Als mein Zelt sich im Sturm wie ein Segel wölbte und ich mit ausgestreckten Armen versuchte, mich im Boden festzukrallen, fragte ich mich kurz, ob das wirklich eine schlaue Idee war mit der Guide-Ausbildung – oder ob das Universum direkt beschlossen hatte, mich ernsthaft zu testen.
Entspannt wird das wohl nicht. Willkommen in Modul 1.
Worum ging es eigentlich? Das erste Modul stand ganz im Zeichen von Wald, Ultralight-Trekking und Materialkunde. Darum sollte es zwar eigentlich erstmal gehen, aber wir würden nebenbei wohl schon einiges über das Guide-Dasein lernen.
Aber Start mit Materialkunde und Ausrüstung? Genau. Der Start in die Guide Ausbildung war gezeichnet vom Gewicht vergleichen verschiedener Rucksäcke, Kocher ausprobieren, Wasserfilter testen und das Für und Wieder Abwägen des Ausrüstungsgegenstands Nr 1001.
Doch hinter all den Grammzahlen steckte eine größere Frage: Wie viel braucht man auf einer Trekkingtour wirklich, und wie viel Verantwortung trägt man für das, was man mitnimmt?
Ultralight bedeutet nicht (nur), möglichst wenig zu tragen oder essentielle Ausrüstung zu Hause zu lassen. Es bedeutet, bewusst zu entscheiden, was man tatsächlich braucht. Und sich bewusst zu machen, dass jedes Gramm mehr auch ein Mehr im Rucksack – also auf den Schultern – ist. Jedes Teil im Rucksack sollte daher eine Funktion haben. Und wenn es die nicht hat, darf es Daheim bleiben 🙂
Ich hatte mich schon vor Beginn der Ausbildung viel mit leichtem Gepäck beschäftigt und dem Konzept des ultralight Wanderns. Trotzdem habe ich gemerkt:
Zwischen „Ich habe eine optimierte Packliste“ und „Ich verstehe mein Material wirklich und kann abschätzen, was ich in welcher Situation benötige“ liegen doch noch ein paar mehr Welten.
Ein Zelt ist nicht einfach nur Stoff. Und eine Regenjacke ist keine Nebensache, wenn das Wetter kippt.
Erste Navigation – erster Realitätscheck
Neben der Materialkunde ging es auf unsere erste gemeinsame Tour als Guidegruppe. 15 Kilometer durch Wald und Dörfer, ausgerüstet mit Karte und Kompass.
Ich dachte immer, Orientierung könne ich ganz gut. Und ja – verlaufen habe ich mich noch nie ernsthaft. Zumindest nicht so, dass ich es zugeben müsste. Aber Navigation in einer Ausbildungsgruppe ist doch nochmal etwas anderes. Es geht nicht nur darum, selbst anzukommen, sondern nachvollziehbar zu führen. Und dass auch alle anderen ankommen 😀
Was, wenn Nebel aufzieht? Was, wenn Orientierungspunkte fehlen? Was, wenn jemand aus der Gruppe unsicher wird oder nicht mehr kann? In diesen Momenten wurde mir klar: Als Guide reicht Bauchgefühl nicht. Struktur schlägt Intuition, und Planung ist alles.
Hierbei muss ich klarstellen, dass ich die Guideausbildung nicht in erster Linie dafür absolviere, um andere Menschen tatsächlich auf Wanderungen zu führen, sondern eher für die eigene persönliche Kompetenzentwicklung. Und um mich selbst vorzubereiten, eine wirkliche Fernwanderung zu laufen.
Der Sturm: I am a survivor (being a bit dramatic).
Am letzten Abend wollten wir auf einem idyllischen Waldgrundstück zelten, weg vom ursprünglichen Campground. Hoher Baumbestand, schwüle Luft, und natürlich auch Gewitterwarnung. Der Wind war mit bis zu 70 km/h angekündigt. Also gar nicht ganz so idyllisch?
