihre Freundin, Nummer 177 filmt sie dabei. Interessant.

Als wir uns gegen 16 Uhr auf den weiteren Weg machen, ist das Wetter fast freundlich. Wir können einen breiteren Streifen blauen Himmel sehen und die Sonne kommt zwischendurch immer wieder raus. Wir freuen uns total, hier in der schönen Landschaft bei dem tollen Wetter laufen zu dürfen. Die Luft ist zwar kalt, aber die Sonne gibt uns noch ein paar Lebensgeister mit auf den Weg.



Schnell sind die letzten Kilometer für heute runtergespult, wir kommen noch an ein paar Rentieren vorbei und dann finden wir einen tollen Zeltplatz neben einem Bachlauf, für uns ganz allein.

Das erste Mal seit Wochen machen wir uns unser Abendessen draußen in der Sonne und freuen uns ungemein, noch ein wenig draußen sein zu können und dass es angenehm ist. Ich könnte mir vorstellen, dass so viel Sonne bei mir dafür sorgen wird, dass ich morgen einen Sonnenbrand habe. Ich bin hier ja nichts mehr gewohnt. Nummer 220 und 221 laufen ein paar Meter neben uns her, nehmen uns aber nicht wahr. 

Als gegen 19 Uhr die Sonne hinter den Wolken verschwindet, wird es schlagartig kälter und wir verziehen uns in unsere Schlafsäcke.


Tag 104 – 27. August 2026 (25,8 Kilometer)

Als wir heute aus dem Zelt schauen, sind die roten Flechten um uns herum mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Der Morgen ist bitterkalt, aber wir haben das erste Mal seit Wochen einen fast wolkenfreien, blauen Himmel und auch die Sonne klettert langsam hinter einem Berg hervor.



Mit einem so tollen Wanderwetter sind wir heute flott unterwegs. Erst mit drei Lagen, da es wirklich kalt ist, aber als die Sonne so richtig Vollgas gibt, können wir den Pulli ausziehen und einfach in Merinowollsweatshirt laufen. Das ging auch schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr.

Wir sind überglücklich in dieser traumhaft schönen Berglandschaft durch die Sonne zu marschieren und haben ruckzuck die ersten 10 Kilometer bis zur Alesjaure Fjällstuga zurückgelegt. Hier wollen wir unsere erste Pause machen. Es ist 10 Uhr und wir haben erst 43 Wandernde gezählt. Ein schwacher Jahrgang heute.



Ich verschwinde wieder im Shop und schaue nach, was es noch als leckere Ergänzung zu unserer Pause geben könnte. Ich bin überrascht, dass auch hier die Regale noch ziemlich gut gefüllt sind. Diesmal gibt es wieder Ananasscheiben, für mich eine Cola, für den Fuchs ein Bier und – weil der Fuchs danach die letzten Tage geschmachtet hatte – eine Dose baked beans!



Wir verzehren unser Mahl mit der Sonne auf der Nase und können unser Glück kaum fassen. So viele leckere, zusätzliche Snacks und dann auch noch Sonne! Wir sind so vom Wetter abgelenkt, dass wir uns heute fast mit dem Zählen etwas schwer tun. Waren wir jetzt bei 53 oder bei 57?

Nach einer viel zu langen Pause raffen wir uns aber auf, um weiterzugehen. Es geht jetzt am See Aliseatnu entlang, der heute in der Sonne türkisblau strahlt. Hier geht es gemütlich am Ufer entlang auf Wegen mit vielen Steinen, ein bisschen Schlamm und ein paar Planken. Auf Planken fühle ich mich immer so schnell, wie im Flughafen auf den Rollfahrbahnen. Bei so viel Sommerfeeling suche ich mir die nächste strandähnliche, versteckte Ecke am See und hüpfe erstmal hinein. Der Fuchs traut sich wegen dem Wind nicht und hat mehr Spaß dabei, Steine über den See plätschern zu lassen.



