Wenn ich außerhalb meiner Hiking Bubble über das autarke (weite) Wandern spreche, bekomme ich häufig folgende Reaktion:
Ist es nicht voll anstrengend, das alles auf dem Rücken zu tragen? Das wäre mir viel zu schwer!
Diese Annahme mag in bestimmten Kontexten sicherlich (noch) stimmen. Aber wenn ich dann von meiner 5-8 Kilogramm Ausrüstung (je nach Jahreszeit) erzähle, schaue ich häufig in große Augen.
Daher möchte ich mir mal die Zeit nehmen, das ultralight Prinzip zu erklären und mit ein paar „Wandern = schwerer Rucksack“-Mythen aufzuräumen 🙂
Wo kommt das ultralight Prinzip her?
Das Prinzip „ultralight“ ist ein Ansatz, der aus der US-amerikanischen Hiker Community kommt, wo auch die traditionellen Fernwanderwege PCT, CDT und AT liegen. Auf diesen Trails legen Wanderer in einer Saison mehrere tausend Kilometer zurück und irgendwann fiel wohl jemandem auf: Je weniger ich auf dem Rücken schleppe, desto besser und schneller komme ich voran. Desto weniger Verschleißerscheinungen hat mein Körper. Desto weniger Schmerzen habe ich.
In Europa sind wir noch sehr „schwerfällig“ traditionell unterwegs, da die Wandergeschichte teils auch sehr alpin geprägt ist: Schwere Rucksäcke, die alleine schon 2-3 Kilogramm wiegen. Schwere Wanderstiefel, die der Fuß bei jedem Schritt mit hochheben muss. Einmal alles bitte in der Ausführung „schwer“.
Wieso ist das Rucksackgewicht wichtig?
Das Rucksackgewicht spielt eine ganz essentielle Rolle in Bezug auf die Erfolgswahrscheinlichkeit einer Fernwanderung. Denn hier zählt: Weniger ist mehr. Schon allein der Gedanke 25 Kilo auf dem Rücken zu tragen, lässt mich ganz schnell den Weg zur Couch suchen.
Ich erinnere mich an meine erste Wanderung mit viel zu viel Gewicht auf dem Rücken: Ich hatte abends ziemliche Nackenschmerzen, und die Hüfte tat wegen des Gewichts ebenfalls ziemlich weh. Auf Dauer drückt das Gewicht auch auf die Knie und Füße.
Es ist also allemal gut investierte Zeit, sich mit dem Thema Gewicht +genauer auseinanderzusetzen. Beim Rucksackgewicht wird erstmal folgende Unterscheidung gemacht:
- weniger als 5 Kilogramm = ultralight
- 5-9 Kilogramm = leicht
- über 9 Kilogramm = traditionell
Ich sehe diese Gewichtsangaben allerdings als „dehnbar“. Mein Mann wird mit 1,90m nie auf unter 5 Kilogramm kommen, schon allein, weil er von allen Ausrüstungsgegenständen die „long“ Version braucht. Was natürlich automatisch schwerer ist, als die Sachen, die ich nutze.
Wie setzt sich das Ausrüstungsgewicht zusammen?
Bei der Ausrüstung unterscheidet man zwischen den folgenden Posten:
- Basisgewicht: Alles, was ich auf dem Rücken tragen werde, aber nicht konsumiere.






- Kleidung am Körper: Die Kleidung, die tagsüber fix am Körper getragen wird, und daher nie im Rucksack landet zählt nicht in das Ausrüstungsgewicht rein. Nichtsdestotrotz lohnt es sich auch hier auf leichte Alternativen zu setzen (insbesondere bei den Schuhen).

- Verbrauchsgüter sind Gegenstände, die ich verbrauche bzw. deren Gewicht schwankt (Lebensmittel, Wasser, Gas vom Gaskocher). Diese zählen ebenfalls nicht ins Ausrüstungsgewicht ein, da sie ständig ein anderes Gewicht auf die Waage bringen.



Auch wenn Verbrauchsgüter nicht in das Gewicht einbezogen werden, spielt ihr Gewicht natürlich trotzdem eine Rolle: Ein frischer Apfel wiegt sehr viel mehr, als getrocknete Apfelscheiben.
Also auch hier muss ich schauen, was ich mitnehmen, was genug Energie liefert, aber gleichzeitig möglichst leicht ist. Du findest hier mehr Inspo zu Verpflegung auf Tour.
Wie mache ich meine Ausrüstung leichter?
Das ultralight Prinzip ist holistisch zu betrachten: Ich werde mit einem ultralight Rucksack nicht zufrieden sein, wenn ich mit ihm ultra schwere Gegenstände tragen will. Trailrunners werden mich wahrscheinlich nicht glücklich machen, wenn mein Rucksack über 20 Kilogramm wiegt.
Dabei soll das Ziel nicht sein, jedes Ausrüstungsstück einfach durch hochpreisige, ultraleichte Alternativen zu ersetzen. Sondern vielmehr, nach und nach zu schauen, wo man leichter werden kann und was man wirklich braucht.
Um zu starten findest du hier eine Schritt für Schritt Anleitung, wie du deine Ausrüstung leichter bekommst:
- Schritt 1: Erstmal jedes Ausrüstungsstück wiegen und in eine Tabelle eintragen. Dadurch bekommst du einen guten Eindruck davon, was überhaupt wie schwer ist, und wo du mit deiner Ausrüstung stehst.
- Schritt 2: Rauswerfen! Was brauchst du wirklich auf dem Trail? Ist das dritte T-Shirt wirklich notwendig? Brauchst du das zweite paar Schuhe und fünf Unterhosen?
- Schritt 3: Schneide ab, was du nicht brauchst, denn Kleinvieh macht auch Mist. Ich bin hier mittlerweile ziemlich radikal. Alle Etikettenschnipsel werden aus Kleidung und von Ausrüstung abgeschnitten. Ich kürze Schnüre, Riemen an Rucksäcken – und ja, auch meine Zahnbürste 😉
- Schritt 4: Erst jetzt kommt das ersetzen. Fange bei den Big 4 an, die das größte Einsparungspotenzial haben: Zelt, Rucksack, Isomatte und Schlafsack.
Auf zu den Waagen
Zuletzt will ich aber noch folgendes auf den Weg geben: Das Ziel der ultralight-Packliste ist zumindest nach meiner Erfahrung ein langer Prozess. An meiner Packliste und Grundausrüstung feilsche ich seit Jahren und finde doch immer wieder was, wo ich doch noch etwas leichter werden könnte 😀
Ultralight löst sicherlich nicht alle Ausrüstungsfragen. Ich finde es aber eine tolle Möglichkeit, mir die Zeit auf dem Trail noch angenehmer zu machen und im Vorhinein zu schauen, was ich wirklich brauche. Ich finde es ist immer wieder ein tolles Gefühl zu realisieren, mit wie wenig man doch auskommst 🙂
Um mehr zum Thema ultralight zu erfahren, sind natürlich auch Foren wie das Ultraleicht Trekking Forum tolle Anlaufstellen. Vielleicht hast du ja direkt die Waage rausgeholt und notierst das Gewicht deiner Ausrüstung? Was ist deine Erfahrung mit ultralight?
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