Tipps zur erfolgreichen Planung von Mehrtagestouren

Warum meine erste Mehrtagestour fast meine letzte war

Für meine erste Mehrtagestour sollte es ganz entspannt in den Bayerischen Wald gehen: Wir wollten einfach wandern.

Der Fuchs (mein Mann) kommt aus der Gegend und wusste ziemlich genau, an welchen Stellen er vorbeikommen wollte. Karten? Hatten wir nicht angeschaut. Eine detaillierte Planung? Gab es auch nicht. Wir wussten nur: Wir laufen von A nach B – und so weit kann das ja nicht sein.

Wie man (Mehrtages-)Touren plant, wussten wir beide nicht 🙂

Natürlich kam es, wie es kommen musste. Wir sind vollkommen untrainiert rund 25 Kilometer gewandert, mit ordentlich Höhenmetern und gleich zwei Gipfeln. Für uns war das viel zu viel: zu viele Kilometer, zu viele Höhenmeter, keine Übung.

Während ich langsam innerlich aufgab, hörte der Fuchs nicht auf zu sagen: „Es ist nicht mehr weit.“ Ich weiß, er meinte es nur gut. Aber jedes Mal, wenn wir immer noch nicht ankamen, wurde ich nur frustrierter.

Kurz vor dem zweiten Gipfel – unserem erklärten Tagesziel mit Übernachtung – wollte ich nicht mehr. Ich legte mich auf den Boden und flehte ihn an, mich bitte einfach zurückzulassen. Meine Füße, meine Beine, mein Rücken mit dem schweren Rucksack – alles tat weh. So hatte ich mir das mit diesem Wandern nicht vorgestellt … 🙁

Dass ich dem Wandern nach diesem Erlebnis überhaupt noch einmal eine Chance gegeben habe, grenzt rückblickend an ein Wunder.

Zum Glück habe ich mich nicht abschrecken lassen. Nach vielen erwanderten Landschaften, viel Erfahrung in der Tourenplanung und einer absolvierten Outdoor- & Trekking-Guide-Ausbildung weiß ich heute ziemlich genau, worauf es bei der Planung von Mehrtagestouren ankommt 🙂

Und genau das teile ich jetzt mit dir – damit du nicht irgendwann kurz vorm Gipfel auf dem Boden liegst und deine Lebensentscheidungen infrage stellst (auch wenn du das vielleicht so oder so machst).


Wie startet man die Planung einer Mehrtagestour?

Für mich beginnt jede Planung einer Tour mit ein paar ganz Grundsatzfragen.

Was wünsche ich mir von dieser Tour? Um das herauszufinden, schaue ich mir folgende Themen an:

  • Möchte ich allein unterwegs sein oder lieber in Gesellschaft?
  • Wie anstrengend darf die Tour werden – körperlich, aber auch mental?
  • Wie viele Tage will (und kann) ich überhaupt unterwegs sein?
  • Welche Temperaturen und Bedingungen erwarten mich?
  • Wie autark möchte ich unterwegs sein?

Gerade der Punkt Autarkie ist entscheidend für die weitere Tourplanung: Verpflege ich mich selbst und trage alles mit? Schlafe ich im Zelt oder doch lieber in Unterkünften? Gibt es Einkehrmöglichkeiten – und will ich diese nutzen, oder dran vorbei stratzen?

Wenn ich diese Punkte grob für mich geklärt habe, lege ich die Eckpunkte fest: Saison, Region und Gelände. Anschließend prüfe ich, ob es bereits eine passende Route für mich gibt. Falls ja, studiere ich sie im Detail (siehe unten). Falls nicht, beginnt die eigentliche Routenplanung.


Etappen sinnvoll einteilen

Sobald die Gesamtstrecke feststeht, schaue ich mir an, wie viele Tage mir zur Verfügung stehen, und teile die Strecke entsprechend ein.

Dabei plane ich die ersten ein bis zwei Tage bewusst etwas entspannter – man muss ja erstmal warmwerden. Längere oder anspruchsvollere Etappen kommen – wenn möglich – eher ans Ende, wenn man eingelaufen ist. Anschließend prüfe ich, wie realistisch die einzelnen Tagesetappen zeitlich sind.


Die Dauer einer Tagesetappe berechnen

Um ein Gefühl für die Dauer einer Etappe zu bekommen, nutze ich eine einfache Faustformel. Sie ist keine exakte Wissenschaft, hilft aber enorm bei der realistischen Planung. Man nimmt dabei folgende Werte an (für eine Einzelperson):

  • Distanz: ca. 4 km pro Stunde
  • Höhenmeter:
    • 300 hm pro Stunde im Aufstieg
    • 500 hm pro Stunde im Abstieg

Ich berechne für einen Tag:

  1. die Gehzeit für die Distanz
  2. die Gehzeit für Auf- und Abstieg

Die Höhenmeterzeiten werden addiert. Anschließend nehme ich den größeren Wert und addiere die Hälfte des kleineren. So erhalte ich die reine Gehzeit.

Da ich unterwegs Pausen mache (du hoffentlich auch), rechne ich zusätzlich:
30 Minuten Pause pro 2 Stunden Gehzeit.

Du willst es genau wissen? Dann schau dir das Beispiel an. Wenn dir das schon gereicht hat, überspring das 😉

Beispiel von meiner Tour auf dem West Highland Way
  • Distanz: 31,3 km
  • Aufstieg: 580 hm
  • Abstieg: 370 hm

Berechnung:

  • Distanz: 31,3 / 4 = 7,83 h
  • Aufstieg: 580 / 300 = 1,93 h
  • Abstieg: 370 / 500 = 0,75 h

Höhenmeter gesamt: 2,67 h

Reine Gehzeit: 7,83 + (2,67 / 2) ≈ 9,17 h

Pausen: 9,17 / 2 ≈ 4,5 Pausen × 0,5 h = 2,25 h

= Gesamtunterwegszeit: ca. 11,4 Stunden

Scheint erstmal kompliziert, ist es aber eigentlich gar nicht. Und du kannst die Werte jederzeit an dein eigenes Tempo anpassen.