So, jetzt haben wir aber wirklich viele Pausen, aber noch nicht viele Kilometer gemacht. Also jetzt mal wieder konzentrieren, wir sind schließlich zum Wandern hier, sagt eine Stimme in meinem Kopf. Aber die andere findet, dass es sich heute wie ein Urlaubstag anfühlt und diese Stimme gewinnt. So laufen wir heute viel gemütlicher, als die anderen Tage, an denen wir sonst immer durch Regen hetzen mussten.

Nach ein paar wenigen Kilometern ist es schon 13 Uhr. Eigentlich Zeit für eine Mittagspause? Zufällig kommt uns genau jetzt auch ein super schöner Platz unter die Nase, der einen tollen Blick auf den See bietet. Also machen wir noch eine lange Mittagspause in der Sonne. Man muss das gute Wetter einfach mal nutzen.



Dann kommen noch ein paar Kilometer, die leicht hügelig ein Tal entlang führen. Der Weg zieht sich etwas, aber wir wollen es bis hinter die Brücke zur Abiskojaure Fjällstuga schaffen und dort dann einen Zeltplatz suchen. Kurz vor dem Abstieg zur Brücke über den Fluss Siellajohka gibt es noch ganz viele schöne Zeltplätze mit Blick auf den See Ábeskojávri, aber wir haben kein Wasser mehr. Also müssen wir noch den Weg runter zum Fluss. An der Brücke steht ein Schild, dass im Abisko Nationalpark das Wildzelten verboten ist. Das wissen wir zwar, aber es wundert uns, dass das hier schon sein soll.

Na gut, dann schauen wir mal, ob es irgendwo ausgewiesene Zeltplätze gibt. Und tatsächlich ist direkt hinter der Brücke eine große verwinkelte Fläche, die bestimmt 30 Zeltplätze bietet. Zu Beginn stehen schon einige Zelte, aber so nah an anderen Menschen wollen wir heute nicht schlafen. Wir gehen ein Stück weiter und hinter einer Anhöhe gibt es noch ein paar Flächen, auf denen bisher noch niemand steht. Wir suchen uns eine hintere, auf der wir etwas durch die gelben Blätter der Birkenbäumchen versteckt stehen und bauen unser Zelt auf.

Eigentlich hatten wir gehofft, heute Nacht vielleicht Polarlichter zu sehen, so schön wolkenfrei wie der Himmel heute den Tag über war. Aber leider hat sich der Himmel über den Nachmittag wieder gut mit Wolken gefüllt, dass unsere Chancen wahrscheinlich nicht so gut stehen. Wir stellen den Wecker trotzdem Mal – vielleicht haben wir ja Glück. 


Tag 105 – 28. August 2026 (16,9 Kilometer)

Heute morgen sind wir schon um 7:20 Uhr startklar und laufen los. Wir haben nur einen kurzen Tag vor uns. Da wir die vergangenen Tage kein Netz hatten, konnten wir auch keine Unterkunft in Abisko buchen und wollen das jetzt, sobald es wieder Empfang gibt, schnell erledigen. Nordlichter haben wir gestern Nacht nicht erblicken können. Aber ein paar Wochen haben wir ja noch Zeit.

Wir machen die Kilometer heute recht flott. Nach knapp zwei Stunden haben wir etwas über die Hälfte, aber immer noch kein Netz. Wir sind an der Abisko Fjällstuga vorbeigekommen und anschließend nur am See entlang gelaufen. Der Weg hat kaum Höhenmeter, also kommen wir gut voran. Das Wetter ist heute zwar kälter als gestern, aber trotzdem traumhaft schön. Die Sonne strahlt mit uns um die Wette.



Fünf Kilometer vorm Ziel kommen wir noch an der letzten offiziellen Zeltmöglichkeit vorbei und nachdem wir einen Fluss über eine große Brücke überqueren, biegen wir nach rechts ab, während der Kungsleden weiter nach links verläuft. Jetzt sind wir wieder allein, niemand kommt uns mehr entgegen.