Nach einer Lagebesprechung entschieden wir als Gruppe, zur ursprünglichen Campsite zurückzugehen – weniger Risiko, bessere Gegebenheiten für Gewitter und Sturm. Hier konnten auch alle Teilnehmenden entscheiden, ob sie sich für die Nacht nicht doch im eigenen Auto einquartieren wollten, oder in die einfache 1-Raum-Hütte gehen wollten. Neun von uns blieben aber im eigenen Zelt nah aneinander gestellt, draußen. Ob das eine gute Idee war?
Ich war auch draußen. 21 Uhr: Regen. 22 Uhr: Sturm. Eine Böe erfasste mein Zelt – wuuusch – und plötzlich war da dieses seitliche Hochbiegen der Zeltstangen. Das würde ja noch spannend werden 😀 Der Wind zerrte, das Gewitter krachte, Blitze ohne Pause.
Ich krallte mich in den Zeltboden und stellte fest: Ultralight fühlt sich im Orkan anders an. In meinem Kopf spielten sich die absurdesten Szenarien ab: Baumstämme im Anflug wie bei Wizard of Oz, Schlagzeilen zu meinem dramatischen Tod mit Grabsteininschrift inklusive.
Da schrieb ich lieber meinem Mann Fuchs noch eine selbstmitleidig angehauchte Abschiedsnachricht (nur für alle Fälle), und sah eine Warn-SMS von der Allianz auf dem Handy aufploppen – ach, es gewittert und draußen besteht Lebensgefahr? Good to know, danke für nichts.
Nach ein paar Stunden, 0:53 Uhr, ließ der Sturm langsam nach. Ein vorsichtiges „Hallo, seid ihr noch da?“ in die Nacht, gefolgt von Gekicher, Stimmen, und meinerseits ziemlicher Erleichterung. Wir waren alle noch da und niemand war mit dem Wind weggeblasen worden. Gewundert hätte es mich nicht.
Was ich aus Modul 1 mitnehme?
1. Material ist mehr als nur Gewicht.
Man muss die eigene Ausrüstung wirklich kennen und das kann man nur mit (Trail-)Erfahrung. Und was für einen selbst am besten funktioniert, muss für andere nicht passen. Und mein Zelt und ich kennen uns jetzt etwas besser 😉
2. Entscheidungen treffen ist Verantwortung tragen.
Die Rückkehr zur sicheren Campsite war kein Rückzug, sondern Risikomanagement. Abenteuer heißt nicht, Warnungen zu ignorieren und man muss in solchen Momenten einfach auf sein Bauchgefühl hören.
3. Angst haben ist vollkommen in Ordnung.
Allein im Sturm fühlt sich alles größer an. In der Gruppe relativiert es sich das aber schnell. Ich bin sehr froh, die erste richtige Zelt-Sturm-Erfahrung in der Gruppe gemacht zu haben. Jetzt weiß ich wenigsten, wie sich das anfühlt.
4. Ultralight ist kein Wettbewerb.
Es ist ein Werkzeug. Und Werkzeuge müssen zur Situation passen. Es geht nicht darum, die leichteste Ausrüstung zu haben, sondern die Ausrüstung muss zu einem selbst passen.


Am nächsten Morgen war ich zwar echt müde (weil logischerweise nicht so erholt geschlafen), aber auch richtig stolz, es im Zelt ausgehalten zu haben.
Modul 1 hat mir gezeigt: Guide sein bedeutet nicht, furchtlos zu sein. Es bedeutet, vorbereitet zu sein, Situationen einzuschätzen und Verantwortung zu übernehmen. Ein ziemlich intensiver Auftakt.
Im nächsten Modul geht es auf eine mehrtägige Tour ohne festen Campground – und dann wird sich zeigen, wie sich Material, Navigation und Gruppendynamik über mehrere Tage hinweg bewähren. Stay tuned!
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2 Kommentare zu „Outdoor & Trekking Guide Modul 1 (Juni 2024) Modul 1: Wald, Ultralight – und eine Nacht im Orkan.“