Lerne die Route kennen

Wenn die Etappen feststehen, schaue ich mir die Route ganz genau an:

  • Gibt es Abkürzungen oder Exitmöglichkeiten?
  • Wo liegen Orte, Hütten oder Unterstände?
  • Welche Alternativen habe ich bei schlechtem Wetter?

Diese Punkte im Vorhinein zu markieren empfinde ich als extrem wichtig – besonders dann, wenn du unterwegs keinen Handyempfang hast oder unter Stress Entscheidungen treffen musst. Im gebirgigen Gelände spricht man auch vom Point of No Return. Das ist der Punkt, ab dem Umkehren keine sinnvolle Option mehr ist.


Was muss ich sonst noch bedenken?

Neben der Route schaue ich mir auch noch weitere Rahmenbedingungen der Tour an:

  • Wie abgelegen ist die Tour?
  • Gibt es Handyempfang?
  • Welche Gefahren können auftreten (Flussquerungen, Tiere, Gelände)?

Je nach Route sind auch besondere Fähigkeiten notwendig – etwa gute Navigation in weglosem Gelände oder bei vorhergesagter schlechter Witterung.


Ausrüstung & Verpflegung

Ein Zitat, das ich sehr liebe, bringt es perfekt auf den Punkt:

„Bei der Ausrüstung sollte man immer abwägen zwischen gemütlich und gefährlich.“

Vor jeder Tour erstelle ich deshalb eine detaillierte Packliste – angepasst an Temperatur, Saison und Tourenart. Im Winter können das Schneeschuhe sein, im Hochsommer Sonnenschutz. Auch bei der Verpflegung passe ich mich an:

  • Hitze → eher salzige Snacks
  • Kälte → eher fettige und süße Lebensmittel

Zusätzlich kläre ich, wo ich Wasser herbekomme, ob ich mich allgemein selbst verpflegen werde, und wie viel Gewicht ich tragen kann und will.


Der Faktor Mensch

Wenn ich nicht allein unterwegs bin, denke ich auch über die Bedürfnisse der anderen Person(en) nach: Welche Erwartungen, Grenzen und Wünsche haben sie vielleicht? Mein Mann und ich sprechen vorher viel darüber, was wir uns von der Tour wünschen – unsere Grenzen kennen wir mittlerweile ganz gut 😉

Aber auch kulturelle oder rechtliche Aspekte können für die Tour eine Rolle spielen: Was ist erlaubt? Was nicht? Wie ist der Umgang mit Wildcampen, Kleidung oder Sprache?


Sicherheit – damit wir auch wieder nach Hause kommen

Navigation und Planung habe ich grundsätzlich auf zwei Geräten dabei. Zusätzlich prüfe ich:

  • lokale Notfallnummern
  • Rettungsmöglichkeiten
  • notwendige Versicherungen

Zusätzlich teile ich meine Route mit einer Person zuhause (damit auch jemand merkt, wenn wir nicht wiederkommen und weiß, wo man zuerst schauen könnte). Darüber hinaus checke ich vor jeder Tour ausführlich die Wettervorhersage: Wind, Niederschlag, Hitze, Schnee oder auch Lawinengefahr, je nach Gelände.

Darüber hinaus empfehle ich einen (Outdoor) 1. Hilfekurs zu absolvieren. Gute ein bis zwei Tagesseminare gibt es beispielsweise über die Johanniter. Wer richtig tief in die Materie eintauchen will, kann auch ein Mehrtagesseminar bei der Outdoorschule Süd absolvieren.


Tipps für deine nächste Mehrtagestour

Vor der Tour
  • Mach (kurze) Probetouren – auch mit voller Ausrüstung. Nur so bekommst du zum Beispiel ein Gefühl für das Gewicht deines Rucksacks
  • Lerne deine Ausrüstung kennen und eigne dir das Wissen an, mit ihr umzugehen. Ein Navigationsgerät hilft dir nicht, wenn du nicht weißt, wie es funktioniert.
  • Daher auch der dritte Punkt: Teste deine Navigation auf einfachen (Tages-)Touren
Auf der Tour

Mir hilft es, abends den Tag zu reflektieren.

  • Wie geht es dir körperlich und mental? Ist alles in Ordnung? Hast du Beschwerden?
  • Passt die geplante Strecke noch? Bist du on time? Kann die Strecke so wie geplant weitergegangen werden?
  • Gibt es Probleme – und wie kannst du damit umgehen?

Nie wieder „Es ist nicht mehr weit“

Ich habe es damals tatsächlich noch auf den Falkenstein geschafft. Belohnt wurde ich mit den vermutlich leckersten Spätzle meines Lebens und einem atemberaubenden Sonnenuntergang über dem Bayerischen Wald.

Am nächsten Tag brachen wir die Tour trotzdem ab – Muskelkater des Todes und Sommerschuhe machten jede weitere Motivation zunichte. „Es ist nicht mehr weit“ ist seitdem übrigens ein verbotener Satz bei uns.

Aber meine nächsten Mehrtagestouren liefen ganz anders – Übung macht eben doch den Meister. 🙂


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Veröffentlicht von DieWanderElster

Hej, ich bin die WanderElster, Bloggerin aus der Taunusgegend. auf diesem Blog schreibe ich über draußenverbrachte Zeit, wandernd, weiterwandernd, mit Rucksack, ohne Rucksack und ich freu mich, dass ihr dabei seid!

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