Erst zwei Kilometer vorm Ziel haben wir endlich wieder Netz. Wir buchen uns schnell eine Unterkunft (die Abisko net Hostel & Huskys), in der wir relativ günstig unterkommen und freuen uns auf den anstehenden Ruhetag. Dort gibt es nämlich auch eine Sauna.

Obwohl wir nicht mehr auf dem Kungsleden unterwegs sind, ist der Weg immer noch sehr ausgetreten und gut zu gehen. Zum Glück kein Sumpf mehr kurz vorm Ziel!

Als wir nach Abisko reinlaufen, ist es erst kurz nach 11 Uhr. Wir laufen erstmal zum Supermarkt und decken uns mit Essen für heute und morgen ein. Das Kaloriendefizit will ausgeglichen werden! Obwohl wir mehrfach gelesen haben, dass es in diesem einzigen Supermarkt in Abisko nur Süßigkeiten gäbe, hat der Markt doch auch Gemüse und Obst, sowie normale Lebensmittel. Aber ja, die Süßigkeitenabteilung ist wirklich gigantisch und nimmt die halbe Ladenfläche ein.



Obwohl Check-in erst ab 14 Uhr ist, gehen wir auf Glück einfach schon Mal hin. Vielleicht ist unser Zimmer ja schon fertig. Und wir haben Glück. Wir nehmen noch Bettlaken gegen eine zusätzliche Gebühr (die müssen am Ruhetag einfach sein!) dazu und beziehen unser Zimmer. Es erinnert uns stark an frühere Hostelzeiten und wir fühlen uns gleich total wohl.



Den Nachmittag verbringe ich noch mit der Routenplanung der nächsten Tage, die uns nach Kilpisjärvi bringen wird, und der Fuchs kümmert sich um das Auslüften unserer Ausrüstung (die Schlafsäcke riechen nach dem Lüften in der Sonne etwas besser…).  Und natürlich Essen wir erstmal zehn Zimtschnecken und eine Tüte Chips.

Anschließend treffen wir noch Evelyn und Christoph mit ihrer Hündin Ilvy. Die drei laufen ebenfalls Norge på langs und jetzt haben wir sie endlich eingeholt, nachdem sie wochenlang immer ein paar Tage vor uns waren. Wir verbringen einen schönen Abend zusammen in der Sonne auf der Terrasse ihrer Unterkunft, dem Abisko Lodge, das direkt neben unserer Unterkunft liegt und tauschen uns zum Wetter, den Routen, und allgemein dem unterwegs sein aus.

Um 19:30 Uhr haben die beiden eine Tischreservierung fürs Abendessen und wir ein Rendezvous mit unserer Hostelküche. Und so basteln der Fuchs und ich uns Kalorienbomben-Sandwiches und freuen uns einfach, wieder eine Etappe erfolgreich abgeschlossen zu haben.

Und während wir unsere völlig überdimensionierten Sandwiches verdrücken, fällt uns mal wieder auf, wie weit wir mittlerweile gekommen sind. 105 Tage sind wir jetzt unterwegs, mehr als 1.900 gelaufene Kilometer liegen hinter uns und trotzdem fühlt sich ein Etappenende inzwischen fast so selbstverständlich an wie früher ein Freitagabend nach der Arbeit.

Nur dass wir am Montag nicht wieder ins Büro müssen und jetzt auch kein ganzes Wochenende zum Erholen bekommen. Sondern es nach einem Tag Pause weiter Richtung Norden geht. Und Norden ist mittlerweile wirklich ziemlich weit im Norden.


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Veröffentlicht von DieWanderElster

Hej, ich bin die WanderElster, Bloggerin aus der Taunusgegend. auf diesem Blog schreibe ich über draußenverbrachte Zeit, wandernd, weiterwandernd, mit Rucksack, ohne Rucksack und ich freu mich, dass ihr dabei seid!

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